Ein Russlanddeutscher im BundestagBERLIN

Erster Russlanddeutscher im Bundestag

Ein Russlanddeutscher im Bundestag

Im neuen Bundestag sitzt erstmals ein Russlanddeutscher. Der Diplompsychologe Heinrich Zertik aus Nordrhein-Westfalen gehört zur ersten Generation der Einwanderer und will sich für die Belange der Spätaussiedler einsetzen. Nach der Regierungsbildung im Dezember wird er als Parlamentarier die Politik in Berlin mitgestalten.

Von Gemma Pörzgen

Das war wie ein Blitz vom Himmel“, erinnert sich Heinrich Zertik an den Morgen nach der Bundestagswahl. Schließlich hatte er es als erster Russlanddeutscher geschafft, in das Parlament einzuziehen – über die nordrhein-westfälische Landesliste für die CDU. „Ich bekam Anrufe aus der ganzen Welt“, schildert der Diplompsychologe die vielen Glückwünsche, die ihn seither erreichten. „Sogar Heinrich der Erste wurde ich schon genannt“, sagt der Abgeordnete, der im grauen Anzug eher unauffällig und zurückhaltend wirkt.  

Die Russlanddeutschen haben sich bislang von Politik ferngehalten

Für die Spätaussiedler ist Zertiks Wahl ein wichtiges Signal, denn die Bevölkerungsgruppe mit rund 2,5 Millionen Menschen ist politisch bislang wenig repräsentiert. „Die Russlanddeutschen haben sich von der Politik ferngehalten“, sagt auch Zertik. Den Grund dafür sieht er vor allem in der sowjetischen Diktatur-Erfahrung. Er versucht dafür zu werben, dass seine Landsleute sich stärker engagieren: „Es ist hier nicht so wie in der Sowjetunion, hier ist Demokratie und jeder Bürger hat das Recht, sich einzubringen.“

Der 1957 geborene Zertik wuchs als Angehöriger der deutschen Minderheit in Südkasachstan auf und gehört damit zur ersten Einwanderer-Generation aus der Sowjetunion. Zu Hause sprach die Familie deutsch mit jenem schwäbisch anmutenden altdeutschen Dialekt, der Zertiks Aussprache bis heute färbt. Seine Eltern stammten  aus dem ukrainischen Dnepropetrowsk und hatten 1941 als Kinder die gewaltsame Deportation unter Stalin erlebt. In der Schule sprach Zertik wie die anderen Kinder russisch. Die christlichen Feiertage wie Ostern und Weihnachten feierte die Familie lieber heimlich, um den sowjetischen Funktionären nicht aufzufallen.

Zertik wanderte 1989 mit der Familie nach Deutschland aus. Seither ist er im Kreis Lippe in Nordrhein-Westfalen zu Hause. In der CDU ist er seit 23 Jahren aktiv und gut vernetzt. Der Aussiedlerbeauftragte der Bundesregierung, Christoph Bergner (CDU), begrüßt die Wahl: „Das ist eine wirkliche Bereicherung für die Arbeit, die mir wichtig ist.“ Bergner betont, dass er seit Jahren darauf drängt, dass die Russlanddeutschen stärker politisch vertreten seien müssten. Alle Parteien sollten stärker um diese Klientel werben.

„Wir haben uns nicht integriert, sondern uns beheimatet“

Auch in den Landtagen sind bisher nur zwei russlanddeutsche Abgeordnete vertreten. In Hamburg wurde der CDU-Politiker Nikolaus Haufler 2011 Mitglied der Bürgerschaft. In Bremen zog die Sozialpädagogin Valentina Tuchel (SPD) ebenfalls 2011 in die Bürgerschaft ein und engagiert sich heute in der Integrationspolitik.

Zertik betont, dass er als Angehöriger einer deutschen Minderheit einen anderen Bezug zu Deutschland hat als beispielsweise türkische Zuwanderer: „Wir haben uns nicht integriert, sondern uns beheimatet“, beschreibt er den Unterschied. „Die CDU  bekennt sich zum Deutschtum und zur deutschen Kultur, was andere Parteien übersehen.“ Fragt man Zertik, ob er sich auch außenpolitisch als Brückenbauer nach Russland oder Kasachstan engagieren will, schüttelt er den Kopf. Er sieht seine politischen Aufgaben allein in Deutschland.

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Die Autorin ist Korrespondentin von n-ost. Das Netzwerk besteht aus über 50 Journalisten in ganz Osteuropa und berichtet regelmäßig für deutschsprachige Medien aus erster Hand zu allen Themenbereichen. Ziel von n-ost ist es, die Wahrnehmung der Länder Mittel- und Osteuropas in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu verbessern. Weitere Informationen unter www.n-ost.de.

Russlanddeutsche Deutschland Demokratie

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