Die Traumfabriken von BollywoodINDIENS FILMINDUSTRIE

Die Traumfabriken von Bollywood

Von Johann von Arnsberg

Die unschlagbare, am stärksten boomende Filmindustrie auf der Welt ist in – nein, nicht in Hollywood, sie ist in Bollywood zu Hause.

Bollywood, mit dieser naiv anmutenden Wortschöpfung bezeichnet Indien seine gigantische Traumfabrik, die an der Westküste des Landes, in Bombay, ihren Sitz hat. Bollywood ist zusammengesetzt aus dem Namen der Stadt Bombay und dem Mekka der US-Filmindustrie Hollywood. Die indischen Filmschaffenden empfinden „Bollywood“ als einen Kosenamen für ihre eigene indische Filmproduktion, die Jahr für Jahr Milliarden Euro einspielt.

Während Nordamerika, Europa und der gesamte übrige Globus nahezu flächendeckend von Streifen aus der amerikanischen Hollywoodproduktion überflutet werden, behauptet sich in Indien eine eigene Film- und Musikproduktion.

Es ist nachgerade ein kinematografisches Universum, das sich zwischen Indus und Ganges ausbreitet und die Filmleinwände und Fernsehschirme der fast eine Milliarde zählenden Inder versorgt. Mit jährlich bis zu 900 produzierten Filmen (Hollywood 670) ist die indische Filmindustrie die größte der Welt. Dem übrigen Eurasien ist der Zugang bislang jedoch weitgehend verwehrt geblieben.

Dafür gibt es viele Gründe. Aus Bollywood kommen keine Action- und Horrorfilme westlicher Machart, sondern vor allem Filme über die Liebe und andere zwischenmenschliche Dramen, die zumeist gut ausgehen. Die Filme dauern zweieinhalb bis drei Stunden und enthalten zahlreiche Gesangsnummern, in manchen Fällen bis zu einem Dutzend.

Die Helden in indischen Filmen verkörpern das absolut Gute und besiegen das Böse. Drogenhändler, Bandenchefs, Serienmörder haben keine Chance. Oft ist auch die Einfachheit und die Unschuld des Lebens auf dem Land dem in der korrupten Großstadt gegenübergestellt. Die Frauen in den weiblichen Hauptrollen sind zuvorkommend bis unterwürfig, tugendhaft, jungfräulich aber durchaus erotisch anziehend. 

Musik und Tanz haben in Indien eine lange Tradition. Sie ist über 5000 Jahre alt und bestimmt bis heute die Kultur des Landes. Musik und Tanz sind Teil des indischen Alltags und eben auch seiner Filmkunst. Fast 90 Prozent aller in Indien verkauften CDs sind mit Filmmusik bespielt. Die Helden und Heldinnen der Filme sind jedoch oft nicht imstande, die Stücke selbst zu singen. Deshalb werden dafür die besten Komponisten sowie die beliebtesten Sänger und Sängerinnen des Landes engagiert. Denn wenn die Begleitmusik eines Streifens flopt, ist es fast sicher, daß der Film dieses Schicksal teilen wird. Umgekehrt macht erfolgreiche Filmmusik auch erfolgreiche Filme.

In England ist der Funke der Faszination indischer Filme bereits auf das Publikum übergesprungen und hat ein regelrechtes Fieber ausgelöst. Zunächst vor allem bei den in Großbritannien lebenden Asiaten. Aber längst haben die Streifen auch unter den Engländern ein Millionenpublikum gefunden. Bollywood-Filme lassen nun britische Kinokassen immer häufiger klingeln und übertreffen manchmal bereits amerikanische Spitzenfilme. Einige, wie zum Beispiel der Film „Lagaan“ (die Geschichte eines kleinen Dorfes im Viktorianischen Indien, das seine Zukunft von einem Kricketspiel gegen die britischen Herrscher abhängig macht), wurden speziell für den Überseemarkt produziert und füllen die Kinosäle in Großbritannien.

Hierzulande sind indische Filme weithin unbekannt. Sie würden auch kaum zu Kassenschlagern werden. Dafür gibt es gegenwärtig einfach noch kein genügend großes Publikum. Es interessiert sich erst eine Minderheit dafür. Dabei sind die Musical-Filme meist perfekt choreografiert und aufwendig ausgestattet. Als bei der letzten Biennale in Venedig den Kritikern der indische Film „Monsoon Wedding“ gezeigt wurde, sprangen sie von den Stühlen auf und begannen spontan zu tanzen. Erstmals gelang es einer indischen Filmschaffenden den Nerv und den Geschmack des Westens zu treffen. Das liegt sicher auch daran, daß Regisseurin Mira Nair keinen typischen indischen Musical-Film gedreht hat. Sie war ein Jahrzehnt lang in der westlichen Filmindustrie tätig und hat die Gesangsstücke, wie dort üblich, in die Handlung integriert. Der Plot ist sehr gegenwartsnah. Aber der Einstieg hat typisch indisches Flair. Seit April 2002 läuft „Monsoon Wedding“ in deutschen Kinos.

Für Indien hat die erfolgreiche Filmindustrie indes noch einen Wandel ganz eigener Art hervorgebracht. Fünfzig Jahre nach der Unabhängigkeit ist in Indien nun durch den Film möglich geworden, was vorher unmöglich schien: es ist so etwas wie eine eigene indigene Sprache entstanden, die das koloniale Englisch als Verständigungsmedium ablöst. Dies ist dem Massenmedium Film zu verdanken.

Die Sprache schafft natürlich eine gewisse Schwierigkeit für die Verbreitung von Filmen aus Bollywood über die Landesgrenzen hinaus. Die Filme erhalten in der Regel Untertitel, da für eine Synchronisierung das Publikum im Ausland noch zu klein ist, um den Aufwand lohnend zu machen.

So fremd auch die Sprache klingt, die Landschaft in vielen indischen Filmen dürfte Mitteleuropäern bekannt vorkommen. Denn eine ganze Reihe indischer Produktionen, vor allem Liebesfilme, werden in der Gebirgslandschaft der Schweiz gedreht, statt in den unsicheren Kaschmirbergen. Die Menschen zwischen Ganges und Indus sind von den Naturschönheiten der Schweiz, der malerischen Landschaft von Alm-Öhi und Heidi, begeistert. Sie mutet ihnen an wie das leibhaftige Paradies.

Film Indien

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