Ein Pulverfaß ethnischer Vielfalt droht zu explodierenDAGESTAN

Ein Pulverfaß ethnischer Vielfalt droht zu explodieren

Ein Pulverfaß ethnischer Vielfalt droht zu explodieren

Droht in Dagestan ein zweites Tschetschenien? Fast kein Tag vergeht in der Nachbarrepublik ohne Bombenexplosionen. Extremisten drohen bereits, Verwandte und Kinder von Polizisten ins Visier zu nehmen. Während Experten die Konfliktursache vor allem in der aktuellen politischen Führung Dagestans sehen, schiebt der Kreml Islamisten die Schuld zu.

Von Christian Weisflog

Gimry, Dagestan – Imam Gazim Magomedov, spricht zu Schulabgängern an der Schule in Gimry, dem Geburtsort von Imam Shamil, der im 19. Jahrhundert Krieg gegen Rußland führte.  
Gimry, Dagestan – Imam Gazim Magomedov, spricht zu Schulabgängern an der Schule in Gimry, dem Geburtsort von Imam Shamil, der im 19. Jahrhundert Krieg gegen Rußland führte.
(Foto: Douglas Birch)
 

Im nordkaukasischen Dagestan (Land der Berge) zündeten Attentäter kürzlich auf der Strecke zwischen Chassawjurt – einer Stadt nahe Tschetscheniens – und der Republikhauptstadt Machatschkala eine unter der Lokomotive eines Personenzuges angebrachte Sprengladung. Eine Person kam ums Leben, fünf weitere wurden verletzt. Nur Glück verhinderte Schlimmeres: Der durch die Explosion rund einen halben Meter in die Luft gehobene Zugwagen fand wie durch ein Wunder in die Spur zurück. Ein verletzter Maschinist konnte daraufhin die Notbremse ziehen. Wer hinter dem Anschlag steckt, ist noch unklar. Gewiß ist jedoch: Er war nicht der erste seiner Sorte und er wird auch nicht der letzte bleiben.

Seit Anfang des Jahres ereigneten sich in Dagestan über 70 Terroranschläge und in manchen Verbrechensstatistiken übertrifft die am Kaspischen Meer gelegene russische Teilrepublik bereits ihren krisengeschüttelten Nachbarn Tschetschenien. Der Terror richtet sich vor allem gegen Sicherheitskräfte, aber auch hohe Politiker und Journalisten befinden sich unter den Opfern. Zwar gelang es den Sicherheitskräften Anfang Juli, den so genannten „Terroristen Nr. 1“ – ein ehemaliger Weggefährte des tschetschenischen Rebellenführers Schamil Bassajew – zu töten. Doch die Gewaltspirale dreht sich weiter – Auge um Auge, Zahn um Zahn: Die islamistische Organisation „Schariat“ droht nun auch Frauen und Kinder von Polizisten ins Visier zu nehmen.

Der Terror gegen Rußland hat in Dagestan und Tschetschenien gemeinsame Wurzeln

Experten bezeichnen die Lage in Dagestan bereits als Bürgerkrieg ohne klare Fronten, in dem alle gegen alle kämpfen. Die Konfliktlinien verlaufen kreuz und quer: Einerseits gibt es das Problem der islamischen Opposition, anderseits grassiert das organisierte Verbrechen in einer Atmosphäre der Gesetzlosigkeit und Kriminalität. Daneben spielen ethnische Konflikte sowie Revanchismus gegen eine korrupte und in ihren Methoden zuweilen unzimperliche Beamtenschaft ebenfalls eine Rolle. Noch gibt es keine einheitliche Front zwischen den Konfliktparteien, doch der Kaukasus-Experte Andrej Malaschenko fürchtet, daß sich diese in naher Zukunft bilden könnte: zwischen islamischen Fundamentalisten und der Staatsgewalt.

Droht in Dagestan ein zweites Tschetschenien? Die beiden Republiken verbinden im Kampf gegen Rußland enge historische Wurzeln: Dagestan ist der Geburtsort des berühmten Imam Schamil, der im 19. Jahrhundert die tschetschenischen und dagestanischen Clans im Kampf gegen Rußland und für einen unabhängigen Staat vereinte. Heute versuchen tschetschenische Rebellen immer wieder, die Nachbarrepublik in ihren Konflikt hineinzuziehen. Unter der Führung von Schamil Bassajew überschritten tschetschenische Rebellen 1995 und 1996 die Grenze zu Dagestan und nahmen in Krankenhäusern mehrere Hundert Geiseln. 1999 kam Bassajew angeblich mehreren Dörfern in Dagestan zu Hilfe, die einen unabhängigen islamischen Staat ausriefen. Der Aufstand wurde von den russischen Streitkräften schnell niedergeschlagen. Der vom Kreml als „Überfall tschetschenischer Rebellen auf Dagestan“ bewertete Zwischenfall war für die russische Führung einer der Hauptgründe für den zweiten Tschetschenienkrieg 1999.

Die rund 2,5 Millionen Einwohner Dagestans gehören über 100 Volksgruppen an.

Chassawjurt, Dagestan – Eine dagestanische Frau verkauft Lebensmittel auf dem tschetschenischen Markt in Chassawjurt , nahe der Grenze zu Tschetschenien.  
Chassawjurt, Dagestan – Eine dagestanische Frau verkauft Lebensmittel auf dem tschetschenischen Markt in Chassawjurt , nahe der Grenze zu Tschetschenien.
(Foto: Douglas Birch)
 

Seit Beginn dieses Krieges erlebt Dagestan eine islamische Wiedergeburt: „Gab es vor vier bis fünf Jahren nur gut drei extremistische Glaubensgemeinschaften, sind es heute bereits zwölf“, erklärt Malaschenko. Die Ursache dafür sieht der Experte vom Moskauer Carnegie Zentrum, einer unabhängigen Denkfabrik, vor allem in der durch Armut und Arbeitslosigkeit geprägten sozio-ökonomischen Situation. Die Bevölkerung Dagestans neigt dem Sufismus zu, einer mystischen Strömung innerhalb des Islams. Diese geht davon aus, daß alle großen Religionen im Wesen und Geist im Grunde gleich sind.

Im Vergleich zu Tschetschenien ist Dagestan aber viel komplexer: Die rund 2,5 Millionen Einwohner gehören über 100 Volksgruppen an, die sich in rund 30 verschiedenen Sprachen unterhalten. Geographisch ist das Land in eine flache Steppe im Norden und hohe Gebirge im Süden geteilt. Im Gegensatz zu Tschetschenien sind die Völker Dagestans der stalinistischen Deportation entgangen. Treu zu Moskau verzichtete die Kaukasusrepublik am Kaspischen Meer zu Beginn der 90er Jahre auf Souveränitätskundgebungen. Als einzige Republik verankerte Dagestan 1993 in seiner Verfassung zudem kein präsidentielles, sondern ein kollegiales Regierungssystem: In der Exekutive, dem Staatsrat sollten die 14 größten Ethnien vertreten sein mit rotierendem Vorsitz.

Doch der erste Vorsitzende des Staatsrats, der 75-jährige Magomedali Magomedow, hielt sich bis heute im Amt. 1998 schuf er mit Hilfe loyaler Abgeordneter die Rotationsregel im Staatsrat ab. Eine weitere, 2004 vorgenommene Verfassungsänderung sieht ab 2006 die direkte Volkswahl des Präsidenten vor. Dazu wird es aber wahrscheinlich nicht kommen, nachdem der russische Präsident seit Anfang dieses Jahres die Oberhäupter der Regionen selbst ernennt.

„Diese Terroranschläge sind dazu da, um zu zeigen, daß die derzeitigen Machthaber die Situation nicht im Griff haben.“

Viele Experten sehen gerade in der heutigen politischen Führung die Hauptursache für den eskalierenden Konflikt. Unter Magomedow wandelte sich das öl- und gasreiche Dagestan von einem Nettozahler zu einer Region, die 85 Prozent ihres Budgets aus Moskau erhält. Die verbreiteten Spekulationen allerdings, daß der Kreml Magomedow im Juni zum Rücktritt auffordern würde, realisierten sich bisher nicht. Gerade die Loyalität des Kremls zu Magomedow scheint aber für die jüngste Gewaltwelle verantwortlich zu sein: „Diese Terroranschläge sind dazu da, um zu zeigen, daß die derzeitigen Machthaber die Situation nicht im Griff haben“, erklärte ein Regierungsmitglied Dagestans gegenüber der Tageszeitung „Kommersant“. Doch der Kreml reagiert bekanntlich nicht gerne auf Druck von unten und nimmt Dagestans Regierung bisher in Schutz.

Immerhin sah sich Präsident Putin Mitte Juli genötigt, sich persönlich ein Bild der Lage zu machen. Unter höchster Geheimhaltung reiste er nach Dagestan - außer dem staatlichen Fernsehen wurden die Medien erst im Nachhinein informiert. Im Vordergrund stand jedoch eine Inspektion der Grenze zu Aserbaidschan, zu deren besseren Überwachung der Kreml viel Geld ausgegeben hat. Die aktuellen Schwierigkeiten und ihre Hintergründe kamen öffentlich nicht zur Sprache. Putin gestand aber ein, es gebe zu viele ungelöste sozio-ökonomische Probleme in der Region.

Ob der Präsident aufgrund des Gesehenen seine Meinung geändert hat und Magomedow zum Rücktritt auffordern wird, ist unwahrscheinlich. Ausserdem wird wohl auch die Ernennung eines neuen Regierungsvorsitzenden durch den Kreml in der Vielvölkerrepublik keine Ruhe bringen. Ein möglicher Weg aus der Krise wäre eine Rückkehr zum kollegialen Regierungssystem, in dem alle Ethnien gleichermaßen an der Macht beteiligt werden und ein gemeinsamer Konsens gefunden werden kann.

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Der Autor ist Korrespondent von n-ost. Das Netzwerk besteht aus über 50 Journalisten in ganz Osteuropa und berichtet regelmäßig für deutschsprachige Medien aus erster Hand zu allen Themenbereichen. Ziel von n-ost ist es, die Wahrnehmung der Länder Mittel- und Osteuropas in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu verbessern. Weitere Informationen unter www.n-ost.de.

Kaukasus Russland

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