Ein „tranzyt“ aus „Zwischeneuropa“BÜCHER

Ein „tranzyt“ aus „Zwischeneuropa“

Literatur Polens, der Ukraine und Belarus auf der Leipziger Buchmesse – Brücke nach Europa mit Prosa und Lyrik

Von Julia Schatte

E in „tranzyt“ der Literatur aus Polen, der Ukraine und Belarus war in diesem Jahr Programmschwerpunkt der Leipziger Buchmesse. Das von der Robert Bosch Stiftung, der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit, der Rinat Ahmetov Stiftung und der Allianz Kulturstiftung geförderte, und in Zusammenarbeit mit dem Lemberger Verlegerforum und dem Polnischen Institut in Leipzig entstandene Literaturprojekt ist jedoch langfristig angelegt. Kuratiert wird es von Martin Pollack, der sich als Schriftsteller und Übersetzer bereits viele Jahre für die Vermittlung von Literatur aus Ost- und Ostmitteleuropa engagiert. 2010 wurde er mit dem Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung ausgezeichnet.

Der Projekttitel „tranzyt“ ist hierbei vielseitig und mehrdeutig. Jedes einzelne der drei Länder befindet sich in einer  spezifischen politischen und kulturellen Übergangsphase. Gegenseitig sind sie füreinander Transitländer, gleichzeitig ein gemeinsamer Raum. Speziell EU-Land Polen fungiert als Transitland für die Ukraine und Belarus, als eine Art Brücke nach Europa.

Neue europäische Barrieren

Der „tranzyt“ soll die deutschen Leser mit den einzelnen literarischen Stimmen dieser Länder vertraut machen. Erkunden, ob und wie sich ihre Prosa und Lyrik voneinander und vom restlichen Europa unterscheidet, ihre Befindlichkeiten, Konflikte und Perspektiven offenlegen. Es geht um die kulturhistorischen Verbindungen und Wechselwirkungen ebenso wie die aktuellen politischen und wirtschaftlichen Veränderungen in Ostmitteleuropa. Man fragt, welche Rolle der Künstler im Spannungsfeld zwischen Zivilgesellschaft und einem dominanten Staat übernimmt. Gibt es nach wie vor das Gefühl westlichen Desinteresses und einer östlichen Abschottung oder ist es nur die schlichte Unwissenheit?

Zwar berichten die Autoren, Verleger und Übersetzer von einer engen Vernetzung über social media, literarischen Kooperationen und gemeinsamen Projekten wie Literaturfestivals und Lesereisen. In den Beschreibungen wird aber deutlich, wie sehr sich die Arbeitsbedingungen auf den Literaturmärkten der drei Länder unterscheiden. Die politischen Veränderungen der letzten Jahre haben neue europäische Barrieren geschaffen.

Die polnische Literatur scheint in Deutschland mit den Büchern Olga Tokarczuks, Andrzej Stasiuks und Magdalena Tullis, jungen Autoren wie Wojciech Kuczok und  Mikołaj Łoziński, und Reportagensammlungen von Wojciech Jagielski und  Mariusz Szczygieł sichtbar und präsent.  Das Goethe-Institut Warschau spricht von jährlich 100.000 Titeln in Erst- und Neuauflagen und etwa 50 Neuübersetzungen auf dem deutschsprachigen Buchmarkt.
 
Die ukrainische Literatur präsentiert sich nicht so umfassend, aber ihre wichtigsten Autoren wie Jury Andruchowytsch („Perversion“ , Suhrkamp)  Oksana Sabuschko („Museum der vergessenen Geheimnisse“, Droschl Verlag),  Serhij Zhadan („Totalniy Futbol“, Suhrkamp),  Ljubko Deresch („Intent!“, Suhrkamp) und den auf Russisch schreibenden Andrej Kurkow („Der Gärtner von Otschakow“, Diogenes Verlag) trifft man auf Lesereisen und ihre übersetzten Werke in deutschen Buchläden an. 

Die Gegenwartsliteratur aus Belarus vertreten Artur Klinau „Minsk. Sonnenstadt der Träume“, Suhrkamp) und Alhierd Bacharevič („Die Elster auf dem Galgen“, Leipziger Literaturverlag), insgesamt könne man Übersetzungen belarussischer Autoren ins Deutsche aber an einer Hand abzählen, so Martin Pollack.

Autoren als Seismographen

Die Organisatoren des „tranzyt“-Projekts betonen, dass im Fokus Literatur steht, die nicht auf politische Inhalte reduziert werden sollte. Die Tendenz sei jedoch groß, in der Literatur nach versteckten politischen Botschaften oder gar  einfachen Anleitungen zu suchen, die den Schriftsteller zu einer Art Ideologen stilisieren.

Gleichzeitig ist die Befindlichkeit eines Autors nicht nur eine autonom- persönliche, sondern auch eine gesellschaftliche. Texte entstehen immer in irgendeinem gesellschaftspolitischen Kontext, so dass Literatur und Politik letztlich nicht voneinander zu trennen sind. Auch die Reaktionen und Fragen des Publikums zeigen, dass gerade die Texte besondere Neugier wecken, die in einem Umfeld entstehen, in dem das zwanglose und freie Schreiben und Publizieren keine Selbstverständlichkeit ist.

So äußerten Andrej Chadanowitsch und der inzwischen in Hamburg lebende Alhierd Bacharevič, dass Schriftsteller in Belarus die Aufgabe haben, Dinge auszusprechen, die andere nicht aussprechen können oder dürfen: „Wenn Du wirklich paranoid bist, heißt das noch lange nicht, dass dich keiner beobachtet.“ Sie nehmen sich selbst in einer Art Ghetto wahr, einer Isolation, in der es allerdings sehr aktive, kreative Inseln gebe.

 Jury Andruchowytsch und Jurko Prochasko meinen, dass sich die Situation in der Ukraine der belarussischen immer weiter annähere - der Autor spricht aus, was sich ein Politiker, Beamter oder auch ein Journalist nicht zu sagen traut:  „Die Ukraine ist ein Land, dass nie die Chance verpasst, eine Chance zu verpassen.“ Der derzeitige Tonus sei aggressiv,  zu wenig ironisch, und man müsse wachsam sein, wenn es in der Literatur enorm witzig zugeht - denn der Witz sei ein starker Abwehrmechanismus.

Rigide Sprachpolitik

Der Unmut vieler belarussischer Autoren richtet sich auch gegen die rigide Kulturpolitik ihrer Regierung. Belarus sei das einzige Land in der Welt, in dem Präsident und Regierung gegen die Nationalsprache ankämpfen und sie als eine Art „Bauernsprache“ abwerten, in der man „keinen einzigen ernsthaften Gedanken formulieren könne“, so der Schriftsteller Andrej Chadanowitsch.  Auch Alhierd Bacharevič  gibt zu, auf Belarussisch zu schreiben,  um gegen diese eindimensionale offiziöse Sprachentwertung zu protestieren.  Nationalistische Bekenntnisse lassen die Autoren tatsächlich aber nur vereinzelt durchblicken.  Das Belarussische ist nicht per se die Sprache des Protests. So wie ein Dreiviertel der Bevölkerung im Alltag nach wie vor eher Russisch spricht, gebe es auch unter den Autoren natürlich auch regimekritische und opponierende Stimmen, die auf Russisch schreiben.

Auch zwei publizistische Projekte tragen zu einer Sensibilisierung für die slawischen Sprachen bei – das Webportal für belarussische Gegenwartsliteratur literabel.de und das dreisprachige deutsch-polnisch-ukrainische Literaturmagazin „radar“, das seit 2010 erscheint und dessen Märzausgabe sich dem „tranzyt“-Schwerpunkt widmet.

Der Anspruch des „radar“ ist es, durch Vermittlung und Vernetzung nicht nur eine Popularisierung der Literaturszenen der einzelnen Länder , sondern vor allem die Plattform für  eine internationale Literatur zu schaffen, die über die Idee der Nationalliteratur hinausgeht. Literabel.de veröffentlicht Prosa, Lyrik und Essays und Interviews  belarussischer Autoren und ermöglicht so den Zugang zu einer sensiblen Innenperspektive, zu erstaunlichen Texten, die auf dem deutschsprachigen Buchmarkt woanders bisher nicht zu finden sind.

Erinnerungskulturen im „Zwischeneuropa“

In einem Gespräch zu ”Erinnerungskriegen”  diskutierten Oksana Sabuschko, Swetlana Alexijewitsch und Robert Traba über die Reflexion der kommunistischen Zeit und postkommunistische Identitäten in Ostmittel- und Osteuropa.

Die in der Ukraine geborene und inzwischen in Paris im Exil lebende belarussische Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch wurde durch ihre dokumentarische, protokollarische, aus Interviews  zusammen gestellte Prosa bekannt. Jeder Mensch sei an seine Zeit gebunden, jeder von uns trage ein System in sich und der Augenzeuge ist die wichtigste Person. Deshalb habe sie den Anspruch, Offenheit zu erreichen.  Der Mensch müsse dazu gebracht werden, die Wahrheit über sich selbst zu erzählen. Nur dann gäbe es ein ehrliches Dokument. Ihr selbst gehe es aber nicht um die Bewertung politischer Systeme, sondern die Ambivalenz des Guten und Bösen im Menschen. Denn die Welt könne nicht nur durch Gedanken, nicht ausschließlich rationell aufgefasst werden, so Alexijewitsch.

Die ukrainische Schriftstellerin Oksana Sabuschko nimmt die derzeitige Erinnerungskultur in Ostmitteleuropa wie George Orwells „1984“ wahr: „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit.“ Robert Traba, ein polnischer Historiker verweist auf die Unterschiede in europäischen Erinnerungskulturen. Denn im westlichen Europa seien die Diskurse historisiert, in Osteuropa dagegen immer und nach wie vor wichtiger Teil der eigenen Identitätsfindung.

Autoren, Verleger und Übersetzer sehen Polen, die Ukraine und Belarus aber nicht nur als einen historischen Raum. Sie greifen den seit den polnischen Aufständen des 19. Jahrhunderts existierenden Begriff „Zwischeneuropa“ auf – als geistige Vision einer gemeinsamen sprachlich-kulturellen Region. Denn gerade die Nähe der Mentalitäten, das Verstehen der Zwischentöne einer Sprache, und nicht zuletzt des subtilen Humors des Anderen seien für die literarische Produktivität äußerst bedeutsam.

Literatur Osteuropa Polen Ukraine

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