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„Ehrenmord – ein deutsches Schicksal“ von Matthias Deiß und Jo Goll

Dreiundzwanzig Jahre alt ist die kurdisch-stämmige Deutsche Hatun Sürücü, als sie von ihrem eigenen Bruder erschossen wird. Sie starb, weil sie ein selbstbestimmtes Leben führen wollte.

Von Johann von Arnsberg
12.12.2011 Drucken Senden Kommentieren
„Ehrenmord – ein deutsches Schicksal“ von Matthias Deiß und Jo Goll  
„Ehrenmord – ein deutsches Schicksal“ von Matthias Deiß und Jo Goll  

H atun Sürücü war Deutsche. Sie kam in Deutschland zur Welt. 23 Jahre wurde sie alt. Am 7. Februar 2005 hat einer ihrer Brüder sie an einer Bushaltestelle in Berlin-Tempelhof  mit drei Schüssen in den Kopf hingerichtet. Zu diesem Zeitpunkt, zum Zeitpunkt des Mordes an seiner Schwester Hatun, war der Täter, ihr jüngster Bruder Ayhan, 19 Jahre alt. Er hat die Tat gestanden und alle Schuld auf sich genommen.

Das Gericht hatte drei ihrer Brüder im Verdacht, an der Tat beteiligt gewesen zu sein. Doch nachdem der Jüngste gestanden hatte und mit einer Jugendstrafe von  neun Jahren und drei Monaten davongekommen war, schien der Fall geklärt. Die beiden mitangeklagten älteren Brüder, Alpaslan und Mutlu Sürücü, wurden aus Mangel an Beweisen freigesprochen.

Es gab eine Kronzeugin, die vor Gericht aussagte, Ayhans älterer Bruder Mutlu habe die Waffe besorgt, Alpaslan habe Schmiere gestanden, als Ayhan die Schwester erschoss.

Keine Reue

Über den Fortgang des Falles und Bruder Mutlu schreiben Deiß und Goll: „Zum Zeitpunkt des Mordes an seiner Schwester Hatun ist Mutlu Sürücü fünfundzwanzig Jahre alt und deutscher Staatsbürger. Als der Bundesgerichtshof im August 2007 seinen Freispruch kassiert, ist er bereits in der Türkei. Gibt bald darauf die deutsche Staatsbürgerschaft zurück. Sein Kalkül geht auf. Obwohl die Türkei das europäische Auslieferungsabkommen von 1957 ratifiziert hat können die Behörden dort die Auslieferung türkischer Staatsangehöriger ohne nähere Angaben ablehnen.“

Das ist von den Autoren nüchtern beschrieben die juristische Situation im Fall der der Mittäterschaft verdächtigen Brüder. Mutlu Sürücü soll die Waffe besorgt haben. Auch dessen Bruder Alpaslan – geboren 1981 – soll in den Fall verwickelt sein und in Tatortnähe Schmiere gestanden haben. Alpaslan lebt heute ebenfalls in der Türkei. Von keinem in diesem Trio wurden bisher auch nur kleinste Anzeichen von Reue bekannt.

Ein deutsches Schicksal

„Die Tat“, so resümieren Mattias Deiß und Jo Goll, „gilt bis heute als der bekannteste Ehrenmord-Fall in Deutschland. Sie hat unser Land verändert. Der Mord wurde über Nacht zum Fanal für misslungene Integration.“

Diese Familientragödie, dieser Geschwistermord, ist ein deutsches Schicksal. Hatun war Deutsche. Sie ist in Deutschland geboren.  Als ihr Bruder sie mit drei Schüssen in den Kopf an einer Bushaltestelle in Berlin-Tempelhof  hinrichtete, stand sie kurz vor ihrer Gehilfenprüfung zur Elektroinstallateurin.  Ihr Bruder Mutlu Sürücü, der die Waffe besorgt haben soll, war ebenfalls Deutscher, bis zu dem Tag als er seine Staatsbürgerschaft zurückgegeben hat.

Und doch waren die Brüder nicht damit einverstanden, dass ihre Schwester ein selbstbestimmtes Leben führte, in einer eigenen kleinen Wohnung. Der Deutsche Mutlu und seine Brüder wussten, dass ihre aus Ostanatolien stammende Familie dieses Leben nicht tolerierte. Nicht dass Tochter Hatun sich von ihrem Ehemann scheiden ließ, mit dem man sie zwangsverheiratet hatte, nicht dass sie das Kopftuch ablegte, nicht dass sie ihrem Sohn Deutsch beibrachte und anstatt Türkisch. Und vor allem nicht, dass Hatun auch nach deutschen Moralvorstellungen lebte.

Ob ihr Tod von der Familie geplant wurde, ist ungeklärt. Ayhan Sürücü hat dies bestritten, und alle Schuld allein auf sich genommen. Er habe nicht mehr richtig denken können, in ihm habe etwas ausgesetzt, als seine Schwester Hatun ihm ins Gesicht geschrien hätte, „Ich schlafe mit jedem, mit dem ich will!“

Die beiden Autoren haben es geschafft, an Ayhan den Mörder von Hatun Sürücü heranzukommen. Sie haben lange Gespräche mit ihm im Gefängnis geführt.  Reue habe er nicht gezeigt, sagt Jo Goll: „Er hat in diesen ganzen stundenlangen Gesprächen, die wir mit ihm hatten, nicht einmal ihren Namen in den Mund genommen. Und es ist uns sehr stark aufgefallen, er hat den Schritt nicht vollziehen können, dass er heute sagt, so wie sie gelebt hat, wäre das für mich heute in Ordnung.“

Matthias Deiß und Jo Goll haben Jahre an ihrem Buch recherchiert. Sie sind auch mit Freunden von Hatun Sücürü in Kontakt gestanden und haben Kollegen aufgesucht, um mit ihnen zu reden, vielleicht etwas über die Hintergründe zu erfahren.

Ehrbegriffe in der Fremde konserviert

Bei ihren Recherchen konnten Matthias Deiß und Jo Goll den Mord und seine Vorgeschichte  rekonstruieren. Sie erzählen die Geschichte der Familie Sürücü, so wie die Fakten liegen, die sie in Erfahrung brachten.  Sie erzählen spannend, feinfühlig, aber ohne unzulässige Spekulationen zu verbreiten. Eine ihrer Beobachtungen ist, dass der Ehrbegriff aus dem abgelegenen Gebiet, aus dem die Menschen kommen, in der Familie nie überwunden wurde: „Die Sürücüs haben diesen Ehrbegriff, diesen Wertekanon vor 35 Jahren mitgenommen und leben diesen hier ganz streng aus. Während in dem Dorf, das sehr, sehr rückständig ist, man heute nach links und nach rechts schaut und wirklich eine Entwicklung durchgemacht hat.“

Besonders bedrückend ist, wie fremd sich die Familie Sürücü nach der langen Zeit in Deutschland noch immer fühlte, wie sehr sie von den überkommenen Traditionen bestimmt war, die sie in Deutschland stets als Fremde kennzeichneten. Die Familie hat sich nie integriert. Deutsche Bekanntschaften gab es – außer bei Tochter Hatun – in dieser Familie nicht. Seinen ersten deutschen Freund soll der wegen des Mordes verurteilte Ayhan Sürücü im Gefängnis kennengelernt haben.

Der türkische Staat spielt eine ganz eigene Rolle. Sie ist eher zwielichtig. Wer an die Reden Erdogans denkt, kann leicht erkennen, dass sie nicht hilfreich sind.

Im Fall des türkischen EU-Beitritts hätten deutschen Stellen Zugriff

Über den von der deutschen Justiz wegen Mittäterschaft gesuchten Mutlun Sürücü halten türkische Stellen noch immer schützend die Hand. Wie es mit ihm weitergehen könnte, weist in die Zukunft. Die Autoren schreiben: „Mutlu Sürücü lebt in der Ungewissheit, ob er nicht irgendwann doch noch an die deutschen Behörden überstellt wird.“

„Wenn Deutschland Druck machen würde, würde die Türkei mich sicherlich abschieben“, zitieren die Autoren den in der Türkei lebenden Mutlu. „Ich denke, Deutschland macht aber nicht genügend Druck“, sagt der Gesuchte.

Und dann machen die Autoren in ihrem spannenden und sehr zu empfehlenden Buch, das tiefe Einblicke in die sogenannte Integration gibt,  noch eine Rechnung auf mit interessanter Perspektive: „Tatsächlich hat bis heute niemand einen Auslieferungsantrag an die Türkei gestellt. Wegen Aussichtslosigkeit. Die Behörden glauben, dass die Zeit auf ihrer Seite ist. Mord verjährt nicht. Und im Fall eines EU-Beitritts der Türkei würde Mutlu Sürücü ein neuer Prozess drohen. Dann hätten die deutschen Ermittler wieder Zugriff. Deshalb warten sie ab.“

*

Rezension zu: „Ehrenmord – ein deutsches Schicksal“ von Matthias Deiß und Jo Goll, Hoffmann und Campe, Hamburg 2011, 255 Seiten, 18,99 Euro, ISBN-13: 978-3455502374.

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