„Durch die Zunahme von Handel und Tourismus wachsen die Chancen biologischer Invasoren.“EURASISCHE FLORA

„Durch die Zunahme von Handel und Tourismus wachsen die Chancen biologischer Invasoren.“

„Durch die Zunahme von Handel und Tourismus wachsen die Chancen biologischer Invasoren.“

Sie kommen im Gepäck von Reisenden, werden absichtlich oder unabsichtlich eingeführt: Pflanzen und Tiere, die es vorher nur in anderen Gebieten gegeben hat. Einige sind besonders erfolgreich und verdrängen die heimischen Arten. Im Gespräch mit dem EURASISCHEN MAGAZIN erklärt Dr. Franz Essl vom Österreichischen Umweltbundesamt in Wien welche Bedeutung diese so genannten Neophyten haben und weshalb ihre Zahl in jüngerer Zeit immer mehr zunimmt.

Von Hans Wagner

Dr. Franz Essl  
Dr. Franz Essl  
  Zur Person: Franz Essl
  Dr. Franz Essl wurde am 14.01.1973 in Linz geboren. Er studierte Botanik und Ökologie an der Universität Wien. Sein Dissertationsthema waren die Neophyten in Österreich.

Essl arbeitete von 2000-2003 im Umweltdachverband, seit September 2003 ist er in der Abteilung Naturschutz im Umweltbundesamt Österreich beschäftigt.

Seine derzeitige Arbeit konzentriert sich auf Erforschung biologischer Invasionen, auf die Erstellung eines Inventars der Endemiten Österreichs (Pflanzenarten, die nur auf einem eng begrenzten Gebiet vorkommen), und auf die Erarbeitung der Roten Liste gefährdeter Biotoptypen Österreichs.

Franz Essl hat zahlreiche Fachartikel und populäre Beiträge in nationalen und internationalen Zeitschriften und Büchern publiziert.

E urasisches Magazin: Pflanzen haben keine Füße. Wie kommt es dann, dass das Drüsige Springkraut aus dem Himalaya heute bis an die Küsten des Atlantiks verbreitet ist, also praktisch in ganz Eurasien?

Franz Essl: Dazu bedurfte es der Hilfe von Lebewesen, die Füße haben, in diesem Falle des Menschen. Das Drüsige Springkraut kam als so genannter Neophyt in das westliche Eurasien und nach Mitteleuropa. Als Neophyten bezeichnet man Pflanzen,  die durch den Einfluss des Menschen verbreitet werden. Wenn die Lebensbedingungen an dem neuen Standort stimmen, können sich die Neophyten invasiv ausbreiten.

EM: Also hat das Springkraut die große Distanz nach Westeuropa mit Hilfe des Menschen überwunden, sich dann aber aus eigener Kraft weiter ausgebreitet?

Essl:  Ja, Voraussetzung war die Einführung als Zierpflanze. Seine hübschen Blüten und der angenehme Duft haben es sehr attraktiv gemacht. Die Weiterverbreitung seiner Samen in unseren klimatisch dafür geeigneten Gebieten hat das Springkraut dann sichtbar mühelos selbst geschafft.

„Die Verschleppungswahrscheinlichkeit für fremde Arten steigt“  

EM: Sind die Migranten in Flora und Fauna in den letzten Jahren und Jahrzehnten mehr geworden als zu früheren Zeiten?

Essl: Wir sprechen von biologischen Invasionen. Das ist der gebräuchliche Begriff, auch wenn er etwas martialisch klingt. Noch besser ist die Bezeichnung Neophyten oder im tierischen Bereich Neozoen für die nichtheimischen Pflanzen- und Tierarten. Sie ist am neutralsten. Bei einer anderen Begriffswahl besteht immer die Gefahr, einer missbräuchlichen Verwendung in einem dafür ungeeigneten Kontext. Migranten steht für den humanen Bereich. Unabhängig davon kann man sagen, dass heute eindeutig mehr Pflanzen und Tiere zu uns gelangen, die hier vorher nicht vorhanden waren und die sich bei uns ansiedeln, als in früheren Zeiten.

EM: Wodurch haben sich die Wanderungsbewegungen verstärkt?

Essl: Das liegt natürlich an den Prozessen, die hinter der Ausbreitung stehen. Die wichtigsten sind der zunehmende Welthandel in der räumlichen Ausdehnung, aber auch in der zunehmenden Geschwindigkeit. Es bedarf nur noch einiger Stunden, um von einem Ende der Welt zum anderen zu gelangen. Damit steigt die Verschleppungswahrscheinlichkeit, zum Beispiel auch für Arten, die an sich sehr kurzlebig sind. Ebenso trägt der zunehmende Tourismus zur Verbreitung bei. Und es gibt Veränderungen unserer Umwelt, die neue Lebensräume für Arten schaffen, die vorher bei uns gar nicht heimisch werden konnten.

„Durch Umweltveränderungen entstehen neue Lebensräume für Neophyten“

EM: Welche Veränderungen meinen Sie?

Essl: Da ist einmal die Ausbreitung der Städte, die eigene Lebensbedingungen schafft, aber zum Beispiel auch der stärkere Eintrag von Nährstoffen in unserer Umwelt. Dadurch können Arten heimisch werden, denen unsere Umwelt früher eher feindlich war.

EM: Würden Sie bitte ein Beispiel für solche neu entstandenen Lebensräume und deren Nutzung durch Neophyten nennen?

Essl: Mit der Einfuhr neuer Ackerpflanzen wie Soja und Mais haben sich in den letzten Jahrzehnten neue Typen von Agrarlebensräumen ausgebildet. Mais und Soja werden wegen ihrer Frostempfindlichkeit im Gegensatz zu Getreide erst spät ausgesät. Daher bieten Soja- und Maisfelder günstige Lebensbedingungen für Wärmekeimer unter den Unkräutern – darunter viele Neophyten, wie diverse Hirsearten oder das bekannte Franzosenkraut.  

EM: Über welche Fähigkeiten müssen die Invasoren verfügen, um als gebietsfremder Neophyt bei uns Fuß zu fassen?

Essl: Da gibt es zwei Phasen, die wichtig sind, um als Neophyt erfolgreich zu sein. Die erste ist die Phase der Verschleppung. Die Art muss ja zunächst in das neue Gebiet gelangen. Das gelingt zum Beispiel, wenn es attraktive Pflanzen sind, die als Zierpflanze Gefallen finden. Sie werden eventuell mitgenommen, in Gärten angepflanzt und häufig verwildern sie später und gelangen in die freie Natur. Wenn sie nicht als Zierpflanzen kommen, ist noch eine andere Eigenschaft sehr wichtig, um sich verbreiten zu können. Sie müssen langlebige Samen haben, müssen viele Samen produzieren, die es ihnen dann ermöglichen, ohne die Starthilfe eines Zierpflanzenanbaus neue Gebiete zu erreichen.

„Bioinvasoren müssen viele Samen in kurzer Zeit produzieren, um zu überleben“

Springkrautblüte  
Springkrautblüte  

EM: Und die zweite Phase?

Essl: Das ist dann die Phase der Ausbreitung im neuen Gebiet. Für eine solche erfolgreiche Ausbreitung kommt es sehr darauf an, viele Samen in kurzer Zeit zu produzieren. Das ist beim Drüsigen Springkraut zum Beispiel der Fall. Außerdem muss die Pflanze geringe Standortansprüche haben, wenn sie großflächig gedeihen soll.

EM: Welche Folgen haben die Invasionen von Tieren und Pflanzen aus anderen Regionen für die heimischen Pflanzenfamilien?

Essl: Häufig gar keine. Viele Arten verschwinden relativ bald wieder. Andere sind sehr stark an Lebensräume gebunden, die vom Menschen verändert wurden, so dass sie sich nur dort ausbreiten können. Es gibt aber in Mitteleuropa etwa 30 bis 40 Arten, die aus Gründen des Artenschutzes sehr problematisch sind. Sie verdrängen andere Arten in naturnahen Lebensräumen. Oder – was in seltenen Fällen auch vorkommt – sie hybridisieren mit heimischen Arten, also kreuzen sich, und gefährden damit deren Fortpflanzung.

„Neophythen wie die Robinie verändern sogar die Böden zu ihren Gunsten“

EM: Sind das die beiden wichtigsten Folgen solcher Invasionen?

Essl: Es kann noch eine weitere, sehr gravierende Auswirkung durch die Verbreitung von bei uns nicht heimischen Arten geben. Am Beispiel der Robinie wird es deutlich. Sie war ursprünglich nur in Amerika beheimatet, wird aber seit dem 16. Jahrhundert in Europa angepflanzt. Dieser Baum lebt mit stickstofffixierenden Bakterien in Symbiose. Dadurch kommt es, wo er wächst, zu einer Eutrophierung, einer Anreicherung der Böden mit Stickstoff. Diese Änderung der Nährstoffverhältnisse in der Erde führt dann dazu, dass beispielsweise auf ursprünglichen Trockenrasen, die von der Robinie besiedelt werden, die seltenen Arten von Blumen und Kräutern etc. verschwinden, mit ihnen die Falter und Insekten und stattdessen eine sehr wüchsige Pflanzendecke mit Allerweltsarten sich ausbreitet.

EM: Welche Arten sind es noch, die solche Probleme machen. Können Sie bitte neben der Robinie noch andere Beispiele nennen?

Essl: Für Mitteleuropa möchte ich an weiteren Arten vor allem solche nennen, die in Auwäldern und an Flussufern neue Lebensräume besiedelt haben. Da gibt es einige sehr hochwüchsige und konkurrenzfähige Stauden aus anderen Regionen, die sich diese mitteleuropäischen Lebensräume erobern. Zu ihnen zählen der Japanische Staudenknöterich, das oben genannte, aus Indien stammende Drüsige Springkraut und die ursprünglich aus Amerika kommende Tobinambur, die einst wegen ihrer Knollen eine geschätzte Speisepflanze war und nun wild in den Auwäldern gedeiht.

EM: Sie hatten auch von erfolgreichen Neophyten gesprochen, die keine Probleme machen. Welche sind das?

Essl: Dazu gehören zum Beispiel das Einjährige Berufskraut aus Nordamerika, das Franzosenkraut aus Peru oder die strahlenlose Kamille. Sie hat ihren Ursprung in Nordostasien und Nordamerika und ist heute auch in Mitteleuropa überall verbreitet. Vor allem in so genannten Ruderal-Lebensräumen kommen diese Pflanzen heute vor. Darunter versteht man von Menschen geschaffene Lebensräume im Siedlungsgebiet, also vor allem Brachland, Gärten und Äcker. Diese Pflanzen kommen praktisch nur dort vor und machen daher im Sinne des Naturschutzes keine Probleme, aber sie ärgern Gärtner und Landwirte, auf deren Flächen sie als Unkraut auftreten.

„Das Drüsige Springkraut gehört zur Spitzengruppe der Problempflanzen“

EM: Welches waren die erfolgreichsten Einwanderer nach Europa überhaupt?

Essl: Wenn man erfolgreich daran misst, welche sich am weitesten verbreitet haben, dann kann man die bereits genannte Strahlenlose Kamille sicher an der Spitze sehen. Dieses ehemals im nordostasiatischen Raum, im südlichen Sibirien vor allem, beheimatete Kraut ist inzwischen in ganz Mitteleuropa verbreitet. 

EM: Diese Kamillenart ist ja, wie Sie sagten, für die freie Natur unproblematisch, da sie nur in Äckern und Gärten gedeiht. Welcher Neophyt führt die Liste der schädlichen Invasoren an, die in der freien Natur zum Problem werden?

Essl: Aus Naturschutzsicht ist das die genannte Robinie. Außerdem gehören dazu die Staudenknöteriche, die durch unterirdische Ausläufer in kurzer Zeit große Gebiete bedecken  und das Drüsige Springkraut. Dieses rangiert in Feuchtgebieten ebenfalls in der Spitzengruppe der ersten fünf.

„Auch Pflanzen aus Europa werden anderswo zu Invasoren“

EM: Finden eigentlich Invasionen auch in umgekehrter Richtung statt, so dass Pflanzen und Tiere heute in Sibirien oder Indien ansässig sind, die es früher nur in europäischen Breiten gegeben hat?

Essl: Ja, denn der Transport von Neophyten ist ja keine Einbahnstraße. Dort, wo ähnliche klimatische Bedingungen herrschen wie bei uns, können sich Pflanzen, die ursprünglich in Mitteleuropa beheimatet waren, zum Beispiel auch nach Asien verbreiten. Wir nehmen allerdings vor allem die Invasoren wahr, die aus anderen Verbreitungsgebieten zu uns gelangen. Ein Beispiel für den umgekehrten Weg ist das als Johanniskraut bekannte Hypericum perforatum. Dieses im Sommer gelb blühende und als Heilpflanze bekannte Kraut ist beispielsweise nach Ostasien verschleppt worden. In Bereichen Chinas, deren Klima dem unseren ähnelt, ist es ein sehr erfolgreicher Neophyt. Darüber hinaus auch in Nordamerika. In diesen Gebieten gilt das bei uns bodenständige Johanniskraut inzwischen als eine problematische Art, weil es etwa in Weiden dichte Bestände ausbildet, die vom Vieh aber nicht gefressen werden. Somit erleiden die Landwirte Ertragsverluste. .

EM: Hat der Fall des Eisernen Vorhanges mit der Öffnung von Grenzen für Waren und Menschen hier einen neuen Schub gegeben – werden sich Pflanzen- und Tierwelt in ferner Zukunft in ganz Eurasien viel ähnlicher sein als heute?

Essl: Diese erfreuliche politische Entwicklung hat dazu geführt, dass die früher in Blöcke getrennten Bereiche Eurasiens wieder stärker zusammenwachsen. Und damit kommt es natürlich auch zu sprunghaft gestiegenen Handelsbeziehungen und zu einem Anstieg des Reiseverkehrs. Dies hat sicherlich dazu geführt, dass auch unabsichtlich oder absichtlich Arten in verstärktem Maße verschleppt werden. Dies wird nirgendwo gemessen, aber es ist sicher davon auszugehen.

„Erst kam die Rosskastanie – dann folgte die Miniermotte“

EM: Zum Schluss noch die Frage, ob es auch Fälle gibt, wo Neozoen, also tierische Invasoren zu uns gekommen sind und hier ihre Wirtspflanzen vorgefunden haben, die schon früher zu uns gelangen konnten – so dass sich die Neozoen nun auch hier heimisch fühlen?

Essl: Ja, dafür gibt es sehr gute Beispiele. Eines davon ist der so genannte Götterbaum Ailanthus altissima, der ursprünglich nur in China und dem südlichen Korea beheimatet war. Er wurde vor etwa 200 Jahren als Zierbaum in Städten Mitteleuropas eingeführt. Heute findet man ihn verwildert in der freien Natur, zum Beispiel sehr verbreitet in Wien. Er gedeiht recht leicht, wächst sogar aus Mauerspalten und Pflasterritzen. Vor etwa 100 Jahren haben Schmetterlingszüchter den prächtigen Ailanthusspinner ebenfalls aus Ostasien eingeführt, einen handtellergroßen, nachtaktiven Schmetterling. Er frisst nur die Blätter des Götterbaums. Ein Grund für den Import des Falters war die Tatsache, dass seine Raupen auch Seide produzieren. Sie wurden mit den Blättern des hier bereits heimischen Baumes gefüttert. Den Versuch, den Ailanthusspinner zur Seidenproduktion in Mitteleuropa einzusetzen, hat man allerdings wegen Unwirtschaftlichkeit bald wieder aufgegeben. Schmetterlingsliebhaber haben den Spinner aber bewusst weiter gezüchtet und später ausgesetzt. Auf diese Weise hat er sich bald in freier Natur vermehrt und gehört zum Beispiel in Wien etwa seit 1905 zur heimischen Insektenwelt. Ein anderes Beispiel ist die Rosskastanien-Miniermotte. Die Rosskastanie selbst ist in Mitteleuropa nicht heimisch, ist also ein Neophyt. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts hat man sie vom Balkan eingeführt. Sie wurde bald zum beliebtesten Biergartenbaum. Neuerdings, also 400 Jahre später, ist ihr ein Schmetterling nachgefolgt, die Rosskastanien-Miniermotte. Sie stammt auch vom Balkan. Ihre Raupen entwickeln sich in den Blättern und fressen seit etwa 15 Jahren viele Kastanienbäume in Mittteleuropa jeden Sommer radikal leer.

EM: Herr Essl, haben Sie herzlichen Dank für das Gespräch.

*

Weiterführende Informationen hier:
http://www.umweltbundesamt.at/fileadmin/site/publikationen/DP089.pdf
www.umweltbundesamt.at/umweltschutz/naturschutz/natur_aktuell/aktionsplan_neobiota

Eurasien Interview

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