„Die frühen Völker Eurasiens – vom Neolithikum bis zum Mittelalter“ von Hermann ParzingerGELESEN

„Die frühen Völker Eurasiens – vom Neolithikum bis zum Mittelalter“ von Hermann Parzinger

Gründlicher und umfassender wurde über Eurasien noch nie berichtet – jedenfalls was den östlichen Teil betrifft, das Gebiet zwischen Ural und Pazifik. Hermann Parzinger, der Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) hat akribisch auf über 1000 Seiten die frühe Siedlungsgeschichte dieses riesigen Raumes dargestellt.

Von Hans Wagner

„Die frühen Völker Eurasiens – vom Neolithikum bis zum Mittelalter“ von Hermann Parzinger  
„Die frühen Völker Eurasiens – vom Neolithikum bis zum Mittelalter“ von Hermann Parzinger  

D er Autor hat einleitend selbst die Begründung dafür gegeben, warum die Beschäftigung mit der Geschichte der Völker in den eurasischen Weiten so wichtig ist: Es sei die „Erkenntnis, dass das, was vor Jahrtausenden im Gebiet zwischen Ural und Pazifik entstand und wieder verging, eine entscheidende Bedeutung für die frühe Geschichte der alten Welt insgesamt besitzt und damit auch fester Bestandteil eines gemeinsamen kulturellen Erbes ist.“

Damit hat Hermann Parzinger Eurasien quasi neu entdeckt, als Schicksalsraum für uns alle, die wir zwischen Atlantik und Pazifik, zwischen dem Nordmeer und dem afrikanischen Kontinent leben. Vieles von dem, was uns ausmacht, hat irgendwo in den riesigen Weiten des eurasischen Ostens begonnen.

Zwei Zäsuren begrenzen die großen Wellen der eurasischen Entwicklung

Der Chef des DAI hat seine Mammutarbeit klar gegliedert: „Die Übersicht beginnt mit dem Neolithikum und endet mit dem Übergang zum Mittelalter, sie wird also von zwei tiefgreifenden historischen Zäsuren begrenzt. Mit dem Neolithikum, das in Nordasien weitgehend noch nicht mit wirklicher Sesshaftigkeit und produzierendem Wirtschaften einherging, setzt der Prozess der Regionalisierung Nordasiens auf für uns sichtbare Weise ein; er bleibt die gesamte Vor- und Frühgeschichte hindurch prägend. Im Frühmittelalter wiederum hatte sich schließlich jene ethnische Gliederung des Raumes zwischen Ural und Pazifik herausgebildet, die teilweise bis heute fortlebt.“

Hermann Parzinger hat mit diesen „Zäsuren“ die großen Wellen der eurasischen Entwicklung eingegrenzt, die den gesamten Großkontinent geprägt haben. Vor dem Neolithikum hat es noch keine wirklichen Völker gegeben, die ihren Einfluss hätten geltend machen können. Nach Beginn des Mittelalters, mit der Heraufkunft der Turkvölker und der von ihnen gebildeten Staaten im dem beschriebenen Raum, haben die großen Entwicklungen ein Ende gefunden. Seither hat sich das Gesicht der Völker Eurasiens in seinem Ostteil nicht mehr wesentlich verändert.

Eine faszinierende Forschungsgeschichte vor allem von deutschen Gelehrten

Das Buch beginnt einleitend mit der naturräumlichen Gliederung und der faszinierenden Forschungsgeschichte des eurasischen Raums, die im 18. Jahrhundert begonnen hat und vor allem von deutschen Gelehrten betrieben wurde. Daran schließt sich der Hauptteil an, der die Entwicklung vom Neolithikum bis zum Mittelalter zum Inhalt hat.

Die einzelnen Abschnitte dieses Hauptteils sind im Prinzip in stets gleicher Weise aufgegliedert. Im Neolithikum wird das Nördliche Mittelasien noch in Isim-Ebene, Chorezm und Aralsee-Gebiet, Kyzylkum und Zeravsan-Tal aufgeteilt. Später ändern sich einige Einteilungen, je nach den Ergebnissen der Funde. Zum Beispiel werden dann „Zentral- Kazachstan, Ost-Kazachstan“ behandelt. Ähnliche Variationen gibt es auch in den anderen großen Naturräumen.

Die Gliederung des Buches folgt den Naturräumen des östlichen Eurasiens

Zum Beispiel hier das Neolithikum. Die Gliederung in Naturräume zieht sich durch alle Zeitabschnitte bis zur jüngeren Eisenzeit und dem Beginn des frühen Mittelalters.

Westsibirien
Südöstliches und Östliches Ural-Vorland
Mittleres und Unteres Ob-Gebiet
Mittleres Irtys- und Baraba-Tiefland
Oberes Ob-Gebiet

Mittel- und Ostsibirien
Altai und Tuva
Mittleres Enisej-Gebiet
Vorbajkalien
Transbajkalien
Jakutien
Amur-Gebiet
Primor’e

Nördliches Mittelasien
Isim-Ebene
Chorezm und Aralsee-Gebiet
(Zentrakazachstan, Ostkazachstan)
Kyzylkum und Zeravsan-Tal

Dazu kommen jeweils „zusammenfassende Betrachtungen“ mit Chronologie und Kulturgeschichte, sowie Ausblicke auf „Nachbarregionen und Kulturkontakte“.

Es schließt sich am Ende ein Kapitel an über „Grundzüge der Vor- und Frühgeschichte Nordasiens“, womit das gesamte östliche Eurasien gemeint ist, das riesige Gebiet zwischen Ural und Pazifik und zwischen den Südlichen Randgebirgen und dem Nordmeer.

Das Buch enthält fast 300 Abbildungen (Zeichnungen) und farbige Bildtafeln. Dazu kommen drei Klapptafeln, die einen Überblick über Epochen und Kulturen geben:

Tafel I    „Vom „frühesten Neolithikum zum Äneolithikum“.
Tafel II  „Von der Frühbronzezeit zur Spätbronzezeit“
Tafel III „Von der ältesten Eisenzeit zum Frühmittelalter“

Im Anhang gibt es ein umfangreiches Literaturverzeichnis, ein Namens- und ein Ortsregister. Was schmerzlich fehlt, ist ein Sachregister. Durch diesen Mangel ist es zum Beispiel gerade nicht möglich, die „Frühen Völker Eurasiens“ auf ihrem Gang durch die Epochen jederzeit aufzufinden, weder die Skythen noch die Sarmaten oder andere Steppenreiter. Bei den Skythen kann man sich noch dadurch behelfen, dass man unter Herodot nachschlägt, dem griechischen Geschichtsschreiber, dem wir fast alle schriftlichen Zeugnisse über dieses erste Reitervolk Eurasiens verdanken. Bei einer Neuauflage wäre es aber von Seiten des Verlages dringend geboten, durch ein Sachregister das über 1000 Seiten umfassende Werk als Lexikon der frühen Völker Eurasiens wirklich handhabbar zu machen.

Rezension zu: „Die frühen Völker Eurasiens – vom Neolithikum bis zum Mittelalter“ von Hermann Parzinger, C.H. Beck, 2006, 1044 Seiten, ISBN 3-4065-4961-6, 98,00 Euro.

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Lesen Sie dazu auch unser Interview mit dem Autor:  „Die frühen Bewohner Asiens waren Europäer“.

Geschichte Rezension

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