Endstation SteppeAUFZEICHNUNGEN AUS DER MONGOLEI – TEIL 2

Endstation Steppe

Sand, Sturm, Stutenmilch. Und im Fernsehen MTV. Letzte Welt Mongolei - aus einem Reisetagebuch des Baseler Theaterintendanten Michael Schindhelm

Von Michael Schindhelm

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Mongolische Hirten  

EM - Nach Mongolia ist es weit. Unter uns das dunkle Rußland. Dann, über Nowosibirsk, hellt Tengri auf. Tengri - das ist der ewige Himmel der Tataren, der vor Jahrhunderten dem Großkhan ewige Macht über dieses Land verheißen hatte: der Gott, der dessen Urahn zeugte. Heute zeigt sich Tengri milde, und eine Stunde später, über dem Altai, wirft er sich sogar einen Schal um, einen Schal in Pink. Der Steward bringt eine letzte Erfrischung. Cracker, wie für die Wüste gemacht. Dann die Steppe. Hügelig in unirdischem Faltenwurf, hin und wieder geometrisch genaue Gebilde zwischen den Falten, wie Landebahnen oder Militärbasen. Die einzige sichtbare Siedlung liegt wie eine Schafherde am Höhenzug, an den Nordhängen pelziges Buschwerk. Wir sinken, der Grund wechselt von Braun zu Grünspan: Steppengras.

Je tiefer wir sinken, um so grüner die Hügelwellen: ausgetrocknete vaginale Senken und Mulden, Trichter und Spalten, plastisch in Szene gesetzt wie eine Styroporkulisse. Quadratische Siedlungen mit Palisadenzäunen wie aus Streichhölzern. Ich sehe noch keine Stadt.

Am Boden ist es jetzt 7.30 Uhr früh. Wir passieren den Südosten der Hauptstadt Ulan Bator. Struppiges Steppenfell. Ausgetrocknete, riesige Flußbetten, Buschwerk, rostige Baracken, Autoreifen. Nicht besonders mongolisch. Betongegossene Bushaltestellen, regenbogenfarben. Wie in Nordhausen oder Potsdam vor 15 Jahren. Menschen starten vor uns zur Überquerung der Straße, als handele es sich um eine olympische Disziplin. Pythonähnliche Gas- und Heißwasserleitungen wälzen sich durch Buschwerk. Kinder in Trainingsanzügen überall. Die vertrauten Werbetafeln: Liebherr kommt hier vor Mercedes. Nach 15 Minuten Fahrt die erste Ampel, aber umsonst, Ampeln haben hier wohl keine Autorität.

Erste Ahnung, das Leben könnte sich doch in anderen Mustern bewegen als da, wo sonst überall in den letzten zwölf Jahren die Unterwerfung unter den Westen stattgefunden hat.

Plötzlich steht der Bus zwischen Plattenbauten, wie sie halt zwischen Minsk und Pjöngjang gebaut worden sind. Das Hotel vereint sanitäre Moderne mit stalinistischem Komfort. Malvenfarben gebeizte Holzmöbel und Kunststofftapete. An diesem Schreibtisch hat mancher Genosse aus Bruderländern seine Aktentasche abgestellt und daraus eine Flasche Wodka geborgen. Sogar Badeschlappen, Zahnbürste, Turbinenventilator. Filmauswahl von „Spy Game“ bis „Pearl Harbor“. Ein Schuhtuch! Und erste Ahnung, das Leben könnte sich doch in anderen Mustern bewegen als da, wo sonst überall in den letzten zwölf Jahren die Unterwerfung unter den Westen stattgefunden hat. Das Hotel jedenfalls ist ein überzeugendes Arrangement von Gestern und Morgen. Bei den Zimmermädchen kann ich mir aussuchen, ob sie mir auf Russisch oder Englisch erklären, wie die Lichtanlage funktioniert. MTV ist auf Kanal 6.

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Mongolische Jurten  

Auf dem Balkon: Schaukelt er oder habe ich noch die Turbulenzen des Fluges im Körper? Der Blick über die Stadt erzählt nicht viel mehr, als daß Ulan Bator zwischen felsigen Bergketten liegt. Unten trifft mich dieser atemraubende, zügellose, unnachgiebige Wind. Bohrsalven, Baulöcher, weniger Autos als sonst auf der Welt, dafür sind sie lauter und stinken charakteristischer. Im Restaurant wieder dieses ostwestliche Arrangement, diesmal durch die mongolischen Kellner mit besonderer Würde zur Schau getragen: Berlin-Burger-Fast-Food, Budweiser, Soljanka, Krautsalat, Chinggi's Beer.

Auf dem Weg zum Gandantegchinlen-Kloster zeigt uns Badma das Kino mit dem türkischen Restaurant Anatolya. Vor dem Tempel stehen Altäre, die die Leute umkreisen, indem sie mit ausgestreckter Hand die vier Wände jedes Altars berühren - wie Betrunkene an Hauswänden entlang schleichen. Im Refektorium finden wir Mönche, sie sitzen sich auf Bänken gegenüber, vor sich Schreibzeug und Gebetbücher, als müßten sie nachsitzen. Gläubige gehen durch die Reihen und legen Geldscheine vor die Mönche hin, worauf sich diese linkisch verbeugen. Einige dieser Gottesdiener sind höchstens sechs Jahre alt. Plötzlich beginnen sie nacheinander zu plappern, die Stimme allmählich erhebend, bis Glocken, Knochenflöten, Kesselpauken in den Psalm einfallen. Seltsam das. Es leuchtet ein, warum der Lamaismus die Mongolen vor 200 Jahren gelähmt haben soll. Wer Mönch wurde, genoß und genießt soziale Privilegien. Nicht nur Geld, auch Frauen wurden ihnen dargebracht. Bis zu 40 Prozent aller Mongolen gingen einst ins Kloster. Man versteht, warum. Einer unserer Begleiter, Hagar, zeigt auf eine Knochenpfeife. Das sei ein menschlicher Knochen. Vor dem Refektorium sagt er noch, es sei vorgekommen, daß Kinder unter mysteriösen Umständen gestorben seien und Mönche sich deren Schenkelknochen hätten schenken lassen. Zum Flötenbau. Darum sei es eine Befreiung gewesen, als die Kommunisten in den Dreißigern fast alle 750 Klöster geschlossen hätten. Aber sind nicht damals 170 000 Mönche verschwunden? Da lacht Hagar, er ist um die 50: Umgebracht hätten sie damals auch andere Leute, und Mönche gebe es jetzt schon wieder genug.

Wieder fällt der Wind über uns her. Staub, immer am Gaumen. Und siehe da, die Mongolenfalte bietet auch keinen Schutz vor Sandkörnern, überall reibt man sich stoisch die Augen, Sonnenbrillen scheinen nicht gewünscht. Es gibt etwa so viele Autos mit linkem wie mit rechtem Lenkrad, dementsprechend wird gefahren. Überall gähnt braune mongolische Erde aus metertiefen Baugräben unerfindlicher Bestimmung. Streunende Kinder, streunende Hunde - Shakespeares London kann nicht mehr Überraschungen geboten haben.

Ulan Bator: der Palast der Kultur, die Oper und das Schauspielhaus lassen ahnen, was zwischen Elbe und Mekong so alles gebaut worden wäre, wäre Stalin als Mongole zur Welt gekommen.

Ulan Bators zentralster und einsamster Platz ist nach dem kommunistischen Kämpfer Suhbaatar benannt. Und neben dieser Kopie des Roten Platzes prunkt Ulan Bator mit sowjetischer Architekturprosa, irgendwo gibt es eine graue, verkleinerte Nachbildung der Petersburger Admiralität. Und der Palast der Kultur, die Oper und das Schauspielhaus lassen ahnen, was zwischen Elbe und Mekong so alles gebaut worden wäre, wäre Stalin als Mongole zur Welt gekommen. Ulan Bator ist eine Kapitale nach sowjetischem Bild, nur ist alles ein bißchen unordentlicher, und die Mongolen sind fröhlicher. Selten im Osten so viel Spaß gesehen, auf so vielen Trümmern.

Gegenüber dem Hotel Graffiti-Versuche. Daneben ein Internet-Café. Vorm Bahnhof wirbt eine Bar mit „Striptijsn“. Teenager spielen lässig auf dem Boulevard mit ihren Handys, während ihresgleichen nebenan in Grünanlagen, die ihren ersten Frühling nicht überlebt haben, schon betteln und anschaffen gehen. Überall fragt man am liebsten auf Englisch: „From what country you are?“ Darauf antworte ich genau/ungenau auf Russisch: „Is Schwejzarii“. Weil das noch am besten geht. Russisch, die alte Lingua franca des Ostens, hat noch nicht ausgedient.

Da hält ein Freund, der sich mir an die Fersen heftet, schon Ein- und Zweifranken-Münzen hin, von deren Prägung er fachmännisch abliest, daß sie aus dem Jahre 1968 stammen. Schweizer Achtundsechziger in Ulan Bator. Weil ich die Achtundsechziger verschmähe, fragt er mich rasch, wie ich heiße und wie alt ich bin. Er versteht meinen Namen, ich seinen nicht, schon präsentiert er aus der Jacke eine Postkarte mit Ansichten von Sion. Nachdem ich ihm begreiflich gemacht habe, daß Bern nicht auf der Karte zu sehen ist, geht er schon zum nächsten Angebot über und zeigt mir Helvetia-Marken aus den Siebzigern.

Ich bin zwar erstaunt, bleibe aber uninteressiert. Jetzt zeigt er mir das Heiligste: Zwölf Marken aus der Zeit des letzten deutschen Reiches. Ob ich wisse, wer da abgebildet sei? Ich verstehe: Es soll eine Provokation unter Komplizen sein. Seine Hand liegt auf meiner Schulter. „Viel Glück!“, sagt er noch auf Deutsch und rennt weg.

Gleich hinter Ulan Bator beginnt die Steppe, und hinter der Steppe dehnt sich Gobi - die Wüste. 2,5 Millionen leben in diesem Land, das fast so groß ist wie Westeuropa.

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Mongolische Familie  

Wind, Wind und Sonnenuntergang zwischen zwei Häuserblöcken. Fällt die Nacht, ist der Spaß vorbei. Jetzt gehört ein paar bleichen Mädchen, Parvenüs und Touristen die verhängte Szene. Gleich hinter Ulan Bator beginnt die Steppe, und hinter der Steppe dehnt sich Gobi - die Wüste. 2,5 Millionen leben in diesem Land, das fast so groß ist wie Westeuropa. Vielleicht ist dies tatsächlich eine letzte Welt. Wo die Menschendichte unter einem Einwohner pro Quadratkilometer liegt, haben die Kommunikationsformen der Globalisierung keine Chance. Draußen in der Gobi herrschen die alten Götter und Geister der Schamanen. Dort draußen leben die Nomaden. Sanjan und seine Frau bewohnen den Ajl, ein Zeltlager in der ozeanischen Weite der Gobi. Als ich ihn eines Tages zu Pferde treffe, lädt er mich ein in seinen Ajl. Der besteht aus drei Zelten für zwei Familien. Der jüngste Sohn postiert sich neugierig vor einer Jurte, als er uns kommen sieht. Er trägt weißes Hemd und schwarze Weste. Von seinen Mund- und Augenwinkeln geht eine Härte aus, die angesichts seines Alters - er mag sechs Jahre alt sein - sofort auffällt. Ich sehe den Jungen plötzlich mit 70 vor mir: Graues kurzes Haar, genauso geschnitten wie heute, die verwitterten Züge einfach eine Fortsetzung der schon vorhandenen Einzeichnungen.

Sanjan bringt eine Schale Kumiß. Die fermentierte Stutenmilch sieht aus wie Latex und schmeckt nach Kefir. Er will, daß ich seine Jurte betrete. Ich zögere, weil ich nicht zudringlich sein möchte. Dann steigt die Ahnung auf, zudringlich wäre ich erst, wenn ich jetzt einen Rückzieher machte. Drinnen fünf Betten, Teppiche, ein paar Schränke, rechts ein Küchentisch, in der Mitte der Ofen. Sanjan hat sich vor kurzem einen Kühlschrank gekauft. Strom erzeugt er durch den Generator hinterm Zelt. Durch die Öffnung an der Zeltspitze fällt Licht auf Sanjans Gesicht. Er sieht mich immer wieder breit lächelnd an und reicht die Schale herüber.

Draußen übt sich der Junge im Chöjmj, dem Obertongesang der Nomaden. Als wir das Zelt verlassen, muß ich mich auf Sanjans Pferd setzen. Unsicher drehe ich ein paar enge, bescheidene Runden. Ein „Schu“ genügt, und das Tier bewegt sich. Ziehe ich die Zügel straff, steht es. Pferde haben bei den Nomaden meist keine Namen. Sie unterscheiden sie nach Farbe und Musterung. Es muß viele Worte für „braun“ geben. Wie bei den Eskimos für „weiß“.

Dann wartet Sanjan mit seinen zwei Brüdern bei seiner Ziegenherde. Sie treiben die Tiere zum Melken in den Pferch. Ich kehre zurück zum Camp. Sanjan winkt mir zu, als ginge ich auf große Fahrt. Ich habe mit ihm so gut wie kein Wort gewechselt. Und es hat nichts gefehlt. In Sanjans großem dunkelbraunem Gesicht stand eine indianische Würde. Er wird in Zukunft den einen oder anderen Weltsurfer mit sandfarbenem Käse und Stutenmilch willkommen heißen. Und mit gastfreundlichem Gleichmut auch diesem Fremden gegenüber.

Die Steppe hat Reisende und ganze Reiche kommen und gehen sehen. Das Reich der Tataren ist untergegangen. Wo Kublai Khans Thron stand, weht der Wind übers Gras. Marco Polo hat die Welt erobert, der Geist des größten Reisenden des Abendlandes. Das Reich der heutigen Mongolen aber bleibt unentdeckt. Daran werden weder große noch kleine Reisende etwas ändern.

Michael Schindhelm hat uns seine Reiseaufzeichnungen freundlicherweise zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt. Mehr Informationen über den Autor in EM 08-03 wo Teil 1 des Textes erscheinen ist. Titel: „Ein paar Kilometer hinter Karakorum hat die Steppe den Horizont weggeschnitten.“

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