„Die verwundete Stadt. Begegnungen in Bagdad“ von Jon Lee AndersonGELESEN

„Die verwundete Stadt. Begegnungen in Bagdad“ von Jon Lee Anderson

Bagdad kurz vor und nach dem Fall: In seiner literarischen Reportage schildert Jon Lee Anderson Alltag und Kriegsgeschehen in der „verwundeten Stadt“ durchwegs in Augenhöhe mit den direkt Betroffenen. Authentischeres über den Irak-Feldzug und seine Folgen wird man schwerlich finden.

Von Walter M. Weiss

„Die verwundete Stadt. Begegnungen in Bagdad“ von Jon Lee Anderson  
„Die verwundete Stadt. Begegnungen in Bagdad“ von Jon Lee Anderson  

S elbst der unsäglichste Schrecken erzeugt offenbar Routine: Als vor nun schon fast zweieinhalb Jahren die US-Armee mit überwältigenden Luftschlägen ihre Invasion in den Irak einleitete, verfolgte die Welt auf den Fernsehschirmen gebannt das diffuse Feuerwerk am Nachthimmel über Bagdad. Mittlerweile vergeht kaum ein Tag, an dem Nachrichtensender ihr Publikum nicht mit ungleich drastischeren Bildern aus dem Zweistromland bombardieren. Doch dessen Blut bleibt angesichts der gezeigten Höllen statt zu gefrieren, alles in allem nur seltsam kalt. Selbst Monstrositäten wie jenes Attentat, das kürzlich erst mehrere Dutzend um Bonbons bettelnde Kinder zerfetzte, werden vom Kurzzeitgedächtnis der Medienöffentlichkeit rasch entsorgt. Und auch die Symbolszenen von Saddams Denkmalsturz, den feixenden GIs in den Pools seiner zertrümmerten Paläste und den Massenplünderungen des Mobs versinken unweigerlich im Mahlstrom des News-Geschäfts, ebenso die ganze Vorgeschichte vom Irak-Iran-Krieg über den Einmarsch in Kuwait bis zum Katz-und-Maus-Spiel mit den Inspektoren der Vereinten Nationen.

Seit etlichen Jahren erhofft sich die deutsche Kritik, von Reich-Ranicki abwärts, vergeblich das definitive literarische Buch zum Fall der Mauer in Berlin. Zu einem weit jüngeren, aber ähnlich archetypischen Ereignis der Zeitgeschichte, dem Fall der Fünf-Millionen-Metropole am Tigris und einstigen Hauptstadt der arabischen Welt, liegt das Schlüsselwerk im englischen Original schon seit letztem Herbst, und nun auch auf Deutsch vor. „Die verwundete Stadt“ heißt der Erfahrungsbericht des Amerikaners Jon Lee Anderson, der als Einzelgänger und mit simplen Worten schafft, was den Heerscharen seiner „eingebetteten“, unter Aufsicht der Koalitionstruppen arbeitenden Kollegen mit ihren schußsicheren Westen und Kevlar-Helmen, High Tech-Kameras und Satelliten-Bildtelefonen naturgemäß mißlang: nämlich die Wirklichkeit des Krieges, die Lage der Iraker als Betroffene, so authentisch zu vermitteln, daß sie sich dauerhaft ins Gedächtnis gräbt.

Warten auf den Kriegsbeginn

Vom November 2002, ein halbes Jahr also vor Beginn der Militäroffensive, bis April 2004 hat Anderson, der schon viele Jahre die Leser des „New Yorker“ mit Berichten aus Krisengebieten rund um den Globus versorgt, für das renommierte US-Monatsmagazin regelmäßig seine „Letters from Baghdad“ verfaßt. Für das vorliegende Buch überarbeitete und ordnete er sie neu. Seine Chronik setzt mit den letzten Wochen der Ära Saddams ein. Zur Einstimmung in jene surreale Welt beschreibt er das schon damals berüchtigte Abu Ghraib-Gefängnis. Und zwar an dem Tag, als der irakische Präsident dessen Pforten in einem Akt politischen Irrsinns kurzerhand öffnen läßt, und aberhunderte Kriminelle entgeistert und verwahrlost in die Freiheit taumeln. In der Folge erlebt der Leser hautnah das gespenstische Warten auf den Kriegsbeginn, den Exodus des Korrespondentenkorps, den Furor der Bombennächte, schließlich das verwirrende Nebeneinander von Euphorie und Anarchie, die schleichende Eskalation der Gewalt. Einzelne Sequenzen, die „spontanen“ Loblieder und Loyalitätstänze der Regierungsclaqueure vor den TV-Kameras zum Beispiel, die behördlich verordneten Besichtigungen der Bombenkrater, die bizarren Pressekonferenzen des Schwadroneurs Said al-Sahaf im Informationsministerium oder die Massenhysterie, zu der die Suche nach einem angeblich abgeschossenen US-Piloten entlang dem Tigrisufer ausartet, rufen CNN-Bilder wach.

Doch viel fesselnder sind die ungewohnten Perspektiven von der Alltagsfront. Anderson recherchiert bevorzugt abseits des medialen Rampenlichts, gleichsam auf Straßenniveau. Er besitzt ein geschultes Auge für vielsagende Details und formuliert so beeindruckend schnörkellos wie genau. Ob er am Vorabend des Krieges ein Hauskonzert besucht, sich einer Rückenbehandlung unterzieht, um mit den Ärzten zu politisieren, oder an einem Gymnasium die Lehrer nach den Inhalten ihres Zeitgeschichte-Unterrichts befragt; ob er das „metallische Zischen der Marschflugkörper“ wenige Meter neben seinem Hotelbalkon, das „klagende Allahu Akbar“ der Betenden in der nahen Moschee, das „popcornähnliche Prasseln der explodierenden Munitionsdepots“ oder die „eintönige Lehmfarbe der heißen, staubigen Stadt“ beschreibt, durch die der Tigris „so ruhig dahinfließt wie Olivenöl“: Stets schafft er plastische, emotional faßbare Eindrücke.

Emotionen des hautnahen Erlebens gepaart mit professioneller Objektivität

Dem gegenwärtigen Geschehen verleiht Anderson mit Rückblenden zu Gilgamesch, Hammurabi und Imam Ali die unerläßliche Tiefendimension zum Verständnis des Landes und seiner über 5000jährigen Geschichte. Und indem er etwa US-Marines auf Streifenfahrt durch Falludscha begleitet, Ayatollahs im iranischen Exil interviewt oder den Märtyrerschrein von Nadschaf aufsucht, rückt er das heutige kulturell-politische Umfeld gebührlich mit in den Fokus. Wobei er trotz aller Objektivität des Profis seine Empfindungen durchaus nicht verbirgt – die Angst vor Übergriffen zum Beispiel, die ihn in den schiitischen Elendsvierteln überkommt, oder die Beklemmung angesichts der horrenden Feuerkraft der Lenkwaffen und des Blutzolls, den sie „trotz ihrer frappierenden Präzision“ fordern. Auch aus der Mühsal, sich Tag für Tag zumindest einigermaßen der Gängelung durch den Geheimdienst Muchabarat zu entziehen und ein Minimum an persönlicher Sicherheit und beruflicher Alltagslogistik zu gewährleisten, macht er kein Hehl.

Anderson hat sich in der angelsächsischen Welt des literarischen Journalismus einen hervorragenden Ruf erschrieben, mit einer viel gepriesenen Biographie Che Guevaras, mit Reportage-Bänden über den Bürgerkrieg in Afghanistan sowie diverse Guerillas zwischen Sri Lanka und Palästina, Ulster und El Salvador. Er kennt, so darf man annehmen, sämtliche Verworfenheiten, deren die Bestie Mensch fähig ist. Um so bemerkenswerter ist, welch Einfühlungsvermögen und unbändige Neugier er sich über all die Frontjahre bewahrt hat. Bei allen Begegnungen, und er schildert unzählige, ist kaum jemals Besserwisserei und nur selten Zynismus, dafür meist eine bedingungslose Grundsympathie zu spüren. Dank ihr eröffnen Iraker unterschiedlichster Herkunft, vom Fahrer und Dolmetscher, Bettler und Barbier bis zum Clan-Chef und hohen Verwaltungsbeamten, erhellende Einblicke in ihre Innenwelten. Ein Potpourri faszinierender - und oft fragwürdiger - Charaktere defiliert durch das Buch. Anderson verfügt über weitreichende Kontakte zur Nomenklatura der Baath-Partei wie auch zu den Behörden der Grünen Zone. So haben manche Hauptdarsteller der Polit-Bühne wie Tariq Asis, Paul Bremer oder Ex-Außenminister Nadschi Sabri (und über dessen ominöse Österreich-Connection am Rande sogar ein gewisser Jörg Haider) ihre Auftritte. Zu Wort kommen exzentrische Friedensaktivisten, Dokumentarfilmer und namenlose US-Soldaten, über deren Ahnungslosigkeit man mit dem Autor beklommen staunt. Auch Gurus der Korrespondenten-Branche wie Peter Arnett, Dan Rather und Christiane Amanpour spielen kleine Nebenrollen.

Wenn aus Angst Apathie wird

Am interessantesten lesen sich freilich die ausführlichen Gespräche mit den Protagonisten – engen Bekannten, die Anderson über zwei Jahre lang auf ihrem Überlebensweg begleitet. Man mag sie phasenweise als langatmig empfinden. Doch erst ihre Lektüre schafft wirklich Verständnis für die jüngsten, abgrundtiefen Brüche in der irakischen Gesellschaft. Da ist etwa Dr. Ala Bashir, ein Bildhauer und zugleich Chirurg von Rang, der als Hausarzt Saddams wider Willen dessen enger persönlicher Vertrauter war; oder der umgängliche Samir Khairi, ein vermeintlicher Staatsbeamte, der sich nach dem Umsturz als Geheimdienstagent entpuppt; oder der Lieblingspoet des Despoten, Farouk Salloum, der sein Dasein als eine Art tragischer Hofnarr zu fristen hatte. Ihre Schicksale beleuchten die Mechanismen pervertierter Macht: Nicht nur jahrzehntelange extreme Repression – Geheimprozesse, Folter, Massenexekutionen, Geiselhaft von Familienangehörigen – fesseln ein Volk an den Tyrann. Schon aus Gründen der Selbstachtung arrangiert sich so mancher im Dunstkreis des verhaßten Übervaters. Hinzu kommt das dichte Geflecht wechselseitiger Loyalitäten, dem in einer Stammesgesellschaft niemand entkommt. Der Schritt von der Angst zur Apathie, vom verhohlenen Haß über das Mitläufertum zur paranoiden Identifikation ist, dies zeigen die Bekenntnisse, oft kürzer als vom Frieden verwöhnte Europäer sich vorzustellen vermögen.

Anderson läßt nicht den geringsten Zweifel an der Ungeheuerlichkeit des Ancien Regime und der allgemeinen Erleichterung über sein Ende. Doch bekundet er auch unmißverständlich seine Skepsis bezüglich der Kompetenz der Kriegsplaner und seine Scham, wenn er auf die moralischen Vergehen der Westmächte im regionalen Politdschungel zu sprechen kommt – auf die Hochrüstung Saddams etwa im Krieg gegen Khomeinis Iran oder auf den Verrat an den im Süden rebellierenden Schiiten nach der Befreiung Kuwaits. Auffallend ist, wieviel einheimische Interviewpartner ihm in der Vorkriegszeit nicht nur ihre Freude über die allfällige Beseitigung Saddams signalisieren, sondern zugleich vor dem „irakischen Treibsand“, der Hybris einer Besatzung, dem Erstarken von Islamismus und Banditentum warnen. In den späteren Kapiteln dominieren Unverständnis, ja Verzweiflung ob der Passivität und Ignoranz der neuen Herren. Mehrmals taucht in Gesprächen als Menetekel das langjährige blutige Ringen der Briten mit dem irakischen Widerstand nach dem Ersten Weltkrieg auf. Man kommt nicht umhin, zu denken, wieviel Leid und auch Geld die Entscheidungsträger in Washington ihren Landsleuten und den Irakern erspart hätten, würden sie Andersons Berichte im New Yorker gelesen und beherzigt haben. „Weshalb sind die Amerikaner hier?“. Mit dieser Frage findet er sich auf seinen Recherchen oft konfrontiert. Und auch er kennt keine rechte Antwort.

„Wir sind so traurig, so traurig.“

Der Autor ist nichts weniger als ein manichäischer Geist. Das Berufsethos des objektiven Berichterstatters, vor allem aber seine Welterfahrung verbieten ihm, die Trennlinie zwischen vermeintlichen Kräften des Lichts und der Finsternis leichtfertig zu definieren. Freiheit, selbstverständlich ist relativ und Wahrheit das erste Opfer jedes Krieges. Doch wer einen solchen anfängt, so macht er deutlich, sollte zumindest eine Vorstellung von seinem Ende haben.

Andersons Reportage handelt von hochfliegenden Hoffnungen und bodenlosen Enttäuschungen. Sie ist überaus informativ und, ein Adelsprädikat für jeden Reporter, schonungslos ehrlich. Eben deshalb hinterläßt sie, was die Zukunft des Landes betrifft, vor allem Ratlosigkeit. „Ein Jahr“, resümiert Anderson am Schluß bitter, „war vergangen seit dem Fall Bagdads, aber es schien, als wäre es nicht wirklich gefallen - oder würde vielleicht immer noch fallen.“ Zuvor, irgendwo auf den über 500 Seiten nach einem der vielen Blutbäder, beschreibt er einen Spitalsbesuch: „Ein Mann mit blutendem Bein stand allein da und weinte. Schwestern in blutbefleckten Kitteln rollten Verwundete auf Tragen vorbei. In der Luft lag ein Geruch von bitterem Schweiß und totem Menschenfleisch. Im Flur kauerte eine Gruppe verstörter schwarz gekleideter Frauen auf dem Boden. Als ich vorbeiging, klagten sie und eine sagte, ohne irgendjemanden dabei anzusprechen: `Wir sind so traurig, so traurig´.“

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Rezension zu: „Die verwundete Stadt. Begegnungen in Bagdad“ von Jon Lee Anderson, Verlag Rogner & Bernhard 2005, 534 S., geb., 22,90 Euro ISBN 3-80771-003-5.

Walter M. Weiss arbeitet seit vielen Jahren in Wien als freier Autor mit dem Schwerpunkt „Islamische Welt.“ Er hat zahlreiche Bücher publiziert, kürzlich u.a. die literarischen Anthologien „Irak“ und „Iran“ in der Reihe „Orient erlesen“ (Wieser Verlag). Im Picus Verlag erscheint Ende Februar der Reportagen-Band „Das Erbe der Götter. Ägyptische Ambivalenzen“. Nähere Informationen zum Werk des Autors unter: www.wmweiss.com

Irak Rezension

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