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Die Weltmacht stürzt

Erst wurde der neu gewählte Präsident Barack Obama als Messias gefeiert, dann erfuhren die Amerikaner von ihren Geheimdiensten, dass es mit der Kraft und der Herrlichkeit ihres Landes zu Ende geht.

Von Hans Wagner
30.11.2008 Drucken Senden Kommentieren

D ie grauenhaften Szenen von Bombay in diesem November 2008 zeigen die Ohnmacht von Staaten, von Kapital, von Reichtum gegenüber Menschen, die zu allem entschlossen sind. Als hätte es sieben Jahre Antiterrorkrieg nicht gegeben, bereiten die Attentäter in der indischen Finanzmetropole George W. Bushs Nachfolger Barack Obama einen Empfang auf der Weltbühne, der durchaus an den 11. September 2001 erinnert. Und nach Meinung vieler Beobachter und Kommentatoren war genau dies auch die Absicht des abscheulichen Anschlags.

Indien, die „größte Demokratie der Welt, ist Verbündeter der USA. Das Land hat schon lange Atomwaffen. Im Sommer dieses Jahres  hat Washington nun einen 34 Jahre dauernden Lieferstopp für Nukleartechnologie gegenüber Indien aufgehoben, obwohl das Land den Atomwaffensperrvertrag nicht unterzeichnet hat. Mit der offiziellen Aufnahme in den exklusiven Klub der Atommächte ist Indien zu einem herausgehobenen Partner der USA geworden. Den galt es zu treffen. Die rauchenden Trümmer der indischen Luxushotels haben zwar nicht dieselbe Symbolkraft wie die Zerstörung des World Trade Centers, aber sie kommt nahe heran.

Die USA haben ihr Pulver verschossen

Wenige Tage vor den Anschlägen von Bombay hatte der Nationale Geheimdienstrat („National Intelligence Council“, NIC), eine Denkfabrik des CIA und anderer US-Geheimdienste, prognostiziert, wie die Welt im Jahre 2025 aussehen wird. In ihrer Langzeitanalyse „Global Trends 2025“ kommen die Dienste zu einem für Washington verheerenden Ergebnis. Sie sagen einen weitgehenden Machtverlust der USA voraus. „Gods own country“ sei in 17 Jahren keine Weltmacht mehr, der Dollar habe schon längst den Status als globale Leitwährung verloren und militärisch sei ebenfalls eine spürbare Schwächung Amerikas festzustellen. Zudem sei militärische Stärke, Waffenüberlegenheit längst nicht mehr das alles entscheidende Kriterium für Macht und Einfluss auf der Welt. Das haben nicht zuletzt die so genannten Anti-Terrorkriege der Ära Bush gezeigt. Die Welt ist mit jedem Tag seiner Amtszeit unsicherer geworden. Amerika hat im wahrsten Sinne des Wortes sein Pulver verschossen.
 
Zwar glaubt der NIC, dem sämtliche US-Geheimdienste unterstellt sind, dass einzelne Terrororganisationen wie Al-Kaida an Einfluss verlieren werden. Dem widerspricht allerdings die Lage in Afghanistan, und auch die blutigen Attentate in Indien, die mit Bin Ladens Organisation in Verbindung gebracht werden, sprechen eine andere Sprache.

Afghanistan in der Abwärtsspirale

Die Lage in Afghanistan ist sogar durch die verstärkte Zusammenarbeit zwischen Al-Kaida-Kämpfern, Taliban und einem sich zunehmend ausweitenden Netz von militanten Gruppen äußerst kompliziert geworden. US-Medien berichten, in der Kabuler Regierung von Präsident Hamid Karzai grassiere die Korruption und habe den Zusammenbruch zentraler Autorität beschleunigt. Die Schere zwischen der Macht des afghanischen Widerstands einerseits, der  Zentralregierung und der Besatzungstruppen andererseits, öffne sich tagtäglich mehr.

Auch die US-Geheimdienste haben in ihrer Studie ein äußerst düsteres Bild von der Lage in Afghanistan gezeichnet. Danach befindet sich das Land in einer „Abwärtsspirale“, und es bestünden ernste Zweifel an der Fähigkeit der vom Westen gestützten afghanischen Regierung, den wachsenden Einfluss der Taliban noch einzudämmen. Die Gegner der Kabuler Marionettenregierung dagegen würden aufgrund der sich ständig weiterentwickelnden Waffentechnologien, die ihnen zur Verfügung stünden, schon in Kürze deutlich gefährlichere und folgenschwerere Anschläge verüben können als bisher. Auch solche unter dem möglichen Einsatz von biologischen und atomaren Waffen.

Noch nie war die Perspektive so düster

Alle vier Jahre lässt sich die US-Regierung von ihren Geheimdiensten eine Zukunftsprognose vorlegen, wie die im November bekannt gewordene. Diese jüngste Studie hat Washington aufschrecken lassen: Der Bericht „Global Trends 2025“, an dem über ein Jahr lang gearbeitet wurde, prophezeit der Weltmacht einen spürbaren wirtschaftlichen und politischen Machtverlust. Hunderte Geheimdienst-Analysten und externe Experten haben die für die Vereinigten Staaten von Amerika desillusionierenden Erkenntnisse zusammengetragen.

Die USA haben nicht nur ihr Pulver verschossen sondern auch ihr Geld verbrannt – eigentlich das Geld der ganzen Welt - mit Hilfe einer globalen Koalition der Gierigen. Im Eurasischen Magazin wurde vor genau einem Jahr der Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz ausführlich zitiert, demzufolge bald Millionen Menschen obdachlos sein würden, weil sie ihre Häuser und Wohnungen verkaufen müssten. Das Land des Dollars lebe seit Jahrzehnten über seine Verhältnisse. Weltweit würden Bankenpleiten aus Dollargeschäften nur mühsam durch Milliarden-Geldspritzen von staatlichen Rettungsfonds verhindert.

Schon lange hätte man sehen können, erklärte Stiglitz damals, dass es in den USA tief greifende Probleme gibt. Das Wachstum der letzten Jahre sei schon auf Immobilien aufgebaut gewesen, es habe sich dabei um eine Art „Pyramidenspiel“ gehandelt. Im kommenden Jahr, (gemeint war das jetzige, das Jahr 2008) würden 1,7 Millionen US-Amerikaner ihre Wohnung verlieren. „In Europa“ so Stiglitz, „ist die Krise ein Finanzproblem, in den USA aber ein gesellschaftliches Problem“.

Immer neue Greenbacks aus den Geldruckmaschinen

Auf zwei Wegen finanzieren die Vereinigten Staaten von Amerika bislang ihr gigantisches Haushaltsdefizit, ihren sündteuren Konsum, der weit über ihren Verhältnissen liegt, und ihre Kriege: Erstens mit Krediten aus der ganzen Welt – und zweitens mit ihrer Notenpresse, die sie bei Bedarf anwerfen, um genug Scheine für die Befriedigung der Gläubiger zu haben.

Das Zentralbank-System (Federal Reserve System oder kurz Fed) hat, um dies zu verschleiern, vor eineinhalb Jahren bereits kurzerhand ihre offiziellen Meldungen über die Entwicklung der Geldmenge „M 3“ eingestellt. Seither kann weltweit praktisch kein Experte mehr einschätzen, wie viele neue Dollars gedruckt werden. Dies macht es kaum vorhersehbar, wohin der Dollar noch triftet. Die USA verfügen auch nach wie vor über kein schlüssiges Konzept zur Verringerung des Haushaltsdefizits oder gar zur Begleichung der weltweit angehäuften Schulden. Offenbar soll dafür auch in Zukunft die Gelddruckmaschine eingesetzt werden.

Der Weltökonom Stiglitz nannte auch die Gewinner der Finanzkrise: die Hedgefonds. „Sie haben die Situation durch Optionen genutzt. Gewonnen haben auch viele Banken. Sie haben Riskantes mit Sicherem vermischt, daraus wie durch Zauberhand eine Anlage mit gutem Rating gemacht und hohe Provisionen kassiert. Das war eine echte Voodoo-Wirtschaft.“

Es gibt viele in der Welt, die den Amis diese Entwicklung herzlich gönnen. Einer ist Venezuelas Staatspräsident Hugo Chávez, von Washington vielgeschmäht. Zur Entwicklung des Dollars äußerte sich Chavez so, wie schon der Börsenguru Marc Faber in einem viel beachteten EM-Interview vom Februar 2003: „Der Anfang vom Ende des amerikanischen Imperiums“. Chavez sagte: „Der Fall des Dollars ist nicht nur der Fall des Dollars, es ist der Fall des nordamerikanischen Reiches. Wir müssen darauf vorbereitet sein.“ – Jetzt, fünf Jahre nach Faber und über ein Jahr nach Chavez, haben es auch die CIA und ihre Schwestern gemerkt.

Amerikas Absturz betrifft die ganze Welt

Wo es Verlierer gibt, können andere profitieren. Wenn das amerikanische Zeitalter zu Ende geht, müssten die Staaten Eurasiens wieder weit größere Chancen erhalten, den Lauf der Welt zu bestimmen. „Amerikas geopolitischer Hauptgewinn“ des Zweiten Weltkriegs ist nach Einschätzung des US-Strategen Zbiegniew Brzezinskis „Eurasien“. Und der wird Amerika nun entgleiten.

Wörtlich schrieb der ehemalige Sicherheitsberater des Präsidenten Jimmy Carter  – parteipolitischer Vorläufer von Barack Obama – in seinem Buch „Die einzige Weltmacht“: „Ein halbes Jahrtausend lang haben europäische und asiatische Völker in dem Ringen um die regionale Vorherrschaft und dem Streben nach Weltmacht die Weltgeschichte bestimmt. Nun gibt dort eine nichteurasische Macht den Ton an – und der Fortbestand der globalen Vormachtstellung Amerikas hängt unmittelbar davon ab, wie lange und wie effektiv es sich in Eurasien behaupten kann.“

Der US-Alptraum einer multipolaren Welt wird wahr

Der US-Geheimdienststudie zufolge ist die Zeit gekommen, in der dieser Einfluss wieder verschwindet. Es wird demnach eine multipolare Welt geben. Die Supermacht USA, so sieht der Bericht voraus, werde angesichts der Konkurrenz aufstrebender Staaten wie China oder Indien künftig nur „einer von vielen wichtigen Akteuren auf der Weltbühne sein.“ Ungeschminkt heißt es in dem rund 120-seitigen Bericht: „Das internationale System, wie es nach dem Zweiten Weltkrieg konstruiert wurde, wird 2025 nicht wieder zu erkennen sein.“

Es werde einen historischen Transfer von Wohlstand und wirtschaftlicher Macht vom Westen in den Osten geben, die eurasischen Schwellenländer Indien und China, sowie ein wiedervereinigtes Korea würden Vorreiter einer wirtschaftspolitischen Neuordnung sein, der Abstand zwischen Industrie- und Entwicklungsländern werde sich verringern. Diese drei Länder - wie auch Brasilien und ein nicht korruptes Russland – könnten eigene Prioritäten setzen. China werde 2025 zweitgrößte Volkswirtschaft und führende Militärmacht sein. Aus dem islamischen Lager würden es Indonesien und die Türkei in die erste Liga schaffen.

Sogar das Klima arbeitet für die Konkurrenz: Die Zukunftsforscher erwarten, dass Russland und Kanada als Gewinner aus dem Klimawandel hervorgehen: Die Erderwärmung werde die landwirtschaftlich nutzbare Saison dort verlängern und den Zugang zu Ölvorkommen erleichtern.

Barack Obama soll es richten

„Amerika stehen umfassende Veränderungen bevor. Treibende Kraft wird aber nicht der künftige Präsident sein - sondern ein dramatischer Bedeutungsverlust des Landes“, so hieß es nach dem Erscheinen der Geheimdienststudie in der „Financial Times Deutschland“, FTD. Die Analyse der FTD kam zu folgenden Schlüssen: Barack Obama hat seinen Wahlkampf auf zwei Versprechen gegründet: ‚Change’ und ‚Yes, we can’, Wandel und Zuversicht. Doch je mehr sich die Konturen seiner Regierung herausschälen, desto mehr verblassen die Hoffnungen auf einen Wandel in der Politik. Der gewählte US-Präsident heuert die alte Garde aus der Clinton-Zeit an, und er folgt verstaubten Rezepten, um eine tote Branche wie die Automobilindustrie zu retten.“

Das verheißt nichts Gutes. Die FTD konstatiert: „Ein Programm für ein neues Amerika ist nicht erkennbar.“ Die USA seien auf den Sturm, der begonnen habe, kaum vorbereitet, weder wirtschaftlich noch politisch, erst recht nicht kulturell.

Die Finanzkrise halte den Amerikanern vor Augen, wie sehr sie in den vergangenen Jahren den Bogen überspannt haben. „Sie gingen sorglos mit dem Geld um, das reichlich aus dem Rest der Welt floss, trotz niedriger Zinsen und einem entwerteten Dollar. Sie verließen sich darauf, dass Immobilienpreise immer steigen und so auf ewig den Konsum finanzieren, der die heimische Wirtschaft stützt. Sie gingen fest davon aus, dass die Länder der Welt ihre besten Talente stets in die USA schicken, wo sie Forschung und Wirtschaft zu Spitzenleistungen treiben. Sie glaubten daran, dass die amerikanischen Streitkräfte jeden Job militärisch erfolgreich ausführen können, gleichgültig, was es an Leben und Geld kostet. Sie beharrten darauf, globale Fragen einseitig nach eigenen Interessen entscheiden zu können.“

Globalisierungsverlierer Amerika

Obama hat mit dem üblichen Selbstbewusstsein eines Vertreters der unverzichtbaren Nation „die Antwort vor die Frage gestellt“, so Joachim Zepelin in der FTD. „Doch statt ‚Yes, we can’ zählt die Frage: ‚How can we?’ Die USA sind durch ihre Sonderrolle besonders schlecht auf die Globalisierung und eine Verschiebung der Gewichte vorbereitet. Ihre Industrieprodukte lassen sich kaum auf dem Weltmarkt verkaufen, weil die Qualität der Autos, Werkzeuge und Maschinen nicht mehr dem Stand der Technik entspricht.“

Und so geht es im Kommentar der FTD weiter: „Mit der schwindenden Rolle des Dollars werden Kapitalzuflüsse austrocknen, was die gigantische Schuldenmaschine zu einem Folterinstrument für die Volkswirtschaft macht. Erst recht wird die implodierte Finanzbranche kaum noch in alter Weise zu Wachstum und Wohlstand beitragen. Auf diese Weise wird für die USA schleichend die Sonderdividende verschwinden, die aus ihrer einzigartigen Weltmachtrolle resultierte.“

Das Problem Obamas sei, dass ihm nach acht verlorenen Bush-Jahren und einer als Brandbeschleuniger wirkenden Wirtschaftskrise nur wenig Zeit bleibe, um Wirtschaft und Gesellschaft nachhaltig umzubauen. Der Change finde längst statt. Die Frage sei, ob Obama ihn noch beeinflussen kann.

Die Sterne verglühen, der Traum ist aus

Vor einigen Jahren erschienen noch Bücher mit dem Titel „Weltmacht Amerika – das neue Rom“. Aber die Pax Amerikana verlöscht. Auch wenn hierzulande noch viele sind, die es nicht wahrhaben wollen. „Amerika wird nicht fallen“ rufen sie gebetsmühlenartig, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Besonders eifrig trieb es der Vorstandsvorsitzende der Springer AG, des größten deutschen Pressekonglomerats: „Messias Obama“, begrüßte er den neu gewählten US-Präsidenten. Er werde in der Welt empfangen wie ein Heilsbringer. Dabei sah der Schreiber nicht weit über den Horizont, denn die Welt ist groß. Er meinte: „Vor allem in Deutschland. Man ist frisch verliebt in das neue, das andere, das gute Amerika. Obamerika eben.“ Die neue transatlantische Umarmung stelle eine historische Chance dar.

Ein „Mühlstein am Hals“ wäre vielleicht die treffendere Metapher. Die Deutsche Bank hat die Aktien der größten Automobilfabrik der Welt, General Motors, auf Null gesetzt. Der französische Historiker und Anthropologe Emanuel Todd, setzte das gesamte Country auf Null. „Weltmacht USA: Ein Nachruf“ ist der Titel seiner Streitschrift.

George W. Bush war der letzte selbsternannte US-Weltsheriff. Die Wahrheit lautet: die Sterne verglühen. Der Traum ist aus.

*

Siehe dazu den Beitrag „Weltwirtschaft im Dollarsumpf  in EM 11-07 mit vielen Verweisen: http://www.eurasischesmagazin.de/archiv/ausgabe.asp?ausgabe=11-07

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