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„Drachenläufer“ von Khaled Hosseini

Aus dem Amerikanischen von Angelika Naujokat und Michael Windgassen, Berlin-Verlag, ISBN 3-8270-0516-7.

Von Nico Lange
27.05.2004 Drucken Senden Kommentieren
„Drachenläufer“ von Khaled Hosseini 
„Drachenläufer“ von Khaled Hosseini 

EM – „An einem eiskalten, bedeckten Wintertagdes Jahres 1975 wurde ich – im Alter von zwölf Jahren – zudem, der ich heute bin“ erzählt uns der erfolgreiche, in Kalifornien lebende Schriftsteller Amir in den ersten Sätzen. Unterdessen erhälter einen Anruf eines früheren Geschäftspartners seines Vaters, Rahim Khan. Rahim blieb in Afghanistan zurück, als Amir und sein Vater 1981in die USA auswanderten und liegt nun im Sterben. Als Intimus der Familie weiß Rahimvon dem Verrat, den der Auswanderer Amir in seiner Kindheit beging und derihn seitdem schwer belastet. „Es gibt eine Möglichkeit, es wiedergutzumachen“ sagt Rahim Khan und bewegt Amir dazu, sich auf den Weg in seine einstige Heimat zu machen.

In Rückblenden erzählt Khaled Hosseini fortan die Geschichte von Amir und seinem Vater, einem sehr erfolgreichen Kaufmann im Kabul der siebziger Jahre, und schafft damit ein warmes und berührendes Bild einer Kindheit in Afghanistan. Über dreißig Jahre hinweg folgt er den Lebenslinien von Amir und seinem Vater Baba und betont so die Bedeutung einer intakten Familie in schwierigen Zeiten. Khaled Hosseini gelingt es dabei, die Vielfalt des Lebens in Afghanistan, seine vielfältigen Werte, Traditionen und Hierarchien aufzuzeigen. Die Geschichte der Paschtunen Amir und Baba wird dem Leben von Hassan und Ali gegenübergestellt. Diese gehören der Volksgruppe der Hazares an und repräsentieren eine vollkommen andere Welt.

Paschtunen und Hazares

Die verschiedenen Volksgruppen leben keineswegs voneinander abgeschottet sondern stehen in engem Kontakt zueinander. Als Kinder teilen der Paschtune Amir und der Hazare Hassan dieselbe Amme, beide haben ihre Mütter nur Wochen nach ihrer Geburt verloren. Dies ist der Beginn einer sehr engen Beziehung, die beiden werden die besten Freunde. Daß Hassan zu Amirs Diener wird, tut dem keinen Abbruch. Auch das Herren-Diener-Verhältnis zwischen Babaund Ali ist um vieles herzlicher als üblich.

In verschiedenen Wettkämpfen kann sich Hassan einen Namen als bester „Drachenläufer“ von Kabul machen. In einem der Wettbewerbe, an dem auch Amir sich beteiligt, gewinnt Hassan einen besonders wertvollen Drachen als Siegertrophäe. Er gerät jedoch an eine Gruppe mißgünstiger Raufbolde. Als er die Herausgabe des gewonnenen Drachens verweigert schlagen und foltern sie ihn brutal. Amir, der eigentlich rechtzeitig erschienen war, um dies zu verhindern, läuft davon und läßt Hassan im Stich. Später dann, von schlechtem Gewissen gequält und neidisch auf die enge Beziehung, die sein Vater weiterhin mit Hassan und Ali unterhält, sorgt Amir dafür, daß beide entlassen werden.

Sechs Jahre später, nach dem kommunistischen Umsturz in Afghanistan, nutzt Baba seinen Reichtum, um mit Amir nach Pakistan und weiter in die Vereinigten Staaten zu fliehen. Baba arbeitet dort an einer Tankstelle und als Verkäufer auf einem Flohmarkt, um seinem Sohn eine gute Ausbildung finanzieren zu können. Während dieser Zeit ändert sich das Verhältnis zwischen Amir und seinem Vater deutlich. Von Kabul und den dort herrschenden Rollenverständnissen weit entfernt, finden beide nach und nach Gefallen an ihrem neuen Zuhause, auch wenn das Leben der afghanischen Diaspora in den USA voller Widersprüche und Probleme steckt. Als Amir schließlich zwanzig Jahre nach seiner Abreise aus Kabul den Anruf vom Ramir Khan erhält, wittert er die Chancezur Wiedergutmachung seines Jugendfehlers. Vielleicht könnte er ja nach Afghanistan zurückzukehren und in einer ähnlichen Situation wie damalsn ach dem Drachen-Wettkampf dieses Mal besser zu handeln.

Stolz, Ehre und Gastfreundschaft

Der Autor erzählt in atemlosem Stil, sein Porträt einer Kindheit voller Ängste und Spannungen ist sehr überzeugend. Die Einblicke in das afghanische Alltagsleben fesseln, insbesondere weil sie dem westlichen Leser bisher völlig fremd waren. Amirs Verrat an Hassan, wie auch seine lebenslangen Gewissensbisse, werden sehr glaubwürdig geschildert. Sein Vater Baba ist dabei die überragende Figur, auch wenn er nie herausfindet, was Amir belastet.

Die kulturellen Traditionen der Afghanen mit ihrer Betonung von Stolz, Ehre und Gastfreundschaft machen die Erzählung sehr farbig. Die Szenen mit den Taliban am Ende des Buches zeigen den wahren Horror der Unterdrückung einer lebendigen Kultur. Durch die Darstellung des Lebens zweier Familien, einer in den USA und einer in Afghanistan, wird dies noch deutlicher. Der doppelte Blickwickel erzeugt jedoch auch strukturelle Probleme für den Autor, der einen Weg finden muß, die Geschichte der vielen Charaktere am Endez usammenlaufen zu lassen. Hosseini verläßt sich dabei vorrangig auf Zufälle, die die Erzählung kaum vorantreiben und einige Male sehr konstruiert anmuten. So trifft Amir beispielsweise einen alten Bettler, der sich als ehemaliger Universitätslehrer entpuppt und in jungen Jahrenmit Amirs Mutter bekannt war.

Trotz einiger erzählerischer Unbeholfenheit ist der „Drachenläufer“ ein bewegendes, dramatisches und ganz persönliches Leseerlebnis, das durch die Darstellung der afghanischen Alltagskultur und die Entwicklung der Vater-Sohn-Beziehung fasziniert.

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