Durch Norwegens Fjorde bei Eis und SchneeMOTORRAD-ABENTEUER

Durch Norwegens Fjorde bei Eis und Schnee

Durch Norwegens Fjorde bei Eis und Schnee

Ein fester Termin im Reisekalender ist die „Fjordrally“ in Norwegen. Diesmal freue ich mich auf den Winterspaß mit der endlich fertig umgebauten KTM. Zäh vergehen die letzten Tage im Büro bis mich Corinna endlich um sechs Uhr morgens nach Villingen zum Bahnhof bringt. Es tut weh, sie alleine am Bahnsteig zurück zu lassen, aber ich kann ihre Abneigung gegen das Fahren in der Kälte gut verstehen.

Von Joe Dakar

D er Tag ist perfekt geplant: Ankunft in Hamburg um 13:30 Uhr. Jörg von meiner Firma Touratech (Nord) wird mich am Bahnhof abholen. Bei TT Nord werde ich mich umziehen, die Maschine fertig machen und nach Kiel düsen. Dort habe ich einen Termin beim Reifenhändler, der meine Spikesreifen aufziehen wird, dann steht ein gemütlicher Abend bei Popi und den andern Kumpels, Tanni und Tom, auf dem Programm.

Plötzlich bleibt der ICE mitten in einem Tunnel stehen. Wir hätten Probleme mit dem Triebwagen und man versuche nun, dieses Problem zu lösen. Eine Stunde später steht dann fest, dass dieses Problem nicht zu lösen ist und wir in einen anderen ICE evakuiert werden müssen. Nach insgesamt gut zwei Stunden warten im Tunnel wechseln wir dann alle über kleine Leitern von einem ICE in den Nächsten. Zum Glück bekomme ich einen Sitzplatz. Mit fast drei Stunden Verspätung erreiche ich Hamburg und werde von Jörg auch gleich in Empfang genommen.

Hektisch trinke ich Kaffee, werfe mich in die Motorradklamotten und packe die Maschine. Es ist schon stock dunkel in Hamburg, als ich mich mit vollen Tanks auf den Weg nach Kiel mache. Den Termin beim Reifenhändler habe ich nach Morgen verschoben. Leicht genervt aber doch voller Vorfreude erreiche ich das Haus von Popi und Tanni, wo auch Tom schon auf mich wartet. Noch einem großen Hallo und einem super leckeren Essen lassen wir den Abend voller Vorfreude auf das neue Abenteuer ausklingen und schauen uns den Film der letzten Fjordrally gemeinsam an.

„Ein Blick auf die Bugkamera der Fähre lässt am nächsten Morgen mein Herz höher schlagen: Schnee und zwar viel davon“

Was so chaotisch beginnt, kann ja nur entspannt weitergehen! Morgens bekomme ich die Spikes auf die Felgen gezogen und eiere noch sehr unsicher mit dem nagelneuen Metall unter den Reifen über die Straße nach Kiel an den Norwegen Kai. Wie immer stehen schon einige Gespannfahrer an der Schranke, die so aussehen, als ob sie es nie so richtig verputzen können, dass es „noch härtere Jungs“ gibt als sie. Trotzdem unterhalten wir uns fröhlich, schließlich eint uns die gemeinsame Leidenschaft, Skandinavien im Winter zu bereisen. Das Wetter wechselt im Sekundentakt, aber wir bleiben trocken bis wir endlich auf das Parkdeck dürfen. Mit Routine verspannen wir unsere Maschine, schleppen das nötigste Gepäck in unsere Kabinen und stehen mit dem ersten Bier in der Hand auf Deck, noch bevor das Schiff ausläuft. Kiel verabschiedet sich mit Sonnenschein, aber schon auf der Höhe von Laboe tobt ein heftiger Schneesturm - hoffentlich reicht der bis Norwegen...
 
Ein Blick auf die Bugkamera der Fähre lässt am nächsten Morgen mein Herz höher schlagen: Schnee und zwar viel davon. Schon beim Frühstück ist unsere Anspannung greifbar. Wir wollen los! Schnell sind wir angezogen und schleppen unser Gepäck wieder auf das Parkdeck, packen die Maschinen und sind startklar. Vorsichtig verlassen wir die Fähre - Spikes auf nassem Stahlboden ist keine gute Mischung aber nach dem Verlassen der Fähre greifen endlich greifen unsere Stollen und Spikes auf Schnee! Der Zöllner lacht nur und schüttelt mit dem Kopf als wir an ihm vorbeifahren und schon stecken wir mitten im Schneesturm auf der Ausfallstraße gen Norden. Puh, jetzt ist erstmal eine ganz sachte Gashand gefragt. Sehr vorsichtig mache ich mich wieder mit dem Untergrund und den Reifen vertraut - da kann man das Jahr über noch so viel On & Offroad fahren, das hier ist mit nichts zu vergleichen.

Unsicher kämpfe ich mich über das Stück Autobahn und traue mich kaum, die Hand vom Lenker zu nehmen um das Visier vom Schnee zu befreien. Wir verlassen die Autobahn und fahren auf der komplett vereisten Straße weiter in Richtung Gol. Tom und Popi sind schon lange am Horizont verschwunden, sie haben ein paar Jahre mehr Erfahrung mit dem Winterfahren. Aber auch ich werde schneller und nach ein paar weiteren Kilometern fährt es sich schon fast wieder wie von selbst. Dennoch sind die beiden vor mir da und haben  in Gol schon eine große Hütte für uns gebucht, als ich dort eintreffe. Wir parken im hohen Schnee und lassen bei einer Variation von Tütensuppen den ersten Tag ausklingen.

„Tatsächlich steht kaum 20 Meter von uns entfernt eine Elchkuh im Wald und knabbert an einem Tannenbaum“

„Da bewegt sich ein Zweig!“ Popi glänzt beim Frühstück durch einen Adlerblick. Tatsächlich steht kaum 20 Meter von uns entfernt eine Elchkuh im Wald und knabbert an einem Tannenbaum. Sie beobachtet uns, lässt sich aber nicht stören. Als sie irgendwann im Wald verschwindet sehe ich, dass sie ein Junges dabei hat. Das hätte gefährlich werden können, denn Elchkühe mit Nachwuchs sind extrem aggressiv. Später stellen wir an den Spuren fest, dass die beiden auf dem ganzen Campingplatz unterwegs waren und keine zehn Meter von unseren Maschinen entfernt auch einen dicken Haufen in den Schnee gesetzt haben.

Popi und Tom sind glücklich: Sie haben die letzten zehn Jahre keinen Elch mehr in Skandinavien gesehen. Ein Tag der so genial anfängt kann eigentlich...Denkste: Bei unter minus zehn Grad hat über Nacht die Batterie von meiner KTM den Geist aufgegeben. Eigene Blödheit von mir, denn ich hatte auf der Messe in Hamburg noch eine neue Batterie bekommen, war aber zu faul sie einzubauen. Selbst Fremdstartversuche mit Hilfe des Autos der Campingplatzbesitzer (die extra noch ein Startkabel für mich kaufen gehen) bleiben erfolglos. Wir dürfen die Maschine in die warme Küche schieben, aber anspringen will sie davon auch nicht. Ich schicke Popi und Tom weiter und rufe den ADAC an. Eine Weile später bekomme ich dann den Rückruf vom ADAC Partner in Gol, der kurz darauf auch erscheint. Ich erzähle die ganze Geschichte und er grinst nur: „Der Campingplatzbesitzer soll Hütten vermieten und ich mache Motorräder wieder flott.“ Sagt es, klemmt die Überbrückungskabel an und startet die Maschine. Ich fasse es nicht, packe, schicke Tom und Popi eine SMS und mache mich auf den Weg.

„Auf dem Hemsedalfjell ist praktisch kein Verkehr, die Fahrbahn ist dick vereist und es weht ein eisiger, scharfer Wind“

Gut 180km liegen vor mir und es ist schon nach 13:00. Wenn ich vor der Dunkelheit in Haslo ankommen möchte, muss ich Gas geben. Auf dem Hemsedalfjell ist praktisch kein Verkehr, die Fahrbahn ist dick vereist und es weht ein eisiger, scharfer Wind, der den Schnee über die Fahrbahn treibt und somit jedes Erahnen von Unebenheiten, Rillen und Schlaglöchern zunichte macht. Egal, ich stehe in den Rasten, blicke weit nach vorne und gebe der KTM die Sporen. Genau dafür ist sie ja auch gebaut worden und das merkt man deutlich. Mit gut 100km/h (GPS) fliege ich über das Fjell, bis mich eine Schneefräse bremst, die nicht zu überholen ist. Unten im Tal ist die Straße Schnee- und Eisfrei, dafür mit vielen Rissen überzogen. Diese Risse scheinen die Spikes zu lieben, denn jedesmal wenn ich so einen aufgeplatzten Spalt treffe, kippt die Maschine heftig nach links oder rechts. Aber auch hier hilft aufstehen und Tempo  - nur der Kopf macht da nicht immer mit.

Dass ich die Fjordfähre erreiche, ist echtes Glück: Der Seitenständer ist noch nicht richtig unten, da legt sie auch schon ab. Es bleibt mir gerade Zeit für einen HotDog - mein erstes Essen heute - und schon geht es weiter nach Haslo. Gerade als Popi und Tom vom Einkaufen kommen, erreiche ich die Hütte. Sie waren auf dem Fjell noch schneller unterwegs als ich, haben aber ein paar Abstecher für Foto und Filmaufnahmen gemacht. Wir essen lecker und blicken der Sonne nach, die hinter den nahen Bergen untergeht.

Ein LKW, den ich hier nicht erwartet habe

Ohne Gepäck geht es heute los .Schon direkt vor der Hütte ist es spiegelglatt und so startet der Tag mit einem noch etwas unbeholfenen Drift. Wir folgen einer kleinen Straße, die sich an der Küstenlinie eines Fjordarms entlang windet. Links geht es steil bergab zum Ufer, rechts geht es steil, fast senkrecht nach oben. Nur eine ca. 1,5 Meter hohe Schneewand links und rechts schützt uns bzw. gibt uns ein wenig psychologische Sicherheit beim Fahren. Popi und Tom sind längst am Horizont verschwunden, aber auch ich werde mit jedem Meter sicherer auf der vereisten Straße. Die Straße ist eine Sackgasse, also rechnen (hoffen) wir nicht mit Gegenverkehr. Dem entsprechend sind wir alle auf der Ideallinie unterwegs, d.h. wir nutzen die enge Straße vor allem in Kurven - die natürlich immer sehr unübersichtlich sind- voll aus.

Immer mutiger und sicherer werde ich was das Driften durch die Kurven angeht und als es mir gerade einmal wieder sehr gut gelingt, passiert, was passieren muss: Mir kommt mitten in der Kurve ein LKW entgegen! Auch er nicht langsam und auf der Ideallinie. Zum Glück verfügt die KTM über die entsprechenden Handlings- und Fahrwerksreserven und ich bin dank der schnellen Fahrt hell wach. Der LKW staubt mich mächtig ein, aber wir berühren uns nicht. Bei einem Filmstop stellt sich dann heraus, das Popi und Tom den LKW in einer ganz ähnlichen Situation auch mitten in einer Kurve getroffen haben. Wir genießen die Fahrt entlang des Fjords durch eine einfach wunderschöne Winterlandschaft. Erst später erfahren wir, dass die Straße erst heute nach einem Lawinenabgang wieder geöffnet wurde. Den Nachmittag nutze ich, um nachzuholen was ich eigentlich schon vor der Abreise hätte machen sollen: Die neue Batterie einbauen! Das Wetter am Abend lässt wenig Freude bei uns aufkommen - es regnet und ist spürbar wärmer geworden. Schon verlieren die Bäume neben der Hütte ihren Schneebelag und auf dem Weg sammelt sich Regen- und Tauwasser in großen Pfützen auf dem Eis.

„Rillen und Löcher im Eis der Fahrbahn – aber langsam fahren hilft nicht, denn dann ist das beladene Motorrad deutlich instabiler als bei höherem Tempo“

Während wir die Motorräder beladen wird der Regen zum Schnee. Hoffnung keimt auf und wir machen uns auf den Weg zum Jostedal Hotel, wo auch dieses Jahr wieder die Fjordrally stattfinden wird. Ständig wechselt Regen mit Schnee und die Straße am Fjord entlang ist streckenweise in einem katastrophalen Zustand. Der Regen macht die Eisschicht auf der Straße brüchig, schwere LKWs lösen dann Platten aus dem Eis. Da die Eisschicht auf der Straße bis zu fünf Zentimeter dick ist, entstehen Rillen und Löcher die absolute Konzentration fordern. Langsam fahren hilft nicht, denn dann ist das beladene Motorrad deutlich instabiler als bei höherem Tempo. Das ist aber leichter gesagt als getan, denn erst muss der Kopf überzeugt werden, dass eine tiefe Rille mit 70km/h viel ungefährlicher ist als mit 30km/h.

Nach dem Abzweig in das Jostedal schleicht ein Auto vor mir her und ich habe keine Chance zu überholen. Ständig pendelt oder kippt die Maschine weg, die volle Beladung macht es bei niedrigem Tempo nicht leichter und die Füße sollten tunlichst auf den Rasten bleiben. Dann wird der Regen zum heftigen Schneefall und die Straße ist wieder wie gewünscht: Dicke Eisdecke mit schnell höher werdender Neuschneeauflage. Genial!

„Wie soll man bitte bei fast 90km/h im Stehen ständig die Hand vom Lenker nehmen um das Visier zu wischen?“

Ich stehe in den Rasten, die Maschine pendelt zwischen den Beinen und das Gas ist auf. Dumm ist nur, dass der heftige Schneefall im Sekundentakt das Visier komplett zuschneit und wischen angesagt ist. Aber wie soll man bitte bei fast 90km/h im Stehen ständig die Hand vom Lenker nehmen um das Visier zu wischen? Letztendlich muss ich das Tempo drosseln und mich setzen.

Man liegt hier Schnee. Die Wände links und rechts der Straße werden immer höher und die Sicht immer schlechter. Man fährt in ein weißes Loch, nur die dunklen Markierungsstangen die links und rechts aus dem Schnee ragen deuten noch an, dass man sich auf der Straße befindet. Sicht nach vorne praktisch Null, Untergrund lesen oder erahnen? Fehlanzeige. Blindflug ist angesagt. Sobald man langsamer als 40km/h fährt wird die Maschine auf dem Neuschnee instabil und beginnt heftig zu schlingern. Also, Blindflug und Gas, was erstaunlicherweise auch wunderbar funktioniert. Erschöpft erreiche ich unser Hotel in Jostedal und sehe aus wie ein Schneemann. Nun erstmal abpacken, umziehen, die tropfenden Klamotten ins Badezimmer hängen und Mittagessen. Den ganzen Nachmittag sehen wir zu, wie der Schneehaufen auf unseren Maschinen immer höher wird. Leila, die Inhaberin des Hotels erzählt uns, dass sie seit den 90er Jahren nicht mehr so viel Schnee hier oben hatten. Wir sind eben doch verrückte Glückskinder.

Auf denn, zur Fjordrally, dem „härtesten Motorradtreffen der Welt“

Heute werden die restlichen Teilnehmer der Fjordrally hier erwartet. Sie alle sind seit 3-4 Tagen hierher unterwegs. Die Anreise auf eigener Achse soll ein bisschen die Spreu vom Weizen trennen, denn schließlich ist die Fjordrally „das härteste Motorradtreffen der Welt“ und Solomotorradfahren im Winter keine Tupperparty. Nach einem ausgiebigen Frühstück starten wir zur Erkundung, schließlich wollen wir wissen wie die Straßenverhältnisse weiter oben im Tal sind und wie weit die Straße zum Gletscher in diesem Jahr befahrbar ist. Es hat aufgehört zu schneien und die Straße ist in traumhaften Zustand. Wir lassen es laufen und erreichen mit einem breiten Grinsen im Gesicht das Ende der Galaxis - äh Straße. Wie im letzten Jahr endet sie nicht weit hinter einem Tunnel vor einem großen Schneehaufen. Das letzte Stück Straße ist einfach ein Traum: Dicke Eiszapfen an der einen Seite, hohe Felswände auf der anderen, die Schneewände am Straßenrand sind höher als wir auf unseren Maschinen, null Verkehr und der Untergrund schön griffig. Tom und Popi fahren zurück zum Hotel, schließlich müssen sie für die Ankunft der Teilnehmer noch einiges Vorbereiten und wollen als Begrüßungskommando bereit stehen, wenn die Ersten eintreffen.

Ich habe auf dem GPS noch ein paar kleine Zufahrtsstrassen zu höher gelegenen Höfen gefunden, die ich unbedingt noch erkunden muss. In den letzten Tagen habe ich doch langsam und stetig Fortschritte gemacht und so werden die Fahrten hinauf zu den Höfen zum absoluten Vergnügen. Fast keine Kurve geht mehr ohne Drift, beim Gasgeben auf den wenigen Geraden schlingert die Maschine wild zwischen den Beinen - Rallyefeeling pur kommt auf. Nur schwer kann ich mich aufraffen zum Hotel zurück zu fahren, aber zum einen liegt auf dem Weg zurück ein kleines Hochgeschwindigkeitsstück und zum anderen möchte ich auch auf der Terrasse stehen, wenn der Rest der Band eintrudelt.

Wir trinken Kaffee und versuchen einen Tisch dafür zu finden, der uns die Sicht auf die Einfahrt garantiert - was gar nicht so einfach ist wegen der hohen Schneewand vor der Türe. Dann wechseln wir in das Zimmer von Tom und Popi, dort haben wir einen guten Blick auf den letzten Kilometer der Anfahrt und in den Hof des Hotels. Das Fenster lassen wir etwas offen, bei jedem Motorengeräusch schrecken wir auf. Der Nachmittag zieht sich, es beginnt zu dämmern. Kein Teilnehmer in Sicht. Unsere Wodka- und Biervorräte verschwinden wie auch das Sonnenlicht immer weniger wird. Es beginnt zu schneien. Wir beginnen uns ernsthaft Sorgen zu machen. Wir warten auf neun Teilnehmer, wo stecken sie?

„Die Fjordrally ist wahrlich kein Kaffeekränzchen“

Eine SMS um 18:30 steigert unsere Sorgen noch: Ein Teilnehmer hat am 2. Tag der Anreise nach vielen Stürzen aufgegeben und einige Teilnehmer sind erst sehr spät heute Morgen nicht weit von Oslo entfernt gestartet. Bei dem Wetter und den Straßenbedingungen sind 300 Kilometer ein echter Höllenritt. Popi und ich laufen zur Tankstelle, besorgen uns einen Besen und legen das Hotelschild aus einer zwei Meter hohen Schneewand frei. Es wird doch keiner vorbei gefahren sein?

Kurz nach 19:00 Motorengeräusche! Maddin, Rüdiger und Markus treffen vor dem Hotel ein. Die Freude ist riesig, alle drei sind unversehrt. Das muss mit einem Bierchen gefeiert werden. Das zweite Begrüßungsbier ist noch nicht ganz leer als uns ein Anruf erreicht: Andrea steht etwa 16 Kilometer vor dem Hotel im Schneesturm und bekommt ihre Maschine nicht mehr hoch. Der Rest der Truppe ist etwa vier Kilometer hinter ihr und stürzt ständig. Ich kann Rüdiger, der schon in Unterhosen auf dem Weg zur Dusche ist, davon überzeugen sich noch mal in seine Klamotten zu zwängen und dem Rest der Truppe dort draußen Beistand zu leisten - Tom, Popi und ich sind absolut nicht mehr fahrfähig, so gerne wir selbst helfen würden. Eine Stunde später sind alle komplett am Hotel und die Anspannung löst sich langsam. Leila versorgt uns mit leckerem Essen und der Abend ist erfüllt mit einer Menge wilder Geschichten von unterwegs. Nein, die Fjordrally ist wahrlich kein Kaffeekränzchen!

Nur etwa die Hälfte der Teilnehmer ist sturzfrei geblieben

Recht früh bin ich auf den Beinen und kann mir nun in Ruhe die Maschinen der Teilnehmer anschauen. Björn hat es tatsächlich mit einer alten MZ 2-Takter hier hoch geschafft, Ferdinand ist mit einer 1100 GS hier, die unterwegs bei einem Sturz unter die Leitplanke ihren Schnabel eingebüßt hat, der jetzt mit viel GaffaTape hält. Marcus ist mit einer KTM 950 SE gekommen und hat eine spezielle Lösung für den Windschutz an den Händen gefunden. Andrea wie im letzten Jahr mit ihrer KTM 990 Adventure, Tom auf seiner LC4 SX, Popi mit einem wunderschönen, schlanken Umbau einer R 65 GS, Shorty auf einer neu aufgebauten XR und der Rest also Maddin, Rüdi und Markus sind mit R 100 GSen angereist. Je nach Fahrkönnen haben die Maschinen mehr oder weniger sichtbare Blessuren. Nur etwa die Hälfte  der Teilnehmer ist sturzfrei unterwegs gewesen -  und darauf darf man auch sehr stolz sein, denn selbstverständlich ist das hier oben nicht.
 
Langsam trudelt die Mannschaft zum Frühstück ein und nur mühsam lässt sich der eine oder andere zu einer kleinen Ausfahrt überreden. Ein Teil bleibt aufgrund von Schlafmangel oder schmerzender Körperteile von den Stürzen erstmal im Hotel. Wir machen den obligatorischen Ausflug zum Talende, absolvieren den Rundkurs durch eine nahe gelegene Ortschaft.

Das stelle man sich mal in Deutschland vor: Da fahren ein paar wild gewordene Mopedfahrer mit offenen Endtöpfen im wilden Drift die Ringstraße durchs Dorf. Was passiert in Norwegen? Die Einheimischen holen das Letzte aus ihren Allradautos raus und fahren Rennen mit uns und werden am Hotel schon mit einem Fünf-Liter Kanister Rosé Wein aus Andreas Koffern erwartet.

Hausmacherart vom Metzger verpackt: Leberwurst = Jägermeister – Blutwurst = Whiskey

Später wird dann das Geschehen auf Andreas Zimmer und den Balkon verlagert. Dort stehen einige Dosen mit der Aufschrift: „Hausmacher Leberwurst“ und „Hausmacher Blutwurst“ auf dem Geländer. Marcus war so schlau und hat aus Angst vor dem Zoll die alkoholischen Getränke ganz unverfänglich bei seinem Metzger verpacken lassen: Leberwurst = Jägermeister, Blutwurst = Whiskey.

Eigentlich sind wir nach dem Essen alle reif fürs Bett, aber wir werden von Leila zu einem Quiz eingeladen. Das Quiz findet einmal alle vier Wochen bei Leila im Hotel statt und die Menschen aus der ganzen Region treffen sich hierzu im Hotelsaal. Wir bekommen einen Dolmetscher und sind eines von insgesamt acht Teams, die um die Wette raten. 30 Fragen werden gestellt zum Weltgeschehen, zu lokalen Dingen, Geschichte usw. und die Antworten müssen aufgeschrieben werden. Wir sind müde und etwas lustlos, aber wir halten durch. Um 0:30 werden endlich die Gewinner bekannt gegeben und wir belegen den 3. Platz.

Blauer Himmel, Sonne - Nix wie raus aus dem Bett!

Fast die komplette Gruppe lässt sich vom Wetter überzeugen und es stehen die kleinen Wege zu den einsamen Höfen an. Mal schauen, was das Tauwetter gestern aus den griffigen Straßen gemacht hat. Eis, blankes Eis wartet auf uns! In einer der letzten Kurven mache ich langsam, da ich eine schöne Stelle zum fotografieren suche und das rächt sich sofort. Ich komme keinen Millimeter mehr vom Fleck. Die Maschine keilt nach links und rechts bis zum Lenkanschlag aus, aber nach Vorne geht es nicht mehr. Also heißt es wenden auf der steilen, völlig glatten Straße. Beim Absteigen sitze ich sofort auf dem Hosenboden und rutsche ohne Halt gute 20 Meter die Straße runter.

Breit grinsend erreichen wir das Hotel, wo nach dem obligatorischen Lachsessen die Pokale verteilt werden: Shorty bekommt einen für die 3. Teilnahme an der Fjordrally in Folge und seine Selbstlose Hilfe für die Anderen bei der Anreise, Markus den für den besten Stunt und dann endlich bekommt Rüdi seinen offiziellen Pokal nach dem er schon im letzten Jahr so gelechzt hat, für seine Bereitschaft nach der harten Anreise noch mal los zu fahren um den Rest der Truppe einzusammeln.

Die Fjordrally ist vorbei – die Straßen komplett schneefrei

In drei Gruppen machen wir uns auf die Rückfahrt. Die Straßen sind fast komplett schneefrei und selbst auf dem Hemsedalfjell wartet keine Herausforderung mehr auf uns. Am späten Nachmittag sind wir alle in Gol und müssen feststellen, dass in der letzten Woche die Hüttenpreise deutlich angezogen haben.

Auf der Fähre lassen wir es zum Abschluss noch mal richtig krachen und manch einer wird die Nacht ohne Schlaf verbringen. Ich gehe recht früh ins Bett, denn auf mich warten noch 870 Kilometer Heimfahrt auf eigener Achse. Wohlbehalten und ohne Stürze bin ich nach 2.200 Kilometer Gesamtstrecke wieder zu Hause. Und eines ist klar, der Termin für das nächste Jahr kommt sofort in den Kalender - Winterreisen macht süchtig!

*

Joe Dakar, mit bürgerlichem Namen Jochen Stather, ist Produktmanager der Firma Touratech (www.touratech.de). Sie ist weltweit der größte Entwickler und Hersteller von Motorradreise-  und Rallye Zubehör. Die Kompetenz geht so weit, dass die Firma aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung als Partner der Hersteller KTM und BMW für diese Unternehmen Zubehörteile entwickelt und fertigt.
 

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