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Die wohl sagenumwobenste Handelsroute der Welt

Die Seidenstraße verbindet seit über 2000 Jahren die eurasischen Völker. Kaufleute und Pilger, Diplomaten und Missionare nutzten sie auf ihren Wegen zwischen Ost und West. Das Büchlein „Die Seidenstrasse“ von Thomas O. Höllmann erzählt von der Bedeutung und Geschichte der legendären Handelsstraße.

Von Hartmut Wagner
25.02.2005 Drucken Senden Kommentieren
„Die Seidenstraße“ von Thomas O. Höllmann  
„Die Seidenstraße“ von Thomas O. Höllmann  

Eigentlich müßte man von den Seidenstraßen sprechen – nicht von der Seidenstraße. Denn es handelt sich bei der alten Handelsroute zwischen Europa und Asien ja nicht um eine einzige ausgetrampelte Karawanenstraße zwischen Ostchinesischem Meer und der Levante, sondern um ein weitverzweigtes Handelsnetz. Über zwei Jahrtausende war die Seidenstraße der wichtigste kontinentale Handelsweg. Erst im Jahr 1916, als die Transsibirische Eisenbahn im Norden Eurasiens ihren Dienst aufnahm, ermöglichte es die moderne Technik, die unwegsamen Weiten zwischen Morgen- und Abendland schneller zu überbrücken.

Von Oase zu Oase und Sprache zu Sprache

Der Name Seidenstraße kam erst sehr spät auf – im Jahr 1877. Damals veröffentlichte der deutsche Geograph Ferdinand Freiherr von Richthofen seinen Forschungsbericht über eine China-Reise, in dem er den Begriff prägte. Und das nicht ohne Berechtigung, schreibt Höllmann. Seidene Textilien aus dem Reich der Mitte, vorzugsweise hergestellt aus dem Kokon der Seidenspinner-Schmetterlinge, galten unter Händlern zwischen Damaskus, Samarkand und der einstigen chinesischen Hauptstadt Chang’an als das verläßlichste Zahlungsmittel. Während die Akzeptanz von Münzgeld nicht selten auf eine Region, auf eine Oase begrenzt war, bekam die Seide den Rang einer überregionalen, grenzüberschreitenden Währung.

Vor allen Dingen kam – und kommt – eine Reise entlang der Seidenstraße einem Ritt durch die ungeheure Sprachenvielfalt Eurasiens gleich. Dies zeigen historische Felsinschriften und Schriftrollen, etwa aus Palmblättern oder Birkenrinde, die Reisende in Karawansereien und an Wegkreuzungen hinterlassen haben. Allein das Durcheinander der Schriftzeichen macht den Reichtum an Sprachen augenscheinlich: Geschrieben wurde von rechts nach links (Aramäisch), von links nach rechts (Brahmi) und oben nach unten (Chinesisch). Weit verbreitete Verkehrssprachen waren einstmals das Sogdische (indogermanische Sprachfamilie) und das Malaiische (austronesische Sprachfamilie). Heute werden entlang der Seidenstraße zu Land und zu Wasser gut dreißig verschiedene größere Sprachen gesprochen. Die zukünftige Lingua franca könnte nach Ansicht Höllmanns das Englische werden.

Die Straße der Forscher und Abenteurer

Der in Europa berühmteste Asienreisende ist der Venezianer Marco Polo. Er folgte im 13. Jahrhundert über weite Strecken den Karawanenpfaden der Seidenstraße und trat in Peking in die Dienste des mongolischen Großkhans. Was Marco Polo für das christliche Abendland repräsentiert, ist Ibn Battuta für die islamische Welt, so Höllmann. Sein Reisefieber und Wissensdurst haben ihm einen ähnlichen Nimbus beschert wie dem Venezianer. Höllmann belegt das umtriebige Wesen des 1304 im marokkanischen Tanger geborenen Ibn Battuta mit verblüffenden Zahlen: Der Araber soll zwischen 1325 und 1353 weit mehr als 100.000 Kilometer zurückgelegt haben – das entspricht der zweieinhalbfachen Länge des Äquators! Als einer der letzten großen Landreisenden, der die Seidenstraße mehrfach erkundete, gilt der schwedische Asienforscher Sven Hedin. Er war Schüler des Freiherrn von Richthofen und legte 1936 sein Reisebuch „Die Seidenstraße“ vor.

Entlang der Seidenstraße zog man seit jeher in Karawanen mit einem Troß aus Dolmetschern und ortskundigen Führern. Die mitgeführten Waren hatten Lasttiere zu schultern: Trampeltiere und Dromedare, Esel, Maultiere und Jaken – eine zentralasiatische Rinderart, die man im Deutschen mit dem wenig charmanten Namen Grunzochse ruft. Über die Jahrzehnte und Jahrhunderte fanden auf der Seidenstraße Erfindungen und Kostbarkeiten den Weg nach Europa, die sich ihren festen Platz im Alltag längst gesichert haben. Höllmann, der als Professor für Sinologie und Ethnologie an der Universität München lehrt, führt hier vor allem chinesische Exporte nach Europa an: Porzellangeschirr oder Tee, den Kompaß und natürlich das Papier.

Thomas O. Höllmann hat das Wichtigste zum Thema Seidenstraße zusammengetragen und wohlformuliert niedergeschrieben. Sein Büchlein „Die Seidenstraße“ wird den Ansprüchen, die der vorgegebene Raum von gut 100 Seiten vernünftigerweise wecken kann, vollauf gerecht. Die eingestreuten Bilder und Tabellen, die Übersichtskarte, sowie das detaillierte Stichwortregister machen es erfreulich lebendig und gut handhabbar.

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„Die Seidenstraße“ von Thomas O. Höllmann
C.H.Beck-Verlag (Beck’sche Reihe Wissen), München 2004, 127 Seiten, ISBN 3-406-50854-5 .

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