Ein paar Kilometer hinter Karakorum hat die Steppe den Horizont weggeschnittenAUFZEICHNUNGEN AUS DER MONGOLEI - TEIL 1

Ein paar Kilometer hinter Karakorum hat die Steppe den Horizont weggeschnitten

„Vom Ende der Welt schnellt eine Fahne hoch, als brenne dort das Land. Die Reiter nähern sich in wenigen Minuten. Es sind mindestens funfzig. Der Himmel ist dunkelbraun. Tengri, der ewige Himmel, zeigt sich von seiner ungnädigen Seite. Auch als die Reiter voruber sind, bleibt der Staub in der Luft kleben...“

Von Michael Schindhelm

Ein Bericht von Michael Schindhelm

„Vom Ende der Welt schnellt eine Fahne hoch, als brenne dort das Land. Die Reiter nähern sich in wenigen Minuten. Es sind mindestens fünfzig. Der Himmel ist dunkelbraun. Tengri, der ewige Himmel, zeigt sich von seiner ungnädigen Seite. Auch als die Reiter vorüber sind, bleibt der Staub in der Luft kleben...“

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Alle Mongolenkinder reiten – sie lernen es von Kindesbeinen an. 

EM - Mit seiner abwechselnd hellen und dunklen Asphaltmusterung und dem braunen Randstreifen erinnert der Highway an ein verwittertes Stromkabel. Erster Stop, 30 Sekunden, Gründe unerfindlich. Die Karawane hält am Straßenrand, alle steigen aus und wieder ein, und es geht weiter. Beim zweiten Stop geht an einem Bus der Lautsprecher an. Mongolische Schlagermusik schliert über die Ebene.

Nach vier Stunden Fahrt die Verheißung: Wir haben die Hälfte der Strecke hinter uns. Für viele sieht die Sache hoffnungslos aus. Gebrochene Achsen, qualmender Motorblock. Schaf-, Yak- und Kamelherden, Pferde und Ziegen auf der Straße und in der Steppe - während deren Haut immer heller aufleuchtet, sinken die Hügelwellen tiefer und tiefer ein. Auf einer wackligen Brücke überqueren wir einen Fluß. Wieder Musik. Schwere Raben lassen sich auf dem Feld nieder. Kaum noch Zelte. Vier Halbwüchsige stehen herum - braune Gesichter und leere Papiertüten in den Händen - und starren, als kämen wir aus einer anderen Welt. Wir denken das gleiche von ihnen.

Das Zeltlager Khoyor Zagal liegt auf einer Ebene in etwa 2000 Metern Höhe. Nach Süden fällt die Ebene leicht in die Wüste Gobi ab, schon nach wenigen Kilometern beginnen die Dünen. Dazwischen einige Wasserstellen, an denen Pferde stehen. Das Camp mit den vielen Jurten erinnert wegen der weißen Kegel an unterirdische Raketen, deren Köpfe aus dem Steppenboden herausragen. Mir wird eine Jurte gemeinsam mit Mario und Willem zugewiesen. Das Zelt ist rund, die Tür zeigt Richtung Süden, damit am Sonnenstand die Uhrzeit abgelesen werden kann, in der Mitte steht ein Kanonenofen, und dort, wo das Ofenrohr austritt, ist das Zelt gen Himmel offen - Betten, Tisch und Vorleger sind wohl bei Ikea eingekauft. Der Schlagzeuger Willem erklärt dem Gitarristen Mario seine Glückstheorie, die viel mit okkulten Schwingungen zu tun hat, ich erinnere an die String-Theory, den ersten und bisher einzigen erfolgreichen Versuch, das Größte und das Kleinste im Kosmos durch ein gemeinsames Konzept zu interpretieren und zwischen Relativitäts- und Quantentheorie einen Zusammenhang herzustellen.

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  Siegreiche Ringer sind in der Mongolei Volkshelden.

Die Nomaden tragen rohseidene Gewänder – zuerst treten sechzehn Ringer an

Es ist Naadam-Zeit, und die Hochebene wird zum Nachbarschaftstreff. Fast 200 Menschen, 100 Pferde, ein paar Jeeps und Lkw versammeln sich um ein blaues Zelt. Da es sich bei Naadam um einen hohen Anlaß handelt, tragen die Nomaden rohseidene Gewänder mit Schärpen. Zuerst treten sechzehn Ringer an. Die Männer haben fast schwarz gebrannte Gesichter, Beine und Bäuche sind weiß wie Stutenmilch. Sie tragen Stiefel, Slips und Westen, die nur Arme, Schultern und Rücken bedecken. Diese Jungs hätten es sicher auch unter Dschingis Khan zu etwas gebracht. Anstelle der Weste wurden früher langärmlige Jacken getragen. Bis eine Frau das Turnier gewann. Mit Einführung des neuen Kostüms haben sie die Frauengefahr gebannt.

In der Arena warten bereits die beiden Schiedsrichter, die den Kämpfern während ihres zeitlupenartigen Tanzes um die eigene Achse den Hut vom Kopf nehmen. Die Ringer geben während des Duells keinen Laut von sich. Sie stehen sich erst eine Weile scheinbar unentschlossen gegenüber. Dann geht es oft sehr schnell, bis ein Kontrahent wenigstens mit der Hand den Boden berührt. Der Verlierer beugt sich unter den rechten ausgestreckten Arm des Siegers. Dann treten die Kämpfer in die Menge zurück.

Mitten im Halbfinale kommt Bewegung in die Leute. Rufe gehen von Sattel zu Sattel, die ersten Pferde werden herumgerissen, Zuschauer, die am Boden gesessen haben, springen auf, Frauen reißen ihre Kleinkinder an sich und stürzen davon, auch die Ringer haben voneinander abgelassen. Alles ist Geschrei, schlagende Hufe, aufheulende Motoren, Staub. Jemand ruft uns über das Mikrofon zu, die Reiter würden jeden Augenblick ankommen. Die Reiter? Also war das Pferderennen schon während des Ringerwettstreites im Gange.

Schon hat die Menge in zwei Reihen Aufstellung genommen, dazwischen eine breite Bahn, zu Fuß, zu Pferd, im Automobil stehen sie einander gegenüber, da tauchen die ersten Reiter aus dem Staub auf, an der Spitze ein Jockey von höchstens fünf Jahren, dahinter andere etwa gleichen Alters, einige sind so erschöpft, daß unter der Maske aus Staub und Schweiß eine weinerliche Miene zum Vorschein kommt. Aber auch hier gibt es keine Gefühlswallungen. Selbst als die Ersten durchs Ziel gehen, bleibt das Publikum zurückhaltend und wartet auf die Nachfolgenden. Dann ist die Versammlung schnell aufgehoben. In gemächlichem Tempo trottet man zurück, um das Halbfinale der Ringer zu verfolgen.

Urtym Duu wird beim Reiten gesungen. Daher das Vibrato

Ein paar Tage später besucht uns Namjilim Norovbanzad. Namjilim Norovbanzad ist hier das, was man im Westen einen Popstar nennen würde. Nur ist sie schon 72 Jahre alt. Und außerdem Staatsheldin der Arbeit, Staatspreisträgerin, Volkskünstlerin. Sie ist die berühmteste Urtym-Duu- Sängerin der Mongolei und also der Welt. Urtym Duu wird mit Long-Song-Singing übersetzt. Urtym Duu kommt von überall, sagt Madame Norovbanzad, aus der Natur, aus menschlichen Gefühlen und der Familie.

Urtym Duu wird beim Reiten gesungen. Daher das Vibrato. Wenn Madame Norovbanzad zu singen anhebt, sind aber alle Erklärungen überflüssig. Das ist größer und vor allem höher als jede Erklärung. Die Sängerin hangelt sich über dreieinhalb Oktaven. Woher nimmt diese Frau die Luft, um so hoch aufzusteigen? Als vor gut 100 Jahren russische Forscher Urtym-Duu-Sänger beobachteten, hatte es für sie den Anschein, die Sänger hätten während ihres zehn- oder fünfzehnminütigen Vortrags nicht einmal Luft geholt. Würde Madame Norovbanzad für einen Gott singen, er dürfte ihr keinen Wunsch abschlagen.

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Schafe liefern Wolle für die Filzmatten, mit denen die Jurten abgedeckt werden. Darüber spannt man helles Leinen.  

Wir fahren zum Klosterkonzert in Erdene Zuu, wieder 100 Kilometer Wind, bucklige Asphaltpiste, Holzhütten am Straßenrand. Kamele schaukeln vorbei, die Landschaft wird vertrauter. Einzelheiten prägen sich ein: der Parabolspiegel vor einer Siedlung, Solarzellen über dem Eingang einer Jurte, eine Hundeleiche im Gras. Plastikflaschen, wie fremde Zeichen auf den Tafeln der Steppe. Jurten am Körper der Gobi, das Gemachte im Gewordenen. Ein verlassenes Mustergut, wahrscheinlich einst von Agrarfachleuten aus der DDR gebaut: So sieht Kafkas Strafkolonie aus.

Das Klosterkonzert vom vergangenen Jahr fand während des Wahlkampfes statt. Ein Gouverneursaspirant hatte sich die Sache zu eigen gemacht und überall in Karakorum und den umliegenden Ajls plakatieren lassen. Inzwischen hat er die Wahl verloren, und ein Altkommunist regiert die Region. Natürlich bekommt das Konzert nun keine Protektion mehr. Deshalb haben ein paar lokale Sympathisanten ein Pferderennen organisiert. Pferderennen helfen immer.

Ein paar Kilometer hinter Karakorum hat die Steppe den Horizont weggeschnitten. Vom Ende der Welt schnellt eine Fahne hoch, als brenne dort das Land. Die Reiter nähern sich in wenigen Minuten. Es sind mindestens fünfzig. Der Himmel ist dunkelbraun. Tengri, der ewige Himmel, zeigt sich von seiner ungnädigen Seite. Auch als die Reiter vorüber sind, bleibt der Staub in der Luft kleben.

Vom Ufer des Orchon zog Attila im fünften Jahrhundert mit seinen Hunnen gen Westen

Einige hundert Pferdelängen vom Ort der Siegerehrung entfernt steht man am Ufer des Orchon. Von hier aus zog Attila im fünften Jahrhundert mit den Hunnen nach Italien und Gallien. 800 Jahre später entstand an dieser Stelle Dschingis Khans Palast von Karakorum. Inzwischen sind wieder 800 Jahre vergangen. Die Zeit wäre also reif für eine neue Attacke im Westen. Vorläufig sieht es aber sehr friedlich aus. Karakorum ist heute ein geometrisch genau hingestelltes Ensemble von Holzbaracken, die von den inzwischen vertrauten Holzverschlägen umfriedet sind. Zu Marco Polos Zeiten dehnte sich in der Nähe, dort, wo heute Erdene Zuu liegt, kilometerlang die Stadt. Auf dem Feld vor den Baracken liegen nur Porzellansplitter und Pferdehufe.

Erdene Zuu selbst hat sich die Steppe fast zurückgeholt. 1937 wurde es von den Kommunisten geräumt. Einen Tempel haben sie dann wieder hingestellt zum Vorzeigen religiöser Toleranz. Sonst wachsen zwischen den mehrere hundert Meter langen Mauern Salzgräser. Den Palast des Weltfriedens haben aber nicht die Kommunisten, sondern die Chinesen vernichtet, im 14. Jahrhundert. Vor 800 Jahren war das hier eine der größten Städte der Welt. Hier stand der Silberbaum-Brunnen von Wilhelm von Paris. Heute findet vor dem Tempel eine Modenschau statt. Discosound, spärlich angezogene Mädchen aus Ulan Bator. Die Leute nehmen die Show mit Gelassenheit. Gut, man befindet sich auf geweihtem Boden, aber vielleicht sind ja schon Menschen aus Ulan Bator Angehörige einer anderen Welt? Der Fremde, sagen die Gesichter der Leute, darf fremd bleiben. Und bleiben.

Der zweite Teil der mongolischen Reiseaufzeichnungen von Michael Schindhelm erscheint in der September-Ausgabe des Eurasischen Magazins

Über den Autor

Michael Schindhelm ist Jahrgang 1960. Er studierte Quantenchemie im russischen Woronesch, arbeitete an der Ostberliner Akademie der Wissenschaften, die er aber bald wieder verließ. Anschließend übersetzte er Gogol und Tschechow, was ihn zum Theater brachte. Nach der Wende avancierte er zum Intendanten, unter anderem in Gera und Altenburg. Vierundreißigjährig wurde er ans Theater Basel berufen, das er nach wie vor leitet. Er veröffentlichte u.a. "Zauber des Westens" (DVA), ein Buch über die Ernüchterung nach der Wende.

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