Eine Kindheit im Hotel LuxZEITGESCHICHTE

Eine Kindheit im Hotel Lux

Eine Kindheit im Hotel Lux

Zwei Jahre bevor Hitler an die Macht kam, siedelte Waltraut Schälike mit ihren Eltern, die überzeugte Kommunisten waren, nach Moskau über. Im Hotel Lux erlebte sie, wie Menschen verschwanden. Später wurde sie selbst Opfer des Stalin-Terrors. Nach dem Krieg kehrten die Eltern nach Deutschland zurück. Ihr Vater, Fritz Schälike, war 1946 Mitgründer der Sächsischen Zeitung.

Von Ulrich Heyden

Waltraut Schälike im Jahr 1937
Waltraut Schälike im Jahr 1937
(Foto: privat)

Nein, an Ratten im Hotel Lux kann sich Waltraut Schälike nicht erinnern. Auch den großen roten Stern auf dem Dach des Hotels, wie man ihn im Film von Leander Haußmann sieht, habe es in Wirklichkeit nicht gegeben. Und der Wächter am Eingang sei kein grober, sondern ein kinderfreundlicher Mensch gewesen. „Wir Kinder konnten rein- und rauslaufen und brauchten keinen Ausweis vorzeigen wie die Erwachsenen.“

Zu Fünft in einem Hotel-Zimmer

Der wuchtige, fünfstöckige Bau, nicht weit vom Kreml diente schon seit den 1920er Jahren als Herberge für kommunistische Funktionäre aus aller Welt. Die Mutter von Waltraut Schälike war Buchhalterin und Stenotypistin, ihr Vater leitete einen Verlag. Beide waren 1931 mit ihrer damals vierjährigen Waltraut aus Berlin-Wedding nach Moskau gekommen und bekamen ebenfalls ein Zimmer im Hotel Lux. In diesem wuchs Waltraut auf, zusammen mit ihren beiden Brüdern und den Eltern.

Als ich Waltraut Schälike in ihrer Ein-Zimmer-Wohnung im 12. Stock eines Wohnhauses im Süden von Moskau treffe, merke ich, wie sehr die alte Dame, die Ende Januar 85 Jahre alt geworden ist, noch an dem wuchtigen Haus im Zentrum von Moskau hängt. Immerhin hatte sie 18 Jahre darin gelebt. „Ich kann nicht sagen, dass ich im Hotel Lux Angst hatte,“ sagt die alte Dame. Das sei nicht so viel anders gewesen wie unter Hitler. Die Deutschen hätten damals auch „nicht jede Stunde Angst gehabt“.

Verleumdungen durch „Feinde“

Aus dem Fenster von Waltrauts Wohnung hat man einen weiten Blick. Im Abendhimmel blinkt die Leuchtreklame des gegenüberliegenden Einkaufszentrums. Waltraut schiebt ein Blech mit süßen Piroggen in den Ofen. In der Küche fängt es an zu duften. Um ihre Beine wuselt ihr kleiner Hund „Patik“. Aufgetischt wird erst später, wenn die Enkelin kommt, mit der die alte Dame zusammenwohnt. Enge Wohnungen ist Waltraut gewohnt.

Von dem stalinistischen Terror, den Verhaftungen angeblicher Verräter und Spione unter den Kommunisten bekamen die Kinder natürlich etwas mit. Aber sie verstanden nicht, was wirklich vor sich ging. Waltrauts Eltern sagten, wenn wieder jemand verschwunden war, dass es sich um Missverständnisse handelt. „Feinde der Sowjetunion“, wie Nikolai Bucharin, Karl Radek und Grigori Sinowjew, hätten, um der Sowjetunion zu schaden, „die besten Kommunisten verleumdet. So hat sich Mama das vorgestellt.“

Die 85jährige Waltraut Schälike in ihrer Moskauer Wohnung.
Die 85jährige Waltraut Schälike in ihrer Moskauer Wohnung.
(Foto: Heyden)

„Ich habe mir eingebildet, dass es Faschisten waren“

Als in Moskau die Säuberungen gegen sogenannte Partei-Feinde und angebliche Spione begannen, war Waltraut acht Jahre alt. 1936 wurde Erich Wendt, der beste Freund von Waltrauts Eltern verhaftet. „1940 wurde er wieder freigelassen“, erinnert sich die alte Dame. Trotz Haft in der Sowjetunion machte Wendt später Karriere. Der vom Stalin-Regime Verdächtigte, der in seiner Jugend mit Charlotte Kühn, der späteren Frau des DDR-Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht verheiratet war, wurde in der DDR Staatssekretär im Ministerium für Kultur.

„Ich habe Erich später mal gefragt, wie hast du das alles ausgehalten? Er sagte, ich habe mir vorgestellt, dass mich die Faschisten quälen und denen darf ich überhaupt nichts sagen.“ Das habe er sich einfach eingebildet. „Das war wohl ein psychologischer Schutz,“ meint Waltraut.

Als der Krieg begann, wurden auch die verfemten deutschen Kommunisten plötzlich wieder gebraucht. Der Vater von Waltraut, der seine Arbeit in der Verlagsgenossenschaft Ausländische Arbeiter verloren hatten, weil er sich für seinen verhafteten Freund Erich Wendt einsetzte, durfte nun bei Radio Moskau Texte zusammenstellen und auch Listen mit den Namen von deutschen Kriegsgefangenen verlesen. Auch Wendt bekam eine Anstellung bei Radio Moskau.

Nachts kam die Angst

Als Kind war Waltraut nicht bewusst, in was für einem System sie lebte. „Dass man über bestimmte Dinge nicht redete war so natürlich, wie die Regel, dass man im Winter nicht baden geht.“ Mehrere Freunde ihrer Familie wurden verhaftet, aber die kleine Waltraut erkannte nicht, dass auch ihre Familie bedroht war. Nur nachts, so erinnert sich die alte Dame, habe sie manchmal Angst gehabt, dass auch ihr Vater verhaftet wird. Immerhin kam es in ihrem Freundeskreis bereits mehrere solcher furchtbaren Fälle. Der Vater ihrer Freundin Nelli Lassy, ein schwedischer Kommunist, wurde verhaftet und kam nie zurück. „Auch meine beste Freundin Muschi Schiff verlor ihren Vater. Muschi und ich haben jeden Abend im Korridor so lange wie möglich gespielt, um ihren Vater gleich zu sehen wenn er zurückkommt. Aber er kam nicht.“ Von dem Morden hätten die Kinder damals nichts gewusst, sagt Waltraut. Das sei erst 1956, drei Jahre nach dem Tod von Stalin, öffentlich verkündet worden. Viele der Ermordeten wurden später dann von der Partei rehabilitiert.

Stimmt es, dass sich Frauen von verhafteten Kommunisten aus dem Fenster stürzten, frage ich Waltraut. „Ich habe davon nicht gehört. Ich hätte es gewusst, wenn es so etwas gegeben hätte. Ich weiß nur, dass ein Mann Selbstmord gemacht hat. Wir Kinder trauten uns damals nicht durch das Schlüsselloch zu gucken.“

Es ist schwer, den Gemütszustand der Kinder im Hotel Lux zu rekonstruieren. Das Gefühl der Bedrohung kam wohl nur nachts, wenn die Kinder zu Ruhe kamen. Dann bangten sie um ihre Väter.

Heute sagt Waltraut, dass das Thema Tod bei den Kindern damals keine besondere Rolle spielte. „Wir waren normale Kinder, die über den Tod nicht nachdachten.“ Indem die Eltern sich für den verhafteten Freund der Familie, Erich Wendt, einsetzten, spürte die kleine Waltraut offenbar auch, dass die Bedrohung, die da außen lauerte, nicht allmächtig war, dass es in der Familie und im Freundeskreis Schutz und Vertrauen gab. „Meine Freundin Muschi Schiff war ständig bei uns. Sie hat bei uns gegessen, solange ihre Mutter Depressionen hatte. Und auch mit Nelly spielte ich weiter.“

„Die Zigeuner kommen!“

Wie fühlte Waltraut sich als Deutsche in Russland? Sie sei nicht im Deutschtum, sondern als „richtiges sowjetisches Mädchen“ erzogen worden, „das sehr international ist“, erinnert sie sich heute. Ihre Freunde gehörten verschiedenen Nationalitäten an. „In der sechsten Klasse hatte ich einen Freundeskreis. Wir waren zu fünft und interessierten uns nicht für die Nationalität. Meine besten Freundinnen, Elga und Lena, waren Jüdinnen. Meine erste Liebe, Erik Tolstov, war ein Russe. Und dann war da noch ein Armenier. In den war meine Elga verliebt.“

Doch diese Freundschaft der Kinder verschiedener Nationalitäten in der Großstadt Moskau war nicht typisch für die Sowjetunion. Als Waltraut in den Kriegsjahren, von 1941 bis 1943, in die russische Provinz kam, genauer gesagt in eine Kleinstadt im damaligen Gorki-Gebiet, war von dem staatlich propagierten Internationalismus wenig zu spüren. „Als wir Internatskinder aus aller Welt dort ankamen, empfingen uns die Kinder am ersten Tag mit dem Ruf, ´die Zigeuner, Tataren und Juden sind da! ´“ Internationalismus – so erinnert sich Waltraut – habe es in der Moskauer Intelligenz gegeben. In den Kleinstädten wehte ein anderer Wind. Die Probleme in der Provinz-Schule hätten sich dann aber gelegt.

In Deutschland wird die Komsomolzin nachdenklich

Ein Sommerurlaub 1946 in Deutschland bringt für Waltraut eine dramatische Wende. Sie besucht ihre Eltern, die nach dem Krieg wieder nach Berlin zurückgekehrt waren. Was Waltraut in Deutschland erlebte, stimmte sie nachdenklich.

In Berlin hatte sie viele Gespräche mit einem jungen Mann, der immer noch an Hitler glaubte. „Der hat mir freche Fragen gestellt, und er hat wirklich nachgedacht.“ Im Unterbewusstsein habe sie damals verstanden, „dass uns etwas vereint. Er glaubt an Hitler und ich an Stalin. Aber ich habe das damals nicht zu Ende gedacht.“

Der Junge behauptete, Hitler habe von den KZs nichts gewusst. „Ich habe natürlich widersprochen. Er hatte Probleme und ich hatte Probleme. Er fragte wegen Königsberg. Alle Deutschen haben damals danach gefragt. Ich habe immer geantwortet, alles, was zugunsten eines Arbeiter- und Bauernstaates passiert, ist gerecht. Das war damals mein Klischee. Ich glaubte an den Sozialismus in der Sowjetunion.“

Waltraut war schwer beeindruckt, dass man auch auf den Parteiversammlungen der Kommunisten in Deutschland ganz offen über Königsberg sprach, wo Deutsche damals ausgesiedelt wurden. Die alte Dame erinnert sich an einer Parteiversammlung in Kühlungsborn, wo der damalige SED-Vorsitzende Wilhelm Pieck gefragt wurde, ob man sich nicht an die Russen wenden könne, „weil die jetzt in Königsberg Fehler machen“. Die junge Komsomolzin aus Moskau war überrascht, wie offen es in Deutschland zuging. „Ich dachte damals, das muss bei uns auch so sein.“ Auch kamen dem jungen Mädchen viele Zweifel über die sowjetischen Zeitungen, welche die Dinge nicht so darstellen, wie sie wirklich sind.

„Die gegen mich stimmten, trösteten mich später“

Aufgewühlt von ihren Eindrücken macht Waltraut dann zusammen mit ihrem Freund Ilja in Moskau eine Wandzeitung in der Geschichts-Fakultät der Uni. „Wir wollten alle Fragen des Lebens offen besprechen.“ Angst habe sie damals nicht gehabt. „Wir waren überzeugt, etwas Nützliches zu tun und dass die Gerechtigkeit siegt.“

Prompt bekam Waltraut jedoch eine Rüge und als sie 1949 diese Rüge rückgängig machen wollte, wurde sie aus dem Jugendverband Komsomol und der Uni ausgeschlossen.

Der Ausschluss aus dem Komsomol war ein herber Schlag. „Ich sah nur einen Wald von Armen. Die gesamte Versammlung an der Fakultät stimmte für meinen Ausschluss. Ich rannte heulend auf den Korridor. Der halbe Kurs kam zu mir auf den Korridor, um mich zu trösten, nachdem sie eben gegen mich gestimmt hatten. Für mich brach damals eine Welt zusammen.“
„In den offiziellen Dokumenten hieß es dann später, wir hätten eine trotzkistische Gruppe gegründet. Dabei haben wir nie im Leben Trotzki gelesen.“ Heute glaubt Waltraut, dass sie damals Opfer der Kampagne gegen den „Kosmopolitismus“ wurde. Ihr Mann war Jude und aus der Partei ausgeschlossen. Die Kampagne gegen den Kosmopolitismus habe damals eine antisemitische Richtung gehabt.

„Habe keine Angst, alles wird in Ordnung kommen.“

Von Freunden und Kommilitonen bekam die Ausgeschlossene damals aber auch Unterstützung. Als Waltraut eines Abends mit ihrem Mann vor der Tür des Komsomol-Büros ihrer Fakultät in der Moskauer Gerzen-Straße saß, kam plötzlich Swetlana, die Tochter des Diktators Stalin. Swetlana studierte wie Waltraut Geschichte. Die beiden Mädchen kannten sich von der Schule, waren aber nicht befreundet. „Alle anderen Studenten waren schon weg. Sie umarmte mich und sagte zu mir ganz leise ins Ohr, hab´ keine Angst, alles wird in Ordnung kommen.“

Waltraut wehrte sich weiter gegen ihren ungerechtfertigten Ausschluss von Komsomol und Uni. Doch innerlich begann sie sich selbst zu beschuldigen. Der Komsomol-Leiter an der Uni hatte erklärt, Waltraut habe subjektiv nur Gutes gewollt, aber objektiv habe sie dem Staat geschadet. „Mit diesem Wiederspruch zwischen objektiv und subjektiv wurde ich damals fast verrückt.“

In dieser Situation bekam Waltraut wieder Hilfe. Ein Freund führte sie im Hotel Lux zu einer polnischen Kommunistin. „Sie hat mich umarmt und immer wieder gesagt, ´Du bist nicht schuld. Merk dir das. Das ist jetzt eine schlechte Zeit und du musst einfach schweigen.“ Und Waltraut schwieg.

Zur Arbeit entsandt nach Zentralasien

Ob die Tochter von Stalin tatsächlich etwas erreicht hat, hat Waltraut nie erfahren. Auf jeden Fall durfte sie weiter studieren, und auch der Ausschluss aus dem Komsomol wurde nicht vollzogen. Doch es gab eine andere Wende. Waltraut wurde als Historikerin nach Frunse, in die damalige Hauptstadt der Sowjetrepublik Kirgistan, geschickt. Sie sei damals froh gewesen, dass sie ein neues Leben beginnen konnte, sagt die alte Dame heute.

Tief in Zentralasien zieht Waltraut ihre drei Söhne groß, unterrichtet Geschichte und wird anerkannte Marx-Forscherin. Nach einigen Jahren gibt sie ihren Glauben an Stalin auf. Erst 40 Jahre später, im Jahre 1989, kehrt Waltraut nach Moskau zurück.

Waltrauts Eltern, Fritz und Luise Schälike fuhren nach dem Krieg nach Deutschland zurück. Fritz Schälike wurde 1945 Herausgeber der Sächsischen Volkszeitung, aus der im April 1946 die Sächsische Zeitung wurde. Von 1946 bis 1962 leitete Fritz Schälike dann den Berliner Dietz-Verlag.

Zu ihren beiden Brüdern, Wolfgang und Rolf, die seit 1946 in Deutschland leben, hält Waltraut engen Kontakt. Der ältere Bruder, Wolfgang, lebt in Dresden, wo er den Verein „Deutsch-Russisches Kulturinstitut“ leitet. Der jüngere Bruder, Rolf Schälike, arbeitet als Übersetzer  in Hamburg.

Trotz der familiären Bindungen nach Deutschland will die 85jährige Waltraut in Moskau bleiben. „Ich fühle mich mit Russland verbunden und ich schreibe auf Russisch.“ Da knurrt plötzlich „Patik“, ihr kleiner Hund, und möchte unbedingt auf den Schoß.

Literaturhinweis:
Im Jahre 2006 erschienen die Erinnerungen von Waltraut Schälike über die Jahre 1927 bis 1946. „Ich wollte keine Deutsche sein: Berlin-Wedding - Hotel Lux“; herausgegeben von Frank Preiß, Karl Dietz Verlag: Berlin 2006, ISBN 3-320-02082-X.

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