Die lange Reise nach TrulalaMOTORRAD-ABENTEUER

Die lange Reise nach Trulala

Die lange Reise nach Trulala

Die Anregung kam von Wladimir Kaminer, dem Gründer der Berliner Russendisko und Erfolgsautor. Er schrieb eine Geschichte über Trulala. Joseph Beuys soll dort im Krieg mit einem Flugzeug der Deutschen Luftwaffe notgelandet sein. Abgeschossen. Corinna und Joe aus Rheinland-Pfalz wollten es wissen und sattelten kurzerhand ihre Motorräder für eine Erkundungstour. Es wurde dann vor allem eine Reise zu Mutter Wolga, deren Lauf die beiden auf ihren Motorrädern 3.500 Kilometer weit folgten. Durch die sprichwörtlichen Höhen und Tiefen – und am Ende kommt auch Trulala vor.

Von Joe Dakar

W ie kommt man dazu, eine leicht satirische Romangeschichte als Grundlage für ein Reiseziel zu wählen? So genau können Corinna und ich das auch nicht beantworten, aber die Geschichte „Die Reise nach Trulala“ von Wladimir Kaminer war jedenfalls der Auslöser. Sie hat uns so zum Lachen gebracht, dass wir uns spontan dazu entschlossen, diesen Ort zu suchen. Ein Besuch bei Kaminer in Berlin hat uns in diesem Entschluss noch bestärkt und nach nur wenigen Wochen Vorplanung, die vornehmlich mit der Visabeschaffung und dem Aufrüsten der Maschinen ausgefüllt waren, ging es Anfang August 2006 los.

Laut Kaminers Geschichte liegt der Ort Trulala auf der Krim (Ukraine) und hat etwas mit dem Absturzort von Joseph Beuys im Zweiten Weltkrieg zu tun. Direkt auf die Krim zu fahren, war uns natürlich zu einfach, und so beschlossen wir auf unserer Tour zunächst einmal der Wolga zu folgen, von ihrer Quelle auf den Waldaihöhen zwischen Moskau und St. Petersburg bis zur Mündung ins Kaspische Meer. Sie ist mit über 3.500 Kilometer der längste Fluss Europas.

Auf unseren BMW-Motorrädern R 1200 GS Silver X und BMW R 1200 Adventure starten wir in Sinzig, Kreis Ahrweiler (Rheinland-Pfalz) und lassen Deutschland schnell hinter uns. In Polen kommt bereits Urlaubsstimmung auf dank der griffigen Straßen, der endlosen Alleen, saftigen Wiesen und dunkelgrünen Wälder. Nicht zuletzt auch wegen der freundlichen Verkehrsteilnehmer.  In der roten Abendsonne auf kleinen Nebenstraßen durch Masuren zu fahren, gehört zu den schönsten Motorraderlebnissen, die der Osten Europas zu bieten hat.

Nach dem ruhigen Masuren wirkt das alte Königsberg total hektisch

Das krasse Gegenteil zur Ruhe in Polen hält Kaliningrad, das ehemalige Königsberg, für uns parat. Erstaunlich schnell haben wir die Grenzhürden überwunden und schon stecken wir mitten im chaotischen russischen Verkehr. Unser Gastgeber Sergej, der schon bei der Wladiwostok Tour im Jahr 2003 ein phantastischer Gastgeber war, fährt in seinem Jeep voraus. Mitten durch die Stadt geht es auf Feldwegen, über Gehwege, tiefe Löcher und mehr als einmal zweifeln wir an der Wegführung. Irgendwann liegt die Stadt jedoch hinter uns, und wir bekommen als kleines Sahnehäubchen noch gut zehn Kilometer Geländespaß auf der Zufahrt zu Sergejs Haus geboten. „Eigentlich sollte hier längst eine Straße langführen“, sagt unser Gastgeber, „da die Stadt aber kein Geld ausgeben möchte, führt eben eine wilde Piste durch die Wälder.“

In Sergejs Haus werden wir liebevoll von seiner ganzen Familie in Empfang genommen, und seine Mutter gibt in den nächsten drei Tagen ihr ganzes kulinarisches Können zum Besten. Danach kommt eine ausgedehnte Stadtführung auf den Spuren unserer gemeinsamen Geschichte. Im ersten Museum gibt es gleich einen Disput zwischen Sergej und der Ticketverkäuferin: In Russland kennt man zwei Kartenpreise, einen für russische Steuerzahler (sehr günstig) und einen für Touristen (sehr teuer). Sergej kauft natürlich die günstigen Karten für uns. Als dies beim Kartenabreißen bemerkt wird, kommt es zu einer lautstarken Diskussion. Als Ergebnis müssen wir bei allen anderen Gedenkstätten und Museen den Mund halten, bis wir an den Kartenabreißern vorbei sind.

Litauen und Lettland sind die perfekte Einstimmung auf Russland

Wir haben noch viel vor uns und so verlassen wir Sergej und seine Familie nach drei Tagen und schwingen uns wieder auf die Maschinen. Über die Kurische Nehrung wollen wir Russland in Richtung Litauen verlassen, müssen aber zuerst noch 500 Rubel Straßenmaut für die russische Seite der Nehrung bezahlen. In Litauen haben wir dann noch mal zwei Euro für die Befahrung der oberen Hälfte der Nehrung zu entrichten, sind dafür aber innerhalb weniger Minuten durch die Grenzen.  Eigentlich wollen wir am langen Sandstrand der Nehrung zelten, dies ist aber leider strikt verboten, und so schummeln wir uns über die VIP-Spur an der Warteschlange der Fähre vorbei und dürfen ohne Ticket auf die startbereite Fähre.

 Litauen und Lettland sind eine perfekte Einstimmung auf Russland. Hier ticken die Uhren langsamer, und immer wieder hat man das Gefühl, dass man in die 50er Jahre zurück versetzt wird. Pferdefuhrwerke auf der Hauptstraße gehören ganz selbstverständlich dazu, Pferde und Kühe grasen auf den saftigen Wiesen und lassen sich auch von zwei Motorrädern nicht aus der Ruhe bringen. Bauern melken auf den Feldern ihr Vieh. Die Äcker werden mit Pferdegespannen bearbeitet, und auch die Ernte ist noch reine Handarbeit. Die Natur scheint unberührter und zufriedener als bei uns. Eine Ruhe liegt in der Luft, die sich schnell auf uns überträgt.

An einem kleinen Grenzübergang wechseln wir von Litauen nach Lettland. Für die gelangweilten Zöllner eine willkommene Abwechslung. Sie sammeln unsere Papiere ein und verschwinden in einem kleinen Häuschen. Eine Viertelstunde lang hören wir Stimmen und lautes Gelächter, dann bekommen wir unsere Papiere zurück und dürfen weiter. Sind die Bilder in unseren Pässen wirklich so komisch?

Endlich wieder eine fetzige Schotterpiste vom Feinsten

Der Abzweig nach Jekapils kurz hinter der Grenze lässt unsere Herzen höher schlagen: Schotterpiste vom Feinsten! Endlich können unsere 21 Zoll Vorderräder ihr ganzes Können zeigen. Der deutlich bessere Geradeauslauf der Räder lässt uns schnell übermütig werden, und erst nach einigen Drifts um die langgezogenen Kurven der Piste nehmen wir das Gas etwas zurück. Schließlich machen wir keinen Tagesausflug mit leichten Sportmaschinen, sondern sind auf einer großen Tour mit vollbeladenen Maschinen.

Die Grenzformalitäten für Russland sind schnell erledigt, allerdings hat der Versicherungsbeamte keine große Lust zu arbeiten. Als Ergebnis übernimmt er die Versicherungs- und Zolldaten aus unserer Einreise nach Kaliningrad, was für uns bedeutet, dass wir mitten in Russland unsere Zollpapiere und Versicherung verlängern müssen. Das kann lustig werden.

Die Kilometer bis Ostrov lassen wir gemütlich angehen - auf diesem Stück bin ich im Frühjahr schon einmal von der Polizei geblitzt worden. Die Vorsicht zahlt sich aus, diesmal tappen andere Verkehrsteilnehmer in die Falle der Polizei.

In Ostrov beziehen wir schon am frühen Nachmittag unser Zimmer in der einzigen Herberge der Stadt und wollen den Tag nutzen, um einen kleinen Reisebericht per Internet nach Hause zu schicken. Im Postamt steht auch ein PC zur Internetnutzung zur Verfügung, als jedoch nach einer Stunde die Startseite von Google noch immer nicht aufgebaut ist, geben wir auf. Vor dem Hotel spricht uns ein Offizier der Arme an. Er spricht ein paar Brocken Deutsch (von seiner Zeit als Grenzsoldat in der DDR) und lädt uns auf ein kleines Getränk ein. Aus dem einen Bier werden viele, und die Verständigung wird mit zunehmendem Alkoholpegel immer besser. Im letzten Licht der Abendsonne bekommen wir dann sogar noch eine Stadtführung und viele interessante Einblicke in die lokale Geschichte und Denkweise.

Nach Wolgowerchowe, dort wo Mutter Wolga entspringt

Die Wolgaquelle ruft, und so verlassen wir am nächsten Morgen die Hauptstraße M9 in Richtung Moskau und fahren in nördlicher Richtung weiter. Es herrscht praktisch kein Verkehr, und der meist griffige Asphalt macht die Fahrt durch die vielen vergessenen Dörfer, die endlosen Wälder und riesigen Felder zum reinen Vergnügen. Nur die Navigation ist nicht ganz einfach, da die Schreibweise der Ortsnamen oftmals leicht von der Schreibweise im Autoatlas abweicht.

Die Sonne steht schon recht tief, als wir das erste Mal die Wolga überqueren - wir sind also richtig. Dann sehen wir den ersten Wegweiser nach Wolgowerchowe, dem Quellort, und folgen ihm. Vor uns eine herrliche Piste! Schon stehen wir in den Rasten und lassen unsere Maschinen fliegen, die langen Staubfahnen hinter uns zeugen von unserem Vergnügen. In Wolgowerchowe angekommen verschwindet unser breites Grinsen jedoch gleich wieder aus unseren Gesichtern: Der Ort und die Zufahrt zur Quelle sind mit einer Schranke gesperrt. Nur zu Fuß darf man zum Ursprung der Wolga pilgern. Zu Fuß? Einer der Dorfbewohner lässt beim Hinausfahren die Schranke offen - perfekt, der Weg ist frei. Wir fahren bis zur Quelle und erfreuen uns an dem kühlen Nass. Von nun an wird die Wolga bis hinunter ans Kaspische Meer unsere Begleiterin sein.

Den Plan, der Wolga möglichst exakt zu folgen, müssen wir am nächsten Tag leicht ändern. In strömendem Regen landen wir auf einer Umleitung, die mit den schweren Maschinen und bei diesem Wetter einfach nicht zu befahren ist. So „klauen“ wir der Wolga ein paar Kilometer über die Hauptstraße und machen uns auf in Richtung Rybinsk, dem nördlichsten Punkt der Wolga. Wir verlassen die Hauptstraße und hangeln uns von Ort zu Ort. Kein Wegweiser zeigt uns die Richtung, und in fast jedem Dorf müssen wir den Kompass und den Straßenatlas zu Rate ziehen.

Nicht immer ist man in Russland dort, wo man zu sein glaubt

Die Region ist wunderschön verschlafen. Vor den Häusern in den Dörfern stehen Stühle, auf denen die Bewohner die Erzeugnisse aus ihren Gärten anbieten. Erdige Kartoffeln, frischen Dill, tiefrote Tomaten, duftende Zwiebeln, frische Milch und kleine Gurken stehen zur Auswahl. Dazwischen sitzen die Frauen unter einem Regenschirm, spielen die Kinder, die uns lachend zuwinken und versuchen, ein paar Meter neben uns her zu laufen. Gegen Abend erreichen wir eine große Stadt, die wir voller Überzeugung für Rybinsk halten. Leider sind praktisch alle Hotels ausgebucht, und wir müssen in einer Luxusherberge für viel Geld ein Zimmer nehmen. Dafür stehen die Maschinen sicher auf einem bewachten Parkplatz. Ein wenig wundern wir uns darüber, dass im Zimmer ein Prospekt der Stadt Yaroslavl liegt. Yaroslavl liegt etwa 100 Kilimeter südostwärts von Rybinsk und ist eines der Ziele für den nächsten Tag. Erst am anderen Morgen, als wir die Stadt verlassen, passieren wir ein Ortsausgangsschild und wissen, warum der Prospekt im Zimmer lag: Wir haben nicht in Rybinsk, sondern in Yaroslavl übernachtet. - Nicht immer ist man in Russland dort, wo man zu sein glaubt.

Wir nehmen unseren Plan wieder auf und folgen der Wolga auf kleinen Nebenstrecken und Pisten. Zwischendurch muss uns auch die Jugend in einem Dorf mit den richtigen Weg weisen, was die jungen Leute mit viel Begeisterung auch machen. Auf einer alten Maschine vom Typ „Ural“ fahren sie uns über die Piste voraus - mit wirklich mörderischem Tempo. Erst kurz vor Nischnij Nowgorod erreichen wir wieder die Hauptstraße, die uns weiter nach Kasan bringen soll. Dort müssen wir dann auch die Zollpapiere verlängern lassen.

In einer Kurve mit Überholverbot bei Nischnij Novgorod muss ich schmunzeln. 2003 wurden wir dort von einem Polizisten angehalten, der hier das Überholverbot überwachte, 2004 stand der Polizeiwagen an der gleichen Stelle und auch jetzt steht hier ein Polizeiwagen und kassiert fleißig ab. Manche Dinge scheinen sich in Russland wirklich nie zu ändern.

Motorradfreunde in Kasan lotsen durch die Fallstricke der russischen Bürokratie

Corinna ist frohen Mutes, als wir Kasan erreichen, mich drückt ein bisschen der Magen wegen der Zollpapiere. Zu gut kenne ich die Mühlen der russischen Bürokratie. Kaum vor dem Hotel angekommen hält auch schon ein Motorradfahrer neben uns. Er organisiert einen Dolmetscher, und wir erklären unser Problem. Kein Problem, wir werden abends um 20:00 am Hotel abgeholt. Fast der komplette Motorradclub „Freemen“ wartet auf uns. Unser Problem wird diskutiert, es wird telefoniert, neue Leute stoßen zu uns. Plötzlich lachen alle, und es folgt die Ansage: „Heute feiern wir, morgen lösen wir euer Problem“.

Lange sitzen wir zusammen, erfahren eine Menge über die Freemen-Biker, die allesamt zu den einflussreichsten Leuten in Kasan gehören und haben einen sehr lustigen Abend. Am nächsten Morgen geht es früh in ein kleines Büro in einem heruntergekommenen Haus. Maria, die Tochter eines der Biker, ist 16 und spricht fast perfekt Deutsch. Sie füllt endlose Papiere und Formulare für uns aus. Dann müssen wir weiter zur Versicherung. Wie zufällig ist die Chefin der Versicherung eine gute Freundin unseres Begleiters, und während wir mit Kaffee und türkischen Süßigkeiten verwöhnt werden, wird unsere Versicherung verlängert. Nach einem kurzen Spaziergang durch die Stadt fahren wir zusammen mit Zaur, einem weiteren Freemen-Biker, zum Zollamt. Dort kommen die Maschinen in den Park fermé, und wir sind zum Warten verdammt. Wir können nur ahnen, was Zaur in diesen vier Stunden vollbracht hat, aber am Ende des Tages halten wir alle Papiere in der Hand. Zum Abschluss werden wir beim Präsidenten der Freemen noch zum Essen eingeladen. Hoffentlich können wir uns für diese grenzenlose Gastfreundschaft irgendwann, irgendwie revanchieren.

In Kasan macht die Wolga, die inzwischen dank der vielen Zuflüsse und Staustufen die breite des Bodensees erreicht hat, einen Knick nach Süden. Langsam, aber merklich wird die Landschaft eintöniger. Die fruchtbaren Felder mit ihrer fast schwarzen, duftenden Erde weichen den Ausläufern der Kasachischen Steppe. Nur an den Zuflüssen der Wolga ist es noch saftig grün, und wir finden, teilweise mit Hilfe der Einheimischen, immer wieder wunderschöne, romantische Ecken zum Zelten. 

Eine schwere Entscheidung wirft für uns die Frage auf, ob wir am rechten Ufer der Hauptstraße folgen, oder auf das linke Ufer wechseln sollen, wo uns eine lange Piste erwartet. Wir sehen uns an, grinsen und wechseln auf die linke Seite. Wir lassen die Maschinen laufen, was dank der großen Vorderräder auch mit unserem Gepäck und den vollen Tanks kein Problem ist. Da praktisch alle Verkehrsteilnehmer die Hauptstraße nutzen, haben wir die Piste fast für uns alleine. Spaß pur!

Im ehemaligen Stalingrad brütet die Hitze

Kurz vor Wolgograd (dem ehemaligen Stalingrad) steht noch eine Fährüberfahrt über einen Seitenarm der Wolga an. Mitten in der Steppe stehen wir am Ufer und warten mit einigen LKW-Fahrern auf die Fähre. Es gibt zwar einen Fahrplan, den kennt aber keiner so genau. Wir sind umringt von den Wartenden, und die Aussage „Nje panimaju“ (wir verstehen nichts) hindert sie nicht daran, uns weiter mit Fragen zu bombardieren. Mit Händen und Füßen, unseren Straßenkarten und Zahlen, die wir auf einen Stein ritzen, verständigen wir uns. Als die Fähre kommt, haben wir einen Haufen neuer Freunde. Lachend verabschieden wir uns und werden bei jedem Überholmanöver mit wildem Hupen begrüßt. Erstaunlich zu was für Fahrmanövern und Verrenkungen die Menschen hier fähig sind, nur um ein schönes Foto von uns mit dem Handy machen zu können.

Schon bald sehen wir die Stadtsilhouette von Wolgograd am Horizont. Über 70 Kilometer erstreckt sich das ehemalige Stalingrad entlang der Wolga. Es ist drückend heiß, und wir legen einen Tag Pause ein. In Ruhe besichtigen wir die Wolgametropole und  die Gedenkstätte „Mutter Heimat“ mitten in der Stadt. Hier wird der Irrsinn eines Krieges mal wieder überdeutlich.

Frisch gestärkt verlassen wir anderntags Wolgograd und nehmen Kurs auf Astrachan. Diese letzte große Stadt am Wolgadelta ist die Kaviarhauptstadt Russlands und der Umschlagplatz für Öl und Gas. In der Steppe steigt die Temperatur nun auf gut 50 Grad, und wir beschließen, die 700 Kilometer bis Astrachan an einem Tag zu zurückzulegen. Schon die Vorstellung, bei dieser Hitze ein Zelt aufbauen zu müssen, treibt uns den Schweiß auf die Stirn.

Die wenigen Cafés am Straßenrand nutzen wir, um uns bei frischem Airan (Joghurtprodukt) mit Dill und Gurken und einem aserbaidschanischen Schaschlik zu stärken und zu erfrischen. Von der Hitze wie erschlagen werden wir an diesem Abend in Astrachan von einem Motorradfahrer angehalten. Er holt seine Freundin Olga als Dolmetscherin. Nach einigen Telefonaten ist eine Unterkunft für uns gefunden, und wir werden am nächsten Morgen zu einer Stadtführung eingeladen. Leider müssen wir erfahren, dass alle Straßen, die in das Wolgadelta führen, aus militärischen Gründen gesperrt sind. Die einzige Möglichkeit, der Wolga noch ein paar Kilometer in Richtung zum Kaspischen Meer zu folgen, ist eine Hauptstraße. Aber auch die zweigt 30 Kilometer vor dem Meer nach Westen ab. In Begleitung unserer Freunde fahren wir zur letzten für uns erreichbaren Stelle der Wolga und nehmen Abschied von Mutter Wolga, der Lebensader Russlands, der wir nun 3.500 Kilometer gefolgt sind.

Nun geht es auf nach Trulala

Nun wird es höchste Zeit, uns auf die Suche nach Trulala zu machen. Das heißt, wir donnern nun gen Westen und verlassen das grüne, fruchtbare Delta der Wolga. Bei der Durchquerung der Kalmückensteppe kämpfen wir weiter gegen die mörderische Hitze. Längst sind die blauen Seen des Wolgadeltas trockenen Salzseen gewichen. Die Straße verschwindet am flimmernden Horizont. Wir passieren einen Polizeiposten und werden angehalten. Etwas soll mit unserer Registrierung nicht stimmen. Ich werde in ein Büro gebeten, Corinna wird überhaupt nicht beachtet. Im Büro legen die Polizisten wortlos Handschellen auf den Tisch.  Ich werde mit Gefängnis bedroht. Wir haben genügend Registrierungen im Pass, es kann also überhaupt kein Problem geben, außerdem verstehe ich natürlich kein Wort. Der Polizist beugt sich zu mir herüber und sagt ganz deutlich: „ Dollar, Euro“. Da platzt mir der Kragen und ich brülle ihn auf Deutsch an. Es wirkt, ich bekomme unsere Papiere zurück und wir machen uns aus dem Staub.

Die Steppe liegt hinter uns, und der Nord-Kaukasus erfreut uns mit einer Landschaft, die sehr der Toskana ähnelt. Nur die vielen Ölbohrtürme lassen uns nicht vergessen, wo wir sind. Ein letzter Kampf mit einer russischen Stadtdurchfahrt steht an. Wie immer ohne Beschilderung fahren wir gut zwei Stunden - durch  wer weiß was…Irgendwann stehen wir dann leicht genervt wieder am Ausgangspunkt. Eher durch Zufall entdecken wir eine Umgehungsstraße, die natürlich auch nicht ausgeschildert ist. Aber schneller als gedacht erreichen wir die Grenze und Fähre zur Ukraine.

Auch hier versucht ein Polizist noch mal ein bisschen Geld rauszuschlagen, aber wir lassen ihn fast zwei Stunden am langen Arm verhungern. Als ich mein Handy raushole, einen russischen Namen nenne, die Wörter Polizeiministerium Moskau und Freund fallen lasse, ist der Zettel mit seinen Forderungen blitzschnell vom Tisch verschwunden und wir können die Pässe wieder in unsere Taschen stecken. Auch den Kampf um die Plätze auf der Fähre gewinnen wir, und sogar die eine Stunde dauernde Ignoranz der Zöllner in der Ukraine kann uns nicht mehr aufhalten: Trulala wir kommen!

Die Krim, das Mallorca des Ostens, begrüßt uns mit Kurven, Kurven, Kurven. Der wellige, schlechte, teilweise rutschige Asphalt ist wie geschaffen für uns und unsere Maschinen, und wir genießen den Kurventango bei wechselndem Blick auf die schroffen Berge und das türkisblaue Schwarze Meer. Das Sahnehäubchen: wir zelten direkt am Wasser und werden von unseren ukrainischen Zeltnachbarn auch gleich zum Abendessen eingeladen. Bald stellt sich heraus, dass die Ortsangaben für Trulala doch recht ungenau sind. Die Vorstellung, dass ein einfacher Blick auf die Karte genügt, um den Ort zu finden, entspricht leider nicht der Wirklichkeit.

Erst hinter Sewastopol finden wir mit Hilfe zweier Russlanddeutscher auf Urlaub eine alte Frau, die in einem vergilbten Schulheft fein säuberlich die Geschichte von Joseph Beuys notiert hat und uns den entscheidenden Hinweis geben kann. Schnell ist der beschriebene Ort gefunden, und wir haben das Ziel unserer Reise erreicht: „Trulala“.

Gemütlich machen wir uns bei schlechter werdendem Wetter auf die Heimfahrt durch die Ukraine und Polen, und immer mehr stellen wir fest, dass jeder sein „Trulala“ suchen und finden kann - ganz egal, wo es liegt und wie es zu erreichen ist.

*

Mehr über die beiden Motorrad-Abenteurer unter:
www.joedakar.com
www.cowrinna.de

Reise

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