Die frühen Bewohner Asiens waren EuropäerEURASIEN

Die frühen Bewohner Asiens waren Europäer

Die frühen Bewohner Asiens waren Europäer

Die Siedlungsgeschichte Eurasiens steckt voller Überraschungen. Große Teile des westlichen Asiens und Zentralasiens waren bis zum Auftreten der Hunnen von einer europiden Bevölkerung besiedelt. Erst zu Beginn des Frühmittelalters ändert sich die ethnische Zusammensetzung der Menschen in diesem Gebiet. Hermann Parzinger, Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts erklärt im Gespräch mit dem EURASISCHEN MAGAZIN, wie die Wellen vieler Völkerschaften aus den Steppen Sibiriens das Gesicht Eurasiens geprägt haben.

Von Hans Wagner

Prof. Dr. Hermann Parzinger  
Prof. Dr. Hermann Parzinger  

E urasisches Magazin: Herr Professor Parzinger, Sie haben in den vergangenen Jahren sensationelle Goldschätze aus Gräbern im ehemaligen Siedlungsgebiet der Skythen im Länderviereck von China, Russland, der Mongolei und Kasachstan ausgegraben. Jetzt ist es Ihnen gelungen, aus einem Grab im mongolischen Permafrostboden den kompletten, mumifizierten Leichnam eines skythischen Kriegers zu bergen. (Siehe EM 12-06 „Der Krieger aus dem mongolischen Eisgrab“). Was bedeutet dieser Fund für Sie und für die Forschung?

Hermann Parzinger: Es war kein kompletter mumifizierter Leichnam, sondern eine Teilmumifizierung.  Darüber sind die Anthropologen sehr froh, weil man an Knochen andere Untersuchungen durchführen kann, als am mumifizierten Körper – und umgekehrt. Insofern ist das für die Wissenschaft ein idealer Zustand, ein Körper der teilweise mumifiziert ist und bei dem teilweise die ursprünglichen Knochen noch erhalten sind.

EM: Ist dies das Besondere an diesem Grab und seinem Inhalt?

Parzinger: Ja, aber es kommt noch mehr hinzu. Neben dem teilmumifizierten Körper ist das gesamte Inventar in diesem Grab erhalten geblieben. Das heißt Bekleidung, Holzreste und so weiter, die normalerweise nie erhalten bleiben. Das Grab vermittelt uns eine lebensechte Vorstellung von der Welt der damaligen Reiternomaden. Das ist besonders faszinierend, denn meistens finden wir nur Knochen, ein bisschen Keramik und Metallgegenstände. Wir wissen zwar in aller Regel, dass diese Gräber ursprünglich auch andere Dinge enthalten hatten, aber wenn man sie dann sieht, ist es natürlich doch viel eindrucksvoller.

Die Fotos sind dem Buch „Die frühen Völker Eurasiens“ entnommen und wurden uns freundlicherweise vom Verlag C.H. Beck zur Veröffentlichung überlassen.

Die Kurgane der Steppe bergen noch viele Geheimnisse

EM: Ort der Bestattung war ein so genannter Kurgan. Was versteht man darunter?

Parzinger: Man weiß nicht genau, wo das Wort herstammt, vermutlich kommt es aus dem Alttürkischen. Es ist die Bezeichnung für Grabhügel in der eurasischen Steppe, unter denen sich Gräber befinden. 

EM: Der Krieger, den Sie vor laufenden Fernsehkameras im Altaigebirge ausgegraben haben, war blond – ist das überraschend bei einem Mann, der vermutlich Skythe war?

Parzinger: Es ist keinesfalls überraschend. Zwar gibt es immer die Möglichkeit, dass es sich um eine Verfärbung handelt, dadurch, dass bestimmte Pigmente wie Melanin usw. ausgewaschen wurden. Das wird noch eingehend untersucht. Aber die Anthropologen sagen schon jetzt, dass der Mann eben blonde Haare hatte. Dazu muss man wissen, dass dieser Teil Asiens, in dem wir das Grab gefunden haben, zur damaligen Zeit, vor zweieinhalb Tausend Jahren von einer europiden Bevölkerung besiedelt war. Die Skythen und verwandte reiternomadische Gruppen gehörten zu einer europiden Bevölkerung. Insofern ist das gar nichts Ungewöhnliches. Wir hatten auch bei früheren Ausgrabungen schon Hinweise auf blonde Menschen entdeckt.

EM: Kann es dennoch sein, dass der Reiter gar kein Angehöriger des Volkes der Skythen war?

Parzinger: Ich habe nie behauptet, dass er ein Skythe war. Das wurde in den Medien verkürzt und nicht korrekt wiedergegeben. Der Skythenbegriff ist nur anzuwenden auf den Raum, für den ihn Herodot überliefert hat, also für das Schwarzmeergebiet. Für die Völker weiter im Osten werden eine Menge anderer Bezeichnungen verwendet wie Sauromaten, Arimaspen, Issedonen. Darüber, wozu diese Stämme oder Völker gehören, haben wir keine genauen Überlieferungen. Was Herodot dazu schreibt, ist oft sehr mythisch. Mit diesen legendenhaften Überlieferungen lassen sich die Fundregionen nicht mehr wirklich bestimmen. Damit ist  Archäologie nicht in Einklang zu bringen.

Der Begriff „Skythe“ bezeichnet eine große Stammesfamilie

EM: Was bedeutet das für die Funde, die außerhalb des Schwarzmeergebietes gemacht wurden und werden?

Parzinger: Wir wissen, dass es sich auch im Länderviereck von Russland, China, Kasachstan und der Mongolei um Reiternomaden handelt, die eine ganz ähnliche Lebensform hatten wie die Skythen, ähnliche religiöse Vorstellungen, die auch eine weitgehend gleichartige Tracht trugen und wahrscheinlich auch eine ziemlich ähnliche Sprache gesprochen haben. Aber wir können nicht sagen, dass es sich bei den Menschen in diesen weiten eurasischen Steppen um ein gemeinsames Volk gehandelt hat. Wenn man den Begriff Skythe so anwendet, dann ist es ein Sammelbegriff wie Germane. Da wissen wir auch, dass sich Germanen eben aus wer weiß wie vielen Stämmen zusammen setzten und nicht ein großes Volk waren. Deshalb bezeichnen wir die Funde im Altai als zugehörig zur Pazyryk-Kultur. Die dort bestatteten Toten waren sicher mit den Skythen verwandt und lebten auch zu ihrer Zeit, aber es waren nicht die gleichen Menschen, die im Schwarzmeerraum ansässig waren.

EM: Die Skythen waren Steppenreiter. Das Grab lag aber im Altaigebirge. Was könnten die Menschen im Gebirge gesucht haben?

Parzinger: Das hat mit der Lebensform der damaligen Bevölkerung zu tun. Sie ist teilweise heute noch anzutreffen. Es sind – obwohl das Territorium mongolisch ist – vor allem Kasachen, die dort mit ihren Herden ziehen. Vom Frühjahr bis zum Herbst leben sie mit ihrem Vieh unten in den Flusstälern. Zur Sommerweide ziehen sie dann hinauf in die Berge. Und während es unten in den heißen Monaten trocken und teilweise wüstenähnlich wird, findet man droben eine blühende Steppenlandschaft vor. Für Viehzucht ist das ideal. Es ist eine Art Almwirtschaft, wie sie wahrscheinlich seit Jahrtausenden betrieben wird. Und wenn dann jemand dort oben gestorben ist, dann hat man ihn auch da begraben.

Grabfunde erzählen Siedlungsgeschichte

  Zur Person: Hermann Parzinger
  Hermann Parzinger wurde am 12. März 1959 in München geboren. Von 1979-85 studierte er Vor- und Frühgeschichte (Hauptfach), Mittelalterliche Geschichte und Provinzialrömische Archäologie (Nebenfächer) an der Ludwig-Maximilians-Universität München und an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken. 1982 Studienaufenthalt an der Universität Ljubljana und am Archäologischen Institut der Slowenischen Akademie der Wissenschaften. 
1984 Erlangung des Magister Artium an der Universität München. 1985 Promotion zum Dr. phil. an der Universität München.

1985-86 Reisestipendium des Deutschen Archäologischen Instituts mit Aufenthalten in Spanien, Marokko, Algerien, Tunesien, Ägypten, Sudan, Jordanien, Israel, Syrien, Türkei, Bulgarien, Rumänien, Jugoslawien, Griechenland und Italien. 1986-90 Hochschulassistent am Institut für Vor- und Frühgeschichte der Universität München.

1991 Abschluss des Habilitationsverfahrens und Ernennung zum Privatdozenten an der Universität München. Thema der Habilitationsschrift: „Studien zur Chronologie und Kulturgeschichte der Jungstein-, Kupfer- und Frühbronzezeit zwischen Karpaten und Mittlerem Taurus“.

1990-94 Zweiter Direktor der Römisch-Germanischen Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts in Frankfurt/Main. Während dieser Zeit Ausgrabungsprojekte zur Eisenzeit in Nordspanien (Bureba), sowie zum Neo- und Äneolithikum in Türkisch-Thrakien (Kirklareli).

1995-2003 Erster Direktor der Eurasien-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts in Berlin. 1996 Ernennung zum Honorarprofessor für Vor- und Frühgeschichte (Prähistorische Archäologie) an der Freien Universität Berlin. 1997-99 Gesamtleitung des von der VW-Stiftung geförderten und zusammen mit dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum und der Bergakademie-TU Freiberg durchgeführten Forschungsprojektes „Das Zinn der Bronzezeit in Zentralasien“ mit Ausgrabungen in Uzbekistan (Karnab, Kyzylkum) und Tadzikistan (Musiston).

Seit 1995 Leitung von Ausgrabungsprojekten in Türkisch-Thrakien, in der Russischen Föderation, u. a. in Arzan in Tuva und Cica in Westsibirien, in Kazachstan (Bajkara) und in Iran (Arisman bei Kashan).

Seit 2003 ist Prof. Dr. Parzinger Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts.

EM: Sagen die pelzbesetzten Stiefel, der kunstvoll gefertigte Halsreif und der prächtige Pelzmantel etwas über die Herkunft des Mannes aus – über die Beziehungen der Völker und Menschen im damaligen Eurasien?

Parzinger: Solche Utensilien sind in Gräbern normalerweise nicht enthalten. In diesem Fall haben sie aber unter den besonderen Umständen überdauert. Dennoch kann man allein daraus noch nicht viel schließen über Beziehungen mit anderen Völkern. Es gab allerdings in den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts Ausgrabungen im russischen Teil des Altaigebirges, die eine noch reichere Ausstattung bewahrt hatten. Dort fand man Bekleidung aus seidenen Stoffen. Daraus kann man etwas über die Beziehungen nach China schließen. Für unseren Fund auf mongolischem Territorium an der Südflanke des Altais können wir konkret sagen, dass Gegenstände und Bekleidung vollkommen übereinstimmen mit Funden aus der gleichen Zeit auf russischem Territorium an der Nordflanke des Altais. Es gab also über dieses ganze riesige Gebiet hinweg eine zusammenhängende Kultur. Man bezeichnet sie als Pazyryk-Kultur.

EM: Zu dieser Kultur gehören auch die Skythen?

Parzinger: Ja, dieser Kultur gehören die Skythen an, sie haben diese Kultur sogar ganz wesentlich geprägt. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass man in Sinkiang im heutigen Nordwestchina Trockenmumien im Wüstensand gefunden hat, die auch dieser Kultur angehören. Sie weisen eine identische Bekleidung auf, zu den im Altai bestatteten Toten. Diese Bekleidung kann man als eine Tracht bezeichnen, die genau wie in unseren Breiten zur Identifikation bestimmter ethnischer Gruppen diente. Sie kann eine solche Identifikation viel stärker ausdrücken als irgendwelche Keramik, die ja eingeführt worden sein konnte. Man sieht daran, wie weitreichend die Beziehungen der Menschen damals im eurasischen Raum bereits waren und welche riesigen Gebiete der Pazyryk-Kultur zuzurechnen sind.

Kurgane im chinesischen Wüstensand bergen große, blonde, bärtige Menschen

EM: Die im Wüstensand Nordchinas gefundenen Mumien waren entsprechenden Berichten zufolge auch in Kurganen bestattet, bärtig groß und blond. Deshalb wurden diese Funde von den chinesischen Behörden lange verschwiegen. Weshalb eigentlich?

Parzinger: Weil es sich eben auch um europide Menschen gehandelt hat, was nicht so ganz in das Weltbild der herrschenden chinesischen Klasse gepasst hat. Bei uns wurde auch viel Unsinn darüber geschrieben. Man behauptete beispielsweise, das seien Menschen gewesen, die schon vor zweieinhalb Jahrtausenden nach Osten gewandert wären. Es ist genau umgekehrt, auch wenn das für uns heute Lebende nur noch schwer vorstellbar sein mag. Damals waren große Teile des westlichen Asiens und Zentralasiens von einer europiden Bevölkerung besiedelt. Erst zu Beginn des Frühmittelalters mit dem Auftreten der Hunnen und dann der Alttürken ändert sich die ethnische Zusammensetzung dieser zentralasiatischen Bevölkerung völlig. Das ist bis in unsere Zeit hinein so geblieben. Heute lebt dort eine überwiegend mongolische Bevölkerung.

EM: Man hat den Mann, den Sie im letzten Sommer ausgegraben haben bei seinem Begräbnis vor zweieinhalb Tausend Jahren in voller Montur, mit Grabbeigaben und seinem Pferd zusammen bestattet. Ist dies das übliche Ritual in der Pazyryk-Kultur oder bei den Skythen gewesen?

Parzinger: Das ist das übliche Ritual, das verbindet auch die Pazyryk-Kultur mit den Skythen und den Siedlungsbereichen anderer Stämme. Dieses Ritual war in der gesamten eurasischen Steppenregion mit der einen oder anderen Abwandlung üblich. Der Mann in dem von uns freigelegten Grab war ein Krieger der gehobenen Mittelschicht. Bei diesen Reiterkriegern war es ganz normal, dass das Pferd mit bestattet wird und dass er mit seiner gesamten Bekleidung und Ausrüstung ins Grab gelegt wird. Das deutet darauf hin, dass die Vorstellung bestand, ein Krieger müsse gerüstet sein, wenn er das Reich des Jenseits betritt und sein Status müsse erkennbar sein.

Die Skythen des 1. Jahrtausends v. Chr. waren die ersten Reiternomaden

EM: Andere Reitervölker, wie Hunnen, Mongolen und Magyaren sind aus ihrer asiatischen Urheimat bis in die Gefilde Mitteleuropas vorgeprescht und haben ihre Spuren in vielen historischen Berichten hinterlassen. Über die Skythen und einige andere zu dieser Zeit die Steppe bevölkernden Reiterkrieger schrieb zwar zu ihren Lebzeiten vor zweieinhalbtausend Jahren der griechische Geschichtsschreiber Herodot,  aber danach sind sie in Vergessenheit geraten. Erst durch ihre goldgefüllten Gräber haben sie in unserer Zeit wieder Aufmerksamkeit gefunden. Wird man den Skythen und ihren Zeitgenossen gerecht, wenn man sie nur wegen ihrer Goldschmiedekunst beachtet?

Parzinger: Nein, ganz sicher nicht. Die Skythen sind später in ihrem Siedlungsraum von den Sarmaten überfremdet worden, nachdem diese in den Schwarzmeerraum eingedrungen waren und diesen erobert hatten. Sie haben danach allerdings noch lange Zeit unter sarmatischer Oberherrschaft weiterexistiert, ehe sie in der neuen Kultur langsam aufgegangen sind. Römische Geschichtsschreiber haben die Sarmaten noch lange als Skythen bezeichnet. Die historische Bedeutung der Skythen erschöpft sich auch keineswegs mit ihren goldreichen Gräbern, solche haben auch die Sarmaten hinterlassen, sondern es sind noch ganz andere Faktoren für ihre Bedeutung maßgebend.

EM: Welche anderen Faktoren sind das?

Parzinger: Die Skythen des ersten Jahrtausends vor Christus waren die frühesten aller Reiternomaden. Sie haben mit dieser Lebensform die nach ihnen kommenden Reiterheere beeinflusst, waren sozusagen ihr Vorbild. Vor der Skythenzeit gab es auch in der Steppe vor allem  Siedlungen. Mit den Skythen kam der Aufbruch, das völlig neue Nomadenleben auf dem Pferd und in Jurten. Damit verbunden waren auch neue Kunstformen, die Tierstilkunst, das Gold und die Monumentalität. Es gibt mit dem Auftreten der Skythen plötzlich eine unglaubliche soziale Differenzierung. Die riesigen Grabhügel und die reichen, sagenhaften Goldschätze zeigen, dass sich bei den Skythen eine Oberschicht herausbildet. Das hat es in den ganzen vorherigen Kulturen der Steppe nicht gegeben. Das macht die Skythen und die mit ihnen verwandten Stämme und Völker der Pazyryk-Kultur in der ganzen historischen Entwicklung von der Steinzeit bis ins Mittelalter zu einer ganz besonderen historisch herausragenden Erscheinung.

Amazonen bei den Steppenreitern?  – die Legende lebt

EM: Hunnen, Mongolen und Magyaren waren demnach eher so etwas wie Nachahmer oder Nachfolger dieser großartigen skythisch geprägten Pazyryk-Kultur?

Parzinger: Ja, es sind Nachfolger dieser Kultur und sie haben bezeichnenderweise nicht mehr diese großen, prunkvollen Gräber für ihre Oberschicht. Dafür waren sie zur Gründung von Reichen in der Lage, was die Skythen noch nicht vermochten. Die Mongolen, obwohl auch Reiternomaden, hatten mit Karakorum sogar eine Hauptstadt.  

EM: Sind Sie bei Ihren Ausgrabungen schon einmal auf Anhaltspunkte dafür gestoßen, dass es unter den Skythenfrauen sogenannte Amazonen gegeben hat?

Parzinger: Es gibt zwar den Amazonenmythos, aber den darf man nicht so ernst nehmen. Sicher ist es vorgekommen, dass Frauen das Lager der Jurten verteidigt haben, wenn die Männer alle zum Kampf unterwegs waren oder neue Weidegründe gesucht haben. Es wurden auch Frauen mit männlicher Bewaffnung in den Eiskurganen des Altais gefunden. In anderen Regionen der skythischen Welt, in der Steppe, sind solche Funde ebenfalls gemacht worden. Aber es gab keine archäologischen Belege für Amazonenheere – das ist eine Ausschmückung der Geschichtsschreibung.

EM:  Ist die sagenhafte Amazonenkönigin Tomyris also auch Legende? Sie soll skythisch gewesen sein und mit ihren Kämpferinnen entscheidend an der Niederlage eines Perserheeres im sechsten Jahrhundert v. Chr. beteiligt gewesen sein. Gibt es dafür keine Belege?

Parzinger: Nein. Man kann wohl von einer Legende ausgehen.

Umweltverschmutzung war schon vor Jahrtausenden ein Problem

EM: Welche neuen Erkenntnisse können die Toten aus den Gräbern im Permafrostboden liefern? Kurz vor Weihnachten wurde bekannt, dass der Sensationsfund aus dem mongolischen Eisgrab an der Uniklinik Göttingen untersucht wird. Prof. Michael Schultz und sein Team wollen ihn paläopathologisch und anthropologisch untersuchen. Was verspricht man sich davon?

Parzinger: In der Paläopathologie geht es darum, etwas über das Krankheitsbild, beziehungsweise den Gesundheitszustand des Verstorbenen zu erfahren. Wie war er ernährt, gab es eine Mangelversorgung, was kann man daraus schließen und woran ist er möglicherweise gestorben? Und die anthropologische Untersuchung soll etwas über die genetischen Verbindungen aussagen, über Verwandtschaftsbeziehungen regional, aber auch im überregionalen Bereich. Er wird nach allen Regeln der Kunst untersucht werden, und wir sind gespannt, welche Geheimnisse er vielleicht preisgibt.

EM: Können wir heute lebenden Menschen durch die Untersuchung der im Eis konservierten Toten auch etwas über uns selbst und unsere eigene Kultur erfahren?

Parzinger: Über uns heute Lebende direkt können wir kaum etwas erfahren, aber wir können sicher eine Menge lernen. Aus diesen und ähnlichen Untersuchungen wissen wir zum Beispiel, dass es auch damals schon Umweltverschmutzungen im beträchtlichen Ausmaß gegeben hat und dass sie sich natürlich gesundheitlich ausgewirkt haben. Wir können außerdem die Ergebnisse der Untersuchungen mit heute lebenden Nomaden in Beziehung setzen und feststellen, welche Übereinstimmungen oder Unterschiede es gibt. Nomaden haben das Problem, dass sie relativ einseitig ernährt sind, mit Fleisch, Milch und Milchprodukten, und kaum über Gemüse, Getreide und Früchte verfügen. Das kann zu Mangelerscheinungen führen. Wenn wir die Ergebnisse von unserem neuen Fund aus dem Eis mit Befunden von anderen Nomaden oder auch von heute lebenden Menschen vergleichen, sehen wir vielleicht ob es ähnliche Erscheinungen schon immer gegeben hat oder ob sie neueren Datums sind.

Bei den Reiternomaden finden wir eine sehr ausgeprägte Religiosität

EM: Wie religiös waren die in den Steppen bestatteten Menschen vor 2.500 Jahren?

Parzinger: Sie müssen sehr religiös gewesen sein. Das können wir daraus schließen, welchen Aufwand sie bei ihren Totenritualen betrieben haben. Zumindest der Bereich, der mit einem Leben nach dem Tod zusammenhing, muss für diese Menschen von zentraler Bedeutung gewesen sein. Wie bereits erwähnt haben sie deshalb die Toten mit allen Standesmerkmalen, mit Pferd und Waffen beerdigt.

EM: Kann man auch sagen, welcher Religion sie anhingen, welcher damals bereits bekannten Richtung?

Parzinger: Nein, darüber kann man aus archäologischer Sicht kaum etwas sagen. Dass es schamanistische Bräuche gegeben hat, dass es sich um eine Naturreligion gehandelt hat und dass der Kult um die Toten eine zentrale Rolle gespielt hat, das sind die wenigen Merkmale, die man annehmen kann. Herodot beschreibt bei den Skythen im nördlichen Schwarzmeerraum zwar auch Götter, denen er eigene Namen gab. Aber diese ähneln stark den bei den Griechen üblichen Göttern. Daher lässt sich nicht sagen, wie sehr sich hier schon griechische Einflüsse bemerkbar machen und was wirklich noch ursprünglich skythisch ist.

Die ersten Steppenreiter sprachen Persisch

EM: Welche Sprache haben die Skythen und ihre Zeitgenossen in der Pazyryk-Kultur gesprochen?

Parzinger: Aufgrund von Namen, die uns überliefert sind – Schriftzeugnisse haben die Skythen ja nicht hinterlassen – kann man ziemlich sicher davon ausgehen, dass es eine iranische Sprachgruppe war, der sie angehörten. Sie haben also eine indogermanische Sprache gesprochen.

EM: Damit gehören sie wohl zu den Völkerschaften, die damals auch Persien besiedelt haben und schließlich bis nach Indien vorgedrungen sind.

Parzinger:  Ja, die Steppenvölker sind damals in Wellen nach Süden in diesen Raum vorgerückt. Auch die Perser kamen aus den Steppen und sind über Mittelasien in das iranische Hochland eingewandert.

EM: Sie haben neben einem Buch über die Skythen auch ein über 1.000 Seiten umfassendes Werk über die frühen Völker Eurasiens verfasst, das vor wenigen Monaten erschienen ist. Welches Ziel haben Sie sich mit dieser Arbeit gesetzt?

Parzinger: In diesem Buch wollte ich die Entwicklung dieses riesigen Raumes und seiner Kultur begreifbar machen. Und zwar in einem Durchgang vom Neolithikum aus, der Jungsteinzeit, bis ins Mittelalter. Also vom Beginn des Sesshaftwerdens und des Ackerbaus bis zum Auftreten der Türken, die schließlich die ethnischen Verhältnisse völlig veränderten. In der Folge sind dann aus diesen Ethnien Turkstaaten entstanden, die wir bis heute kennen, wie zum Beispiel Baschkiren, Kasachen, Kirgisen und so weiter.

Sibirien wurde vor allem von deutschen Gelehrten erforscht und beschrieben

EM: Sie stellen in diesem umfangreichen Buch aber sicher nicht ohne Grund auch die naturräumliche Entwicklung besonders heraus. Weshalb legen Sie so großen Wert gerade darauf?

Parzinger: Weil die kulturelle Entwicklung und die menschliche Besiedlung von der Beschreibung und Untersuchung dieser riesigen Räume nicht zu trennen sind. Sie sind abhängig davon. Sibirien gliedert sich in Steppe, Waldsteppe, Taiga und Tundra. Ich versuche darzustellen, welche Entwicklungsmöglichkeiten diese Räume den Menschen über die Jahrtausende geboten haben, wie sie darauf reagiert haben. Außerdem will ich zeigen, welche Einflüsse von Griechen und Römern über den Schwarzmeerraum auf Eurasien wirksam geworden sind. Aber auch wie der Vordere Orient und China hineingewirkt haben. 

EM: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sibirien einst vor allem von deutschen Wissenschaftlern wie Simon Pallas etc. erforscht und beschrieben wurde. Woher rührt die Faszination der Deutschen für Sibirien?

Parzinger: Diese Faszination ist tatsächlich bemerkenswert. Neben Pallas waren es zum Beispiel noch Gmelin, Messerschmitt, Müller, Steller. Sie kamen vor allem in der Zeit Peters des Großen nach Sibirien. Das lag sicher auch an der damaligen Aufbruchstimmung, die der Zar verbreitet hat. Durch ihn wurde die Petersburger Akademie der Wissenschaften gegründet. Davon wurden Universalgelehrte aus Deutschland besonders angezogen. Aber zum Beispiel auch Skandinavier wie etwa Vitus Bering, nach dem die Beringstraße benannt ist. Die Erforschung und Erschließung Sibiriens hatte starke wirtschaftliche Gründe, denn damals waren schon Informationen über die reichen Erzvorkommen in den unerschlossenen Weiten bekannt geworden.

„Ich bin dem Reiz Sibiriens selbst erlegen“

EM: Die Faszination scheint aber immer noch anzuhalten. Der russische Schriftsteller, Kolumnist und Betreiber der bekannten Russendisko in Berlin, Wladimir Kaminer, sagte kürzlich bei einer Fernsehdiskussion, es gäbe kein Land auf der Welt mit so vielen deutschen Touristen wie Sibirien. Die Deutschen hätten mehr Bücher über Sibirien geschrieben als der gesamte russische Schriftstellerverband. Kaminer spricht sogar scherzhaft von einem nahezu krankhaften Interesse der Deutschen an Sibirien – woher kommt das?

Parzinger: Ich habe selbst schon darüber nachgedacht. Rational kann man das gar nicht begründen. Es muss etwas mit dieser unendlichen Weite zu tun haben, die im Grunde ja bis an den Pazifik geht und über Alaska sogar bis zum amerikanischen Kontinent reicht. Außerdem gibt es in Deutschland trotz der schweren geschichtlichen Belastung schon sehr lange ein besonderes Interesse an Russland und umgekehrt, das sich auch kaum rational erklären lässt. Dazu kommt möglicherweise die Erinnerung an die großen Gefangenenlager nach dem Zweiten Weltkrieg, an das Land ohne Wiederkehr, wodurch die Faszination noch zusätzlich gesteigert wurde. Eine wirkliche Erklärung habe ich nicht. Ich bin dem Reiz Sibiriens ja auch selbst erlegen. Ich hätte damals, als ich die Eurasien-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts übernommen habe, genauso gut auch in anderen Gegenden forschen können. Aber Sibirien hat was. Dort ist so vieles entstanden, sind so viele Völker hergekommen, die in Wellen auch immer wieder den Westen erreicht haben. Vielleicht ist das die Erklärung.

Ausstellung über die „reiternomadische Welt in ihrer gesamten eurasischen Dimension“

EM: Wann werden nun die vielen Schätze, die Sie in den eurasischen Weiten gehoben haben, für das breite Publikum erlebbar und was wird man zu sehen bekommen – etwa auch den so genannten Mongolen-Ötzi, den Sie im Sommer als Eismumie ausgegraben haben?

Parzinger: Nein, der jüngste Grabfund wird nicht ausgestellt. Er ist wie gesagt nur teilmumifiziert und lässt sich nicht entsprechend präsentieren.

EM: Wird dieser Krieger aus der Mongolei tief gefroren aufbewahrt?

Parzinger: Nein, das ist nicht erforderlich, er hat ja nicht im Eis gelegen, sondern auf dem Eis. Der Leichnam ist gefriergetrocknet und dadurch haltbar. Den brauchen wir nicht einmal zu kühlen, er muss nur trocken aufbewahrt werden.

EM: Welche Schätze werden der Öffentlichkeit präsentiert? Im kommenden Jahr sollen ja die grandiosen Goldfunde aus dem südsibirischen Arzan – das berühmte Skythengold – ausgestellt werden, das Sie vor fünf Jahren ausgegraben haben. Gibt es dafür schon Termine und was wird man zu sehen bekommen?

Parzinger: Es werden in der Tat die Funde aus Arzan zu sehen sein, die uns 2001 gelungen sind. Wir eröffnen im Juli eine große Skythenausstellung in Berlin, die dann im Oktober auch nach München kommt und Anfang nächsten Jahres in Hamburg zu sehen sein wird. Dabei werden aber nicht nur die Ergebnisse unserer Grabungen gezeigt, sondern wir wollen die faszinierende, von den Skythen maßgeblich geprägte reiternomadische Welt in ihrer gesamten eurasischen Dimension darstellen.

EM: Herr Professor Parzinger, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.

*

(Siehe dazu EM 12-06 „Der Krieger aus dem mongolischen Eisgrab“).

Von Prof. Hermann Parzinger ist auch ein Band über die Skythen erschienen:
„DIE SKYTHEN“ von Hermann Parzinger, C.H. Beck, 2004, 128 Seiten, ISBN 3-4065-0842-1, 7,90 Euro.

Lesen Sie dazu auch in unserer Reihe „Eurasien historisch“:
EM 03-05 DIE HUNNEN
EM 01-04 DIE SKYTHEN
EM 07-03 DIE PERSER
EM 03-03 DIE MONGOLEN
EM 11-03 DIE OSMANEN

AKTUELLER TIPP: Berlin 06.07 bis 01.10.: Ausstellung „Im Zeichen des Goldenen Greifen. Königsgräber der Skythen“ – Infos hier
Podcast zur Ausstelung: www.skythen-podcast.de

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