Drittreichster Oligarch geht in die PolitikRUSSLAND

Drittreichster Oligarch geht in die Politik

Bei den Duma-Wahlen im Dezember will der Unternehmer Michail Prochorow eine liberale Klein-Partei zur drittstärksten Kraft in der Duma machen.

Von Ulrich Heyden

Z um ersten Mal seit der Verhaftung von Michail Chodorkowski im Jahr 2003 will wieder ein russischer Oligarch in die Politik. Michail Prochorow, mit 18 Milliarden Dollar Vermögen laut Forbes der drittreichste Russe. Er erklärte Mitte Mai auf einer Pressekonferenz, er wolle Vorsitzender der liberalen Partei „Rechte Sache“ werden. Freunde und Bekannte hätten ihn gedrängt. Der Moskauer Tageszeitung „Kommersant“ berichtete, Prochorow wolle die Klein-Partei aufmöbeln und bei den Duma-Wahlen im Dezember zur drittstärksten Partei - nach der Kreml-Partei „Einiges Russland“ und den Kommunisten - machen.

Der ehemalige Yukos-Chef Michail Chodorkowski musste seine politischen Ambitionen mit einem zweifelhaften Gerichtsverfahren wegen Steuerhinterziehung teuer bezahlen. Der heute 47 Jahre alte Chodorkowski hatte 2003 Oppositionsparteien finanziell unterstützt und sitzt seitdem in Haft, mit ungewissem Ende.

Mit dem Kreml hat sich der 46jährige nie angelegt

Michail Prochorow geht nun einen anderen Weg. Dem Unternehmer mit dem Gardemaß von 204 Zentimetern gehört das Finanzunternehmens Onexim sowie Unternehmen in der Aluminium- und Goldproduktion. Mit dem Kreml hat sich der 46jährige nie angelegt.

So groß Prochorow, so klein die Partei, deren Chef er werden will. „Rechte Sache“  wurde 2008 von der russischen Präsidialadministration als Auffangbecken aus den Überresten von drei liberalen Klein-Parteien gegründet. Mit der Neugründung wollte die Präsidialadministration Kreml-kritischen Angehörigen der Mittelschicht eine Alternative zu der radikalen liberalen Opposition um den Ex-Ministerpräsidenten Michail Kasjanow und dem Ex-Schachweltmeister Garri Kasparow bieten. Doch die Klein-Partei kommt nicht voran.
Seit der Duma-Wahl 2003 gibt es keine liberalen Parteien mehr in der Duma. Damals scheiterten die Parteien Jabloko und die später aufgelöste „Union der rechten Kräfte“ an der Fünf-Prozent-Hürde. Nach den chaotischen Jahren unter Präsident Boris Jelzin haben es die russischen Liberalen schwer in breiteren Bevölkerungskreisen Fuß zu fassen. Selbst ihren traditionellen Wählern in der Mittelschicht trauen den Liberalen politisch nicht viel zu, weil sie seit Jahren zerstrittenen sind.

Prochorow wurde 2007 der Zuhälterei verdächtigt: Er ließ 20 junge Russinnen in einen französischen Nobel-Skiort einfliegen

Prochorow ist in Russland bekannt. Er könnte es schaffen, zum liberalen Zugpferd zu werden, hofft man in der Klein-Partei Rechte Sache. Der Unternehmer sorgte schon häufig für Schlagzeilen. Allerdings nicht mit politisch brisanten Äußerungen sondern durch seine ständige Querelen mit Geschäftspartnern.

Schwer angeschlagen wurde das Ansehen des Oligarchen als er 2007 in den französischen Ski-Kurort Chourchevel zwanzig junge russische Frauen einfliegen ließ, worauf der Unternehmer von der französischen Polizei wegen dem Verdacht auf Zuhälterei vier Tage hinter Schloss und Riegel gesetzt wurde.
 
Seit diesem Vorfall geht Prochorow den Weg des aufgeklärten Industrie-Magnaten. 2008 wurde er Präsidenten des russischen Biathlon-Verbandes. Im letzten Jahr stellte der Großunternehmer den Prototypen des ersten russischen Autos mit Hybrid-Antrieb vor, das sogenannte Jo-Mobil. Es soll 2012 in Serienproduktion gehen.

Wählerenttäuschung durch Forderung nach 60-Stunden-Woche

Für die breite Masse bleibt Prochorow trotzdem kaum wählbar, seit er sich für die Einführung der 60-Stunden-Arbeitswoche und die Lockerung des Kündigungsschutzes ausgesprochen hat.
Fest steht nach Meinung aller Beobachter, dass die Duma-Wahl im Dezember der Vorbereitung für die Präsidentschaftswahl im März nächsten Jahres dient.

Einer der möglichen Präsidentschafts-Kandidaten, Wladimir Putin, sammelt bereits seine Anhänger. Er gründete die „Allgemein Russische Volksfront“, welche vom Beamtenfilz und Korruption enttäuschte Wähler wieder für die Kreml-Partei „Einiges Russland“ einfangen soll.  Und Medwedew? Auch er werde sich irgendwann einer Partei anschließen, erklärte Russlands Präsident kürzlich. Aber noch sei die Zeit nicht reif dafür.

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