Eine Ukrainerin singt für RusslandMUSIKWETTBEWERB

Eine Ukrainerin singt für Russland

Eine Ukrainerin singt für Russland

Russland setzt beim Eurovision-Song-Contest nicht auf nackte Haut sondern auf Ausdruck und lässt dafür sogar eine Nichtrussin antreten.

Von Ulrich Heyden

Anastasija Prichodko  
Anastasija Prichodko  

B ei der russischen Vorauswahl für den Eurovision Song Contest gab die Stimmgewaltige Anastasija Prichodko ihr Letztes. Am Ende ihres Liedes „Mamo“ („Mama“) hockte die 21jährige auf den Knien im Zwiegespräch mit ihrer Mutter. „Du hast meine Seele nicht freigelassen“, klagt sie und schlägt mit der Hand auf den Boden. „Du hast mir gesagt, ich soll mir nichts wünschen.“

Der Auftritt der schwarz gelockten Ukrainerin, der am Vorabend des Internationalen Frauentages vom russischen Pervyj Kanal übertragen wurde, unterschied sich auffallend von den übrigen Shows, bei denen immer viel nackte Haut zu sehen ist. Die 21jährige Sängerin aus Kiew, die Russland beim Eurovision Song Contest vertreten soll, trug ein langes schwarzes Kleid. Ganz anders noch die Ukrainerin Ruslana, die Siegerin vom Eurovision-Song-Contest 2004, die mit Leder-Flicken und halbnackt über die Bühne fegte.

Eurovision-Finale diesmal in Moskau

Für die Russen ist es dieses Jahr ganz besonders wichtig, wer das Land vertritt, denn das Finale des Eurovision-Wettbewerbs wird am 16. Mai das erste Mal in Moskau stattfinden.

25 Prozent der russischen Fernseh-Zuschauer stimmten mit Telefon-Anrufen und SMS-Nachrichten überraschend für die Schwarzgelockte aus Kiew. Die Konkurrentinnen schafften es nicht: die blonde Walerija bekam nur 14 Prozent. Die Gruppe „Quatro“ wurde mit 12 Prozent abgeschlagen.

Völlig unbekannt ist Anastasija Prichodko in Russland nicht. Die Ukrainerin mit der starken Stimme hat bereits beim russischen Talentschuppen „Stern Fabrik“ einen Sieg eingeheimst.  

Mit dem Lied „Mamo“, das Anastasija  (www.anastasya-prihodko.com) auf Russisch singt, den Refrain aber auf Ukrainisch, will die Sängerin aus Kiew jetzt den Sieg für Russland beim Eurovision-Song-Contest 2009 holen. „Die russische Auswahlkommission war mit meiner prinzipiellen Bedingung einverstanden, Mamo in der russischen Vor-Auswahl auf Ukrainisch und Russisch zu Singen“, erklärte die Sängerin auf einer Pressekonferenz.

In Kiew durchgefallen

Eigentlich wollte Anastasija beim Eurovision-Song-Contest 2009 die Ukraine vertreten. Doch beim Auswahlverfahren in Kiew fiel Anastasija durch, weil sie ihren Beitrag „Alles für Dich“ auf Russisch sang und nicht wie vorgeschrieben auf Ukrainisch oder Englisch.

Anastasija Prichodko ist Vollblut-Musikerin. Sie hat an der Kiewer Glier-Musik-Hochschule mit dem Schwerpunkt ukrainische Volksmusik studiert. Sie spielt nicht nur Klavier, sondern auch Flöte und Gitarre. Schon als 15jährige träumte sie davon, in der ukrainisch-russischen Mädchen-Band „VIA Gra“ zu Singen. Nun hat es endlich geklappt. Sie ist ein Star und bald auch in Europa bekannt.

Dass in Russland nicht alle mit der Wahl der Ukrainerin einverstanden sein würden, war abzusehen, aber dass plötzlich eine hitzige Debatte um Anastasija aufkommen würde, damit hatte Niemand gerechnet. Iosif Prigoschin, Producer der russischen Mitbewerberin Walerija, forderte eine Wiederholung der Wahl. Man müsse „eine andere Person zur Eurovision schicken“, schimpfte Prigoschin. „Ein Lied, das in der ukrainischen Sprache vorgetragen wird, hat mit Russland nichts zu tun.“ Haben wir nicht selbst genug gute Sängerinnen? fragte eine Kommentatorin im russischen Kanal TV Zentr trotzig.

Umstrittene Äußerungen

Die Debatte wurde auch im Internet geführt. Einer der Prichodko-Gegner hatte im Archiv der russischen Schlager-Sendung „Stern Fabrik“ gesucht und einige hässliche Äußerungen der Sängerin gefunden. Bei einem Streit in einer Küche hatte Anastasija vor zwei Jahren frech verkündet,  „ich mag keine Neger und Chinesen“. Plötzlich beschuldigten russische Medien die Sängerin als Rassistin. Doch in einem Interview mit dem Moskauer Massenblatt Moskowskije Komsomolez erklärte Prichodko, die Äußerungen von damals täten ihr leid. „Das waren Emotionen, mit denen ich nicht klar gekommen bin.“ Mit Faschismus und Rassismus habe sie nichts zu tun. „Wie kann man mich des Faschismus bezichtigen, wenn mein Großvater, Michail Nikititsch Prichodko im Großen Vaterländischen Krieg kämpfte, mit dem Orden „Für die Eroberung von Berlin“ ausgezeichnet wurde und seinen Namen an den Reichstag schrieb?“ Im Übrigen verwies die 21jährige darauf, dass ihr Vater Russe, ihre Mutter Ukrainerin und ihre beste Freundin Jüdin sei.

Jubel bei russischen Kommentatoren

Kreml-nahe Kommentatoren waren von Anfang an begeistert, dass Russland von einer Ukrainerin vertreten wird. Dass Russland mit einem Lied in der ukrainischen Sprache vertreten wird, sei „ganz phantastisch, vom politischen Gesichtspunkt aus“, meinte Maksim Kononenko, Kommentator der Zeitung „Wsgljad“. Im Übrigen sei ja Ukrainisch auch eine „sehr schöne Sprache“.

Der Eurovision Song Contest ist dieses Jahr also eine hochpolitische Angelegenheit. Während die Georgier mit einem Schmäh-Lied auf Putin auftreten wollen, ist eine Ukrainerin, die für Russland singt, nach dem Gas-Streit im Januar ganz nach dem Geschmack des Kremls. Mit Anastasija kann man zeigen, dass Russland und die Ukraine eigentlich zusammen gehören.

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Die Netzseite von Anastasija Prichodko: www.anastasya-prihodko.com

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