Die türkisch-armenische Entspannungspolitik: Eine Beziehung mit strategischen Folgen?ZENTRALASIEN

Die türkisch-armenische Entspannungspolitik: Eine Beziehung mit strategischen Folgen?

In absehbarer Zeit ist zu erwarten, dass neben der Lösung der Atomfrage auch eine gemeinsame Zentralasienpolitik seitens der USA, Irans und der Türkei zu Stande kommen sollte.

Von Behrooz Abdolvand und Michael Liesener

Behrooz Abdolvand und Michael Liesener  
Behrooz Abdolvand und Michael Liesener  
  Zur Person: Behrooz Abdolvand
  Behrooz Abdolvand, Dr. rer. pol., geboren 1956 im Iran, arbeitet seit 1998 am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin als Dozent für internationale Beziehungen und Energiepolitik der Staaten der Greater-Middle-East-Region. Seit 2002 ist er Berater im Energiesektor.
  Zur Person: Michael Liesener
  Michael Liesener, Dipl. Pol., geboren 1982, arbeitet seit  2007  als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Forschungsstelle der Umweltpolitik am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin.

n ach einem Jahrhundert feindseliger Beziehungen unterzeichneten die Außenminister der Türkei und Armeniens – Ahmet Davutoglu und Edward Nalbandjan – am 10. Oktober 2009 in Zürich zwei Dokumente. Es sind dies das „Protokoll über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen“ und das „Protokoll über die Entwicklung der bilateralen Beziehungen“. Sie sind als ein bedeutender Zwischenschritt gedacht im Prozess, der zur Normalisierung des Verhältnisses zwischen beiden Ländern führen soll.

Dieses ist durch den umstrittenen Völkermord an den im Osmanischen Reich lebenden Armeniern in den Jahren 1915 und 1916 belastet. Damals sollen durch verschiedene Maßnahmen der regierenden türkischen Elite unterschiedlichen Schätzungen zufolge bis zu 1,5 Millionen Armenier zum Tode gekommen sein. In jüngerer Vergangenheit war es der Berg-Karabach Konflikt zwischen den Karabach-Armeniern und Aserbaidschan der negative Auswirkungen auf das bilaterale Verhältnis hatte. Er führte dazu, dass zwischen beiden Ländern seit 1993 keine Beziehungen auf diplomatischer Ebene bestanden und die Grenzen geschlossen blieben, obwohl die Türkei eines der ersten Länder war, welches die Unabhängigkeit Armeniens anerkannten.

Dem Schritt in Richtung einer gegenseitigen Annäherung ging der Verzicht Armeniens auf die internationale Anerkennung des Völkermordes voraus. Gleichzeitig wurden auch die Bedingungen der Türkei über die Lösung des Berg-Karabach-Konfliktes akzeptiert. Jerewan erklärte sich zusätzlich dazu bereit, die diplomatischen Beziehungen mit der Türkei ohne Vorbedingungen aufzunehmen. Zur Klärung der Völkermord-Frage soll in der Zukunft eine Gruppe von Historikern bestehend aus Fachleuten aus der Türkei und Armenien eingesetzt werden. Als Gegenleistung für die armenischen Zugeständnisse hat sich die Türkei verpflichtet seine Grenze zur Armenien zu öffnen und damit die „Blockade“ des Landes aufzuheben. Die Dokumente sollen nach ihrer Unterzeichnung noch durch die Parlamente beider Länder gebilligt werden.

Fußball-Diplomatie als außenpolitisches Hilfsmittel

Die Unterschift der Protokolle wurde durch eine Fußball-Diplomatie begleitet, wobei der armenische Präsident Sersch Sargissjan einen Besuch im Nachbarland absolvierte und dabei von seinem türkischen Amtskollegen Abdullah Gül empfangen wurde. Die Präsidenten wohnten danach gemeinsam dem WM-Qualifikationsspiel zwischen den Nationalmannschaften ihrer Länder bei. Durch dieses Ereignis wurde gleichzeitig auch die breite Öffentlichkeit behutsam mit den Annäherungsbemühungen konfrontiert.

Sowohl die Fußball-Diplomatie als auch die Unterzeichnung der Protokolle wurden in der Öffentlichkeit unterschiedlich aufgenommen. Einerseits kann in Teilen der intellektuellen Kreise eine positive Wahrnehmung festgestellt werden. So haben im Vorfeld der Unterzeichnung mehr als zweihundert türkische Intellektuelle in einem Internetaufruf wegen des Völkermordes an den Armeniern um Entschuldigung gebeten. Anderseits demonstrierten oppositionelle und nationalistische Kreise in Armenien und in der Türkei gegen die Verträge. Um die Komplikation in den Beziehungen beider Länder klarer verstehen zu können, sollte zuerst der historische Hintergrund beleuchtet werden.

Völkermord an den Armeniern, als chronisches Problem türkischer Außenpolitik

Weltweit gedenken Armenier jährlich am 24. April durch Demonstrationen des Völkermords der an ihrer Ethnie verübt wurde. Denn dies ist der Tag, der den organisierten Mord an Hunderttausenden ihrer Vorfahren eingeleitet hatte. Ein historisches Ereignis, das von den Armeniern als Genozid wahrgenommen wird, eine Auffassung, welche jedoch in der Türkei – vor allem in den nationalistischen Kreisen – nicht geteilt wird.

Am 24. April 1915 wurden in einer gut organisierten Operation mehrere tausend armenische Intellektuelle verhaftet. Dreihundert von ihnen wurden hingerichtet, die verbliebenen sind aus dem Land ausgewiesen worden. Einen Monat später begannen die osmanischen Truppen die im Osten des Osmanischen Reiches lebende armenische Bevölkerung massenweise in Richtung Syrien zu vertreiben. Die Operation dauerte zwei Jahre und in deren Verlauf sind, nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen sechshunderttausend bis 1,5 Millionen Armenier, entweder in Folge der Massaker durch die osmanische Armee oder auf Grund der Strapazen des Marsches gestorben. Diese Massenumsiedlung wurde seitens der osmanischen Offiziellen aufgrund der Unterstützung der russischen Truppen durch die Armenier gerechtfertigt.

Die Fakten im Lichte der historischen Forschung

Tatsächlich begannen sich im Vorfeld des Ersten Weltkrieges unter den zahlreichen Ethnien des Osmanischen Reiches nationalistische Selbstbestimmungsgefühle zu entwickeln. Die Armenier stellten dabei mit einer Bevölkerungszahl von etwa zwei Millionen Menschen, die zweitgrößte Minderheit des Reiches nach den Griechen dar. Ende des 19. Jahrhunderts führten Proteste armenischer Geschäftsleute und Bauern gegen die hohen Steuern und Abgaben zu Aufständen, welche durch das Osmanische Reich niedergeschlagen wurden. Von 1890 bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges kam es dann zu weiteren Aufständen der armenischen Minderheit, welche durch die zentrale Regierung mehrfach in blutigen Gemetzeln niedergeschlagen wurden. In dieser Zeit kann auch eine Organisierung der unterdrückten nationalistischen Armenier in terroristischen Gruppen festgestellt werden, welche sich durch zahlreiche gewaltsame Operationen gegen das Vorgehen des Sultans an ihrer Volksgruppe zur Wehr zusetzten versuchten.

Während des Ersten Weltkrieges (1914-18) unterstützten viele armenische Partisanenverbände und Freiwilligeneinheiten die zaristischen Truppen gegen das Osmanische Reich. Die Armenier betrachteten ihr Engagement als Befreiungskampf und erhofften sich als Gegenleistung für den Kampf an der Seite der Russen die Unterstützung des Zaren für die Gründung eines unabhängigen armenischen Staates. Das Osmanische Reich machte die armenischen Aufständischen für die Niederlagen der osmanischen Truppen zu Beginn des Krieges verantwortlich. Die armenischen Soldaten der osmanischen Armee wurden daraufhin aufgrund des bestehenden Misstrauens zuerst entwaffnet und überwiegend im Straßenbau eingesetzt, später kam es zu massenhaften Hinrichtungen derselben.

Obwohl es von der türkischen Seite geleugnet wird, können viele Beweise vorgebracht werden, dass in den Jahren 1915 und 1916 die Unterdrückung und Hinrichtungen der Armenier von oben organisiert durchgeführt worden. Einige dieser Dokumente sind Schriftstücke des Deutschen Kaiserreiches, das zum damaligen Zeitpunkt als Verbündeter des Osmanischen Reiches durch eigene Vertreter selbst im Land präsent war. Hierzu gehören zum Beispiel Aufzeichnungen des deutschen Diplomaten Johann Mordtmann, der in Konstantinopel diente. Er schrieb am 15. Juni 1916 folgendes: „Diese Morde kann man nicht mehr als militärische Notwendigkeiten rechtfertigen, sondern es handelt sich hierbei, so wie es mir Talat Pascha (der damalige Innenminister des Osmanischen Reiches) vor einigen Wochen sagte, um die Vernichtung der Armenier.“ Trotz solcher Beweisstücke bleibt die Frage des Völkermordes bis heute weiterhin bei vielen türkischen Historikern, in weiten Teilen der Bevölkerung  und vor allem unter dem politischen Establishment ein Tabu-Thema.

Warum die türkischen Eliten hartnäckig leugnen

1951 wurde von den Vereinten Nationen eine Konvention bezüglich des Völkermordes verabschiedet. In diesem Dokument wird Völkermord als ein Akt definiert, der zur Vernichtung eines Teiles oder der gesamten Volksgruppe führt. Für die meisten Historiker ist dabei der Völkermord an den Armeniern eine Tatsache. Sogar Farid Pascha, der letzte amtierende Kanzler des Osmanischen Reiches, hat im Jahr 1919 offen vom Völkermord an den Armeniern gesprochen. Auch Kemal Atatürk, der Gründer der Türkischen Republik, hat im Jahr 1920 den Mord an den Armeniern als „unverschämten Akt“ bezeichnet.

Die darauffolgenden türkischen Regierungen haben sich von einer solchen Rhetorik jedoch distanziert und den Völkermord abgestritten. Die Leugnung des Völkermordes kann zum Teil dadurch erklärt werden, dass große Teile des Offizierstabes, welche an den Gräueltaten an den Armeniern direkt oder indirekt beteiligt waren, in späteren Jahren auch am türkischen Befreiungskampf teilnahmen und im nationalen Gründungsprozess von Atatürk involviert waren. Somit wurden sie auch zum Teil der politisch-militärischen Elite der neuen Republik, womit das Erbe des Völkermordes tief in den Strukturen der heutigen Türkei und des türkischen Militärs verwurzelt ist.

Anerkennung des Völkermordes als Bestandteil armenischer Außenpolitik

Für das heutige Armenien stellt die internationale Anerkennung der Ereignisse der Jahre 1915/16 als die eines Völkermordes, eine Frage von nationaler Bedeutung dar. Der ehemalige armenische Außenminister Wartan Oskanian hat sich in einem Interview mit Deutscher Welle folgendermaßen geäußert: „Das Streben danach, dass andere Völker anerkennen, dass der Völkermord an den Armeniern geschah, ist Bestandteil armenischer Außenpolitik, es war so und es wird so bleiben. Wir haben jedoch nie behauptet, dass die Anerkennung des Völkermordes eine Bedingung für die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit der Türkei sei.“

Als Reaktion auf dieses Streben der Armenier und die tatenlose Duldung der Geschehnisse durch das Deutsche Kaiserreich als damaligem Verbündeten des Osmanischen Reiches, hat sich der  deutsche Bundestag im Jahr 2005 offiziell bei den Armeniern entschuldigt. Hierbei wurde insbesondere darauf verwiesen, dass nach dem Ende des Ersten Weltkrieges drei osmanische Minister, welche in die Organisierung des Völkermordes verwickelt waren und von den Alliierten zu Todesstrafen verurteilt wurden, in Berlin Zuflucht fanden und so ihrer Strafe entkommen konnten.

Bis jetzt fällt es jedoch offiziellen türkischen Stellen schwer die Ereignisse im Jahr 1915/16 als Völkermord anzuerkennen. So setzte die Türkei z.B. im Jahr 2001 als Reaktion darauf, dass das französische Parlament die Leugnung des Völkermordes an den Armeniern unter Strafe stellte, wirtschaftliche Sanktionen gegen das Land ein. Gleichzeitig lehnt die türkische Regierung bis heute die Beteiligung des französischen Energiekonzerns GDF an dem Nabucco-Projekt strikt ab.

Gründe für die diplomatische Annäherung

Ähnlich deutlich fiel die Reaktion der Türkei auf die Resolution des US-Kongresses bezüglich des Völkermordes an den Armeniern aus dem Jahr 2007 aus, als kurzerhand der türkische Botschafter in Washington abgezogen wurde. Trotz des Unbehagens der Türkei, hat das Europäische Parlament die Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern zu einer Bedingung für den Beitritt des Landes zur EU erklärt. Die EU bringt hierbei ausdrücklich zur Sprache: „Die türkische Regierung trägt die politische Verantwortung für die Ereignisse, die auf dem Grund und Boden dieses Staates geschahen.“

Es scheint so, dass die diplomatischen Annäherungsschritte zwischen der Türkei und Armenien die Folgen von zwei Entwicklungen sind. Einerseits hat die türkische Regierung in Folge des diplomatischen Druckes seitens Frankreichs, Deutschlands, der USA und der EU einen Vorstoß unternommen, der gegen eine weitere Isolation des Landes wirken soll. Anderseits motivieren geostrategische Engpässe und die stagnierende Entwicklung des Landes die armenische Regierung trotz bestehender Meinungsunterschiede bezüglich das Völkermordes und der Kritik seitens der Opposition im eigenen Land dazu, die Aufnahme der Beziehungen mit der Türkei anzustreben.

Geostrategischer Engpass und die Notwendigkeit des Ausbruchs

Es sind vor allem geostrategische Faktoren, welche hundert Jahre nach dem Völkermord dazu führen, dass sich die armenische Regierung nun um die Normalisierung der Beziehungen mit der Türkei bemüht. Armenien, ein kleines Land mit etwa drei Millionen Einwohnern, liegt im Kaukasus, eingezwängt zwischen vier Länder und besitzt keinen Zugang zum offenen Meer. Aserbaidschan im Westen, ist ein Land mit dem die Beziehungen seit dem Berg-Karabach-Konflikt in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts angespannt sind.

Mit der Türkei im Osten wurden bis vor kurzem aufgrund ihrer strategischen Beziehungen zu Aserbaidschan, keine Beziehungen unterhalten. Im Gegenteil, es herrschte mehr oder weniger offene Feindschaft wegen der Unterstützung des Gegners im Karabach-Konflikt. Aber natürlich war auch das bereits thematisierte historische Erbe ein fast unlösbares Problem.  

Im Norden liegt Georgien, ein Land mit dem die Beziehungen vor allem aufgrund der georgisch-russischen Feindseligkeiten, welche ihren letzten Tiefpunkt im Krieg zwischen beiden Ländern im letzten Jahr erreichten, und der armenisch-russischen Allianz negativ geprägt sind.

Die Chancen des südlichen Nachbarn Iran

Allein Iran, der südliche Nachbar, hatte mit Armenien seit der Unabhängigkeit gute nachbarschaftliche Beziehungen gepflegt. Das heutige Armenien war dabei im den früheren Jahrhunderten Teil des iranischen Hoheitsgebietes. Erst 1837 ist Armenien als Folge des Krieges zwischen dem Iran und dem zaristischen Russland von Iran getrennt worden.

Ein wichtiger Beweis für die Freundschaftlichkeit der Beziehungen beider Länder ist folgende Tatsache: Iran unterstützt Armenien sogar nach der Eroberung von Teilen Aserbaidschans weiterhin. Und das obwohl Aserbaidschan das einzige schiitisch geprägte Land neben dem Iran selbst ist.

Einen großen Einfluss auf die guten Beziehungen hatte allem voran der ehemaligen Präsidenten Aserbaidschans, Abulfas Elschibej, der durch seine Aussagen bezüglich der Gründung eines „Groß-Aserbaidschans“, das auch die nordwestlichen Teile Irans umfassen sollte und durch die Unterstützung der separatistischen Bewegung in diesem Teil Irans, für großes Unbehagen in Teheran sorgte. Als Reaktion auf diese Politik Aserbaidschans schlug sich Teheran auf die Seite Armeniens. Auch wenn man durchaus Bemühungen in der iranischen Außenpolitik erkennen kann, welche auf die Herstellung eines Gleichgewichtes zwischen Aserbaidschan und Armenien ausgerichtet sind, überwiegt bis jetzt die pro-armenische Politik. Diese äußert sich in den Investitionen zum Aufbau der Infrastruktur oder des Energiesektors und macht sich auch im militärischen Bereich bemerkbar.

Die Rolle Teherans in der Region wird gestärkt 

Der Krieg in Berg-Karabach führte dazu, dass Armenien physisch vom aserbaidschanischen und türkischen Markt getrennt und allein auf den iranischen und georgischen Markt verwiesen wurde. Nach dem jüngsten georgisch-russischen Krieg, haben sich die Beziehungen zwischen Georgien und Armenien verschlechtert, was zur weiteren Steigerung der armenischen Abhängigkeit von Iran führte. Zusätzlich sind die Meinungsunterschiede zwischen Iran und Aserbaidschan bezüglich des Grenzverlaufes im Kaspischen Meer, die Unterstützung separatistischer Kreise im Iran seitens Aserbaidschans und allem voran die militärtechnische Zusammenarbeit zwischen Aserbaidschan und den USA dafür verantwortlich, dass sich die Beziehungen zwischen Iran und Armenien so positiv gestalten. Die jüngsten Entwicklungen in den Beziehungen zwischen der Türkei und Armenien, haben gleichzeitig Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen Iran und Armenien und Iran und Aserbaidschan. Offenkundig wird dadurch die Rolle Irans in der Region gestärkt.

Entsprechend den Wünschen der türkischen Regierung soll der türkisch-armenische Freundschaftsvertrag eine Klausel enthalten, nach dem Armenien seine geographischen Grenzen definieren soll. Dies kann wiederum nur bedeuten, dass sich das Land verpflichtet seine Truppen aus dem Berg-Karabach Gebiet abzuziehen. Das Bestehen auf einer solchen Klausel erschwert jedoch die tatsächliche Normalisierung und führt dazu, dass die Verhandlungen nicht über eine Erklärung des guten Willens hinausgehen werden. Insgesamt stärken die Verhandlungen jedoch auch die Position Armeniens, in dem sie in mittelfristiger Perspektive eine Diversifizierung der einseitigen Abhängigkeit Armeniens von Iran und Russland bieten.

Das Streben der Türkei nach einer Verbesserung ihres Verhältnisses mit Armenien, scheint jedoch die Beziehungen Aserbaidschans mit der Türkei nachhaltig beeinträchtigt zu haben und der iranischen Außenpolitik ein neues Handlungsfeld zu bieten. Dies lässt wiederum darauf deuten, dass sich die Rolle der Islamischen Republik im Kaukasus und Zentralasien in der Zukunft weiter festigen wird. Inzwischen sind laute Protesterklärungen aus Baku zu hören, wodurch die Spannungen zwischen der Türkei und Aserbaidschan verschärft werden. Dies kam vor allem im Rahmen der Debatten bezüglich der energiepolitischen Zusammenarbeit mit der Türkei zum Vorschein.

Wohin der strategische Rohstoff Gas fließt

Ilham Alijev, der aserbaidschanische Präsident, hat Ende Oktober in einem Interview erklärt: „Die Türkei zahlt ein Drittel des internationalen Preises für unser Gas und verlangt aber die Erhöhung der Transitgebühren für das Gas, welche nach Europa fließt. Dieses Verhalten ist unlogisch und kein Land kann bereit sein, solche Bedingungen zu akzeptieren.“ Im Bezug auf das Nabucco-Projekt erwähnte er zusätzlich: „Solange die Türkei keine akzeptierbaren Vorschläge bezüglich der Transitgebühren vorlegt, wird es keine Zusagen für Gaslieferungen geben“. Er fuhr fort: „Während der letzten zwei Jahre haben wir uns bemüht solche Fragen basierend auf freundschaftlichen Beziehungen zu lösen, die Grenzen unserer Geduld sind in dieser Hinsicht jedoch erreicht worden und Aserbaidschan wird solche Vorstellungen der Türkei niemals akzeptieren können.“

Um die Ernsthaftigkeit seiner Aussagen zu untermauern hat Alijev erklärt, dass Aserbaidschan einen Gasliefervertrag mit Gazprom unterzeichnet hat, worin Gasexporte nach Russland zum Beginn des kommenden Jahres vorgesehen sind. Zusätzlich erklärte er, dass auch der Iran eine Alternative für das aserbaidschanische Gas darstellt. Als Beleg dafür erwähnte er die neusten Verträge zwischen dem Iran und Turkmenistan, wonach der Iran zusätzlich zu den bestehenden Gasimporten weitere zwanzig Milliarden Kubikmeter jährlich beziehen soll.

Strategische Folgen

Tatsächlich hat Russland aufgrund fehlender Nachfrage in Europa seit mehreren Monaten seine Gasimporte aus Turkmenistan eingestellt. Dies zwang Turkmenistan zur Aufnahmen der Verhandlungen über zusätzliche Gaslieferungen mit dem Iran. Parallel zu den Verhandlungen wurde auch die entsprechende Infrastruktur zwischen den beiden Ländern ausgebaut. Das Ergebnis der Verhandlungen ist die Steigerung der iranischen Gasimporte aus Turkmenistan um zwanzig Milliarden Kubikmeter jährlich, was den Gesamtimport Irans aus dem zentralasiatischen Land auf annähernd dreißig Milliarden Kubikmeter erhöht.

Gleichzeitig zu dieser Entwicklung wurde in den letzten Wochen eine Gaspipelineverbindung zwischen Turkmenistan und China fertiggestellt. Die Zentralasiatischen Länder haben somit ihre einseitige infrastrukturelle Abhängigkeit von Russland überwunden. Falls Iran in Folge der bereits begonnen Verhandlungen mit Aserbaidschan auch aserbaidschanisches Gas importieren sollte, würde somit auch die Möglichkeit geschaffen, die Isolation der kaukasischen Länder zu verringern.

Die Verhandlungsergebnisse über iranische Gaslieferungen an die Schweiz sehen vor, dass der Export iranischen Gases über das türkische Territorium nach Europa mittels der vorhandenen Infrastruktur ab dem kommenden Jahr erfolgen soll. Da der Iran momentan selber keine nennenswerten Exportkapazitäten besitzt, wird er bei potentiellen Lieferverpflichtungen in naher Zukunft auch auf importiertes Gas aus Turkmenistan und in der Zukunft möglicherweise auch aus Aserbaidschan zurückgreifen müssen. Der Iran kann dabei einerseits überschüssiges Gas re-exportieren, oder anderseits nur die Rolle eines Transitlandes übernehmen, so wie es auch in den neusten Verhandlungen mit der Türkei am 28. Oktober vereinbart wurde.

Im politischen Kalkül der türkischen Regierung würde dies eine vernünftige Alternative zur georgischen Exportroute darstellen, welche seit dem Ossetien-Krieg und der darauf folgenden Stärkung des russischen Einflusses auf das Geschehen in Georgien, unsicherer wurde. Diese Alternative stellt auch ein strategisches Interesse der US-Außenpolitik dar, die sich im Rahmen der laufenden Atom-Verhandlungen darum bemüht, die Beziehungen zum Iran wieder zu verbessern. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung ist daher in absehbarer Zeit zu erwarten, dass neben der Lösung der Atomfrage auch eine gemeinsame Zentralasienpolitik seitens der USA, Irans und der Türkei zu Stande kommen sollte.

Wie Russland seine Militärbasen aufrecht erhält

Im Bezug auf Aserbaidschan kann folgendes festgestellt werden. Zurzeit fühlt sich das Land von der Türkei im Stich gelassen. Die türkische Armenienpolitik, trägt jedoch mittel- und langfristig zur Verbesserung der Möglichkeiten für eine friedliche Lösung des Berg-Karabach-Konfliktes bei. Der Grund dafür liegt in den bereits vorhandenen militärischen Strukturen. Die militärische Präsenz Russlands in Armenien ist ein Garant für die territoriale Integrität das Landes und ermöglicht Russland neben Kaliningrad, Transnistrien, Abchasien, Ossetien und Tadschikistan, ein Netz von Militärbasen aufrechtzuerhalten, welches die Beaufsichtigung der äußeren Grenzen der ehemaligen Sowjetunion erlaubt und ein rasches Vordringen der westlichen Staaten in seine eigene Interessenssphäre verhindert.

Als willkommene Nebenwirkung wirkt sie auch gegen ein potentielles militärisches Eingreifen Aserbaidschans in Armenien zur einseitigen Lösung der Berg-Karabach Frage. Allein schon aus diesem Grund wird die symbiotische Beziehung zwischen Armenien und Russland kurzfristig nicht zu beseitigen sein. Gleichzeitig kann Russland aber gerade aufgrund seiner Beziehungen zu Armenien keinen strategischen Partner für Aserbaidschan darstellen. Aserbaidschan bleibt daher keine andere Wahl als seine Beziehungen zur Türkei und Iran zu intensivieren. Hierbei muss es darauf hoffen, dass es durch die Einflussnahme auf die Außenpolitiken beider Länder seine territoriale Integrität auf friedlichem Wege wieder herstellen kann.

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