Drei Dresdner bauen an der Nowosibirsker OperSIBIRIEN

Drei Dresdner bauen an der Nowosibirsker Oper

Drei Dresdner bauen an der Nowosibirsker Oper

Am 9. Mai 2005 wird im russischen Nowosibirsk der größte Theaterbau Eurasiens nach 16jähriger Restaurierung eingeweiht – pünktlich zu seinem 60. Geburtstag und dem 60. Jahrestag des Sieges der russischen Armee. Die Männer einer Dresdner Bühnentechnikfirma arbeiten seit Sommer 2004 an der traditionsreichen Kulturstätte in Sibirien mit.

Von Cornelia Riedel

Das Staatliche Akademische Theater für Oper und Ballett im russischen Nowosibirsk soll pünktlich zum Tag des Sieges am 9. Mai wiedereröffnet werden.  
Das Staatliche Akademische Theater für Oper und Ballett im russischen Nowosibirsk soll pünktlich zum Tag des Sieges am 9. Mai wiedereröffnet werden.
(Foto: Cornelia Riedel)
 
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inus 27 Grad zeigt die Digitalanzeige am Ploshad Lenina, dem Leninplatz in Nowosibirsk, der 1,5 Millionen-Stadt mitten in Sibirien. Der Dresdner Gerald Wolf hat sich die Mütze tief ins Gesicht gezogen, der sibirische Winter ist härter als der sächsische. Hier, mehr als 5.300 Kilometer von zu Hause entfernt, baut er zusammen mit seinem Kollegen Hannes Dietrich am Akademischen Theater für Oper und Ballett. Die Männer der Dresdner Firma „SBS Bühnentechnik“ rekonstruieren zusammen mit russischen Partnern die obere Maschinerie der Bühnentechnik im größten Theater Eurasiens.

Rund um das mächtige Opernhaus im Zentrum der Stadt stehen Dutzende Bauwagen wie in den Schnee gewürfelt. Im Inneren des sächsischen böllern zwei Heizkörper. „Eigentlich hatten wir einen für ausreichend gehalten, doch Fehlanzeige“, sagt der Chef. An der Wand bauschen sich die warmen Jacken. Olaf Ulrich, Projektleiter aus Dresden, sitzt am Schreibtisch hinter Bauplänen. Vor einer Woche ist er von einer chinesischen Baustelle nach Nowosibirsk gekommen, um sich mit Bauleiter Hannes Dietrich und Maschinenbauschlosser Gerald Wolf zu beraten. Er erzählt: „Um wettbewerbsfähig zu sein, lassen wir die Stahlbauarbeiten hier vor Ort von russischen Firmen machen, zu günstigeren Preisen.“ Mit der Qualität sei es wie überall: „Es gibt Leute und Firmen, die genau und zuverlässig arbeiten und andere, bei denen die Qualität nicht stimmt.“ Ein pelzbemützter Russe bringt ein Dokument zum Unterschreiben in die Baracke der Deutschen. Dolmetscher Sergej übersetzt. Er kommt aus Moskau und ist auch ein bißchen Mädchen für alles, kauft ein und organisiert Wochenendausflüge raus in russische Weiten. „Sersch“ nennen die Dresdner ihn.

„Man lacht hier ein bißchen öfter.“

Im November 2003 unterzeichneten die Männer von der SBS Bühnentechnik den Vertrag in Nowosibirsk. Seit Juni 2004 wohnen Wolf und Dietrich hier, in einer Wohnung nicht weit vom Theater. Deutsche Qualität wird hier geschätzt. Die Dresdner koordinieren, die meisten Zulieferungen entstehen hier, den Einbau übernehmen russische Arbeiter. „Klar bekommt man manchmal verwunderte Blicke, denn wir stellen schon ziemlich hohe Anforderungen und dann fragen unsere russischen Kollegen lieber nach“, erzählt Olaf Ulrich. Elektroanlagen und Computertechnik werden direkt aus Deutschland angeliefert.

 
  Bauleiter Hannes Dietrich (2. von rechts) berät sich mit seinem russischen Kollegen Damir Rachimow im Bühnenturm der Nowosibirsker Oper. Ganz rechts: Andrei Szew, ganz links: Juri Kalentjew
(Foto: Cornelia Riedel)

Über eine schmale Steige geht es vorbei an der glänzenden Opernkuppel Etage für Etage hoch in den Bühnenturm, dort wo die Dresdner die technischen Anlagen rekonstruieren, die eine funktionierende Bühne braucht. Hannes Dietrich diskutiert mit seinem Kollegen Damir Rachimow den nächsten Arbeitsschritt. 30 mal 30 Meter und zwei Etagen groß ist der Platz, an dem die Männer arbeiten. „Irgendwie haben die Leute hier eine besondere Ruhe, das menschliche Untereinander ist mehr vorhanden. Man lacht hier ein bißchen öfter“, denkt Hannes Dietrich über die Unterschiede zu seinen russischen Kollegen nach.

Olaf Ulrich, der Chef, ist immer noch beeindruckt, daß hier in Asien alles doch ziemlich europäisch ist. „Und dieses Theaterhaus ist so groß, das sind ganz neue Dimensionen für uns“, fügt er hinzu. Nowosibirsk, die gerade mal 100jährige Stadt, betrachtet er aus der Sicht des Ingenieurs: „Klar wirkt die geradlinige schnörkellose Bauweise hier erst einmal abstoßend. Aber es ist ja verständlich, daß bei den Bedingungen hier zwei Türen mehr wert sind als ein Balkon.“

Alle zwei Monate Urlaub in Sachsen

„Was ich hier vermisse?“, Gerald Wolf kann es nicht so recht sagen, es gebe alles was man wolle, Cafés, Restaurants, Diskotheken. Seit elf Jahren fährt der 32jährige für seine Firma von Dresden-Niedersedlitz aus um die Welt, hat schon an Bühnen in China, Norwegen, der Schweiz und England mitgebaut. „Nach einigen Monaten China ist das anders, da freut man sich auf Roulade statt immer nur Hühnerfüße.“ „Na ja, und in Dresden wäscht meine Frau die schmutzige Wäsche“, fügt Hannes Dietrich hinzu. Alle zwei Monate gibt es Heimaturlaub für die Dresdner, dann fliegt einer der beiden vom Nowosibirsker Flughafen ab über Moskau gen Westen. Mit der russischen Sprache geht es nur langsam voran, das Schulrussisch hilft ein bißchen. Dolmetscher Sergej übersetzt die Konversation mit den Kollegen. „Hier auf der Baustelle kann man sowieso nichts lernen, die Monteure sprechen kein gepflegtes Russisch“, sagt der Russe und zwinkert.

Am 9. Mai, zum 60. Jahrestag des Sieges der Russischen Armee, soll die für 1,2 Milliarden Rubel (34 Millionen Euro) restaurierte Oper eingeweiht werden. Und eine deutsche Firma hat dann mitgeholfen, wenn sich der Vorhang im fernen Sibirien wieder hebt.

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