Ein weltweit einmaliges Projekt steht vor der PleiteGENFORSCHUNG IN ISLAND

Ein weltweit einmaliges Projekt steht vor der Pleite

Seit sieben Jahren werden die genetischen Daten der gesamten isländischen Bevölkerung von einem US-Unternehmen ausgewertet – spektakuläre Erfolge gibt es bislang nicht – die Pharmaindustrie verliert das Interesse – Staatsburgschaften sollen nun die Firma retten

Von Johann von Arnsberg

EM - Islands Ministerpräsident David Oddson hat schlechte Karten. Wenn die Medien im Lande seine Situation richtig einschätzen, wird er bei den bevorstehenden Parlamentswahlen am 10. Mai 2003 nach zwölf Amtsjahren abgewählt. Als neue Favoritin für das Präsidentenamt gilt die Bürgermeisterin von Reykjavik, Sólrún Gísladóttir. In der Redaktion der isländischen Tageszeitung „Morgunbladid“ sagt man unumwunden, was das Problem des Amtsinhabers ist: er habe sich zu sehr für das weltweit einzigartige Genforschungsprojekt der privaten US-Firma DeCode Genetics engagiert, dem nun die Pleite drohe.

Der Fall ist ohne Beispiel: Seit 1996 werden die Gene des knapp 290.000 Einwohner zählenden Volkes der Isländer mit ausdrücklicher Genehmigung seiner Regierung von der Firma DeCode Genetics für kommerzielle Zwecke ausgewertet. Das Unternehmen wurde damals in Reykjavik mit dem Geld amerikanischer Risikokapitalgeber gegründet. Man erhoffte sich gigantische Gewinne aus der Erforschung und Vermarktung der genetischen Daten der Isländer. In Reykjavik sollte eines der letzten Geheimnisse der Menschheit gelüftet werden: die genetischen Ursachen für schwere Erbkrankheiten von Alzheimer bis Schizophrenie, von Diabetes, Schlaganfall, Multipler Sklerose bis Krebs.

Vorteil Island: die Ähnlichkeit der genetischen Strukturen in der Bevölkerung

Firmengründer Kári Stefánsson, gebürtiger Isländer und Professor für Neurologie an der amerikanischen Harvard Universität, ging seinerzeit von folgender Überlegungen aus: Islands Bevölkerung ist kleiner, homogener und viel weniger von außen beeinflußt als jede andere menschliche Population auf der Welt. Der Grund: Die Nachfahren von norwegischen Wikingern waren im Laufe ihrer Geschichte immer wieder durch verheerende Vulkanausbrüche und Hungersnöte bis auf einige wenige Familien ausgelöscht worden. Dadurch stammen fast alle heute lebenden Isländer von denselben Stammeltern ab. Also mußten – so die Schlußfolgerung Stefánssons – die genetischen Strukturen der Isländer einander so sehr ähneln, daß abnormale Gene leicht zu identifizieren wären. Man bräuchte nur die Erbanlagen kranker Isländer mit denen gesunder Isländer zu vergleichen und könnte so das schadhafte Gen erkennen.

Mit dieser Theorie kehrte Kári Stefánsson aus den Vereinigten Staaten nach Island zurück und lockte als Firmengründer ausländisches Kapital an. Neben den amerikanischen Geldgebern wollte sich auch der Schweizer Pharmakonzern Hoffmann-La Roche mit 200 Millionen US-Dollar engagieren.

Die Daten über das gesamte Erbgut aller Isländer lagern bei einem Privatunternehmen

Stefánsson gelang es, auch die Regierung in Reykjavik für seine Pläne zu begeistern. Ministerpräsident David Oddsson sagte, er sei erfreut, daß eine ausländische Firma wie Hoffmann La-Roche in ein „spitzentechnologisches Projekt“ seines Landes investiere. Oddson: „Die Regierung von Island wird alles in ihrer Macht Stehende unternehmen, um die beiden Vertragsparteien in ihrem Bestreben zu unterstützen.“ Der Ministerpräsident hoffte vor allem auf neue Arbeitsplätze, wie er bei der Grundsteinlegung für das neue Forschungsgebäude des Unternehmens DeCode Genetics vor zwei Jahren sagte.

Im Prinzip lagert heute das gesamte Erbgut der Isländer bei der privaten Firma von Kári Stefánsson und wird in deren Labors nach allen Regeln der Kunst ausgewertet. Verfügbar wurde das Material für das Unternehmen ohne große Anstrengung. Denn es gibt auf Island eine umfangreiche Sammlung von genetischen Daten und sogar von Gewebeproben. Seit 40 Jahren werden diese Proben, die bei einer medizinischen Behandlung oder der Untersuchung von Leichen gewonnen werden, in einer Gewebebank aufbewahrt. Hinzu kommt noch eine umfangreiche Sammlung weiterer medizinischer Unterlagen, in der alle seit 1915 verfaßten Arztberichte und Untersuchungsprotokolle erfaßt sind. Damit können in einer Familie auftretende Erbkrankheiten nicht nur mehrere Generationen zurückverfolgt werden. An den eingelagerten Gewebeproben lassen sich auch nachträglich noch genetische Untersuchungen durchführen.

Noch eine Besonderheit machte das isländische Genmaterial international konkurrenzlos: Nirgendwo auf der Welt geht ein so hoher Prozentsatz der Bevölkerung zur Krebsprophylaxe. Die Krebsgesellschaft in Reykjavik hat Daten von alle Krankheiten seit 1954 gesammelt, fast fünfzig Jahre lang. Von allen Patienten der letzten zehn Jahre gibt es wiederum Gewebeproben. So ist ein weltweit einzigartiges Archiv über drei Generationen entstanden. Diese Datenbank finanziert sich durch Spenden, eine Lotterie und öffentliche Gelder. Die Ergebnisse der Forschung blieben anonym und wurden nur im eigenen Haus der Krebsforschungsgesellschaft untersucht. Doch nachdem DeCode gegründet war, mußten auch ihre Unterlagen in die Gendatenbank der Firma eingespeist werden. Dafür wurde im Jahr 1998 sogar eigens ein Gesetz erlassen, das Ministerpräsident David Oddson mit seiner Regierungsmehrheit „durch das Parlament drückte“, wie Achim Zons in der „Süddeutschen Zeitung“ schrieb.

Begeisterung bei der Pharmaindustrie – Kritik wegen des Ziels der „Profitmacherei“

Das Unternehmen DeCode hat Zugriff auf die - in der Welt wohl einmaligen – isländischen Datensammlungen. Die beiden Kooperationspartner DeCode und LaRoche bekommen ihre Untersuchungsobjekte frei Haus geliefert. Für Genforscher und Pharmaindustrie schien dies geradezu eine Goldgrube zu werden. Das Abkommen mit dem Schweizer Pharmakonzern sollte für DeCode aber erst der Einstieg ins große Geschäft sein. Das isländische Unternehmen hoffte von Anfang an auf weitere Interessenten international operierender Pharmafirmen. Zwar wurden Einzelheiten der Vereinbarung mit der Schweizer Firma nicht offengelegt. Nach Angaben des Präsidenten von DeCode, Stefánsson, hat Hoffmann-La Roche jedoch kein exklusives Verwertungsrecht für die genetischen Daten erhalten.

Hrafn Tulinius, Vorsitzender der isländischen Krebsgesellschaft, war einer der ersten, der sich kritisch zu den Praktiken von DeCode Genetics äußerte. In einem Interview mit dem Westdeutschen Rundfunk (WDR) erklärte er: „Das neue Gesetz verlangt, daß alle Informationen aus dem Gesundheitssystem in die Datenbank von DeCode hineinwandern, ohne daß man die zwei Parteien - also Arzt und Patient - fragt. Das finde ich den größten Mangel an diesem Gesetz. Es gibt viele andere Mängel, die für Laien etwas schwierig zu erklären sind. Aber besonders kritisch sehe ich, daß das Ziel Profitmacherei ist.“

Ministerpräsident Oddson versucht den Traum seines Schulfreundes zu retten

Inzwischen mehren sich die Stimmen der Kritiker. Nicht zuletzt deshalb, weil auch sieben Jahre nach der Gründung von DeCode noch keine wirklich spektakulären, gewinnbringenden Erfolge vorzuweisen sind. Im Gegenteil: Das Unternehmen schreibt tiefrote Zahlen. Laut Geschäftsbericht des Jahres 2001 standen einem Umsatz von 31,6 Millionen Dollar Verluste von 47,8 Millionen Dollar gegenüber. Der Aktienkurs stand in den besten Zeiten bei 65 Dollar, im Frühjahr 2003 liegt er unter zwei Dollar. Hoffmann La-Roche hat sein finanzielles Engagement nach einem Drittel der zugesagten 200 Millionen Dollar gestoppt. Von den über 600 Mitarbeitern, die DeCode Genetics 1999 beschäftigte, sind nur noch knapp 350 übriggeblieben. Die anderen mußten aufgrund der schlechten Geschäftslage entlassen werden.

Ministerpräsident David Oddson hat noch einmal versucht, den Traum vom internationalen Geschäft mit den Genen der Isländer zu retten. Der 55jährige erwies sich auch in der Not als wahrer Freund seines alten Schulkameraden Kári Stefánsson. Im vergangenen Jahr hat er durchgesetzt, daß der isländische Staat dem ins Schlingern geratenen Unternehmen eine Bürgschaft von 20 Milliarden isländischen Kronen – umgerechnet rund 200 Millionen Euro – gewährte.

Es gibt inzwischen erste Stimmen von Genforschern, die in Frage stellen, ob die Theorie von der Einheitlichkeit des isländischen Erbgutes überhaupt zutreffend ist. Sollten sich die Zweifel erhärten, wäre dies wohl das endgültige Aus für DeCode Genetics. In den isländischen Medien werden Vermutungen angestellt, die ganze Wahrheit über die Lage des Unternehmens werde wohl erst nach den Wahlen im Mai herauskommen.

Europa Forschung

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