Die Stadt, das Festival und der KriegSARAJEVO

Die Stadt, das Festival und der Krieg

Die Stadt, das Festival und der Krieg

Das elfte Internationale Filmfestival in Sarajevo zeigte, wie präsent der Krieg bis heute in Bosnien-Herzegowina ist. Dennoch setzten die Filmbeiträge ein Zeichen des Aufbruchs. Eine Rückschau.

Von Tanja Wagensohn

Die Schauspieler der kroatischen Komödie  
Die Schauspieler der kroatischen Komödie "Sorry for Kung-Fu" auf dem Roten Teppich vor dem Nationaltheater in Sarajevo.
 

D er Rote Teppich für das elfte Internationale Filmfestival ist vor dem prächtig restaurierten Nationaltheater ausgerollt, glitzernde Lichterketten und das Herz von Sarajevo, Logo und Preis des Festivals zieren seine Fassaden. Die Stimmung ist aufgeregt in diesen August-Tagen (19.-27. August), man trinkt noch mehr Kaffee und raucht noch mehr als gewöhnlich, und der Cineast fragt sich, wieso Jim Jarmusch nur mit „Broken Flowers“ vertreten ist. „Coffee and Cigarettes“ hätte auch gut gepaßt. Die Kameramänner fluchen, die Moderatorinnen strahlen, die Aufpasser tragen Anzug und den unvermeidlichen Knopf im Ohr.

Sarajevo nimmt es mittlerweile mit Cannes, Venedig und Berlin auf. Es ist das größte und bedeutendste Filmfestival Südosteuropas. Es lockt Touristen über den Atlantik, verschafft 450 jungen Menschen in einem der ärmsten Länder Europas zumindest den Sommer über eine Arbeitsstelle. Das Filmfest finanziert sich zu mehr als 60 Prozent über Sponsoren – eine komplette Seite des Programmheftes schlucken die Logos der Geldgeber: Jack Daniel’s, Heineken, Austrian Airways, MTV, EUFOR, Siemens – die Liste ist lang. Alle sind dabei, jeder, der irgendetwas oder auch nur seinen guten Namen verkaufen will.

Stars und Sternchen in Sarajevo

Es tummeln sich Filmgrößen des westeuropäischen und amerikanischen Kinos. Regisseure, Filmstars, Festivaldirektoren. Alexander Payne, Claude Lelouch, Marco Mueller geben sich 2005 die Ehre und werden begeistert gefeiert. Die größte Aufmerksamkeit aber ziehen einheimische Prominente auf sich, die in Westeuropa und Amerika weniger bekannt sind, in Ex-Jugoslawien aber als lebende Legenden gelten: Miki Majnolovi, bekannt aus Emir Kusturicas „Underground“ und in diesem Jahr Jury-Mitglied, oder der alte Ljuba Tadi, legendärer Belgrader Shakespeare-Mime. Da sind die Musiker von Mostar Sevdah Reunion, denen ein wunderbarer Dokumentarfilm gewidmet ist und die vom Publikum mit Tränen in den Augen und stehenden Ovationen gefeiert werden.

Die Filme und das Festival sind nicht zu trennen vom Krieg, der in dieser Stadt zwischen 1992 und 1996 etwa 12.000 Menschen das Leben gekostet und 50.000 Menschen verwundet hat. 1.335 Tage war die Stadt belagert, es gab kein Wasser, keinen Strom, keine Heizung. Die Hauptversorgung erfolgte über einen Tunnel, den einige Mutige mit Geschick und Glück unter dem Flughafen-Rollfeld gruben. Noch immer sind diese Jahre präsent, nicht nur im Stadtbild. Dennoch - die Kneipen und Cafés rund um das Festival sind trendig, das Publikum jung und schick, die Attribute, nach denen man schaut und deretwegen man gesehen wird, sind die gleichen, wie in Berlin oder Barcelona. Aber die Schicksale der Menschen sind andere, und die werden von Filmemachern erzählt.

Der Krieg als Thema Nummer eins

Ademir Kenovic, Produzent von Refresh Productions (l.), im Gespräch mit Festivaldirektor Mirsad Purivatra.  
Ademir Kenovic, Produzent von Refresh Productions (l.), im Gespräch mit Festivaldirektor Mirsad Purivatra.
 

Kaum ein bosnischer oder kroatischer, serbischer oder kosovarischer Film, der nicht mit dem Krieg zu tun hat. Ob Spielfilm, Kurzfilm oder Dokumentation – kein Genre kommt an ihm vorbei. Seine Allgegenwärtigkeit auf der Leinwand vermengt sich mit den gesellschaftlichen Diskussionen und aktuellen Problemen.

In „Sorry for Kung-Fu“, eine wunderbaren Komödie, geht es um starre Traditionen und patriarchalische Familienstrukturen in Kroatien. Der 34jährige Ognjen Svilii erzählt die Geschichte der jungen Dalmatierin Mirjana, die nach dem Krieg schwanger aus Deutschland in ihre kroatische Heimat zurückkehrt, im konservativen Elternhaus Heiratsanbahnungen zu ertragen hat und letztlich auch noch ein Enkelkind asiatischer Herkunft präsentieren muß. Der bosnisch-herzegowinische Regisseur Ahmet Imamovi thematisiert in „Go west“ die Homosexualität, die nach wie vor ein großes Tabuthema auf dem Balkan ist. Der Film, in dem ein Serbe und ein Bosniake gemeinsam aus dem belagerten Sarajevo fliehen wollen, ist der Publikumsrenner des Festivals. In „Awakening from the dead“ versucht Milo Radivojevi den unendlich aggressiven serbischen Nationalismus aufzuarbeiten – in quälenden, kaum zu ertragenden Sequenzen. Regisseur Isa Qosja brachte mit „Kukumi“den ersten Spielfilm aus dem Kosovo seit 1999 auf die Leinwand. Es ist die anrührende Mischung aus Hoffnungslosigkeit und Optimismus der drei naiven Protagonisten, die ihn zum charmantesten, poetischsten und vielleicht intelligentesten Film des Festivals machen.

Eines haben alle Filme gemeinsam: Sie widersetzen sich der Zerstörung, sie bauen auf die Rückkehr einer seelisch tief verwundeten Generation ins Leben, in die europäische Normalität. Das Festival ist eine der wenigen Chancen Sarajevos, wenigstens mental die Spuren der Scharfschützen, der „Sniper“, loszuwerden. So können vielleicht die Schatten der vergangenen Jahre verwischt werden, über die die wenigsten zu springen vermögen. Erstmals hat man in diesem Jahr einen Sonderpreis ausgelobt, den Human Rights Award. Die Belgraderin Nataa Kandi ist Mitglied der Jury. Vor wenigen Wochen hat sie die Welt mit der Veröffentlichung eines grausamen Videos an die Massaker in Srebrenica erinnert.

Eintrittspreis: eine Zigarette

Das Filmfest in Sarajevo ist mehr als ein Glied in der europäischen Festivallandschaft. Für seine Initiatoren, die sich in jedem Jahr über mehr Besucher und internationale Resonanz freuen, war es 1995, in der Endphase der Belagerung der Stadt, das Symbol für die Abkehr von Leid und Zerstörung, für Widerstand und Lebenswillen. Quentin Tarantinos „Pulp Fiction“ war damals der Eröffnungsfilm, der Eintritt kostete eine Zigarette. Heute, im Jahr 2005 kostete die Eintrittskarte drei bis fünf Konvertible Mark – 1,50 bis 2,50 Euro. Noch immer ist das für Tausende Einheimische ein Luxus, den sie nicht bezahlen können. Tausende, die in den trostlosen Außenbezirken der Stadt leben, allen voran in den Neubaubezirken von „Ost-Sarajevo“, haben auch gar kein Interesse an einem Filmfest.

Aber auch für sie bleibt das Festival nicht ohne Bedeutung. Es mischt die Stadt auf, es lenkt freudige Blicke auf sie, es verleiht ihr Charme und positive Energie. Alle scheinen sie zu spüren und alle profitieren von ihr - der Regisseur in der Pressekonferenz, der Journalist von Oslobodjenje, der Filmproduzent von Refresh. Und auch Edib und Demis. Beide sind in der „Baraka“ aktiv, einem Treffpunkt junger Kunstschaffender aus Sarajevo. Die kriegszerstörten Hallen liegen auf einem Fabrikgelände am Ufer der Miljacka, dort, wo während des Krieges die Frontlinie verlief. Edib und Demis sind zwei von vielen, die sich hier täglich treffen: Heimatlose bei Walnußschnaps und Videokünstler aus Tokio, Rasterlocken-Performer aus Amerika, Tischtennis spielende Kinder und Pilze sammelnde Biologen. Eine ihrer Mitstreiterinnen jobt beim Filmfestival, sie ist Hostess und betreut einen der internationalen Superstars – Vanessa Redgrave. „Sie wird versuchen“, grinst Demis, „sie mal hierher zu bringen, daß die mal sieht und weitererzählt, wie die alternative Kunstszene in Sarajevo aussieht.“ Sie wird Geschichten erzählen können. Geschichten, die es nur über eine Stadt wie Sarajevo zu erzählen gibt.

Das Filmfest im Netz: www.sff.ba.

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Die Autorin Dr. Tanja Wagensohn publizierte in den vergangenen Jahren vorrangig zu außen- und sicherheitspolitischen Fragen der Russischen Föderation. Derzeit beschäftigt sie sich mit der politischen und kulturellen Situation in Bosnien-Herzegowina und Serbien/ Montenegro. Sie leitet das Bayerische Hochschulzentrum für Mittel-, Ost- und Südosteuropa (BAYHOST) an der Universität Regensburg und lehrt im internationalen Masterstudiengang „Ost-West-Studien“. Im Jahr 2001 erschien ihr Buch „Rußland nach dem Ende der Sowjetunion“ (Verlag Friedrich Pustet). Kontakt: wagensohn@gmx.de 

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