Erlebt: Alltag im Schanghaier WirtschaftswunderCHINA

Erlebt: Alltag im Schanghaier Wirtschaftswunder

Erlebt: Alltag im Schanghaier Wirtschaftswunder

Während eines Praktikums in der 20-Millionenmetropole Schanghai, der größten Stadt Chinas, sind der Autorin Zweifel gekommen, ob sich die Volksrepublik wirklich auf einem unaufhaltsamen Weg zur Wirtschaftsgroßmacht befindet. Ihr Bericht handelt von vielen Unzulänglichkeiten und einer Menge eigener Erfahrungen.

Von Juliane Dross

Luftverschmutzes Shanghai - Peoples Square  
Luftverschmutzes Shanghai - Peoples Square  

V erfolgt man die aktuelle Berichterstattung zur Entwicklung in der Weltwirtschaft, dann scheint es nur ein Thema zu geben: Der unaufhaltsame Aufschwung Chinas. Der Spiegel titelte vor ein paar Wochen „China gegen USA – Kampf um die Welt von Morgen“. Das Magazin berichtete über die stark defizitäre Handelsbilanz der USA, über ängstliche Amerikaner und eine immer größer werdenden Zahl abwandernder Unternehmen aus westlichen Industriestaaten. Die Wirtschaftswoche widmete dem Thema gleich zwei Sonderausgaben. Deutsche Praktikanten und Studenten strömen neuerdings scharenweise ins Reich der Mitte. Dabei hat sich doch gerade dieses Land, das jetzt im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit steht, über Jahrtausende vor allem abgeschottet.

Weltweiten Handel gab es längst bevor von Globalisierung die Rede war. China zeigte jedoch – solange das Ausland dem Kaiserreich ausreichend Tribut zollte - kein Interesse an dem, was außerhalb der eigenen Grenzen geschah. Mitte des 15. Jahrhunderts beispielsweise, noch bevor die Europäer im Begriff waren, in die Welt hinauszusegeln, gaben die Chinesen ihre damals weit überlegene Schiffahrt auf. Unter dem heute in ganz Südostasien mystifizierten Zheng He als Befehlshaber hatten sie ihre Flotte ohnehin mehr als ein Prestigeprojekt betrachtet. Sie wären damals militärisch selbst der spanischen Armada spielend gewachsen gewesen. Jedoch entschied sich das Kaiserreich unter konfuzianischem Einfluß ganz bewußt dafür, sich selbst genug zu sein. Die chinesische Flotte wurde mitsamt allen Schiffsbauplänen zerstört.

Eine Entscheidung darüber, ob die chinesische Gesellschaft nach außen hin geöffnet werden sollte, stand später noch mehrfach an und sie fiel immer wie beim ersten Mal aus. Das Mandat des Himmels - als solches begriffen die Chinesen ihre Dynastien  - war es, aus dem die jeweiligen Herrscher ihren Anspruch ableiteten, die Geschicke des Rests der Welt zu leiten. Als Reich der Mitte. Doch dann wurde irgendwann der technologische und ideologische Rückstand so groß, daß dieses Mandat für immer entzogen schien. Die dadurch erzwungene Öffnung mit ungleichen Verträgen, als logische Konsequenz, war für Chinesen in jeglicher Hinsicht traumatisch. Sie prägte nachhaltig den Umgang der meisten Chinesen mit Ausländern.

Schanghai – eine Stadt, die auftrumpft

In der Berichterstattung über das China von heute hört und liest man vom aufstrebenden China, von seinem rasanten Wachstum und einer unfaßbaren Dynamik. Und doch erlebte ich im kleinen Alltag von Schanghai, der wirtschaftlich am weitesten entwickelten Stadt Chinas, etwas ganz anderes. Frosch- und Vogelperspektive divergieren drastisch, verwirren den Beobachter immer wieder von neuem.

Aus der Flugperspektive kann man das aufstrebende China deutlich sehen – ist die Sicht klar, ergibt sich im Anflug auf Schanghai der erste gewaltige Eindruck. Tausende Wolkenkratzer reihen sich aneinander. Hunderte andere befinden sich im Bau. Man sieht das Bild einer Stadt, die auftrumpft.

Die Bilanzen dieser Stadt sind entsprechend: Es fließen unaufhörlich Direktinvestitionen in die Metropole - der Strom von Geld und Wissen, der sich nach Schanghai und nach China insgesamt ergießt, schwillt immer noch weiter an.

Der „Hype“ hat auch sicher seine Berechtigung. Auslöser war Deng Xiaoping, der  Ende der siebziger Jahre damit begann, Chinas Wirtschaftssystem zu reformieren und der vergessenen Großmacht nach verlorenen Jahrzehnten wieder eine Perspektive gab. Er setzte der Abschottung vom Weltmarkt und dem falsch verstandenen Autarkiestreben seines Vorgängers Mao ein Ende. Seither hat sich vor allem im Osten und Südosten des Landes schier Unglaubliches getan. Während 1982, vier Jahre nach dem Beginn von Dengs Reformen, laut Weltbank 386 Millionen US-Dollar aus dem Ausland in China investiert worden waren, floß laut OECD im Jahr 2002 der 137-fache Betrag. Runde 53 Milliarden US-Dollar kamen als Direktinvestitionen ins Land. Allen europäischen Ländern voran hat Deutschland seit 1999 die meisten dieser Investitionen in China getätigt, nämlich bis Anfang 2004 runde 9,8 Milliarden US Dollar.

Folgt man der englischsprachigen Zeitung „Shanghai Star“ so lebten und arbeiteten im Jahr 2004 mindestens 60.000 Ausländer, sogenannte Expatriates, in Schanghai. Diese Daten lassen vermuten, daß China sich geöffnet hat, daß Chinesen und Ausländer heute Seite an Seite stehen. Doch über deren gemeinsamen Alltag hört man vergleichsweise wenig.

Schwierigkeiten im Alltag, mit denen keiner fertig wird

Irgendwie muss man mit dem Verkehrsaufkommen klar kommen  
Irgendwie muss man mit dem Verkehrsaufkommen klar kommen  

Sind Chinesen friedlich oder angriffslustig? Darüber wage ich nach sechsmonatigem Aufenthalt natürlich keine Einschätzung – dazu müßte man Kulturstudien und Analysen anfertigen. Genauso wenig vermag ich zu prognostizieren, wie es mit China weitergeht, ob etwa die Angst der Amerikaner, nicht nur wegen deren defizitären Handelsbilanz, berechtigt ist. Doch das war auch nicht mein Anspruch. Allerdings kommen mir bei den „Mainstream-Prognosen“, von denen die Mehrzahl für China ein Wachstum wie bisher vorhersagt, mittlerweile Zweifel.

Der Alltag in meinem Unternehmen, einer Beratungsfirma in ausländischem Besitz (WFOE) für Direktinvestitionen in China, bot eine Fülle von Überraschungen. Viele von ihnen würde man in einem Land, das auf dem Weg zur Weltmacht sein soll, nicht vermuten. Da stürzten wütende Expatriates aus ihren baulich abgetrennten Räumlichkeiten ins Großraumbüro, wo der von insgesamt 60 Mitarbeitern genutzte Farbdrucker steht. Sie konnten es einfach nicht fassen, daß derart simple Dinge wie das Ausdrucken von DIN-A3-Seiten nicht möglich sein sollte. Und daß dieses Problem innerhalb von sechs Monaten durch die entsprechenden Fachleute im Unternehmen nicht gelöst werden konnte, habe ich persönlich miterlebt. Gleich zu Beginn meines Praktikums gab eine von zwei Kopiermaschinen ihren Geist auf. Ich habe mitgezählt: Innerhalb der darauffolgenden sechs Monate kam genau vier mal ein Servicemitarbeiter, der jedes Mal vier bis fünf Stunden an dem Gerät herumwerkelte und es zu reparieren versuchte. Drei Monate vergingen mit diesen Reparaturversuchen, dann tauchte der „Fachmann“ nicht mehr auf. Der Kopierer stand fortan eben defekt herum.

Über solche und ähnliche Erfahrungen berichten die meisten der in Schanghai lebenden und arbeitenden Ausländer. Solche Vorgänge gelten als geradezu typisch. Jemand der Chinas Alltag nicht miterlebt hat, dürfte kaum glauben können wie schwierig selbst einfachste Dinge in China werden können. Ein britischer Diplomat hat einmal gesagt: „In China it is never easy, but it is always possible“. Diese Einschätzung ist äußerst realitätsnah. So konnte mein chinesischer Begleiter bei der Polizeidienststelle eine Strafgebühr, die ich wegen meiner verspäteten Anmeldung bei der Stadtverwaltung hätte zahlen sollen, von 500 auf 100 Yuan – von 66 auf 13 Euro-  herunterhandeln. Das Handeln nahm einige Zeit in Anspruch und es bedurfte auch vieler „guter“ Argumente. Konkret: Wir verbrachten etwa drei Stunden mit dieser Angelegenheit – die anfängliche Wartezeit nicht mit eingerechnet. Mit solch stoischer Gelassenheit und zäher Beharrlichkeit funktioniert vieles im Reich der Mitte. Beim Handeln auf dem Markt genauso wie bei den Behörden. Jedoch kostet diese Mentalität unendlich viel Zeit und Energie.

Ein Zusammenprall von Kulturen

Nun könnte man vermuten, daß die Gewinner der Globalisierung, also jene hochqualifizierten Mitarbeiter, die von ihren Firmenzentralen ins ferne China entsandt werden, um die Geschicke vor Ort zu lenken, Wege gefunden haben, mit solchen Problemen umzugehen und sie zu lösen. Dafür jedenfalls, so dachte ich, werden ihnen ihre, für chinesische Maßstäbe, exorbitanten Gehälter gezahlt. Aber genau diese erwarteten Problemlösungen konnte ich nicht beobachten. Was sich in meinem Praktikumsbetrieb  dagegen klar und deutlich erkennen ließ, war im Gegenteil der  unkontrollierte Zusammenprall verschiedener Kulturen im „Alltagsgeschäft“. Beispiel: Einem Kunden sollte eine im Haus erstellte Studie übermittelt werden. Zuvor war diese noch durch die Marketingabteilung, in der ich tätig war, zu überarbeiten. Die Aufgabe übernahm eine gleichaltrige chinesische Kollegin. Der deutsche Kollege, der den Auftrag gegeben hatte, bekam das Dokument wieder, ohne daß ein Firmenlogo eingefügt war. Der Inhalt bestand aus verschiedenen Schriftgrößen und –arten und war ungegliedert im Fließtext abgefaßt. Ein solches Dokument würde in einem westlichen Unternehmen noch nicht einmal der internen Kommunikation genügen.

Die Sicherung und Vermittlung von Qualitätsstandards begründet eigentlich die Anwesenheit der Westler. Der frustrierte Tenor aller Expatriates, mit denen ich in Schanghai sprechen konnte, war jedoch der, daß alles - aber auch wirklich alles – kontrolliert werden muß, was die chinesischen Kollegen hervorbringen. Und genauso habe ich es auch erlebt. Die uns selbstverständlichen Qualitätsstandards werden ohne diese Kontrolle nicht erreicht.

Andererseits sind viele chinesische Mitarbeiter irritiert vom arroganten und ignoranten Auftreten mancher Westler. Da fehlt es oft grundlegend an interkultureller Kompetenz. Und so erhebt sich natürlich die Frage, wie mit den vorhandenen Mentalitätsunterschieden umzugehen ist.

Den richtigen Ton zu treffen ist bei Kritik unerläßlich

Schlafen kann man überall - Chinesen sind extrem anpassungsfähig  
Schlafen kann man überall - Chinesen sind extrem anpassungsfähig  

Diese Frage läßt sich ohne Kenntnis der Kultur Chinas nicht beantworten. Wenn man sich aber bemüht, hier sein Wissen zu verbessern, dann kann man nach einiger Zeit wenigstens halbwegs durchschauen, durch welches Verhalten ein chinesischer Kollege beispielsweise „das Gesicht verliert“ und durch welches nicht. Natürlich, Visitenkarten werden mit beiden Händen überreicht, entgegengenommen und sofort gelesen. Sie bleiben während einer Besprechung auf dem Tisch liegen, was durchaus Sinn macht, denn so kann man sich die Namen der gegenübersitzenden Personen jederzeit leicht vergegenwärtigen. In den meisten Fällen trifft man in Besprechungen auf mehrere Firmenvertreter. Entscheidungen werden eher im Konsens getroffen, man  tritt insgesamt als Delegation, nicht als Einzelperson auf. Erhebt sich ein Individuum über die Gruppe, wird das in der Mehrzahl der Fälle als negativ empfunden.

Das allerdings sind nur die elementarsten Spielregeln, die sich leicht überall nachlesen lassen, partiell sogar in Reiseliteratur für Rucksacktouristen. Vertrackter wird es bei subtileren Dingen. Wie zum Beispiel äußert man negative Kritik? Eine solche ist keineswegs unmöglich. Man muß allerdings den richtigen Ton treffen. Das lautstarke Zusammenstauchen chinesischer Kollegen im öffentlichen Raum beispielsweise stellt ein absolutes, kulturelles „no-no“ dar. Da so etwas auch in Deutschland absolut tabu ist, erstaunte mich die wirklich drastische Form, in der ich dies in Schanghai erlebte. Es stellte sich mir die Frage, ob dabei nicht manch einem der chinesischen Mitarbeiter die Assoziation „Schanghai zur Zeit der Konzessionen“ kommen könnte.

Solches Poltern war zwar die Ausnahme. Die Regel aber war, so konnte ich es unter meinen Kollegen beobachten, ständig die fundamentalsten Kulturunterschiede zu ignorieren. Die Kollegen aus den europäischen Ländern wunderten sich dann, warum bei Firmenaktivitäten die Chinesen nur zum „Pflichtteil“, also zum Essen mitkamen, während sie den vergnüglichen Bar-Abenden eine Absage erteilten. 

Viele Westler wohnen in Schanghai in Ausländervierteln 

Trifft man die Entscheidung, ins Ausland zu gehen und sich alltäglich einer anderen Kultur auszusetzen, bleibt es nicht aus, in Fettnäpfchen zu treten und Fehler sind  vorprogrammiert. Viele versuchen ihnen zu entgehen, indem sie den Einheimischen möglichst aus dem Weg gehen. In Schanghai überraschte mich, wie hermetisch die Trennung zwischen Chinesen und Ausländern oft ist. Viele westliche Manager wohnen in Ausländervierteln, wo ein hoher Lebensstandard vorherrscht. Es gibt viele Bars und Clubs, wo man nur wenige bis gar keine Chinesen sieht. Daß die Kulturen wenig durchgemischt sind, kann man freilich nicht nur in Schanghai beobachten, sondern auch in Deutschland. Meine Beobachtung könnte man verkürzt so ausdrücken: Gemeinsames, konfliktreiches Zusammenarbeiten, getrenntes Leben.

In der Mehrzahl der Fälle werden keine Sinologen nach China geschickt, sondern Ingenieure, die die Produktion ins Laufen bringen sollen. Ihnen ist die chinesische Alltagskultur so wenig vertraut wie die Geschichte des Landes. Gerade die Mitarbeiter kleinerer Unternehmen, in denen Abläufe weniger standardisiert und durchorganisiert sind als in großen, multinational aktiven, sind wegen dieser fehlenden Standardvorgaben auch einer größeren Zahl von Konflikten ausgesetzt. Die Kulturunterschiede sollten also gerade von den kleinen und mittelständischen Unternehmen nicht unterschätzt werden, wenn sie eine effiziente Produktion anstreben.

Eine Geschäftstätigkeit in China ähnelt der „Quadratur des Kreises“. Dieses gewaltige Land, der Drache, ist aus seinem Schlaf erwacht. Ob er, wie Napoleon vermutete, nun die Welt erzittern läßt, bleibt noch abzuwarten – doch das Potential dazu hat China allemal. Westliche Unternehmen, die an seiner Entwicklung teilhaben und davon profitieren wollen, sind gut beraten, den kulturellen Unterschieden viel mehr Aufmerksamkeit zu widmen als bisher. Schließlich können selbst niedrige Arbeitskosten längerfristig eine Ineffizienz nicht wettmachen, die aus Mißverständnissen resultiert. Man sollte auch bedenken, daß die wörtliche Übersetzung des chinesischen Wortes „lernen“ so viel wie „nachahmen“ heißt. Das moderne, pragmatische China dürfte keine Probleme damit haben, sich zum wiederholten Male abzuschotten. Nur die Pläne moderner Technologie, die ihm zuteil geworden sind, wird es nicht noch einmal verbrennen. Zu stark ist der Wille Chinas spürbar, seinen verloren gegangenen Platz in der Weltgemeinschaft wieder einzunehmen – als Reich der Mitte.

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Juliane Dross studiert im 7. Semester Volkswirtschaftslehre an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Nürtingen/Neckar. Sie hat 1997 in den USA ein Austauschjahr an einer High School im Bundesstaat Washington absolviert. Mit einem Praktikum in Schanghai sammelte sie nach zweimonatiger Rucksacktour quer durch China erste berufliche Asien-Erfahrungen.

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