Eine neue OdysseeGRIECHENLAND

Eine neue Odyssee

Geschäfte schließen, die Schlangen vor den Arbeitsämtern werden länger und immer mehr Menschen versuchen, ihre Ersparnisse ins Ausland zu bringen: Die Griechen reagieren geschockt auf die Entscheidung der Regierung, Hilfe vom Internationalen Währungsfonds (IWF) anzunehmen. Die Regierung versucht, mit PR-Kampagnen die Menschen zu beruhigen. Am kommenden Samstag, dem 1. Mai, wird im Land eine große Protestwelle erwartet. Gewerkschaften wollen für den 5. Mai einen Generalstreik organisieren.

Von Chrissi Wilkens

  Lieber ohne IWF
  In einer Umfrage für den griechischen Fernsehsender MEGA äußerten sich mehr als 70 Prozent der Griechen negativ über das Einschalten des IWF.

Bei der Frage, wer an der Krise schuld sei, meinten über 54 Prozent, es gebe eine kollektive Verantwortung.

In einer anderen Umfrage sagten 63 Prozent der Befragten, dass durch das Einschalten des IWF härtere Maßnahmen auf sie zukommen könnten. 96 Prozent fürchten sich vor einer unkontrollierten Welle der Arbeitslosigkeit.

Panayotis hat große Sorgen. Seit Tagen fragt er Experten und Freunde, in welches Land er seine Ersparnisse bringen solle. Denn Griechenland steht vor einer „neuen Odyssee“. Das verkündete der griechische Premierminister Giorgos Papandreou vergangenen Freitag, als er den Antrag auf Hilfe durch die EU und den Internationalen Währungsfonds (IWF) stellte.

Der 32-jährige Gymnastiklehrer Panayotis ist vor ein paar Tagen Vater geworden. Doch Pläne für die Zukunft kann er derzeit nicht schmieden. Er hat Angst, dass die wenigen hundert Euro, die er und seine Frau in den vergangenen Jahren gespart haben, auf einmal verloren sein könnten. „Ich muss das Geld vor einem möglichen Bankrott der Banken schützen“, sagt Panayiotis. Wie viele andere Griechen überlegt auch er, das Geld in einer zypriotischen Bank einzuzahlen.

Die Griechen bringen ihr Geld außer Landes

Die meisten Experten sind davon überzeugt, dass das Einschalten des IWF die Spareinlagen in den Banken nicht in Gefahr bringt. Trotzdem haben in den vergangenen Tagen griechische Kunden massenhaft Bankschließfächer und Bankkonten im Ausland eröffnet. In den ersten zwei Monaten dieses Jahres haben sich die Spareinlagen in griechischen Banken laut den Angaben der Griechischen Nationalbank um 8,4 Milliarden Euro reduziert.

Das ist ebenso viel wie der deutsche Anteil am internationalen Hilfspaket für Griechenland. Insgesamt wollen die Euroländer 30 Milliarden Euro bereitstellen. Der IWF steuert noch einmal 15 Milliarden Euro bei. Doch in Deutschland ist eine hitzige Debatte darüber ausgebrochen, ob Griechenland überhaupt fähig sein wird, die Kredite zurückzuzahlen. Die griechischen Anleihen werden weiterhin als hochriskant eingestuft.

Soziale Explosion erwartet

In Athen wird derweil mit einer sozialen Explosion gerechnet. „Es ist unmöglich, die Menschen davon zu überzeugen, Arbeitnehmerrechte abzugeben, für die die vorherigen Generationen gekämpft haben“, sagt der Soziologieprofessor Konstantinos Tsoukalas. Ioanna, eine 47-jährige Angestellte in der Privatwirtschaft, ist immer wieder schockiert, wenn sie Nachrichten hört. „Es werden Angst und Unsicherheit verbreitet. Ich kann nichts mehr planen: keinen Urlaub, keine großen Einkäufe.“

„Sogar der 13. Monatslohn liegt auf dem Operationstisch und könnte amputiert werden“, schrieb die regierungsnahe Ta Nea am Montag. Der griechische Arbeitsminister gab bekannt, dass die internationalen Helfer auch Kürzungen bei den Löhnen in der Privatwirtschaft verlangten. Vor kurzem bereits wurden Löhne und Renten im öffentlichen Sektor reduziert, die Mehrwertsteuer wurde von 19 Prozent auf 21 Prozent erhöht und neue Steuern auf Tabak, Spirituosen und Treibstoffe erhoben.

Die Arbeitslosenquote steigt rapide an

Ioanna fürchtet nun sogar um ihren Arbeitsplatz. Immer häufiger wird von Entlassungen in der Privatwirtschaft berichtet. Die Arbeitslosenquote ist innerhalb der letzten zwölf Monate von 9,4 Prozent auf 11,3 Prozent gestiegen. Im Dezember haben mehr als 62.000 Menschen ihre Arbeit verloren. In der Umgebung von Athen schließt ein Geschäft nach dem anderen. Wirtschaftsexperten schätzen, dass bis Ende des Jahres über 50.000 kleine und mittlere Unternehmen dichtmachen. Dies wird 70.000 weitere Menschen in die Arbeitslosigkeit treiben.

Vor den Arbeitsämtern stehen jeden Morgen Dutzende von Arbeitslose Schlange. Sie kommen aber auch zum griechischen Gewerkschaftsbund (GSEE), um sich beraten zu lassen. Für den kommenden Samstag, den 1. Mai, werden im Land Protestdemonstrationen erwartet. Die Gewerkschaften hatten zudem am Montag angekündigt, für den 5. Mai zu einem Generalstreik aufzurufen. Denn viele Menschen – wie auch Ioanna – sehen keine persönliche Schuld in dieser Krise.

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Die Autorin ist Korrespondentin von n-ost. Das Netzwerk besteht aus über 50 Journalisten in ganz Osteuropa und berichtet regelmäßig für deutschsprachige Medien aus erster Hand zu allen Themenbereichen. Ziel von n-ost ist es, die Wahrnehmung der Länder Mittel- und Osteuropas in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu verbessern. Weitere Informationen unter www.n-ost.de.

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