„Die neuen Kriege“ von Herfried MunklerGELESEN

„Die neuen Kriege“ von Herfried Munkler

Rowohlt-Verlag, 6. Aufl., Reinbek 2003, 286 Seiten, ISBN 3-498-04487-7.

Von Hartmut Wagner

 
Herfried Münkler - Die neuen kriege  

EM – Zwischenstaatliche Kriege sind ein historisches Auslaufmodell, ist Herfried Münkler überzeugt. Zukünftig wird es überwiegend zu sogenannten Neuen Kriegen kommen. Diese verfügen über viele Charakteristika, die bereits für die Kriege der Condottiere und Landsknechte vor dem Westfälischen Frieden von 1648 kennzeichnend waren. Der Beschreibung dieser historischen Analogien räumt der Autor viel Raum ein. Die Neuen Kriege stellen sich somit wie die Wiederkehr der auf Söldnerheere zugeschnittenen Kriegsstrategie aus der Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) dar. Die in den zurückliegenden drei Jahrhunderten erfolgte Monopolisierung der Kriegsführung durch den Staat weicht in ihnen erneut der Befehlsgewalt einer Vielzahl von privaten Gewalt­unternehmern und Feldkommandanten. Die Kriege des 21. Jahrhunderts sind somit ein Rückfall in eine bereits überwunden geglaubte Entwicklungsstufe der Kriegsgeschichte, so die Prognose des Buches. Beispiele solcher Kriege finden sich in Afghanistan, Liberia, Tschetschenien und vielen afrikanischen Staaten.

Das Fehlen eines politischen Kriegsziels und die globalisierte Finanzierung kennzeichnet die Neuen Kriege

Was aber ist neu an den „Neuen Kriegen“? Münkler macht zwei wesentliche Unterscheidungsmerkmale gegenüber herkömmlichen Konflikten aus. Erstens ist zumindest einer der Hauptakteure kein Staat, sondern ein privater Gewaltunternehmer („Warlord“). Dessen Kriegsziele sind gewöhnlich rein privatwirtschaftlicher Art. Politische Beweggründe, wie die Gründung eines unabhängigen Staates sind Gewaltunternehmern fremd. Denn dann müßten sie politische Verantwortung übernehmen und ihre Allmacht durch die Mitsprache politischer Institutionen einschränken. Willkürliche Beutezüge, Entführungen oder kriminelle Geschäfte mit dem Ausland wären dann nicht mehr möglich: Der Frieden entzieht Gewaltunternehmern ihre Einkommensquellen.

Als zweites Charakteristikum der Neuen Kriege benennt der Autor ihre Finanzierung. Der Nachschub von Finanzmitteln und Kriegsmaterial wird durch den Zugang der Gewaltunternehmer zum Weltmarkt sichergestellt. Durch die Vergabe von Schürf- und Bohrrechten i n ihrem Machtbereich, mittels illegaler Drogen- und Waffengeschäfte oder auch durch Menschenhandel können die Kriegsökonomien am Laufen gehalten werden. Damit sind Söldnertruppen nicht mehr abhängig von der politischen und wirtschaftlichen Unterstützung von Drittstaaten, wie das für die „Stellvertreterkriege“ des Ost-West-Konflikts typisch war. Das Fehlen eines politischen Ziels und die globalisierte Finanzierung sorgen dafür, daß Neue Kriege sich verstetigen und endlos andauern.

„Interventionserfordernis“ des Westens

Ganz in Manier eines Bush-Kriegers fordert Münkler daher, der Westen müsse in Krisengebieten intervenieren – je früher desto besser. Ein Waffengang wäre natürlich als Ultima ratio zu handhaben. Die „Interventionserfordernis“ begründet der Politologe mit den folgenden Argumenten: Einerseits greifen Neue Kriege häufig auf angrenzende Staaten über. In einer globalisierten Welt sei der Zusammenbruch staatlicher Strukturen in einem Land nicht hinnehmbar, da sich die so entstehende Instabilität auf die Sicherheit aller Staaten auswirke. Andererseits verbinden sich die Kriegsökonomien der Konfliktparteien eng mit dem organisierten Verbrechen und unterwandern die Wirtschaftssysteme der Nachbarländer. Schließlich dürfe nicht zugelassen werden, daß Regierungen Präzedenzfälle einer Politik der „ethnischen Säuberungen“ schaffen, da diese dann von anderen Staatschefs übernommen würde. Münkler bemüht hier eine Art Neuauflage der Dominotheorie des Kalten Krieges. Ob ein solches militärisches Eingreifen – zumeist ist es ja militärisch – in ethnische Konflikte auch wirklich die Lösung des Problems liefert, darauf geht Münkler nicht ein. Die riesige Armeestärke der sogenannten Friedenstruppen auf dem Balkan und ihr teilweise fast zehnjähriger Einsatz ohne daß ein Ende absehbar wäre, läßt an der Konfliktlösungsfähigkeit solcher Interventionen des Westens erheblichen Zweifel aufkommen.

Menschrechtliche Argumentationen als Opium für das Volk

Immerhin räumt Münkler ein, daß die humanitäre Legitimierung eines militärischen Engagements – wie Menschenrechts-Kämpfer großflächige Bombardierungen von Staaten und Großstädten gerne verbrämen – meist nur vorgeschoben wird, um die Bevölkerung in Kriegsstimmung zu versetzen. Vielmehr stellten „ethnische Säuberungen“ ein Sicherheitsrisiko für benachbarte Staaten dar und seien „ein guter Grund“ von Außen einzugreifen. Der Kosovo-Krieg diente der Nato aus Sicht Münklers zuallererst dazu ein Exempel gegen Vertreibungen zu statuieren. „Die Entscheidung der Nato, im Kosovo [...] frühzeitig und massiv einzugreifen, war zunächst und vor allem der Versuch, das „Spielen der ethnischen Karte“ mit einem prinzipiellen Verbot zu belegen. Sicherlich sind bei der Entscheidung auch menschenrechtliche Argumentationen relevant gewesen – nicht zuletzt für die innergesellschaftlichen Debatten in den Interventionsstaaten, wo sie dazu dienten, das völkerrechtliche Nichteinmischungsgebot zu relativieren –, aber den Ausschlag dürften sie nicht gegeben haben.“

Arabien Rezension

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