Eingeschlossen hinter hohen MauernNEUE RUSSEN

Eingeschlossen hinter hohen Mauern

Eingeschlossen hinter hohen Mauern

Rußlands Reiche haben sich im Moskauer Umland eine Insel des Wohlstands errichtet. In der Rubljowo-Uspenskoje Chaussee reihen sich die teuersten Villen des Landes, hier stauen sich die Nobelkarossen der Neuen Russen.

Von Ulrich Heyden

Das Villenviertel fängt schon am Moskauer Stadtrand an.  
Das Villenviertel fängt schon am Moskauer Stadtrand an.
(Foto: Ulrich Heyden)
 

D en Raum betritt ein kleiner Herr mit Goldrandbrille. An seiner Seite eine Schönheit mit langen schwarzen Haaren. Sie ist einen Kopf größer als er. Man reicht Drinks. Der Herr greift nach einem Kelch mit etwas Grünflüssigem. Dann verschwinden die beiden im Gedrängel. Hinter einem Pult steht ein junger Mann im Nadelstreifen-Flanell. Ab und zu schreit er Zahlen und schlägt mit einem Holzhammer auf ein Pult. „Haben sie Geld?“, fragt der Auktionator frech eine der Bieterinnen. Ein Lachen geht durch den Saal. Geldprobleme hat hier keiner. Zur Versteigerung ist man aus Jux und Zeitvertreib gekommen. Heute geht es um 12 Stühle, in Rosen- und Nußholz. Antik versteht sich. Im Sitzpolster von einem der Vierbeiner hat man echte Brillianten versteckt, ganz wie in dem 1928 veröffentlichten Krimi „12 Stühle“ von Ilja Ilf und Jewgeni Petrow.

„2.000 zum Ersten“, ruft der Mann in Nadelstreifen. Geboten wird in Dollar. Eine Frau mit langen, schwarzen Locken ruft „3.000“. Knauserig mag hier keiner sein. Man möchte zeigen, daß man dazugehört. Eine junge Frau mit schwarzem Pagenkopf und weinrotem Samtkleid ruft „5.000“. Keiner bietet mehr. Die Dame in Weinrot bekommt den Stuhl – ohne Brillanten – und zahlt bar, in Rubel.

Nackte Wände für eine halbe Million

  Bankier Wjatscheslaw hat auf seinem Anwesen auch eine Privatkirche
  Bankier Wjatscheslaw hat auf seinem Anwesen auch eine Privatkirche
(Foto: Ulrich Heyden)

Die Szene spielt in der Rubljowo-Uspenskoje Chaussee. Die zweispurige Straße mit einem für russische Verhältnisse exzellenten Asphalt schlängelt sich von Moskau aus durch Fichtenwälder Richtung Westen. Hier wohnen die Millionäre und Milliardäre, „Nowije Russkije“ („neue Russen“) und hohe Staatsbeamte. Nirgendwo sonst in dem großen Reich ist soviel Geld versammelt. Ein Haus an der „Rubljowka“ – wie die Chaussee im Volksmund heißt – kostet zwischen einer halben und einer Million Dollar. „Für diesen Preis bekommt man jedoch nur nackte Wände. Nach oben ist der Preis unbegrenzt. Vielleicht möchte jemand Stuck oder beleuchtete Fußböden,“ meint Dmitri Aleksejew, künstlerischer Leiter in einem Architekturbüro gegenüber dem russischen Fernsehkanal ORT.

Zu Sowjetzeiten wohnten an der „Rubljowka“ Minister und Schriftsteller. Für Ausländer war das Gebiet damals gesperrt. Nun entstehen hinter den leuchtend roten Fichtenstämmen immer neue Paläste, einer unglaublicher als der andere. Gotisch, postmodern, klotzig-sowjetisch, verspielt, verglast und religiös, die Phantasie kennt keine Grenzen.

Zur Hauptverkehrszeit geht es auf der Rubljowka nur im Schritt-Tempo voran. Wie auf einer Perlenkette aufgereiht, schieben sich Brabus-Geländewagen mit getönten Scheiben, schwarze Mercedes- und BMW-Limousinen und silberne Cadillacs gen Westen. Für soviel Reichtum ist die kleine Provinzstraße nicht ausgelegt. Manchmal reißt einem der Geduldsfaden. Dann wird das Blaulicht eingeschaltet und weiter geht es auf der Gegenfahrbahn. Nur das Wiedereinfädeln ist ein Problem. Einer aber kommt immer ohne Störungen nach Hause. Für Wladimir Putin wird die Chaussee für 20 Minuten gesperrt.

Die Wünsche gehen nicht aus

Qualvoller Weg nach Hause: Stoßzeit an der Rubljowka  
Qualvoller Weg nach Hause: Stoßzeit an der Rubljowka
(Foto: Ulrich Heyden)
 

Zuhause wartet die Ehefrau oder die Liebhaberin. Auch sie hat ihre Sorgen. Da muß der Einkaufszettel für das Dienstpersonal geschrieben, die Kinder zum Englisch-Unterricht geschickt und Massage-Termine umgelegt werden. Da kann es mit privaten Verabredungen schon schwierig werden. „Eine Verabredung wird eine Woche vorher geplant“, berichtet Natalja Kurnikowa. Die blonde Dame mittleren Alters hat sich mit Hilfe ihres Mannes eine kleine Gemäldegalerie aufgebaut. In der Stille des Waldes entstehen immer neue Wünsche. „Wenn die Frauen und Liebhaberinnen früher alle Sängerin werden wollten, so wollen sie heute Designerin werden,“ berichtet die Schauspielerin Alika Smechowa, die auch an der Rubljowka wohnt. Heute ist es schick, wenn man eine Boutique, einen Blumenladen oder ein Geschäft für Einrichtungs-Schnick-Schnack führt.

Langeweile und Angst, das ist eine aufregende Gefühlsmischung. Es ist noch nicht lange her, da schreckten die Frauen bei jedem Telefonanruf zusammen. Es kam vor, daß eine anonyme Stimme den Tod des Ehemanns vermeldete. So erging es offenbar Oksana Robski. Ihr Mann, ein Unternehmer, wurde von einem Killer umgelegt. Gequält von der Trauer hat die junge Witwe jetzt in ihrem Buch „Casual“ den Schleier der Rubljowka gelüftet. Es bleibt immer die Angst, daß sich der Mann „eine Andere“ sucht. Lange und glückliche Ehen sind das einzige Defizit an der Rublokwa. Frauen, die Untreue vorbeugen wollen, begleiten den Ehemann zu möglichst jedem Empfang oder Sportereignis, berichtet Robski.

Viele neue Arbeitsplätze sind an der Reichen-Chaussee entstanden. Ganze Divisionen von Hausangestellten, Kinderbetreuern, Gartenpflegern, Wächtern und Fahrern umsorgen die Paläste und ihre Bewohner. Man hat es gerne multinational. Auf den Palast-Baustellen schuften dunkelhäutige Tadschiken und Usbeken. Ukrainerinnen machen sich als Masseurinnen nützlich. Selbst Italiener trifft man. In den Restaurants bereiten sie Pasta und Meeresfrüchte.

Das Bauland wird knapp

  Locken mit Sowjet-Nostalgie: Hier wird für den Kauf legendärer „Generals-Datschen“ geworben.
  Locken mit Sowjet-Nostalgie: Hier wird für den Kauf legendärer „Generals-Datschen“ geworben.
(Foto: Ulrich Heyden)

Die Rubljowka-Welt besteht aus zwei Hälften. Auf der einen Seite der Straße stehen die Paläste auf der anderen alte, romantische Holzhäuschen. Dort leben ganze Dynastien von Dienstpersonal. Rimma Alexejewna ist Rentnerin. Im Alter von 20 Jahren arbeitete sie auf der Datscha des sowjetischen Geheimdienstministers Wsjewolod Merkulow. Damals hat Rimma viele Apparatschiks gesehen. An Stalins Geheimdienstchef Berija kann sich die Rentnerin mit dem streng geschnittenen Haar noch gut erinnern. Der sah unangenehm aus, „wie ein kleines Schweinchen“, meint sie und lacht verschmitzt. Man mußte sich vor ihm „in Acht nehmen“. Doch Rimma hat auch angenehme Erinnerungen. Stalins Sohn habe mit den Jungen im Dorf Fußball gespielt und mit der Frau und den Töchtern des sowjetischen Außenministers Wjatscheslaw Molotow habe sie im Winter gerodelt.

Die Alteingesessenen plagen jetzt existentielle Sorgen. Sie haben Angst, daß man sie aus ihren Holzhäusern verbannt. Denn das Bauland wird knapp. Die Grundstückmakler drehen schon ihre Runden. Ob sie nicht 50 Kilometer weiter ziehen wollte, wurde die etwa 50jährige Walentina Werbizkaja gefragt. Dort gäbe es „Wald und viel Freiheit“.

Wer gehört zur Elite?

Andrej Kontschalowski gehörte zu den wenigen Intellektuellen, die noch an der Rubljowka wohnen. Seine Familie kaufte die riesige Holz-Datscha 1951. Der Regisseur („Die Abenteuer des Odysseus“, „Andrej Rubljow“) bestreitet energisch, daß die neuen Reichen zur russischen Elite gehören. „Zur Elite gehören die, die dem Land Nutzen bringen, die Intellektuellen und Politiker“, meint der Regisseur gegenüber dem Fernsehkanal ORT. Noch drastischer äußert sich Star-Pianist Nikolai Petrow. Die neuen Reichen hätten einfach drauflos gebaut und alle Gesetze zum Schutze der Umwelt mißachtet. „Alles was hier in den letzten 20 Jahren gebaut wurde, ist mit Schmiergeldern und unter Umgehung der Gesetze entstanden. Hier haben Banditen Milliarden Dollar verdient.“

Rentnerin Rimma beklagt sich nicht. Mit ihrer puscheligen, schwarzen Katze wohnt sie in einer Baracke. Die haben ihr Gastarbeiter aus Weißrußland für 1.700 Dollar hingestellt. Das Wasser kommt aus einem Wasserspender. Am Kamin hängen Lappen zum Trocknen. Am Fenster keimen ein paar Zwiebeln. Vor der Baracke liegt ein Schäferhund an der Kette. Auf die neuen Reichen habe sie keinen Haß. „Warum soll ich unzufrieden sein? Laß sie doch bauen. Gott ist damit zufrieden .“

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