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„Es droht der latente Bürgerkrieg“

Wenn es nicht gelingt, die Gewaltstrukturen in Afghanistan aufzubrechen, die Drogenwirtschaft zu zerschlagen und die Korruption einzudämmen, ist die Prognose für das Land düster: dann droht ein Somalia-Szenarium mit Bürgerkrieg wie in den neunziger Jahren. Davor warnt der Afghanist Thomas Ruttig von der Stiftung Wissenschaft und Politik im Gespräch mit dem EURASISCHEN MAGAZIN. Um das Ruder vielleicht noch herumreißen zu können, müsste die internationale Gemeinschaft die afghanische Bevölkerung für sich gewinnen.

31.03.2007 Drucken Senden Kommentieren
  Zur Person: Thomas Ruttig
  Thomas Ruttig ist derzeit Gastwissenschaftler bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Zwischen 2000 und 2006 hat er als ‚political officer’ bei den UN-Missionen in Afghanistan UNSMA und UNAMA, als stellvertretender EU-Repräsentant und als politscher Berater der Deutschen Botschaft in Afghanistan gearbeitet.

Ruttig hat Afghanistik an der Humboldt Universität in Berlin und an der Universität von Kabul studiert und spricht die neupersische Schriftsprache Dari und das Afghanische Pashto.
Eine Zugbegleiterin überprüft eines der Luxusabteils – im „Grand Express“ muß alles stimmen.  
Thomas Ruttig  

Eurasisches Magazin: Wird die bevorstehende Entsendung der sechs Tornado-Kampfflugzeuge mit 500 Mann Bedienungspersonal in den Augen der Afghanen das Bild verändern, das sie vom deutschen Engagement in ihrem Land haben? Werden die deutschen Soldaten damit jetzt erst so richtig zum erklärten Feind, der an der Seite der USA gegen Afghanistan kämpft, oder wurden die Flugzeuge von den Afghanen erwartet, wie auch zu hören ist?

Thomas Ruttig: Ob das Bild der Deutschen dadurch leidet, ist schwer zu sagen. Ich erinnere an die so genannte Totenkopfaffäre, als sich deutsche Soldaten mit menschlichen Überresten präsentierten und fotografierten. Hier in Deutschland haben die Veröffentlichungen darüber ziemliche Wellen geschlagen, in Afghanistan wurde das kaum diskutiert und hat das Bild der Deutschen auch nicht verändert. Nun will ich nicht sagen, dass die Entsendung der Flugzeuge dasselbe ist. Aber aus afghanischer Sicht ist die Tornado-Entsendung wohl kein qualitativ neuer Schritt in der Situation des Landes. Es wird natürlich davon abhängen, inwieweit die Taliban das möglicherweise für propagandistische Zwecke ausschlachten.

„Ich glaube nicht, dass der Einsatz der Tornados in der Meinung der afghanischen Bevölkerung viel ändert.“

EM: Die Maschinen mit ihrer Hochtechnologie an Bord sollen Taliban-Stellungen aufspüren, die anschließend von Isaf-Verbänden unter der Führung Amerikas unter Feuer genommen werden. Es werden also Menschen mit Hilfe der Bundeswehr ums Leben kommen. Glauben Sie, dass die Afghanen zwischen den Aufklärern und den Bombern unterscheiden?

Ruttig: Ich glaube nicht, dass dieser Einsatz in der Meinung der afghanischen Bevölkerung viel verändert. Viel gravierender für die Einschätzung des westlichen Militärs ist das Vorgehen der Truppen vor Ort. Das sind bis jetzt in den Kampfgebieten im Süden überwiegend Amerikaner, Briten, Kanadier und Niederländer. Wenn in Dörfern Durchsuchungsaktionen durchgeführt werden, obschon die Afghanen häufig bereit sind, mit den Truppen zusammenzuarbeiten, wenn dabei Frauengemächer betreten werden, ist das eine Verletzung kultureller Sitten. Solches Verhalten schürt den Hass.

EM: Was wird eigentlich am Hindukusch verteidigt? Beziehungsweise welche strategische Bedeutung hat Afghanistan für die USA und seine westlichen Verbündeten?

Ruttig: Der 11. September hatte ja wohl mit Afghanistan zu tun. Damals zeigte sich, dass der islamische Fundamentalismus in seiner terroristischen Spielart, mit Afghanistan als Basis, eine riesige Gefahr darstellt. Von daher war eine Intervention nahe liegend, und sie ist nach Meinung vieler politischer Kräfte auch völkerrechtlich gedeckt.

EM: Nach dem Mord an einem Mitarbeiter der Deutschen Welthungerhilfe (DWHH) Anfang März wurde die Bundesregierung von Hilfsorganisationen zum wiederholten Male kritisiert. Es hieß, dass immer öfter zivile und militärische Aktivitäten nicht mehr sauber getrennt würden. Damit gerieten die Helfer ins Visier der Taliban und ihrer Helfer. Anscheinend fahren Soldaten der Bundeswehr und anderer ausländischer Armeen in Afghanistan mit weißen Geländewagen, wie sie auch Hilfsorganisationen benutzen. Geheimdienste würden V-Leute in den Organisationen werben. Was ist da dran?

Ruttig: Es ist richtig, dass sich die Grenzen manchmal verwischen zwischen humanitären Maßnahmen, Wiederaufbauprojekten und militärischen Aktionen. Denn zum Teil sind eben die Akteure dieselben. Soldaten bekämpfen islamische Terroristen und verfolgen sie, und sie beteiligen sich am Aufbau des Landes. Generell ist es auch nicht verkehrt, dass die Truppe sich an der Wiederherstellung der Infrastruktur beteiligt. Oft verfügt eben nur das Militär über die entsprechende Ausrüstung und die erforderlichen Mittel dazu. Leider hat es bisher viel zu wenige Infrastrukturprojekte in Afghanistan gegeben. Erst jetzt beginnt man damit, wichtige Straßenverbindungen jenseits der Ringstraße Kabul-Kandahar-Herat wiederherzustellen. Der Abschnitt Herat ist immer noch nicht fertig.

„Eine Blauhelmtruppe, die die afghanischen Kämpfer wirklich entwaffnet hätte, wäre die beste Lösung gewesen.“

EM: Aber nachdem sich Hilfsorganisationen beklagen, weil sie um das Leben ihrer Mitarbeiter fürchten müssen, scheint die Verquickung doch weiter zu gehen?

Ruttig: Ursprünglich hatten die Vereinten Nationen gewünscht, eine Blauhelmtruppe nach Afghanistan zu entsenden. Es ist dann 2003 die Isaf-Truppe aufgestellt worden, zwei Jahre nach dem Fall des Taliban-Regimes. Erst 2004, also noch ein Jahr später, begann die Isaf überhaupt damit, mit ihren Provincial Reconstruction Teams (PRTs) auch außerhalb der Hauptstadt Kabuls zu operieren. Eine Blauhelmtruppe, die die afghanischen Kämpfer wirklich entwaffnet hätte, wäre die beste Lösung gewesen – dann könnten heute auch die Entwicklungshelfer unter friedlicheren Bedingungen arbeiten. Und es ist richtig: Die Bundeswehr sollte keine weißen Fahrzeuge verwenden und die US-Special Forces keine NGO-Nummernschilder.

EM: Wer hat diese Blauhelmtruppe verhindert?

Ruttig: Das ist eindeutig. Die USA wollten ja in erster Linie Terrorbekämpfung in Afghanistan betreiben, wollten gegen Al Kaida und Taliban vorgehen. Da wollte man keine Blauhelme mit einem ganz anderen Mandat.

EM: Werden sich die Gefahren für Hilfsorganisationen durch die so genannte -Frühjahrsoffensive noch vergrößern? Wird die Gewalt auch gegen zivile Helfer weiter eskalieren?

Ruttig: Wenn die militärische Logik sich immer mehr durchsetzt, wenn vor allem auf gewaltsame Lösungen gesetzt wird, dann muss man schon damit rechnen, dass die Frustration und die Entfremdung vieler Afghanen noch weiter zunimmt.

„Es wäre schön, wenn die Anstrengungen für die afghanischen Kollegen ebenso groß wären wie für ausländische Journalisten und Helfer.“

EM: Als der afghanische Präsident Karzai kürzlich in Berlin zu Besuch war, erklärte er fast schulmeisterlich, man dürfe terroristischen Erpressern niemals nachgeben. Gemeint waren die Entführer einer Mutter und ihres Sohnes im Irak, die bekanntlich für die Freilassung ihrer Geiseln den Abzug der deutschen Truppen aus Afghanistan forderten. Kaum war Karzai wieder in Kabul, ließ er fünf Taliban frei, im Austausch gegen einen italienischen Journalisten. Was soll man von solcher Inkonsequenz halten?

Ruttig: Daran sieht man, wie schwierig es ist, mit solchen Herausforderungen fertig zu werden. Was mich aber viel mehr bedrückt: das Engagement für ausländische Opfer ist sehr viel größer als für die afghanischen Opfer. Man kann dem italienischen Journalisten nur gratulieren. Aber sein afghanischer Fahrer wurde umgebracht und sein ebenfalls afghanischer Dolmetscher ist wohl immer noch in den Händen der Entführer. Es wäre schön, wenn die Anstrengungen auch für diesen Mann und überhaupt für die afghanischen Kollegen ebenso groß wären wie für ausländische Journalisten und Helfer.

EM: Es ist immer wieder zu hören, die Situation in Afghanistan sei völlig verfahren, die Isaf-Truppen würden einer Niederlage näher sein als einem Sieg oder gar der Befriedung des Landes. Auch Militärs sagen, das Land stehe auf der Kippe. Sehen Sie das auch so?

Ruttig: Ich glaube nicht, dass die Isaf-Truppen in Afghanistan vor einer Niederlage stehen. Aber es geht darum, die richtigen Mittel zu finden, die derzeitige Aufstandsbewegung zu beenden. Unsere Analyse besagt, dass es vor allem ein Mangel an „Good Government“ ist, an effektiven und erfolgreichen Regierungs- und Verwaltungsstrukturen, an einem ausreichend funktionierenden Wiederaufbau in vielen Gebieten des Landes, der diesen Aufstand schürt. Die meisten Afghanen spüren, dass sich ihr Leben im Verlauf des Friedensprozesses nicht oder nicht wesentlich verbessert hat. Das wäre aber der einzig vorstellbare Anreiz für die Bevölkerung, diesen Friedensprozess zu unterstützen. In diesem Sinne sollte man über Strategien und Konzepte reden und fragen, ob sie erfolgreich sind, statt ständig über einen militärischen Sieg oder eine Niederlage zu spekulieren.

EM: Auch der Versuch britischer Militärs, durch Abmachungen mit lokalen Taliban-Gruppen zur Stabilisierung einzelner begrenzter Gebiete zu kommen, sind offenbar gescheitert. Bestand überhaupt - außer bei den Briten - im westlichen Lager Interesse daran, zu solchen Vereinbarungen zu kommen?

Ruttig: In diesem Fall gescheitert, nicht als genereller Ansatz. Es ging auch nicht nur um Abmachungen mit den Taliban und dann höchstens indirekt, sondern mit verschiedenen lokalen Gruppen wie Stammesführern. Nach meiner Einschätzung geht es ungefähr 90 Prozent der Aufständischen in Afghanistan um regionale oder lokale Interessen. Die meisten Streitpunkte sind demnach subnational. Nicht alle, die die Karzai-Regierung und die internationalen Unterstützer dieser Regierung bekämpfen, sind Taliban und damit in erster Linie fundamentalistisch motivierte Gegner. Sondern es überwiegt bei den meisten ganz einfach die Enttäuschung. So etwas kann man auf lokaler Ebene regeln, auch wenn es wegen der komplizierten ethnischen und Sozialstruktur alles andere als leicht ist, immer alle relevanten Kräfte einzubinden.

„Mit dem Musa-Qala-Projekt wollte man die Enttäuschten davon abbringen, in den Taliban eine Alternative zu sehen.“

EM: Aus dieser Erkenntnis resultierte der Ansatz, eine Zusammenarbeit mit lokalen Kräften anzustreben, um diese Enttäuschungen zu beheben?

Ruttig: So ist es, und das ist auch ein richtiger Ansatz. Man wollte die Enttäuschten davon abbringen, in den Taliban eine Alternative zu sehen und, ganz im Gegenteil, Alternativen ohne und gegen die Taliban aufzeigen. Möglichkeiten, das alltägliche Leben zu verbessern, Zugang zu ausreichend Nahrung, Unterkunft, Bildungs- und Gesundheitsversorgung zu bekommen. Die internationale Staatengemeinschaft wäre der einzige Akteur, der das von den Ressourcen her meistern könnte, nicht die Taliban. Die Afghanen haben schon einmal erlebt, dass die Taliban nicht in der Lage sind, einen Staat aufzubauen, der diese Grundbedürfnisse befriedigt.

EM: So gesehen schien das in der Tat logisch, was die Briten vorhatten. Aber das so genannte Musa-Qala-Protokoll, in dem die genannten Vereinbarungen festgehalten waren, ist offenbar obsolet. Sie haben das am eingehendsten untersucht. Wessen Interesse war es denn, diesen Ansatz zunichte zu machen, immer mehr Talibanführer ins Boot zu holen und so eine Art immer enger werdenden Flickenteppich von beruhigten Zonen entstehen zu lassen?

Ruttig: Es waren Akteure auf beiden Seiten der Front, sowohl bei den Nato-Truppen als auch bei den Taliban, die nicht an solchen friedlichen Lösungsalternativen interessiert waren und sind. Vor allem Washington. Das Abkommen ist von beiden Seiten torpediert worden. Ich habe das in der Tat untersucht, und es sah so aus, dass ein Nato-Angriff auf einen der beteiligten Taliban-Kommandeure stattgefunden hat. Nach Nato-Angaben befand sich die Person außerhalb der von dem Abkommen direkt betroffenen Zone. Aber natürlich war damit zu rechnen, dass man das Abkommen beschädigt oder gar platzen lässt, auch wenn man unmittelbar neben dem Geltungsbereich zuschlägt. Jedenfalls hat der Angriff zu einer Gegenreaktion der Taliban geführt, auch deshalb, weil bei dem Natoschlag der Bruder des angegriffenen Talibs ums Leben gekommen ist. Die Region Musa Qala, für die eine friedliche Zusammenarbeit vereinbart war, befindet sich seither wieder unter Talibanherrschaft und das so genannte Musa-Qala-Protokoll ist wohl obsolet. Allerdings laufen Gespräche der Zentralregierung mit den örtlichen Stammesvertretern, um einen Neuanfang zu versuchen, und es gibt auch noch andere Beispiele, wo das versucht wird. Es gibt keine Patentlösung für ganz Afghanistan, sondern man muss eben verschiedene lokale Ansätze je nach Lage der Dinge versuchen.

EM: Wie oft waren Sie in den letzten Jahren in Afghanistan?

Ruttig: Ich war zum ersten Mal 1983 in Afghanistan. Von 1999 bis zum Oktober 2006 habe ich sechseinhalb Jahre am Stück im Land zugebracht. Insgesamt waren es bislang neun Jahre meines Lebens, die ich in Afghanistan war, und in Kürze werde ich wieder dorthin reisen.

„Die Berichte über den ‚Sumpf von Kabul’ halte ich für übertrieben.“

EM: Dann wissen Sie wohl mehr als die meisten, die sich zu Afghanistan äußern. Stimmt es, dass Verstöße gegen Sitten und Wertvorstellungen der Afghanen durch westliche Organisationen vor allem in Kabul an der Tagesordnung sind? Und dass dies den Taliban in die Hände spielt und neuen, unerwarteten Zulauf für die islamistischen Kämpfer zur Folge hat?

Ruttig: Ich halte das für übertrieben, weiß aber, dass es öfter so berichtet wird. Es gibt den Afghanen genauso wenig wie den Deutschen, also muss man fragen, welche Afghanen bestimmte Dinge stören. In Afghanistan hat es eine bewaffnete, fundamentalistische Minderheit von politischen Führern geschafft, diesen Diskurs über Sitten und Werte zu monopolisieren. Sie versucht nun, allen anderen ihre Auffassung von Islam und Scharia aufzuzwingen. Es ist sehr schwer für Afghanen, gegenteilige Meinungen zu äußern.

EM: Es soll bei den Mitarbeitern der NGOs und des Militärs viel Alkohol fließen, und das passe in den Augen der Afghanen nicht zur Bekämpfung des Opiumanbaus, so war zu hören. Wäre das nicht einleuchtend?

Ruttig: Wenn es gegen Sitten und Wertvorstellungen der Afghanen verstößt, dass es im Basar in Kabul Alkohol zu kaufen gibt, dann wundere ich mich, weshalb auch Afghanen zu den Käufern gehören und schon immer gehört haben. Im Übrigen auch zu den Kunden der vielbeschriebenen chinesischen Bordelle. Wie gesagt, von den Afghanen als feste, einheitliche Größe zu reden, ist problematisch.

EM: Gibt es also den vermeintlichen Sumpf von Kabul gar nicht?

Ruttig: Ich glaube, da wird viel übertrieben. Warum sollen Leute aus dem Westen, die in Afghanistan unter schwierigen und gefährlichen Bedingungen arbeiten, nicht am Abend mal eine Party feiern, wo dann – hinter verschlossenen Türen wohlgemerkt - auch größere Mengen von Bier konsumiert werden. Man sollte nicht übersehen, dass das Alkoholverbot im Koran sich darauf beschränkt, dass man sich nicht betrunken in der Öffentlichkeit zeigen soll. Diese Kritik halte ich für ziemlich bigott. Sie kommt auch nicht selten von Leuten, die mal kurz nach Afghanistan einfliegen und dann in heiligen Zorn ausbrechen über die Sittenverderbnis. Dieselben Afghanen, die sich über Alkoholkonsum erregen, wollen, weil es in ihren Augen korrupt ist, auch Frauen, Popmusik und Spielfilme - auch indische - aus dem Fernsehen und vieles an Kritischem aus den Medien insgesamt verbannen. Wollen wir uns diese Forderung auch zu Eigen machen? Nein, das eigentliche Drogenproblem in Afghanistan sind auch nicht ein paar Kästen Bier, die auf dem Basar verkauft werden, sondern das ist das Opium.

„Der Mitteleinsatz pro Kopf der afghanischen Bevölkerung liegt bis heute beträchtlich unter dem, was in anderen Krisenregionen von der internationalen Gemeinschaft aufgewandt wird.“

EM: Ein immer größer werdender Teil der Bevölkerung sei enttäuscht darüber, dass die Intervention der USA und der Isaf-Truppen eben nicht die erwartete Freiheit gebracht hat. Das berichten Angehörige von Hilfsorganisation, aber auch Militärs. Ist das auch übertrieben?

Ruttig: Es ist richtig, dass ein immer größer werdender Teil der Bevölkerung darüber enttäuscht ist, wie sich das militärische und zivile Engagement des Westens in Afghanistan darstellt. Die Ergebnisse entsprechen fast nirgends den Erwartungen. Die waren im Übrigen auch sehr hoch. Es gibt auch große Ungleichheiten zwischen dem Norden und dem Süden Afghanistans, aber auch zwischen städtischen und ländlichen Gebieten, und man muss wirklich sehen, dass sich in vielen Provinzen nur sehr, sehr wenig zum Positiven verändert hat. Der Mitteleinsatz pro Kopf der afghanischen Bevölkerung liegt bis heute beträchtlich unter dem, was in anderen Krisenregionen von der internationalen Gemeinschaft aufgewandt wird, von Osttimor bis Bosnien und Kosovo, zum Teil bei etwa einem Zehntel. Politisch sind die Gewaltstrukturen, die vor den Taliban existierten, wiedererrichtet worden, zum Teil mit demselben Personal. Wenn man in Afghanistan eine Verzehnfachung des Aufwandes betreiben würde, wäre ganz sicher auch mehr zu bewirken – auch wenn es vor allem um die Qualität von Projekten und Programmen geht, nicht nur um Masse.

EM: Stimmt es, dass die Afghanen das Gefühl haben, in einem besetzten und nicht in einem befreiten Land zu leben?

Ruttig: Ich glaube nicht, dass eine Mehrheit der Afghanen das so empfindet. Ich würde sagen, die meisten Afghanen wünschen sich immer noch ein internationales Engagement, sowohl zivil als auch militärisch. Mit ihren eigenen bewaffneten Kräften haben sie schlechte Erfahrungen gemacht. In den 80er Jahren, nach der Invasion der sowjetischen Truppen, unterstützte die große Mehrheit der Afghanen den bewaffneten Kampf der Mudjahedin. Zehn Jahre später musste die Armee Moskaus wieder abziehen. Das von den Sowjets installierte Regime wurde 1992 gestürzt. Die Menschen haben sich danach sehnlichst gewünscht, dass die Mudjahedin das zerstörte Land wieder aufbauen und konstruktiv regieren würden. Stattdessen haben sich die Mudjahedin in einem interfraktionellen Kampf untereinander gegenseitig zerfleischt. Das, was im Land nach zehn Jahren Kampf gegen die Sowjetarmee noch nicht zerstört worden war, ging in diesen Auseinandersetzungen endgültig kaputt. Unter den Mudjahedin brach die öffentliche Ordnung total zusammen. Es gab massenhafte Morde und Vergewaltigungen. Die Zustände waren so schlimm, dass die Afghanen schließlich in der Bewegung der Taliban Mitte der 90er Jahre eine Befreiungsbewegung gesehen haben.

„Die damaligen Mudjahedinführer sitzen heute wieder in vielen offiziellen Positionen und versuchen, ihre Macht zu behalten. Aber das Land wieder aufzubauen, waren weder Warlords noch Taliban jemals in der Lage.“  

EM: Aber wurden sie nicht auch von den Taliban enttäuscht?

Ruttig: Das ist richtig. Die anfängliche Befreiung wurde schon bald als neue Bedrückung empfunden. Die Mehrheit der Afghanen ist zwar noch sehr konservativ, aber das heißt nicht, dass sie keinerlei Modernisierung – etwa im Bildungs- und Gesundheitsbereich - wünschte. Die afghanische Bevölkerung ist sehr jung und zunehmend offen. In den politisch aktiven Schichten gibt es eine Pluralität zwischen Linken, nicht radikalen Muslimen, und muslimischen Fundamentalisten, die letzteren sind meist bewaffnet und waren Träger des Widerstandes gegen die sowjetische Besatzung. Aus ihnen gingen auch die Taliban hervor Die damaligen Mudjahedinführer sitzen heute wieder in vielen offiziellen Positionen und versuchen, ihre Macht zu behalten. Aber das Land wieder aufzubauen, waren weder Warlords noch Taliban jemals in der Lage.

EM: Und wie steht es mit den Hoffnungen, die von der Bevölkerung auf die Regierung Karsai und den Westen gesetzt haben?

Ruttig: Die Erwartungen waren, wie schon angesprochen, bei vielen Afghanen sehr hoch. Gerade in Bezug auf Präsident Karsai. Er war einer der wenigen afghanischen Politiker, der nicht in interfraktionelle Kämpfe verstrickt war und an dessen Händen kein Blut aus dem Bürgerkrieg klebte. Aber seine Reformagenda, mit der er bei den Wahlen angetreten war, wurde bisher nur in Ansätzen verwirklicht. Die Regierung in Kabul ist trotz vieler Milliarden, die aus dem Westen fließen, nicht in der Lage, den Bedürfnissen der Bevölkerung wirklich Rechnung zu tragen und mit Hilfe ihrer westlichen Verbündeten das Land wieder aufzubauen Und die Enttäuschung darüber ist riesig. Wir Deutschen könnten einiges zur Kurskorrektur tun, denn wir genießen, im Gegensatz zu den Amerikanern, die inzwischen ein miserables Image haben, große Sympathien bei den Afghanen. Das gilt auch für andere Europäer. Ich bin deshalb überzeugt, dass mehr europäische Soldaten auch im Süden Afghanistans – aber vor allem mehr europäisches Engagement für good governance und Wiederaufbau - wesentlich zur Stabilisierung beitragen könnten.

EM: Die Stimmen mehren sich, die sagen, das Land stünde eben doch auf der Kippe. Man hört in vielen Kommentaren, die Taliban und die Warlords und die Mudjahedin würden noch da sein, wenn der Westen längst wieder abgezogen ist. Das Land sei nie kolonisiert gewesen und werde sich immer einer fremden Herrschaft erwehren, so lange bis es sie diese wieder abgeschüttelt hat. Wie ist Ihre Einschätzung?

Ruttig: Es herrscht tatsächlich eine Situation, in der sich entscheidet, ob es weiter vorwärts geht mit der Entwicklung des Landes oder ob es rückwärts geht. Es kommt jetzt darauf an, mit einem gewissen strategischen Umdenken, über das wir gesprochen haben, Afghanistan wenigstens so weit zu stabilisieren, dass zumindest das gegenwärtige Gewaltniveau nicht weiter ansteigt, möglichst aber zurückgeht. In Südafghanistan findet ein Guerillakrieg statt. Die Taliban kontrollieren nach eigenen Angaben nur sieben Distrikte von fast 400, die es in Afghanistan gibt. Das ist noch keine kritische Masse. Aber sie reicht unter Umständen, um den Friedensprozess und den Wiederaufbau auch in anderen Teilen Afghanistans zu sabotieren, mit Hilfe terroristischer Mittel. Das kann dazu führen, dass ganze Landstriche für ausländische Helfer nicht mehr zugänglich sind.

EM: Ihre Zukunftsprognose?

Ruttig: Eine Stabilisierung Afghanistans kann nur gelingen, wenn die Gewaltstrukturen und die damit verbundene bad governance, inklusive Drogenwirtschaft und Korruption, aufgebrochen wird. Nur so kann es uns als internationale Gemeinschaft gelingen, die große Mehrheit der afghanischen Bevölkerung wieder für uns zu gewinnen. Und nur wenn sich der Friedensprozess auf diese Kraft stützen kann, statt auf die diskreditierten Warlords etc., gibt es eine Chance für Frieden und Entwicklung. Dann kann man das Ruder vielleicht noch herumreißen.

EM: Und wenn das nicht gelingt?

Ruttig: Dann droht ein Somalia-Szenarium, und das wäre der latente Bürgerkrieg zahlreicher Fraktionen. Vor diesem Rückfall in die 90er Jahre muss man Afghanistan bewahren.

EM: Herr Ruttig, haben Sie vielen Dank für dieses Gespräch.

Das Interview führte Hans Wagner
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