„Die fremde Freundin“ von Katy GardnerGELESEN

„Die fremde Freundin“ von Katy Gardner

Droemer Knaur, Munchen 2002, 320 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 3-4261-9591-7

Von Rotraut Carrasco

 
Katy Gardner - Die fremde Freundin  

EM - Das Buch beginnt mit einer Art Feuerritual, bei dem ein Mensch verbrennt. Das Ende wird damit fast vorweg genommen. Eine Erklärung für dieses makabre Schauspiel erhält der Leser nicht. Sicher ist damit jedoch, daß etwas Schreckliches passieren wird auf der Indien-Reise der Freundinnen Gemma und Esther, von der das Buch erzählt. Esther - die Erzählerin – deutet an, daß sie Schuld am Tod Ihrer Freundin trägt und daß die Reise alles in ihrem Leben verändert hat. Eine wirklich spannende Geschichte.

Die zwei Frauen, die seit der Kindheit befreundet sind, reisen als Rucksack-Touristen durch Indien. Sie scheuen sich nicht, in den dunkelsten Abstiegen zu übernachten oder sich auf mysteriöse Bekanntschaften einzulassen. Der Leser wartet förmlich darauf, daß den Frauen bald etwas zustößt. Man nimmt starken Anteil am Geschehen, da alles sehr eindringlich geschildert wird - die Ankunft am Flughafen Delhi und der Streß durch die vielen Einheimischen, die ihnen Hotelkärtchen oder Taxis andrehen wollen; der Gestank nach Abgasen und das Verkehrschaos und Gewusel der Autos, Rikschas und Fußgänger; das schmuddelige Pensionszimmer und die von Esther belächelten „billigen Pauschaltouristen“, die von Hotelbussen durch die Stadt kutschiert werden. Ihr ging es „ums Reisen, verstehen Sie, nicht um Tourismus; diese Unterscheidung war mir damals ungeheuer wichtig“. Auch die Reisestrapazen, die unerträgliche Hitze und immer wieder der Schlafmangel sind sehr nachvollziehbar beschrieben.

Aber je länger der Indien-Aufenthalt andauert, desto mehr entfremden sich die Freundinnen voneinander. Zwischen Esther und Gemma bauen sich unüberwindbare Spannungen auf. Sogar Esther, die egozentrische Lebefrau spürt, daß sich ihre Reisegefährtin von ihr distanziert. Als die beiden Coral, eine Hippiefrau aus Australien kennenlernen, fühlt Esther sich zunehmend ausgegrenzt. Die zwischenmenschlichen Dissonanzen sorgen für eine beklemmende Stimmung, die vor der Kulisse des unheimlichen und fremden Landes noch verstärkt werden.

Gemma ist pummelig, hat lila getönte Haare, ist unvorteilhaft geschminkt und kommt aus zerrütteten Familienverhältnissen. Es zeigt sich, daß sie jahrelang darunter litt, im Schatten ihrer Freundin zu stehen. Esther wird sich ihrer Fehler zunehmend bewußter und reflektiert beim Erzählen ihr eigenes egoistisches, teilweise überhebliches und wenig einfühlsames Verhalten von damals.

Von Anfang an handelt das Buch von marternden Schuldgefühlen, wahrer Freundschaft und tiefem Neid. Es geht darum, im Leben seinen eigenen Weg zu finden, sich dafür zur Not von alten Bindungen zu lösen. Und: Es geht darum, die Schuld für das eigene Unglück nicht mehr bei anderen zu suchen. Eine Erklärung für die dramatischen Ereignisse der Indienreise findet Esther erst ganz zum Schluß der Geschichte. Ihre Erleichterung und ihre Wut, die sie dabei spürt, empfindet man als Leser beinahe körperlich mit.

Ein fesselnder Roman mit überraschenden Wendungen bis zu seinem Ende in den Bergen der nordindischen Stadt Manali. Selbst Gelegenheitsleser werden das Buch über diese unheimliche und spannende Reise durch Indien, auf den Spuren des Egos, schon nach wenigen Seiten nicht mehr weglegen wollen.

Indien Rezension

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