„Die Tochter des Geschichtenerzählers. Meine Heimkehr nach Afghanistan“ von Saira ShahGELESEN

„Die Tochter des Geschichtenerzählers. Meine Heimkehr nach Afghanistan“ von Saira Shah

Goldmann Verlag, Munchen März 2003, 234 Seiten, € 22,90, ISBN 3-442-30988-3.

Von Andrea Jeska

„Die Tochter des Geschichtenerzählers. Meine Heimkehr nach Afghanistan“ von Saira Shah 
„Die Tochter des Geschichten-erzählers“ von Saira Shah 

EM – Uff! Schon wieder ein Selbsterfahrungsroman mit Islamo-Ethno-Beigeschmack? Wieder eine Identifikationsfigur für gelangweilte Frauen in zivilisierten Sicherheitszonen? Nein. Der erste Eindruck trügt. Der Untertitel für den autobiografischen Roman der englischen Journalistin und gebürtigen Afghanin Saira Shah ist nur unglücklich gewählt.

„Die Tochter des Geschichtenerzählers“ ist ein Buch über die Suche nach einer verlorenen Heimat. Mehr als um die Heimkehr geht es darin um die stückweise Erkenntnis, wie brutal und gründlich jenes Paradies, das die Autorin zunächst nur aus den Erzählungen ihres Vaters kennt, zerstört wurde.

Pazifist oder Raubritter

Saira Shah, im englischen Exil aufgewachsene Tochter einer der großen Familien aus Kabul, kehrt als junge Frau zum ersten Mal in ihre Heimat Afghanistan zurück. Sie will wissen, ob jene märchenhaften Geschichten, die ihr Vater ihr in der Wärme der englischen Landhausküche erzählte, mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Und sie will die Zerrissenheit ihres eigenen Ichs flicken. „In mir leben zwei Menschen. Sie vertragen sich nicht, wie ein Paar, das kaum miteinander spricht. Meine westliche Seite ist ein feinfühliger, liberaler, bürgerlicher Pazifist. Meine afghanische Seite kann ich nur als beutegierigen Raubritter beschreiben. Er weidet sich am Blutvergießen, rühmt sich der Gefahr und fürchtet sich nie.“

Als Shah ihr Heimatland zum ersten Male unter dem Schutz einer Burka oder als Mann verkleidet betritt, herrschen dort die Mudschaheddin. Sie morden und zerstören, sie lassen die Bevölkerung hungern und schüchtern die Menschen mit Drohungen ein. Auch als die Taliban die Herrschaft über Afghanistan übernehmen und der Terror noch zunimmt, ist die junge Journalistin wieder da. „Die Taliban sind nicht nur Unterdrücker. Sie haben alle Tugenden, die ich in meiner Kindheit und Jugend für typisch afghanisch gehalten habe, zum Verschwinden gebracht: Hochherzigkeit, Mut, grenzenloses Selbstvertrauen und vor allem den Sinn für Humor.“

Afghanistan ist anders

Es ist keine gute Zeit für Afghanistan, doch wann war jemals eine gute Zeit für dieses Land? Shah erzählt von Fehden und Kriegen, in denen keiner verschont wurde. Mit Anekdoten wie diesen führt sie dem Leser vor Augen, warum die Maßstäbe westlichen Denkens in Afghanistan nicht greifen können. „Ich herrsche über ein wildes Volk“, sagte ein afghanischer König entsetzten Ausländern – ein Spruch, der kaum an Wahrheit verloren haben dürfte.

„Die Tochter des Geschichtenerzählers“ ist ein anklagendes Buch. Es wirft dem Westen Mitschuld vor, schließt aber auch nicht die Augen vor der Zerstörung, die die Afghanen anrichteten. Ihren anfänglichen Wunsch, Identität zu finden, vergißt die Autorin und mystifiziert die Wildheit und Roheit, macht daraus Mut und die Abwesenheit von Angst. Die Diskrepanz zwischen Legende und Wirklichkeit wird nicht wahrgenommen, der tatsächlichen und geophysikalischen Zerstörung wird eine Landkarte aus Märchen entgegengehalten.

Stück für Stück reift in Shah die Erkenntnis heran, daß die Nachfahren der tapferen afghanischen Krieger nichts weiter sind als dreckige, machtgierige, brutale Unterdrücker und Mörder. Der Leser leidet mit, so schmerzhaft ist diese Enttäuschung beschrieben. „Ich wollte nicht diesen kaputten, vom Krieg zerstörten Ort, ich wollte die verlorene Heimat, von der man mir erzählt hatte.“

Der klügste Satz in diesem Buch ist auch der bitterste: „Wenn man an die Fundamente einer Gesellschaft rührt, stürzt das ganze Gefüge ein.“ Am Ende kommt Shah zu der Erkenntnis, die Kriege, die Zerstörung, sie würden nie aufhören. „Das hier war ewig und wir waren nur Besucher auf der Durchreise.“

„Die Tochter des Geschichtenerzählers“ ist ein poetisches Buch über menschliche, vor allem männliche Dummheit und Grausamkeit. Es hat deutliche Schwächen. Wie atemlos eilt die Autorin durch die Geschichte ihres Landes, vieles wird gar nicht oder äußerst unzureichend erklärt. Historie und politische Hintergründe kommen viel zu kurz, geographisch und zeitlich leistet sich Shah große Sprünge. Manches, wie zum Beispiel eine wochenlange Bergwanderung mit Paschtunen, die letztlich zu keinem Ziel führt, bleibt unverständlich und unlogisch.

Rezension Zentralasien

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