„Die Wahrheit über die orange Revolution“ von Illya KozyrewGELESEN

„Die Wahrheit über die orange Revolution“ von Illya Kozyrew

Die Lektüre dieses Buches ist all jenen zu empfehlen, die an einem umfassenden und differenzierten Bild der „Orangenen Revolution“ interessiert sind und die sich nicht scheuen, auch etwas zur Kenntnis zu nehmen, das gegen den Strich gebürstet ist.

Von Juliane Inozemtsev

„Die Wahrheit über die orange Revolution – Ukraine am Scheideweg“ von Illya Kozyrew  
„Die Wahrheit über die orange Revolution – Ukraine am Scheideweg“ von Illya Kozyrew  

D ie Wahrheit über die orange Revolution“ heißt das schmale orangefarbene Buch von Illya Kozyrew, auf dessen Titel Apfelsinen – ein Symbol jener aufwühlenden Tage – prangen.
Aus wissenschaftlicher Sicht ist es sicherlich illusorisch, ein solch komplexes politisches Phänomen wie die „Orangene Revolution“ auf 124 Seiten (ohne Anhang) erschöpfend darstellen zu wollen – selbst wenn man bester Absicht und Sachkenntnis ist. Abgesehen davon, dass es mit der Wahrheit bekanntlich so eine Sache ist.

Gerade die „Orangene Revolution“ war von großen Emotionen getragen – auf beiden politischen Seiten. Und diese Emotionalität merkt man auch der Argumentation von Kozyrew an, der das Buch – so scheint es - aus einem ausgeprägten Gerechtigkeitsempfinden und eventuell auch aus der Enttäuschung über den (noch) nicht geglückten Aufbruch heraus geschrieben hat.

Die Wahrheit des jungen Autors ist die politische Wahrheit vieler Ukrainer

Kozyrew wurde 1982 im ostukrainischen Donetzk-Gebiet geboren. Er ist russischer Muttersprachler, sieht sich selbst jedoch als ethnischen Ukrainer. In seiner Heimat hat er Anglistik und Germanistik studiert und in Deutschland noch einmal Germanistik und Politikwissenschaft an den Universitäten Eichstätt und Oldenburg.

Die Wahrheit des jungen Autors ist die politische Wahrheit vieler Ukrainer und Russen im Osten und Süden des Landes. Sie wurde, insbesondere von westlichen Medien und Osteuropa-Forschern, anfangs zugunsten der politischen Wahrheit der West- und Zentralukrainer weitgehend ignoriert. Nun, fast drei Jahre nach den Ereignissen, ist zumindest akzeptiert, dass es nicht das ganze ukrainische Volk war, das sich nach den Präsidentschaftswahlen im November 2004 gegen die Wahlfälscher (1) erhoben hat, sondern nur ein Teil.

Es lässt sich nicht einmal sagen, dass es der deutlich größere Teil der Bevölkerung war, der politisch aufbegehrte und dabei einer verbohrten Minderheit gegenüber stand. Vielmehr war das politische Kräftemessen recht ausgewogen. Das belegt letztlich auch das legitimierte Ergebnis der wiederholten Stichwahl zwischen den damaligen Präsidentschaftskandidaten Viktor Janukovitsch und Oppositionsführer Viktor Juschtschenko vom 26. Dezember 2004.
Damals stimmten 52 Prozent für Juschtschenko und immerhin noch 45 Prozent für Janukovitsch. Heute stellt Janukovitschs „Partei der Regionen“ sogar wieder die mit Abstand stärkste Fraktion in der „Werchowna Rada“ (Oberster Rat) – dem ukrainischen Parlament (2).

Kozyrews Kernaussage ist, dass die Revolution „eine Inszenierung der USA war, mit dem Ziel, einen Politiker, der in deren Konzept passt, in der Ukraine an die Macht zu bringen“ (S.7).

189 Millionen US-Dollar aus dem amerikanischen Bundeshaushalt

Nun mögen einige deutsche Leser kurz davor sein abzuwinken: Ach, wieder so ein junger Verschwörungstheoretiker. Man sollte sich seine Argumentation jedoch ruhig anhören. Einiges scheint durchaus im Rahmen des Möglichen zu liegen.

So schreibt Kozyrew aus seiner persönlichen Erinnerung über jenen 24. November 2004, an dem sich Juschtschenko mit einem Schwur auf die Bibel selbst zum Präsidenten kürte: „An diesem Tag sah die ukrainische Hauptstadt wie eine riesengroße Partylandschaft aus. Überall neue, orangefarbene Zelte, neue mobile orangefarbene Küchen,(...), tonnenweise neue, orangefarbene Winterkleidung, (...), bestes Spotlight- und Sound-Equipment. Dies alles deutete eher nicht auf eine spontane Handlung des Volkes hin. (...), dies schien eher eine gut und gründlich vorbereitete politische Aktion zu sein.“ (S.50)

Nachdenklich stimmt auch, dass 2004 laut Kozyrew im US-Bundeshaushalt 189 Millionen US-Dollar für Ukraine-Hilfen standen, von denen 55 Millionen für mit den Wahlen verbundene Demokratieprogramme ausgegeben wurden. (3) Der Autor bemerkt dazu: „Man kann sich kaum vorstellen, dass ein Staat so viel Geld von seinen Steuerzahlern in ein anderes Land investiert, ohne davon auch profitieren zu wollen.“ (S.60) Das klingt plausibel, bleibt aber letztlich spekulativ.

Andere Aussagen des Autors sind hingegen vollkommen zutreffend (4), wobei es Lesern, die sich damals nicht selbst ein Bild von den Ereignissen machen konnten, schwer fallen wird, das eine vom anderen zu unterscheiden: „Die Behauptungen sowohl in deutschen, wie auch in europäischen und amerikanischen Medien, dass die Wahlkampagne schon deshalb unfair war, weil Juschtschenko keinen Zugang zu den Medien hatte, scheint mir absurd (...). Jeden Tag wurde die Bevölkerung von morgens bis abends mit Informationen und Werbung für Juschtschenko berieselt. Den Boden dafür bereiteten seine Oligarchen-Freunde, wie z.B. Pjotr Poroschenko (5), der von Walter Mayr, dem Autor eines Spiegel-Artikels, als Financier und TV-Zeremonienmeister der Revolution’ bezeichnet wird.“ (S.56)

Trotz der offenkundigen Absicht Kozyrews, die bislang recht einseitige Darstellung der Revolutionsereignisse gerade rücken zu wollen, bemüht sich der Autor um Fairness und lässt nicht unerwähnt, dass Janukovitsch seine politische Position für eine größere Medienpräsenz im Staatsfernsehen ausnutzte: „Den russlandtreuen Ministerpräsidenten Janukovitsch konnte man in jedem staatlichen Fernsehkanal viel öfter sehen, als seinen Gegner Juschtschenko.“ (S.43)

Die Lektüre dieses Buches sei, ergänzend zur gängigen aktuellen Literatur (6), all jenen sehr empfohlen, die an einem umfassenden und differenzierten Bild der „Orangenen Revolution“ interessiert sind. Das sind all jene, die sich nicht scheuen, auch etwas zur Kenntnis zu nehmen, das gegen den Strich gebürstet ist.

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Rezension zu: „Die Wahrheit über die orange Revolution – Ukraine am Scheideweg“ von Illya Kozyrew, Book-on-Demand, 2007, 130 Seiten (inkl. Anhang), 12,90 Euro, ISBN: 3-833-45395-8.

Siehe dazu auch EM 11-04 „Rußland sollte sich endlich gegen die aggressive Penetration durch den Westen zur Wehr setzen.“ – Ein Interview mit dem britischen Publizisten John Laughland, der sich damals im Gespräch mit dem Eurasischen Magazin zu den aktuellen Ereignissen in der Ukraine äußerte.

 

1 Im Osten und Süden der Ukraine sind die Menschen mehrheitlich überzeugt, dass es Wahlfälschungen auf beiden politischen Seiten gegeben hat.

2 Die nächsten Parlamentswahlen finden am 30. September statt.

3 Kozyrew bezieht sich dabei auf ein Buch von Gernot Erler: „Russland, Putins Staat – der Kampf um Macht und Modernisierung“, Herder Verlag 2005.

4 Die Rezensentin kann Kozyrews Aussagen über die Medienberichterstattung aus eigenem Erleben von der Krim und durch Berichte von Verwandten und Bekannten aus Donetzk und Charkiw bestätigen.

5 P. Poroschenko gehört der landesweite private Fernsehsender „Pjatyj Kanal“ – der „Fünfte Kanal“)

6 Den Mainstream bedient zum Beispiel das neue Buch von Wolfgang Templin „Farbenspiele“.

Rezension Ukraine

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