EADS: Auf dem Weg zum eurasischen Luftfahrt-KonzernFLUGZEUGINDUSTRIE

EADS: Auf dem Weg zum eurasischen Luftfahrt-Konzern

European Aeronautic Defence and Space Company (EADS), entwickelt sich zu einer unaufhaltsamen Erfolgsgeschichte. Der europäische Firmenzusammenschluß, dem u.a. 80 Prozent an Airbus Industries gehören, will mit dem russischen Luftfahrtkonzern Irkut kooperieren, und wächst damit in eurasische Dimensionen.

Von Johann von Arnsberg

EM – Als Mitte Mai bekannt wurde, daß EADS sichvermutlich noch in diesem Jahr an dem russischen Luftfahrtkonzern Irkut beteiligenwerde, führte dies sofort zu einer Neubewertung der Aktien des europäischenLuftfahrt-Riesen: Das holländische Bankhaus ING stufte die EADS-Aktienvon „Verkaufen“ auf „Halten“ hoch.

Wenn es mit dem Einstieg beim zweitgrößten Hersteller von Kampfjetsin Rußland tatsächlich klappt, ist EADS auf dem besten Weg von einemeuropäischen zum eurasischen Konzern zu expandieren. Die Chancen stehengut. Beim weltweiten Vertrieb des Brandbekämpfungsflugzeugs Be-200 vonIrkut, arbeitet das russische Unternehmen schon bisher mit EADS zusammen.

„Wir sind uns im Grundsatz über eine Beteiligung zwischen fünfund zehn Prozent einig“, sagte Irkut-Präsident Alexej Fedorow derFinancial Times Deutschland am Rande der Internationalen Luft- und RaumfahrtausstellungILA Mitte Mai in Berlin. EADS hatte eine eventuelle Beteiligung schon EndeMärz angekündigt.

„Der Erfolg von EADS mit Airbus zeigt, was wir Europäerschaffen können“

Das europäische Unternehmen EADS macht Boeing die Führungspositionin der internationalen Luftfahrtbranche streitig. (EM 06-03 „DieEuropäer haben mit Airbus die Nase vorn“). Derzeit ist der europäischeKonzern unangefochten die Nummer zwei hinter dem US-Produzenten. EADS-ChefRainer Hertrich gab sich in einem Interview gegenüber der WELT überzeugt,weiter aufholen zu können: „Ich denke, daß wir in zehn Jahrenso groß sein können wie Boeing - nicht speziell im Verteidigungsgeschäft,aber insgesamt. Der Erfolg von EADS mit Airbus und Eurocopter zeigt, was wirEuropäer schaffen können. Beide sind in ihrem Feld bereits die NummerEins.“

Selbstbewußt gab sich Hertrich in dem Gespräch mit Springers WELTauch, was die Geschäfte mit den USA anlangt. EADS will einen Auftrag desamerikanischen Verteidigungsministeriums für 100 militärische Tankflugzeugean Land ziehen. Der EADS-Chef rechnet sich reelle Chancen für dieses Milliardengeschäftaus. Auf die Frage, ob er sich tatsächlich vorstellen könne, dasPentagon würde diesen Großauftrag nach Europa vergeben, antworteteer: „Unsere Tankflugzeuge haben bislang alle Ausschreibungen gewonnen- in England und in Australien. Nur dort, wo es keinen Wettbewerb gab - inItalien, Japan und den USA - liegt Boeing vorn. In den USA zieht sich die Vergabenun schon über Jahre hin. Niemand weiß, ob es vor den Wahlen nocheine Entscheidung gibt. Aber ich denke, unsere Startposition hat sich erheblichverbessert. Die Auswahl in Großbritannien und Australien für dieA330 MRTT und die Aufträge aus Deutschland und Kanada für die A310MRTT zeigen, daß wir ein sehr gutes Angebot machen können. Ich glaubenicht, daß sich das Pentagon auf Dauer mit dem zweitbesten Produkt zufriedengibt.“

In welchen Dimensionen der EADS-Manager denkt, wird deutlich, wenn Hertrichin die Zukunft blickt. Er hat dabei vor allem die Exportmärkte im Auge.Dort müsse das Unternehmen noch stärker als bisher Fuß fassen.Hertrich: „Dazu werden wir in Zukunftsmärkten wie Rußland,Japan, China, Südkorea, Indien und den USA noch stärkere wirtschaftlicheund politische Beziehungen aufbauen.“ Auch weitere Zukäufe, wieschon in Finnland, Australien, Polen oder China seien dabei keineswegs ausgeschlossen.Partnerschaften mit Unternehmen vor Ort würden jedoch im Mittelpunkt stehen.Der EADS-Chef: „Da sind wir Europäer nämlich viel erfahrenerals die Amerikaner. Künftig wollen wir unser weltweites Engagement anden langfristigen Interessen der EADS und nicht nur an konkrete Aufträgekoppeln.“

„In Osteuropa haben wir das Feld zu lange den Amerikanern überlassen“

Um Osteuropa hätte EADS sich bisher zu wenig gekümmert. Dort müßteman nun verlorenen Boden gutmachen. Hertrich: „Diese Märkte werdenwachsen. Für Airbus ist zum Beispiel Polen sicher ein sehr interessanterMarkt. Und auch in der Wehrtechnik sehen wir große Chancen. Denn dieRegierungen werden sicherlich demnächst ihr altes Gerät durch modernereProdukte ersetzen wollen. Diese neuen Märkte haben wir in den 90er Jahrenzu sehr vernachlässigt und das Feld den Amerikanern überlassen.“

Die „Entscheidungsschlacht“ um die Weltmarktführerschaftmit Boeing wird jedoch beim Bau der neuen Großraumflugzeuge A380 undBoeing 747 geschlagen. Industriepolitiker und Manager sehen im A380 ein Beispieldafür, wie das „alte Europa“ den USA das Heft aus der Handnehmen könnte. Der Superflieger hat das Zeug dazu, den globalen Wettkampfin einer äußerst wichtigen Hochtechnologie-Branche zu entscheiden.Nachdem die USA mit Boeing jahrzehntelang die Führung besetzten, konnteAirbus im vergangenen Jahr bereits die Spitzenposition übernehmen undmehr Flugzeuge ausliefern als der US-Konkurrent. Mit dem A380 könntendie Europäer und ihre eurasischen Partner endgültig in die Spitzenpositionin der Luftfahrtindustrie fliegen.

Bisher kann Airbus keine Fluglinie mit einem kompletten Programm ausrüsten,das vom kleinsten bis zum größten Flieger alles anbietet. Die Fluggesellschaftenmüssen bei Bedarf nach Großflugzeugen bisher den Jumbo des Konkurrentenin ihre Flotte holen. Das soll sich nun mit dem A380 ändern.

Er soll geräumiger, sparsamer, komfortabler und leiser als die Boeing747 sein. Wird er ein Erfolg, dann wäre der US-Konkurrent an seiner empfindlichstenStelle getroffen, denn der Jumbo war bislang sein bedeutendster Profitbringer.Er hat der dem amerikanischen Unternehmen nach Schätzung von Airbus-Managernbei jedem verkauften Exemplar 30 bis 35 Millionen Dollar Gewinn eingebracht.

DieEntwicklung des europäischen Superfliegers steht kurz vor der Vollendung.Knapp ein Jahr noch, dann soll der erste A380 zum Testflug abheben. In zweiJahren, so ist geplant, wird der erste Linienflug mit Passagieren starten.

Bislang liegen für den Airbus vom Typ A380, dem größten undkomfortabelsten Passagierflugzeug, das jemals gebaut wurde, bereits 129 Bestellungenvor. Sie kommen unter anderem von Singapore Airlines, Lufthansa, Air Franceund der arabischen Fluglinie Emirates, die allein 45 Jets orderte und bereitsInteresse an weiteren Bestellungen signalisierte. Nun konnte auch Boeing dieerste Order verbuchen. Die japanische Fluglinie ANA hat 50 Exemplare der 747bestellt. Beim Airbus A380 stehen aber bereits neue Aufträge bevor .

Der A380 soll ab 250 verkauften Flugzeugen Gewinne einfliegen. Auf Grundder jetzt schon vorliegenden Bestellungen ist Konzernchef Noel Forgeard sicher,daß der Flieger ein wirtschaftlicher Erfolg wird.

EADS ist auch im Weltraum auf Erfolgskurs

Die europäische Raumfahrtindustrie kann sich über einen dickenAuftrag freuen: Arianespace hat beim Luft- und Raumfahrtkonzern EADS 30 Ariane-5-Transportraketenbestellt. Der Wert beläuft sich auf insgesamt drei Milliarden Euro.

Befriedigt äußerte sich der Berliner Wirtschaftsminister WolfgangClement über diese Entwicklung: „Die Anzeichen für ein deutlichesWachstum in der Luftfahrtindustrie mehren sich“, sagte er am Rande derILA nach einem Treffen der Fachminister aus den Staaten, deren Unternehmenam Airbus-Konsortium EADS beteiligt sind. Die Luft- und Raumfahrt sei mit ihremhohen Forschungs- und Entwicklungsanteil „ein Beispiel für alleBranchen“. Auch Airbus-Chef Forgeard gab sich zuversichtlich, daß mitder EU-Osterweiterung neue Impulse für sein Unternehmen gegeben würden.

Auch mit der ESA möchten die Russen kooperieren

Die Europäische Weltraumorganisation ESA könnte sich zu einem ernsthaftenKonkurrenten für die US-Weltraumbehörde Nasa entwickeln. Seit einigerZeit mehren sich die Hinweise daß Rußland nicht nur enger mit EADSkooperieren, sondern schon bald auch der Europäischen Weltraumagenturbeitreten könnte. Offiziell gibt es noch kein Angebot der ESA an Rußland.Aber es gab in den vergangenen Wochen und Monaten zahlreiche Treffen zwischenranghohen Vertretern beider Seiten, die sich auffallend positiv zu einer engerenZusammenarbeit in der Zukunft geäußert haben. Sogar VollmitgliedschaftRußlands in der ESA sei möglich.

So sagte Anatoli Perminov, der neue Chef der russischen Raumfahrtbehördeauf der ILA, daß er sich eine Fusion mit der ESA prinzipiell vorstellenkönne. Allerdings müsse Russland in einem solchen Fall vollwertigesMitglied der Organisation werden. Perminov, bis vor kurzem noch Leiter derrussischen Weltraumstreitkräfte, erklärte in Berlin gegenüberder Nachrichtenagentur Itar-Tass, daß er die Details bereits mit ESA-GeneraldirektorJean-Jacques Dordain besprochen habe.

Die ESA wollte den Russen bisher nur eine assoziierte Mitgliedschaft zugestehen, ähnlichder von Kanada. Assoziierte Mitglieder sind an einer Reihe von Projekten undEntscheidungen der ESA beteiligt, unterliegen aber nicht vollständig derenRegeln. Das betrifft unter anderem den Grundsatz, daß die Mitgliederfür ihre Beiträge zu den Programmen mit Aufträgen in entsprechenderHöhe versorgt werden.

Die Europäer sind ebenfalls zur Zusammenarbeit bereit – trotzder russischen Finanznot

Derzeit sind die Finanzen das Hauptproblem der Russen, so daß befürchtetwird, sie könnten eventuell ihre Mitgliedsbeiträge nicht bezahlen.Da sich die ESA jedoch mit ihrem Beitritt auf einen Schlag in Augenhöhemit der NASA befände, ist die Bereitschaft der Europäer groß,darüber hinwegzusehen. „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“,sagte Giovanni Bignami, Vorsitzender des sogenannten Space Science AdvisoryCommittee der ESA, gegenüber dem Online-Wissenschaftsdienst „NatureScience Update“ Die ESA könne beispielsweise ihre Regeln dahingehend ändern,daß Mitglieder ihre Beiträge statt in Devisen auch mit Sachwertenund Dienstleistungen begleichen könnten. Rußland kann, was die Erfahrungin der Raumfahrt und den Zugang zum Orbit betrifft, mit Erfahrungen aufwarten,die denen der Amerikaner mindestens ebenbürtig sind.

Mit Sachwerten und Dienstleistungen, die Rußland erbringen könnte,sind vor allem Transporte europäischer Satelliten und Sonden mit russischen „Sojus“-Raketengemeint, die schon bisher zuverlässig funktionieren. So ließ dieESA etwa die Raumsonde „Mars Express“, mit deren Hilfe der Nachweisfrüherer Wasservorkommen auf dem Roten Planeten gelang, mit russischerTechnik ins All befördern. Schon Ende 2006 sollen modernisierte „Sojus“-Raketenmit nahezu verdoppelter Nutzlast vom Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayanaabheben, wo ESA und Rußland derzeit eine neue Startplattform bauen.

DieESA profitiert vom Streit zwischen Rußland und den USA

Sollten die finanziellenFragen so weit geklärt werden, daß einBeitritt Rußlands möglich wird, wäre das ein „enormerErfolg“, betonte Bignami: Die Europäer könnten von der Erfahrungder Russen und ihrer zuverlässigen Technologie profitieren, die zudemspottbillig sei gegenüber Konkurrenzprodukten aus den USA. Moskau wiederumgewänne einen verläßlichen Kunden für seine Raumfahrtindustrie.

Querschüsse aus den USA müssen die Europäer derzeit kaum fürchten:Die neuen Gesetze zur nationalen Sicherheit verbieten es der NASA weitgehend,russische Weltraumtechnik zu kaufen - wegen des Verdachts, daß MoskauNukleartechnik an den Iran verkauft.

Zudem verschärfte sich zuletzt der amerikanisch-russische Streit überdie Internationale Raumstation ISS. Die Russen behaupten, „ihr letztesHemd“ zu geben, während die USA ihr ISS-Budget immer weiter kürzten.Die Amerikaner wiederum, deren Raumfahrt-Flotte seit der „Columbia“-Katastropheim Februar 2003 am Boden steht, sind auf die Russen angewiesen, um überhauptnoch zur ISS zu gelangen. Eine finanzielle Beteiligung am Bau zusätzlicher „Sojus“-Fregattenund „Progress“-Frachter aber lehnt die NASA rundheraus ab. Hierliegt eine neue Chance zur eurasischen Zusammenarbeit.

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