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Die Taliban kehren zurück – das Land steht auf der Kippe

Es ist bald fünf Jahre her, dass US-Truppen und NATO zusammen mit der so genannten Nordallianz gegen die islamistischen Taliban in Afghanistan vorrückten. Die bärtigen Fanatiker Allahs wurden vertrieben. Frieden hat das Land seither nicht gefunden. US-Truppen, Milizen, die Aufbautruppe ISAF und in Kürze auch die NATO versuchen, die Ordnung aufrechtzuerhalten. Doch die Taliban kehren zurück. Ihre Schläge gegen die westlichen Besatzungstruppen werden immer präziser. Das Schicksal des Landes ist ungewiss.

Von Hans Wagner
30.06.2006 Drucken Senden Kommentieren

A fghanistan leidet unter der schwersten Welle der Gewalt seit dem Sturz der Taliban im Jahr 2001. Das melden übereinstimmend Agenturen, Fernsehreporter und militärische Beobachter. Seit Jahresbeginn wurden bei Kämpfen in Afghanistan den verschiedenen Berichten zufolge mehr als 1.200 Menschen getötet, darunter auch etwa 50 ausländische Soldaten. Wie das US-Militär mitteilte, starb bei Kämpfen in der ostafghanischen Provinz Kunar Ende Juni ein weiterer Soldat der Koalitionstruppen.

Amerikanische, britische und kanadische Truppen haben zu diesem Zeitpunkt eine Offensive im Süden des Landes begonnen, um den Machtbereich der afghanischen Regierung auszuweiten. Etwa 11.000 Soldaten machen in der „Mountain Thrust“ (Berg-Offensive) genannten Operation aggressiv Jagd auf Talibankämpfer in den besonders instabilen Südprovinzen Afghanistans. Die von den USA geleitete Operation ist die größte Offensive der Koalitionstruppen und der afghanischen Armee seit der Vertreibung der Taliban Ende 2001. Sie soll den Boden bereiten für die Kommandoübernahme der NATO-geführten Schutztruppe ISAF im Süden und werde den ganzen Sommer über fortgesetzt, teilte Tom Collins mit, der Sprecher des US-Militärs.

Mit der neuen ISAF-Truppenstationierung in Afghanistan muss die NATO ab Herbst etwa drei Viertel des Landes kontrollieren. Im nächsten Schritt soll ihre Truppenpräsenz dann auf den Osten bis nach Pakistan ausgedehnt werden. Doch ob und wann dieser Schritt erfolgen wird, steht in den Sternen über dem afghanischen Himmel.

Zunächst operiert die NATO von Herbst an mit rund 20.000 Soldaten, darunter auch amerikanische Truppen. Im gefährlichen Süden mit der alten Taliban-Hochburg Kandahar sind neben amerikanischen auch britische und kanadische Soldaten stationiert, die zum Teil im Rahmen des Unternehmens „Nachhaltige Freiheit“ die Taliban und die Organisation Al Kaida bekämpfen sollen.

Die heftigsten Kämpfe seit Vertreibung der Taliban vor knapp fünf Jahren

Aber noch nie seit der Vertreibung der Taliban vor knapp fünf Jahren waren in Afghanistan die Kämpfe zwischen US-geführten Truppen und Rebellen so heftig wie derzeit. Im Frühjahr war es zu regelrechten Aufständen gekommen. Auslöser war ein Unfall. In einem Wohnviertel Kabuls hatte ein amerikanisches Militärfahrzeug 22 Autos gerammt. Dabei kamen sieben Menschen ums Leben. Nach Aussage von Tom Koenigs, dem Leiter der Mission der Vereinten Nationen in Kabul, starben an diesem Tag insgesamt 17 Menschen, hundert wurden verletzt. Ein afghanischer Polizist, der in die Menge geschossen hatte, wurde von Jugendlichen gelyncht. Man übergoss den Mann mit Benzin und zündete ihn an.

Der Unfall hatte sich in einem Viertel ereignet, in dem vor allem „Schomali“ leben, „Nordler“, so nennt man die Bewohner, die aus der Region nördlich von Kabul kommen. Sie riefen „Tod Amerika, Tod Karzai“, dann stürmten sie die Polizeistation. Sie drangen auch in eine vornehme Einkaufsgalerie ein, wo sich die Neureichen von Kabul mit Luxuswaren eindecken. Die wütende Menge nahm nach Augenzeugenberichten „alles mit, was sie schleppen konnte, Computer, Laptops, Fotokameras, Koffer. Dann schütteten die Demonstranten Benzin in die Räume und zündeten alles an.“

Präsident Hamid Karsai warnt vor Schlimmerem

In der afghanischen Hauptstadt Kabul hat sich ein gefährliches Potential angesammelt. Vor dem 11. September lebten in Kabul etwa eine Million Menschen. Inzwischen sind es drei Millionen. Viele von ihnen sind Afghanen, die nach Pakistan oder den Iran geflüchtet waren und nun zurückkehren. Andere kommen aus den umliegenden Dörfern auf der Suche nach Arbeit. Die Gegensätze zwischen Arm und Reich werden immer größer und sichtbarer. Durch das viele Geld, das nach Afghanistan fließt, gibt es steinreiche Leute, die ihr Vermögen auch durchaus zur Schau stellen. Auch der Rauschgifthandel trägt zu ihrem Wohlstand bei. So ist Kabul ein geeigneter Boden für soziale Konflikte.

Den afghanischen Präsidenten Hamid Karsai erfüllt die Situation in seinem Land mit Sorge und wohl auch mit Angst. Deutlich wie selten zuvor forderte er kürzlich den Westen auf, seine Strategie zu überdenken. Ungewohnt offen und gar nicht diplomatisch verklausuliert brachte Karsai seine Frustration zum Ausdruck. Der Wunschpräsident Amerikas übte heftige Kritik an der Anti-Terrorstrategie der internationalen Gemeinschaft in Afghanistan. Sein Land habe bisher viel zu wenig Unterstützung bekommen für Ausbildung und Ausstattung von Polizei und Armee, klagte der afghanische Präsident. Er forderte eine Änderung der westlichen Strategie.

In den ersten Tagen der US-geführten Offensive im Süden Afghanistans wurden 600 Menschen getötet. Diese erschreckenden Zahlen beim Antiterrorkampf in seinem befreiten Land hält Karsai für „unannehmbar“. Selbst wenn es sich bei den Toten um Taliban-Kämpfer gehandelt habe, seien sie doch Söhne Afghanistans, sagt er. „Wir bedauern wirklich, dass wir so viele Afghanen durch Tod und Zerstörung verlieren.“ Er habe einen Anstieg der Aktivitäten der Militanten vorhergesagt, so Karsai weiter, und er habe diese Sorge in den vergangenen zwei Jahren bei der internationalen Gemeinschaft immer wieder vorgebracht. „Ich habe sie systematisch, konsequent und täglich vor dem gewarnt, was sich in Afghanistan entwickelt. Ich habe von den Bedürfnissen Afghanistans gesprochen und davon, dass die internationale Gemeinschaft ihre Vorgehensweise ändern muss.“ – Offenbar ohne Erfolg.

Die Ursachen der Gewaltwelle liegen in der Schwäche der afghanischen Regierung

Karsai gerät durch die blutigen Gefechte im Süden unter Druck. Schließlich sterben nicht nur Militante und Soldaten, sondern auch viele Zivilisten. Außerdem hatte Karsai einfachen Taliban-Kämpfern wiederholt Straffreiheit angeboten. Doch nun werden sie getötet und das Versprechen des Präsidenten hat sich als hohle Phrase erwiesen. Seine Ohnmacht wird offenkundig. Das böse Wort von der „Marionette der USA“ macht wieder die Runde. Es wird überall im Land skandiert und die Lautstärke, mit der dies geschieht, schwillt bedrohlich an.

Als Ursache der jüngsten Gewaltwelle sieht der afghanische Präsident auch die Schwächen der eigenen Regierung. Die aber wird ihm von den Besatzern auferlegt. Er ist weitgehend machtlos. Der Präsident drängte die internationale Gemeinschaft, gegen Terroristen nicht nur in Afghanistan vorzugehen, sondern auch dort, wo sie trainiert, finanziert und unterstützt würden: beim US-Verbündeten Pakistan. Doch mit diesen Forderungen stößt er auf taube Ohren, und er hat kein Mittel, sich wirklich durchzusetzen. Auch seine öffentliche Anklage wird daran nichts ändern. Tatsächlich hatte er seit Jahresbeginn den steten Zustrom von neuen Kämpfern und Waffen aus Pakistan kritisiert. Pakistan konterte aufgebracht: Man tue, was man könne gegen den Terrorismus, hieß es in Islamabad, doch Afghanen und internationale Truppen müssten die Grenze selbst besser kontrollieren. Ein Schwarze-Peter-Spiel.

Treibende Kraft gegen Amerikaner, die afghanische „Marionetten-Regierung“, gegen die vielen Nichtregierungsorganisationen im Land und gegen die Vereinten Nationen (VR), sind die Taliban.  Zusammen mit Al Kaida in Pakistan und in Afghanistan selbst versuchen sie das Land zu destabilisieren. Ihre Aggressivität hat nach dem Urteil der amerikanischen Militärs eine neue Qualität erreicht. Trotz permanenter Luftangriffe habe man sie in den Bergen nicht entscheidend treffen können. Die Operation Berg-Offensive soll es jetzt richten.

Die Taliban haben ihre Taktik geändert - Al Kaida setzt wieder auf sie

Aber die Taliban haben auch ihre Taktik geändert und versuchen, durch Angriffe auf afghanische Lokalbehörden, Polizei und Armeeposten zu provozieren. Dadurch sollen die Machtapparate aus den Kasernen gelockt und in Hinterhalten überfallen werden. Außerdem sind die Taliban neuerdings in der Lage, erfolgreich Selbstmordattentate durchzuführen. Das ist eine neue Qualität. Auch dabei werden sie von den Kämpfern der Al Kaida unterstützt, die aus vielen islamistischen Gruppen in ganz Asien kommen.

Es gibt viele besorgte Stimmen und wohlfeile Ratschläge von Westlern, was in Afghanistan zu tun sei. Sie reichen von Dampfplaudereien wie der des Grünen-Wehrexperten Winfried Nachtwei. Er forderte „eine unverzügliche Überprüfung der internationalen Einsatz-Strategie in Afghanistan und eine Kurskorrektur. Die Hilferufe von Karsai angesichts der zunehmenden Gewalt in seinem Land dürften nicht länger überhört werden.“ Aber darauf war der afghanische Präsident ja schon selbst gekommen.

Lakhdar Brahimi: Afghanistan bräuchte eine halbe Million Soldaten

Afghanistan bräuchte mindestens eine Armee von einer halben Million Mann, eine bessere Polizei, ein funktionierendes Justizwesen und mehr Gefängnisse,  empfahl kürzlich der bei den Vereinten Nationen ausgeschiedene Diplomat Lakhdar Brahimi.

Der Kampf gegen Taliban und Drogenanbau müsse verändert, die Korruption in der afghanischen Polizei eingedämmt werden. Das sei „dringend nötig, um die gefährliche Entwicklung rechtzeitig umzudrehen. Wir wollten die Herzen und Köpfe gewinnen. Zur Zeit verlieren wir die Herzen.“ Das meint Tom Koenigs, der in Kabul im Palast Nummer 7 als Missionschef der VN residiert. Er wird von zwölf Leibwächtern aus Rumänien geschützt. Rund um die Uhr. „Es ist nicht ausgemacht, ob wir letztendlich hier erfolgreich sein werden", sagt der 63 Jahre alte ehemalige Sponti und spätere Stadtkämmerer von Frankfurt. Die Taliban bekämen immer mehr Zulauf, „weil sie moralische Werte vertreten, die von großen Teilen der Bevölkerung geteilt werden“, hat Koenigs messerscharf analysiert.

Korruption und Drogenhandel sind die Gegenwelt in Kabul. Auch ein Bruder des afghanischen Präsidenten Hamid Karzai ist nach einem als „geheim“ klassifizierten Dokument der US-Armee in den Drogenhandel am Hindukusch verstrickt. Wali Karsai erhalte Bestechungszahlungen und erleichtere im Gegenzug den Drogenhandel, heißt es in dem Papier.

„Viele Millionen Dollar sind geflossen, bis das Land einen Präsidenten und ein Parlament hatte. Doch konnten die hastig aufgebauten Strukturen das Chaos nicht aufhalten, das sich in den toten Winkeln des unzugänglichen Landes neu ausgebreitet hat, und das nun zurück ins Zentrum drängt“,  kommentiert die „Financial Times Deutschland“, FTD. Die Taliban, so vermutet das Blatt, „alte Gastgeber und Verbündete von al-Kaida“, herrschen wahrscheinlich längst wieder im Süden. Sie „kontrollieren das Drogengeschäft im Osten, bedrohen vergleichsweise friedliche Städte wie Herat im Westen und verüben im Norden Angriffe auf ausländische Truppen, darunter auch die Bundeswehr.“

Nachrichten aus einem befreiten Land, die aufhorchen lassen. Eine Situation die das EURASISCHE MAGAZIN schon einmal benannt hatte: 2003. Und nun steht Afghanistan „auf der Kippe“, wie Militärs aus den USA und Deutschland sagen. Zu den Gründen haben wir den Entwicklungsexperten Dr. Conrad Schetter befragt. Sie seien keineswegs militärischer Natur, sagt er im Interview.

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