Digitalwährung in Russland an der Scheide zwischen Sein und NichtseinWIRTSCHAFT

Digitalwährung in Russland an der Scheide zwischen Sein und Nichtsein

Digitalwährung in Russland an der Scheide zwischen Sein und Nichtsein

Russland lässt eine einheitliche Strategie vermissen. Erst entwickelten die Spitzenpolitiker des Landes hochfliegende Pläne und sprachen sich für die Kryptowährung aus, zur Zeit ist von den früheren Absichten jedoch reichlich wenig übrig. Nach China schränkt nun auch Russland den Handel mit Cyberwährungen empfindlich ein.

Von EM Redaktion | 26.10.2017

Anfang September dieses Jahres stand noch alles zum Besten. Obwohl die russische Politik auch jahrelang die Kryptowährungen verschmäht hat, beschloss das Finanzministerium mit einem Mal die Legalisierung von Bitcoin, Ether & Co als offizielle Zahlungsmittel.

Namentlich Präsident Wladimir Putin hatte sein Herz für die Blockchain-Technologie entdeckt. Auf dem internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg nutzte er die Gelegenheit, sich mit Vitalik Buterin, dem Gründer der zweitgrößten Digitalwährung Ethereum, zu unterhalten. Überzeugt erklärte Putin, dass die digitale Wirtschaft keine separate Industrie sei, sondern der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle Vorschub leiste. Und endlich schloss der russische Finanzminister Anton Siluanov am 8. September 2017 auf dem Moskauer Finanzforum definitiv das Verbot der Kryptowährungen aus. Vielmehr brach er eine Lanze für sie unter der Auflage, bis Ende 2017 mit den gesetzlichen Rahmenbedingungen für den ordentlichen Betrieb aufwarten zu können. Nach der Regulierung sei es Unternehmen wie Bürgern möglich, nach Belieben die digitalen Währungen zu handeln. In Anbetracht der Möglichkeit, neben CFD Anteilen auch Kryptowährungen bei renommierten Brokern zu handeln, scheint das Versprechen des Spitzenpolitikers in der Tat nicht weit hergeholt zu sein. Immerhin genügt im CFD-Handel durch die Hebelung und die Margin ein Bruchteil des eingesetzten Kapitals zur Eröffnung einer Position.

Russland als Vorreiter in Sachen Kryptowährungen

Das Beispiel des Farmers Michail Schjapnikow zeigt, wie aufgeschlossen Russen für Neues sind. Als im Zuge der Finanzkrise 2014 Kredite rar wurden, kreierte der Landwirt kurzerhand für seine Heimatgemeinde Kolionowo eine eigene digitale Währung. Wiewohl der sogenannte Kolion bei Investoren großen Anklang fand, geriet er nur unwesentlich später ins Fadenkreuz der Behörden.

Der neueste Schrei nennt sich Meatcoin und ist Dinar Schakirzjanow geschuldet. Der Name ist Programm. So ist der Preis dieser digitalen Währung an den Fleischpreis gebunden. Anders als Bitcoin und Ether ist Meatcoin damit keinen starken Kursschwankungen ausgesetzt.

Noch Anfang Juni 2017 ging die Rede, dass die russische Zentralbank an der Entwicklung einer eigenen Kryptowährung arbeite. Freunde der Blockchain-Technologie sahen daraufhin ihr Land bereits in einer Vorreiterrolle, nachdem sich zur gleichen Zeit Bundesbank-Vorstandsmitglied Carl-Ludwig Thiele entschieden gegen die Digitalwährung aussprach. Angesichts der erheblichen Kursschwankungen hielt er Bitcoin für ein schieres Spekulationsobjekt, das zur Sicherung von Werten nicht tauge. Befeuert wurden die wilden Fantasien der Bitcoin-Anhänger nicht zuletzt durch die starke Präsenz des Bitcoin-Minings im Land. So plant Russian Miner Coin den Einsatz energiesparender Halbleiterchips, die an sich für Satelliten vorgesehen sind. Mit stolzgeschwellter Brust sprach Putins Internetberater Dmitry Marinichev bei einer Pressekonferenz in Moskau von Russlands Potenzial, mit bis zu 30 Prozent Marktanteil am globalen Kryptowährungsmining mitmischen zu können. Nachdem im Moment der russische Stromkunde gemessen an deutschen Preisen von 30 Cent pro Kilowattstunde mit umgerechnet rund 1,2 Cent pro Kilowattstunde nur einen Bruchteil bezahlt, scheint Russland zweifelsohne der geeignete Standort fürs Bitcoin-Mining zu sein.

Chance auf ein Ende der US-Vorherrschaft verwirkt

Dass sich die Moskauer Börse für den Handel mit Kryptowährungen rüstet und künftig sowohl die Digitalwährungen selbst als auch Derivate und ETFs listen wird, ist an sich erfreulich. Weniger erfreulich ist, dass der Handel mit Kryptowährungen qualifizierten Investoren vorbehalten bleibt. Dabei ist das nur die halbe Wahrheit.
Sergej Schwezow hat am 10. Oktober 2017 die Blockierung aller Webseiten von russischen Bitcoin-Börsen angekündigt. Kleinanlegern sei, so der O-Ton des stellvertretenden Zentralbankchefs, der direkte und einfache Zugang zu solchen dubiosen Instrumenten nicht zumutbar. Sollte Analyst Timo Emden vom Brokerhaus IG Recht behalten, dürfte damit die Einstellung des Handels nur eine Frage der Zeit sein. Insofern überrascht es wenig, dass Pavel Durow, der Gründer des russischen sozialen Netzwerks VKontakte, von der vertanen Chance spricht, mit der Vorherrschaft der Amerikaner aufzuräumen, die der Welt ihre Währung als Reserve aufgezwungen haben.

Wirtschaft Russland

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