„Eine mit allem geistigen Comfort der Neuzeit ausgestattete Puppenstube“RUSSISCH-DEUTSCHE KULTUR

„Eine mit allem geistigen Comfort der Neuzeit ausgestattete Puppenstube“

„Eine mit allem geistigen Comfort der Neuzeit ausgestattete Puppenstube“

Erinnerungen an das „Russisch-Deutsche Theater Der Blaue Vogel“ in Berlin. „Der Blaue Vogel ist das Herrlichste, was man hier in der Welt sehen kann“, schwärmte Else Lasker-Schüler, und mit dieser Begeisterung stand sie nicht allein.

Von Wolf Oschlies

Im Berlin der zwanziger Jahre etablierte sich ein Klein-Rußland, bestehend aus Vereinen, Verlagen, Buchläden, drei Tageszeitungen - und  dem Theater „Der Blaue Vogel“.  
Im Berlin der zwanziger Jahre etablierte sich ein Klein-Rußland, bestehend aus Vereinen, Verlagen, Buchläden, drei Tageszeitungen - und  dem Theater „Der Blaue Vogel“.  

Und nie hat einer gearbeitet…“ – diese oft zur Charakterisierung von Dostojewski-Romanen genutzte Feststellung erscheint als Realitätsbeschreibung der umfangreichen Literatur über die russische Emigration im Deutschland der 1920-er Jahre. Die Russen verließen ihre nunmehr bolschewistische Heimat, kamen nach Deutschland, reisten weiter oder blieben hier hängen. Wo immer sie in Deutschland Wohnsitz nahmen, fügten sie sich in vollendeter Mimikry in ihre neue Umgebung – wurden bräunlich-nationalistisch in München, philosophisch-akademisch in Marburg, technokratisch in Dresden, hanseatisch-geschäftstüchtig in Hamburg etc. Aber ganz unauffällig gearbeitet, in welchem Job auch immer, scheint kaum jemand zu haben. Die Russen liebten Deutschland, jedoch auf ihre spezifische Weise, die nie ein Deutscher verstand und je verstehen wird. Wie kann man auch diese Mischung aus Bewunderung, die in zahllosen russischen Sprichwörtern ausgedrückt ist (oft ironisch unterfüttert), und tiefsitzendem Minderwertigkeitskomplex, der durch arrogant klingende Werturteile kompensiert wird, nachvollziehen?

700.000 Russen, die vor Lenins Revolution geflohen waren, landeten in Deutschland

Aus unerklärlichen Gründen muß es damals leicht gewesen sein, aus Rußland zu verschwinden und anderswo seßhaft zu werden. Etwa 2,5 Millionen Menschen sind vor Lenins Revolution geflohen, schätzungsweise 700.000 landeten in Deutschland. Die meisten von ihnen zog es nach Berlin, wo 1919 bereits 70.000 von ihnen lebten, zu denen monatlich etwa 1.000 weitere stießen. Das Berlin der damaligen Nachkriegszeit war nicht der geschwätzige, faule, schuldenmachende und kulturlose Moloch der Gegenwart, vielmehr das genaue Gegenteil: Die bis 1929 auf 4,3 Millionen Einwohner zur drittgrößten Stadt der Welt (nach New York und London) angewachsene Metropole, der New Yorks Oberbürgermeister Jimmy Walker 1929 das schönste Kompliment machte: „Berlin ist in vieler Hinsicht die bewundernswürdigste Stadt der Welt. Sein Grundton ist: Leistungsfähigkeit“. Doch, doch, das gab’s einmal, ein „leistungsfähiges“ Berlin! Über 60 Prozent aller Berliner waren berufstätig, über 40 Prozent aller Frauen standen in Lohn und Brot, 32.000 Betriebe, 3.200 Bankniederlassungen, 147 Tageszeitungen etc. – das alles sorgte dafür, daß diese Stadt nicht nur keine Subventionen benötigte, vielmehr Jahr für Jahr Milliardenumsätze schuf und so selbst den Hexentanz der Inflation relativ gelassen überstand.

In dieses Berlin strömten die Russen, 1923 bereits um die 300.000. Charlottenburg wurde ob der Fülle seiner russischen Einwohner bald nur noch „Charlottengrad“ genannt, und über den Kurfürstendamm fuhr die „Russenschaukel“, der Bus nach Halensee. Und das war erst der Anfang, dessen Fortgang ein junger russischer Maler 1923 so beschrieb: „Man geht im Westen spazieren und es flimmert einem vor Augen vor lauter Aushängen, Vitrinen, Plakaten und Reklamen: Wir sprechen russisch, Buchhandlung Rodina, Restaurant Medwed, Café Moskwa. Und an den Zeitungskiosken prangen die russischen Zeitungen und Zeitschriften. Eine friedliche Eroberung! Die Deutschen schert es nicht, sie haben sich daran gewöhnt“.
Dieses russische Berlin war auch Teil des Berlins, das allabendlich ein „unbeschreibliches Fest“ feierte. So befand 1959 der Pressehistoriker Peter de Mendelsohn in seinem akribischen Wunderwerk „Zeitungsstadt Berlin“ und fuhr mit Blick auf rückwärtige Anzeigenseiten Berliner Blätter fort: „Dieser Blick auf das Berlin der zwanziger Jahre verschlägt uns den Atem. Hier steht Berlin mitten im tiefsten materiellen Elend wahrhaftig in unwiederbringlichem Strahlenkranz auf. Aufführungen, die heute das ganze ungeteilte Deutschland mit vereinten Kräften nicht zusammenbrächte“.

In Berlin etablierte sich ein kulturelles Klein-Rußland

Der blaue Vogel - Mischung aus „russischer Seele“, deutschem Standort und nie erlebter Farbenpracht auf der Bühne  
Der Blaue Vogel - Mischung aus „russischer Seele“, deutschem Standort und nie erlebter Farbenpracht auf der Bühne.  

In diesem wunderbaren Trubel etablierte sich ein kulturelles Klein-Rußland, bestehend aus rund dreißig Verbänden, Vereinen und Hilfswerken, sechs Banken, 87 Verlagen, 20 Buchläden, drei Tageszeitungen, einem „Schriftstellerklub“, einem „Haus der Künste“ und unendlich viel mehr in diesem „vollkommen unnützen Berlin“, wie es Boris Pasternak empfand und sah: „Berlin erschien mir wie eine Stadt von Halbwüchsigen, die tags zuvor richtige Fahrräder und Gehröcke zum Geschenk erhalten hatte, wie bei Erwachsenen. Sie waren noch nicht an den Wechsel gewöhnt und jeder tat sich wichtig mit dem, was ihm gestern zuteil geworden war“. Verfaßt 1919, aber doch verblüffend vertraut anmutend: Berlin bleibt Berlin!

Vor etwa zwanzig Jahren schwappte eine „Preußenwelle“ über Berlin hinweg, der bis heute keine „Slawenwelle“ gefolgt ist. Dabei gäbe es vieles wiederzuentdecken, beispielsweise das „Russisch-Deutsche Theater Der Blaue Vogel“, das heute bei Russen wie Deutschen völlig vergessen ist, obwohl es damals Deutschland und ganz Europa in einen Begeisterungstaumel stürzte. Es war und blieb rein russisch in allen Attributen, beginnend mit dem Namen, der eine sprachliche Finesse enthielt: Im Deutschen gibt es sprachlich keinen Unterschied zwischen „blauer Blume“, „blauem Himmel“ und „blauem Montag“. Im Russischen kann man „blau“ je nach farblicher Nuancierung und intentionaler Konnotierung mit „goluboj“ oder „sinij“ wiedergeben. „Sinij“ bezeichnet dunkelblau, romantisch, tiefgründig, und so hatte es eine gewisse Signalfunktion, wenn sich das Theater russisch „Sinjaja ptica“ nannte.

Der „Blaue Vogel“ war ein aus etwa 44 Bildern bestehendes Theaterstück

Als der „Blaue Vogel“ Ende 1921 startete, hieß er „J. Jushny’s Theater“. Im vorrevolutionären Russland war Jushny ein gefeierter Charakterdarsteller gewesen, der auch erste Versuche mit Kleinkunst unternommen hatte, etwa ein aus 44 Bildern bestehendes Theaterstück auf eine winzig kleine Bühne zu bringen. Er stand am Beginn einer zweiten, großen und für russische Theaterusancen ungewöhnlichen Karriere, die jedoch durch die Revolution unterbrochen wurde. Er sei „gestorben 1920 in Moskau und geboren 1921 in Berlin“, sagte er später von sich: Berlin hatte ihm die Chance gegeben, seine Vorstellungen von einer in Ausstattung, Repertoire und Darstellung „prallen“ Kleinkunstbühne zu verwirklichen. Eine „Mosaikbühne“ mit „geformter Improvisation“ sollte sie werden, dabei so russisch bleiben wie ein Wodka-Umtrunk zu Balalaikaklängen unter Birken.

Diese Mischung aus „russischer Seele“, deutschem Standort und nie erlebter Farbenpracht auf der Bühne schlug ungeheuer ein: „Rußland begann für uns Westler sanft zu tönen, seit der ‚Blaue Vogel‘ die ersten Wolgalieder zu singen anfing“, rühmte Stefan Grossmann, Herausgeber der Wochenzeitung „Tagebuch“. Und sein medialer Konkurrent Siegfried Jacobsohn, Herausgeber der „Weltbühne“, war mit ihm einer Meinung: „Der ‚Blaue Vogel‘ ist ein Traum, in den man immer wieder versinken möchte, um die häßlich graue, unbeschwingte, lähmend nüchterne Gegenwart zu vergessen“.  

„Wir müssen machen gnädiges Kabarett“

Der blaue Vogel - Mischung aus „russischer Seele“, deutschem Standort und nie erlebter Farbenpracht auf der Bühne  
Die Faszination des Programms lag in seiner unvorstellbaren Vielgestaltigkeit.  

Und wie hatte alles angefangen? In der „Weinstube Lantzsch“, einer bei Russen beliebten Künstlerkneipe, radebrechte die Malerin Natalija Gontscharowa eines Abends den folgenschwaren Satz „Wir müssen machen gnädiges Kabarett. Sie meinte ein „vornehmes“ Kabarett, kein Tingeltangel, auch keine politische Agitationsbühne. So wurde die Idee des „Blauen Vogel“ geboren.  In Schöneberg, Golzstraße 9, fand sich ein verkommenes Hinterhofkino, aus dem sehr bald ein hübsches Theater mit zwei Rängen und 200 Parkettplätzen wurde. In den Zuschauerraum gelangte man durch ein Foyer mit „echt russischen“ Birkenmöbeln, auf denen Figuren aus dem Repertoire standen – alles klein und (scheinbar) verspielt, dabei bewußt oder instinktiv gegen jeden Trend des modernen „großen“ Theaters ausgerichtet: Temporeiche Szenenwechsel statt langwieriger Umbauten, Gesang und witzige Sketche statt schwerblütiger Ehebruchdramen, detailverliebte Ausstattung bei Bühne und Kostümen statt der gewollt nüchternen „neuen Sachlichkeit“ – keine aktualitätsbezogene Skepsis, sondern grundlegende Lebensbejahung!  

Wer einmal eine improvisierte Bühnen-Fete miterlebte, wie sie Schauspieler etwa nach einer besonders gelungen Aufführung abzuziehen vermögen, der kann sich ein ungefähres Bild machen, wie ein Abend im „Blauen Vogel“ aussah. Die Faszination des Programms lag in seiner unvorstellbaren Vielgestaltigkeit: Schwermütige Lieder und überschäumende Tänze aus Russland, Gaunerlieder aus dem Kaukasus, Wiener Kitschszenen, parodistische Nummern über deutsches Kneipen- oder amerikanisches Bürotreiben oder gleich das bunteste Chaos, das als „russisches Spielschächtelchen“ präsentiert wurde.

„Ein köstliches Deutsch, das so schmeckt, als ob es lange in einer Beize gelegen hätte.“

Gesungen und gespielt wurde oft auf Russisch, nicht selten aber auch in einem „köstlichen Deutsch, das so schmeckt, als ob es lange in russischer Beize gelegen hätte“, wie der geistvolle Theaterkritiker Alfred Polgar notierte. Besonders Jushnys witzige Conférencen gewannen durch ihr russisch akzentuiertes Deutsch zusätzlichen Reiz: Er lehrte die Zuschauer, „jeschtscho ras“ (noch einmal) zu rufen, wenn ihnen etwas besonders gut gefallen hatte, und  wenn er sie mit seinem charakteristischen „Auf Widdersän!“ verabschiedete, dann konnte er sicher sein, die meisten in der Tat wiederzusehen.

Der eigentliche Glanz des „Blauen Vogel“ ging von seinen Kostümen und Dekorationen aus. Hier zeigte sich der Einfluß des russischen Meisterregisseurs Stanislawski – nichts wurde dem Zufall überlassen, jede Wirkung war geprobt und optisch vorbereitet. Aus einem guten Dutzend Maler, für die das Theater eine eigene Werkstatt unterhielt, ragten A. Chudjakow und P. Tschelischtschew heraus, über die Polgar in komischer Verzweiflung seufzte: „Man wird sich diese Namen merken müssen – aber nicht können!“ Ein Bühnenbild von Chudjakow, flammend gelbroter Himmel über Flußlandschaft, bewirkte, daß den Zuschauern selbst der Vortrag eines so simplen Liedchens wie der „Wolgaschlepper“ als aufregendes, nie gehörtes Erlebnis in Erinnerung blieb.

Für Alfred Polgar war der „Blaue Vogel“ eine „mit allem geistigen Comfort der Neuzeit ausgestattete Puppenstube. Das Ewig-Kindliche zieht uns hin“. In den Kostümen sah er „eine herzhafte Freude am Übersteigern des stilistisch Grundsätzlichen. Die Bäuerinnen sind nicht bäurisch, sondern bäurischst. Eine hunderteinprozentige Sättigung der Tracht mit Ländlichkeit. So kommt in das Bild ein parodistischer Zug, weglächelnd jeden Verdacht artistischer Wichtigtuerei“.

Das Lied vom „Blauen Vogel“ wurde auf der Bühne russisch gesungen

Der eigentliche Glanz des „Blau­en Vogel“ ging von sei­nen Kostümen und Dekorationen aus.  
Der eigentliche Glanz des „Blau­en Vogel“ ging von sei­nen Kostümen und Dekorationen aus.  

Gute 80 Nummern umfaßte das Repertoire des „Blauen Vogel“. Mit ihm konnte er im Juni 1928 bereits auf 1.800 Vorstellungen in Deutschland (und das heißt: nicht nur in Berlin), 100 in den USA, 200 in der Schweiz. 220 in Holland etc. zurückblicken. In Spanien und Litauen, Schweden und Jugoslawien, überall hatte der „Blaue Vogel“ seine Federn gespreizt und die Menschen entzückt. „Der Blaue Vogel ist das Herrlichste, was man hier in der Welt sehen kann“, schwärmte Else Lasker-Schüler, und mit dieser Begeisterung stand sie nicht allein. Verschlossen blieb dem Theater nur der Kraftquell, aus dem es letztlich kam. Das „Lied vom Blauen Vogel“ – auf der Bühne russisch gesungen, im Programmheft deutsch übersetzt -, das in keinem Programm fehlte, sagte, was dem Theater fehlte:

Es war im Herbste,
Als sein Gefieder
Der blaue Vogel
Klingend erhob.
Wir folgten zagend,
Hoffend und wagend
Und voller Sehnsucht
Dem ersten Flug.

Hört, es flüstern russische Wälder,
Hört der Wolga donnernden Lauf,
Hört der Kosaken stampfende Pferde,
Hört den Sang der russischen Erde,
Vom heiligen Boden, aus dem wir verbannt.

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