Eine neue HauptstadtGROßPROJEKT IN SÜDKOREA

Eine neue Hauptstadt

Eine neue Hauptstadt

Bis zum Jahr 2014 wird in Südkorea eine neue Hauptstadt gebaut. Mit dem geschätzte 32 Milliarden Euro teuren Projekt löst Präsident Roh Moo Hyun ein Wahlversprechen ein.

Von Nico Lange

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Blick auf Seoul - (noch) Hauptstadt Südkoreas  

EM – Im August 2004 gab der südkoreanische Ministerpräsident Lai Hai Chan öffentlich bekannt, was das Parlament bereits Ende 2003 in einem Sondergesetz verabschiedet hatte: Südkorea bekommt eine neue Hauptstadt. Der Regierungssitz soll aus der Metropole Seoul in die etwa 160 Kilometer südlich gelegene Provinzregion Yeongi-Gongij verlegt werden. Die Arbeiten zur Errichtung der neuen Stadt sollen den offiziellen Verlautbarungen zufolge im Jahr 2007 beginnen und bis 2014 abgeschlossen sein. Die Kosten für das Mammutprojekt werden derzeit auf etwa 46 Milliarden Won (ca. 32 Milliarden Euro) veranschlagt. Mit der geographischen Verschiebung des politischen Zentrums soll laut Chan vor allem für eine „ausgeglichene regionale Entwicklung“ Sorge getragen werden. Da im Großraum Seoul mittlerweile fast 50 Prozent der etwa 48 Millionen Einwohner des Landes zu Hause sind, scheint dies ein durchaus plausibles Unterfangen zu sein. Doch darüber hinaus existiert noch eine ganze Reihe weiterer Gründe, die die südkoreanische Regierung veranlassen, das Umzugsprojekt zu durchzuführen.

Wahlversprechen und Gefahr aus dem Norden

Während des Wahlkampfes zu den Präsidentenwahlen im Jahr 2002 hatte Roh Moo Hyun die Errichtung einer neuen Hauptstadt versprochen, um dadurch die extreme Verquickung von Militär, Großkonzernen und politischen Eliten in Seoul aufzubrechen. Ob es jedoch tatsächlich gelingen wird, die südkoreanische Demokratie gegen die oligarchischen Tendenzen zu stärken, indem man die Regierung vom größten Ballungszentrum entkoppelt, scheint zumindest fraglich.

Die Millionenmetropole Seoul liegt nur wenige Kilometer von der innerkoreanischen Grenze entfernt. Es ist daher außerdem anzunehmen, daß in den Überlegungen zum neuen Regierungssitz das Verhältnis zum kommunistischen Landesteil im Norden eine nicht unerhebliche Rolle spielte. Die Entscheidung, das politische Zentrums nach Süden in das Landesinnere zu verschieben, steht damit im Widerspruch zur Entspannungspolitik der letzten Monate, als auf dem Gebiet des Tourismus die Zusammenarbeit mit Nordkorea intensiviert wurde und bei den olympischen Spielen in Athen eine gemeinsame Mannschaft der Athleten Nord- und Südkoreas teilnahm. Offensichtlich ist man in Seoul der Meinung, daß das Verhältnis zum kommunistischen Norden langfristig unberechenbar bleiben wird.

Ewige Konkurrenz zu Japan

Mit der Gründung eines rein politischen Zentrums zur Entlastung eines extremen Ballungsraums verwirklicht Südkorea eine Idee, die auch im Nachbarland Japan seit einigen Jahren schon intensiv diskutiert wird. Dort ist es den Befürwortern bisher jedoch nicht gelungen, ein derartiges Projekt in bezug auf Tokio in die Tat umzusetzen. Für die südkoreanische Führung bietet sich so eine willkommene Gelegenheit, den Japanern endlich einmal vorauszueilen und damit dem ewigen Konkurrenten aus Nippon gewissermaßen „eins auszuwischen“. Das Verhältnis zwischen Südkorea und Japan ist trotz wirtschaftlicher Kooperation noch immer auf vielen Gebieten vom japanischen Überlegenheitsdünkel und dem koreanischen Gefühl der Demütigung bestimmt. Dies wurde zuletzt bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2002 deutlich, als nach dem Ausscheiden der südkoreanischen Mannschaft gegen Deutschland ein deutliches Aufatmen durch die japanische Öffentlichkeit ging. Damit war eine Finalteilnahme der Südkoreaner auf japanischem Boden verhindert worden.

Künstliche Hauptstädte – nicht immer erfolgreich

Für künstlich geschaffene Hauptstädte existieren bereits einige internationale Beispiele, deren Situation insgesamt wenig ermutigend ist für den zu erwartenden Erfolg des koreanischen Projekts. Man denke nur an den langjährigen Spott über die Realitätsferne des „Raumschiffs Bonn“ in Deutschland. Canberra in Australien ist ein ganz ähnlicher Fall. Und auch Brasilia war lange Zeit geradezu eine Geisterstadt – bis Wirtschaft und Kultur dorthin nachzogen und damit die alten Probleme letztlich wieder mit einschleppten. Ein aktuelles Beispiel ist auch die neue kasachische Hauptstadt Astana, die in weiten Teilen noch einer Geisterstadt gleicht (Vgl.: EM 03-04).

Ein Fall für das Verfassungsgericht

Die Gefahr eines Scheiterns spielt auch im Schlagabtausch zwischen den südkoreanischen politischen Parteien eine große Rolle – vor allem im Hinblick auf die Finanzierung des Projekts. Zahlreiche Experten halten die genannte Summe von 46 Milliarden Won für bewußte Augenwäscherei der Regierung und beziffern die tatsächlich zu erwartenden Kosten auf mehr als das Doppelte. Mittlerweile wurde daher sogar der Verfassungsgerichtshof angerufen. Er soll entscheiden, ob die Parlamentsentscheidung für den Umzug überhaupt verfassungsgemäß gewesen ist. Teile der Opposition in Südkorea wenden sich nunmehr deutlicher gegen einen Bedeutungsverlust Seouls. Die Stadt ist seit 1948 die Kapitale Südkoreas und war zuvor bereits Hauptstadt der koreanischen Yi-Dynastie. Es ist anzunehmen, daß die Diskussionen trotz Parlamentsbeschluß und offizieller Erklärung der Regierung noch lange anhalten werden, wahrscheinlich bis zum Jahr 2012. Dann sollen die ersten Ministerien tatsächlich in ihren neuen, derzeit noch namenlosen Amtssitz umziehen.

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