E-Stonia offline – der Kater nach der PartyESTLAND

E-Stonia offline – der Kater nach der Party

E-Stonia offline – der Kater nach der Party

Nach Jahren des Booms mit zweistelligen Wachstumsraten hat die Krise nun auch den baltischen Tiger Estland fest im Griff. Doch die Probleme sind hausgemacht, zu lange setzte die kleinste der drei baltischen Republiken nur auf Konsum, ohne echte wirtschaftliche Substanz zu schaffen. Die Immobilienblase platzte bereits vor der globalen Krise, die dem Land jetzt noch den Rest gibt. Fünf Jahre nach dem EU-Beitritt steht Estland, das ob seiner Technik- und Internet-Begeisterung schnell die Etikette „E-Stonia“ verpasst bekam, eine lange Durststrecke bevor. Eesti, wie Estonia in der Heimatsprache heißt, ist auf dem Boden der Tatsachen angekommen und quasi wieder weitgehend offline.

Von Christoph Kersting

Blick auf Tallinn: Wann Estland wieder auf die Beine kommt, ist unklar.  
Blick auf Tallinn: Wann Estland wieder auf die Beine kommt, ist unklar.
(Foto: Christoph Kersting)
 

D ie Krise in Estland sitzt tief und hat inzwischen sogar die Hiphop-Szene des kleinen Landes an der Ostsee erreicht. „Iharluse Missa“ – „Gier ohne Ende“ hat der bekannte Rapper Priit Kolsar alias Cool D einen seiner letzten Songs genannt. „Wo ist der Pelzmantel? Wo der Dom Perignon-Schampus?“, fragt Kolsar und hat damit so etwas wie den Song zur Krise in seinem Heimatland geschrieben. Denn die Party ist tatsächlich vorbei, das Wirtschaftswunderkind der vergangenen Jahre auf dem harten Boden der Tatsachen gelandet.

Im Arbeitsamt der Hauptstadt Tallinn bekommt die Krise ein Gesicht: Auf den Fluren stehen Schlangen von Menschen mit düsteren Mienen und Formularen in der Hand. 200 sind es sicher an diesem Morgen. Vor ein, anderthalb Jahren noch war dort nichts los, erzählt eine der Beamtinnen, die die Formulare an die Arbeitslosen ausgibt. Seit Ende 2008 aber kommen immer mehr Menschen, die ihren Job verloren haben. Die Behörde ist dem Ansturm nicht gewachsen, auch weil sie nicht darauf vorbereitet war: Schließlich gab es über Jahre im gesamten Baltikum nur Wachstum, und Arbeitskräfte waren Mangelware.

Es wird eher noch schlimmer

Auf der Treppe vor dem Arbeitsamt steht Renne Maran, er hat sich gerade eine Zigarette angezündet. Der ehemalige Lagerist kommt seit zwei Wochen jeden Tag dorthin. Angebote gab es aber noch keine, erzählt der 44-Jährige. „Jetzt bekomme ich erstmal Geld vom Staat, ein Dreivierteljahr lang 50 Prozent meines Gehalts.“ Wie es weiter geht? „Keine Ahnung“, ein Architekt wird gesucht, Informatiker und Ärzte. Aber für Renne ist nichts dabei, und daran wird sich seiner Meinung nach so schnell nichts ändern. „Es wird eher noch schlimmer werden in Estland.“

Eine völlig neue Situation für die Republik an der Ostsee, denn seit Ende der 90erJahre hatten die Esten einen Wirtschaftsboom sondergleichen erlebt. Das Land wickelte seinen gesamten Geldverkehr über Computer ab, die Verwaltung wurde auf Internet umgestellt, das den Esten heute sogar den Gang zur Wahlurne erspart. Kinokarten und sogar Bankkredite wurden in Hochzeiten des Booms per SMS geordert – und umgehend bestätigt. Die Begeisterung für alles Technische und Digitale hatte dem kleinen Land mit seinen nur 1,4 Millionen Einwohnern schnell den Namen „E-Stonia“ eingebracht.

Wirtschaftspolitisch suchte Tallinn nach 50 Jahren sowjetischer Planwirtschaft sein Heil in neoliberalen Marktreformen. Die Kündigungsfristen für Arbeiter und Angestellte wurden radikal auf zeitweise nur einen Monat reduziert. Mit der so genannten flat tax gilt in Estland ein einheitlicher Einkommenssteuersatz von 22 Prozent. Und über Jahre bestätigten zweistellige Zuwachsraten den neoliberalen Kurs der Regierung.

Warnungen wurden in den Wind geschlagen

Mit dem Boom bekam die alte Hansestadt Tallinn ein neues Gesicht.  
Mit dem Boom bekam die alte Hansestadt Tallinn ein neues Gesicht.
(Foto: Christoph Kersting)
 

Dabei hatten kritische Stimmen schon vor der globalen Krise angemahnt, dass der Wachstums-Hype irgendwann ein Ende haben würde. Einer der Skeptiker ist der Wirtschaftswissenschaftler Rainer Kattel von der Technischen Universität Tallinn. Der 35-Jährige ist ein typischer Vertreter des im Wortsinn „jungen Estland“: Schon mit 28 Jahren wurde Kattel Professor – tatsächlich trifft man bis heute in Chefetagen von Unternehmen oder in Ministerien nur wenige, die über 40 sind.

„Wir haben uns viel zu sehr auf den Konsum konzentriert und dabei vergessen, eine wirtschaftliche Substanz zu schaffen, was Industrie und Produktivität angeht. Die globale Krise kommt da nur hinzu, wir hätten auch so Probleme bekommen“, ist sich Kattel sicher und nennt als Beispiel die Immobilienblase: „In Estland konnten Sie vor zwei, drei Jahren per SMS einen Kredit anfragen, eine halbe Stunde später hatten Sie eine Antwort: Das Geld ist auf Ihrem Konto. Das kann auf Dauer nicht gut gehen, die Esten haben ganz klar über ihre Verhältnisse gelebt, und die Regierung hat das noch unterstützt mit niedrigen Steuersätzen.“ Niemand habe im Endeffekt etwas getan gegen die wachsende Blase, die jetzt geplatzt ist.

Mit der Krise in den USA stürzt auch das neoliberale Estland

Mit der Krise in den USA stürzte auch die estnische Wirtschaft rasant ab. Statt sich neue Autos und Wohnungen zu kaufen, halten die Esten ihr Geld nun zusammen – spätestens seit dem Sommer 2008. Die wichtigsten Branchen des Landes – Immobilien und Bauwirtschaft – gerieten ins Trudeln, viele Menschen verloren ihre Jobs und können seitdem ihre Kredite nicht mehr bedienen – ein Teufelskreis, sagt der Wirtschaftsexperte Rainer Kattel. So brach das Bruttoinlandsprodukt 2008 um 3,5 Prozent ein, im letzten Quartal sogar um satte zehn Prozent. Auch für 2009 gehen Experten von einem Negativwachstum aus, das bei mindestens drei Prozent liegen wird. Gleichzeitig stieg die Arbeitslosenquote innerhalb eines Jahres von sechs auf aktuell zehn Prozent.

Beim Gang durch die schmucke Tallinner Altstadt mit ihren trendigen Bars und Restaurants spürt man auch im Frühjahr 2009 nicht wirklich etwas von der Krise, die das kleine Land an der Ostsee so fest im Griff hat. Wie dramatisch die wirtschaftliche Situation jedoch im ehemaligen „Tigerstaat“ ist, zeigt sich in Orten wie Kohila, einem Städtchen 30 Kilometer südlich der Hauptstadt. Dort leben Marina und Ants Kumer. Fünfzehn Jahre hat das Ehepaar in der Papierfabrik Atlanta am Ortsrand von Kohila gearbeitet. Am 1. April dann war Schluss mit der Produktion dort, Marina und Ants gehörten zu den Letzten, die noch an den Maschinen standen und Schreibwaren für den europäischen und amerikanischen Markt produzierten.

Jetzt stehen die beiden in einer der verwaisten Hallen und haben die neue Situation noch gar nicht richtig begriffen: „Früher haben hier 500 Leute gearbeitet, in guten Zeiten, dann wurde immer weiter abgebaut bis auf 200 Leute“, erzählt Marina. Die Probleme hätten dann im Februar 2008 angefangen. „Die Nachfrage war einfach nicht mehr da, und die Produktion wurde gedrosselt.“ Anfang dieses Jahres dann gab es die ersten Gespräche über eine Schließung, im Februar teilte die niederländische Konzernzentrale der Belegschaft mit, dass tatsächlich dicht gemacht wird. Die Kumers trifft das gleich doppelt. „Wie es weiter geht, wissen wir einfach nicht.“ Immerhin haben sie ihre Eigentumswohnung schon abbezahlt.

Der „baltische Tiger“ Estland war eher ein Kätzchen

Blick auf Tallinn: Wann Estland wieder auf die Beine kommt, ist unklar.  
Viele Wohnungen und Büros in Tallinn stehen leer.
(Foto: Christoph Kersting)
 

Rund 5000 Menschen leben in Kohila, einer freundlichen Stadt mit bunten Holzhäusern und Gärten.  Sogar ein Gymnasium gibt es, 2008 ist ein neues Sportzentrum eröffnet worden, und in der Ortsmitte entsteht ein kleiner Bürokomplex. Doch der Schein trügt: Die Papierfabrik ist nicht die Einzige, die hier die Produktion eingestellt hat. 500 Meter weiter steht die Sperrholzfabrik Baltic Panel, auch hier stehen die Maschinen schon seit Mitte 2008 still. Die ehemals 130 Arbeiter aus der Region sitzen zu Hause und wissen nicht, wie es weiter gehen soll, erzählt der ehemalige Fabrikdirektor Tiit Tammsaar am Fabrikzaun. „Am Ende muss man wohl sagen, dass der baltische Tiger doch wohl eher ein Kätzchen war“, bilanziert Tammsaar, der auch schon estnischer Landwirtschaftsminister war.

Das sieht die estnische Regierung unter Premierminister Andrus Ansip ganz anders. Sie ist zuversichtlich, dass sich das Land schnell wieder erholt von der Krise. Ein Hauptproblem sei doch, dass die Situation in den baltischen Staaten viel kritischer betrachtet werde als in anderen Ländern, beklagt der estnische Wirtschaftsminister Juhan Parts: „Niemand sagt doch zum Beispiel: Der deutsche Tiger springt nicht mehr – obwohl doch die Situation in Deutschland und Japan etwa genauso ist wie bei uns oder schlimmer.“ Der estnische Tiger jedenfalls schlafe keineswegs, man müsse aber einfach verstehen, „dass Estland nicht in ein, zwei Jahren zu einem Baden-Württemberg an der Ostsee werden kann, so eine Entwicklung braucht Zeit.“ Zu den neoliberalen Reformen der letzten Jahre sieht der Minister keine Alternative, Protektionismus in einem so kleinen Land wie Estland funktioniere einfach nicht. „Ich bin mir sicher: Wir sind am Ende die Gewinner dieser Krise.“ Auch weil die Situation in Estland laut Juhan Parts mit den Problemen etwa in Lettland nicht zu vergleichen ist.

Auf die Esten kommt viel harte Arbeit zu

Dort, das hatte die Regierung in Riga Anfang 2009 unumwunden zugegeben, hätte tatsächlich ohne einen Siebeneinhalb-Milliarden-Euro-Kredit des IWF der Staatsbankrott gedroht, auch das größte lettische Geldinstitut, die Parex-Bank, wurde nur durch Verstaatlichung vor dem sicheren Aus bewahrt. Ganz so dramatisch ist die Situation in Estland nicht, weil man in guten Zeiten Rücklagen geschaffen hat: zehn Prozent des Bruttoinlandprodukts. Und tatsächlich hat auch diese Krise schon jetzt ihr Gutes: Die Inflationsrate sank von zehn Prozent im Jahr 2008 auf -0,6 Prozent im ersten Quartal 2009. Damit könnte man 2011 oder 2012 doch noch die Estnische Krone durch den Euro ersetzen.

Aber Wirtschaftsexperte Rainer Kattel glaubt nicht, dass die Krise so schnell geht, wie sie gekommen ist. Mit dem Wachstum in Estland ist es seiner Meinung nach auch längerfristig vorbei: „Die Menschen in Estland werden auch in den nächsten Jahren unter einer immensen Schuldenlast leiden bei sinkenden Einkommen, das bedeutet viel harte Arbeit.“ Tallinn als Touristenmagnet oder Tartu mit seiner berühmten Universität werde es auch künftig gut gehen, aber der Rest des Landes werde mehr und mehr ausbluten: „Wir werden so eine Art Ostdeutschland im Nordosten Europas werden.“

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Der Autor ist Korrespondent von n-ost. Das Netzwerk besteht aus über 50 Journalisten in ganz Osteuropa und berichtet regelmäßig für deutschsprachige Medien aus erster Hand zu allen Themenbereichen. Ziel von n-ost ist es, die Wahrnehmung der Länder Mittel- und Osteuropas in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu verbessern. Weitere Informationen unter www.n-ost.de.

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