Eurasien-Ticker

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Auch in Russland geht die Kriegsangst um · SOZ-Gipfel folgt Russland nur teilweise · Putin: Washington ist für den Angriff auf Südossetien mitverantwortlich · Deutschlands Präsident Köhler auf Staatsbesuch in Kasachstan · Qumran-Schriftrollen werden online veröffentlicht

Von EM Redaktion

Auch in Russland geht die Kriegsangst um

EM - Kurz vor der Anerkennung von Abchasien und Südossetien glaubten bei einer Umfrage des Meinungsforschungs-Zentrums Lewada noch 48 Prozent der Befragten, dass die Spannungen wieder abklingen. Doch schon zu diesem Zeitpunkt meinten 35 Prozent der Russen, dass es jetzt eine „neue Runde im Kalten Krieg“ gibt. Dies meldet der Moskauer Korrespondent Ulrich Heyden unter Berufung auf die Unterlagen des Instituts.

Das Verhältnis zu den USA ist nach Meinung der Russen so schlecht wie schon lange nicht mehr. Nach einer Mitte August durchgeführten Umfrage des Lewada-Zentrums waren im August 2004 – also auf dem Höhepunkt des weltweiten Anti-Terror-Krieges – 66 Prozent der Befragten der Meinung, dass es zwischen Russland und den USA „normale“ bis „freundschaftliche“ Beziehungen gibt. Mitte August 2008 waren nur noch 22 Prozent der Befragten dieser Meinung. Jetzt bezeichnen 67 Prozent der Befragten die Beziehungen zu den USA als „kühl“ bis „gespannt“, acht Prozent sogar als „feindlich“.

Noch schlechter als das Verhältnis zu den USA ist nach Meinung der Russen das Verhältnis zur Ukraine. Dass die Ukraine und Georgien eng mit den USA zusammen arbeiten, ist aus der Sicht der meisten Russen einfach unverzeihlich. Mitte August 2008 bezeichneten 72 Prozent der Befragten die Beziehungen zur Ukraine als „kühl“ bis „angespannt“ und zehn Prozent sogar als „feindlich“. Nur 15 Prozent der Befragten meinten, die Beziehungen seien „normal“ bis „freundschaftlich“.
           
Über das, was im Krieg im georgischen Kernland passierte, wissen die Menschen fast nichts. Das russische Fernsehen hat kaum darüber berichtet, und der Kreml-kritische Radio-Sender „Echo Moskwy“ sowie kritische Websites können diese Informationslücke nicht völlig ausgleichen.

Dass der Einmarsch russischer Panzer in Georgien in Europa Ängste auslöste, können sich viele Russen nur sehr abstrakt vorstellen. Kein Wunder, denn die eigene Geschichte ist kaum bekannt. Nach einer im Februar durchgeführten Umfrage des Lewada-Zentrums, wussten 55 Prozent der Befragten nichts über den „Prager Frühling“ und den Reformer Alexander  Dubcek, der 1968 einen Sozialismus mit menschlichem Gesicht für sein Land wollte. 15 Prozent der Befragten meinen, sie hätten von dem Ereignis aus sowjetischen Zeitungen erfahren, 15 Prozent meinen, sie hätten erst in der Perestroika-Zeit – also ab Mitte der 1980er Jahre - und später von den Ereignissen in der Tschechoslowakei erfahren.

SOZ-Gipfel folgt Russland nur teilweise

EM - Die Präsidenten der zentralasiatischen Staaten haben Angst vor dem Separatismus und halten sich deshalb in der Frage der abtrünnigen georgischen Provinzen bedeckt. Der Moskauer Korrespondent Ulrich Heyden berichtet: „Für Moskau war der Gipfel der „Shanghai Organisation für Zusammenarbeit“ (SOZ), der Ende August in Duschanbe, der Hauptstadt Tadschikistans, tagte, eigentlich ein Heimspiel, denn die ständigen Mitglieder der SOZ, zu denen außer Russland auch China, Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan und Usbekistan gehören, habe gute bis sehr gute Beziehungen zu Russland. Doch an eine Unterstützung bei der Anerkennung der beiden abtrünnigen georgischen Provinzen, auf die Russlands angesichts der Kritik aus dem Westen jetzt hofft, war nicht zu denken. Alle SOZ-Mitglieder haben selbst Probleme mit Separatisten, Russland im Nord-Kaukasus, Usbekistan im Fergana-Tal und China in Taiwan, Tibet und der mehrheitlich von Uiguren bewohnten Provinz Xinjiang. Der Kampf gegen „Terrorismus und Separatismus“ - die Begriffe werden in SOZ-Dokumenten immer in einem Atemzug genannt - gehört sogar zu den Grundpfeilern des 1996 von den damaligen Präsidenten Russlands und Chinas, Boris Jelzin und Jiang Zemin, gegründeten Regionalbündnisses, welches auch ein Gegengewicht zu dem Einfluss der USA in der Region bilden will und die USA 2005 aufforderte, einen Termin für den Truppenabzug aus der Region zu nennen.

Russland steht in der Frage der Anerkennung von Abchasien und Südossetien bisher so gut wie alleine. Selbst der engste Verbündete, Weißrussland, ziert sich noch. Aleksandr Lukaschenko versprach in einem Brief an Medwedjew bisher nur moralische Unterstützung. Anerkannt wurden die beiden abtrünnigen georgischen Provinzen bisher nur von Gebieten, die selbst um ihre internationale Anerkennung ringen, dem  Gaza-Streifen und der armenischen Enklave in Aserbaidschan, Nagorni-Karabach. In Moskau hofft man, dass Venezuela, Kuba, Weißrussland und die Türkei – wo eine große abchasische Diaspora lebt – in absehbarer Zeit die Anerkennung der beiden georgischen Provinzen vollziehen.“

Putin: Washington ist für den Angriff auf Südossetien mitverantwortlich

EM - Russlands Premierminister Wladimir Putin attackiert die USA. In einem Fernsehinterview mit dem Nachrichtensender CNN hat er Washington vorgeworfen, Georgien zu dem Angriff auf Südossetien ermuntert zu haben. Damit habe die Bush-Regierung dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain helfen wollen, dem eine zugespitzte Lage im Kaukasus möglicherweise Wählerstimmen bringen würden. Den Namen McCain nannte Putin nicht, aber seine Ausführungen waren kaum misszuverstehen.

Im Kampfgebiet hätten sich Amerikaner aufgehalten, die „Anweisungen ihrer Führer“ umgesetzt hätten, sagt Putin. Dies nähre den Verdacht, dass „jemand in den USA diesen Konflikt geschaffen hat, um die Lage zu verschlimmern und für einen der Präsidentschaftskandidaten einen Vorteil zu erreichen“, sagte Putin in dem vorab im russischen Fernsehen gesendeten Ausschnitten des Interviews. Putin will dies von seinen Verteidigungsexperten erfahren haben.

Es liegt sehr nahe, dass Putin John McCain meint, der ebenso wie US-Präsident George W. Bush Republikaner ist. McCain gilt als erfahrener Politiker mit außenpolitischer Erfahrung, seinem demokratischen Rivale Barack Obama dagegen wird vorgeworfen, auf diesem Feld unerfahren zu sein.

Das Weiße Haus wies Putins These umgehend scharf zurück: „Die Vorwürfe sind völlig gegenstandslos und aberwitzig“, hieß es.. Putin sagte in dem Interview weiter, Russland sei auf georgisches Gebiet vorgerückt, um eine menschliche Katastrophe zu verhindern, nachdem einige seiner Friedenssoldaten in Südossetien getötet worden seien. Er sei enttäuscht darüber, dass die Vereinigten Staaten nicht mehr dafür getan hätten, Georgien von seinem Angriff auf die Provinz abzuhalten.

Positiv zu bewerten ist die glasklare und sehr verständliche Übersetzung des CNN-Interviews bei der Ausstrahlung. Das Deutsche Fernsehen, das Putin Ende August ebenfalls interviewt hat (Ausstrahlung kurz vor Mitternacht und unmittelbar vor einer Wahlkampfsendung der US-Demokraten aus Denver) zeigte sich von seiner dilettantischsten Seite: Der Simultandolmetscher war kaum zu verstehen, die Botschaft des russischen Premiers ging in dem Gestammel fast unter.

Links zum Interview:

Original CNN:        
http://www.cnn.com/2008/WORLD/europe/08/28/russia.georgia.cold.war/index.html

In Schriftform Russisch:
http://www.government.ru/content/governmentactivity/mainnews/archive/2008/08/28/582087.htm

Auszüge in WELT online:
http://www.welt.de/videos/politik/article2368140/Putin-und-die-Kaukasus-Krise.html

Deutschlands Präsident Köhler auf Staatsbesuch in Kasachstan

EM - Von 2. bis 4. September kommt der deutsche Bundespräsident Horst Köhler im Rahmen eines Staatsbesuchs nach Kasachstan. Ein Empfang beim kasachischen Präsidenten Nasarbajew sowie die Besichtigung der Hauptstadt Astana, die vor einigen Wochen ihr 10. Jubiläum gefeiert hat, stehen auf dem Programm. Während des Treffens der Präsidenten sollen zukünftige Partnerschaften diskutiert und bilaterale Dokumente unterzeichnet werden. Auch der Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen und  zukünftige Entwicklungen im Investitionssektor sollen mit Nasarbajew besprochen werden.

Nach dem Besuch Nasarbajews wird Präsident Köhler mit Kassym-Jomart Tokayev, dem Senatsvorsitzenden zusammentreffen. Danach steht ein Austausch mit Absolventen des deutsch-kasachischen Managerfortbildungsprogramms aufder Tagesordnung. Am letzten  Tag seiner Reise wird Köhler die deutsch-kasachische Universität in Almaty besuchen. Anschließend reist Köhler in die Mongolei.

Diese Reise ist nicht der erste Besuch Köhlers in Kasachstan. Bereits im Jahr 1999 als Präsident der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung und das zweite Mal im Jahr 2000 als Manager des International Monetary Fund besuchte Köhler die zentralasiatische Republik. Bereits in der Vergangenheit  äußerte sich der deutsche Präsident positiv hinsichtlich der deutsch-kasachischen Beziehungen. Köhler hob besonders die strukturellen Reformen der kasachischen Regierung im Wirtschaftsbereich auf dem Weg zu einem wettbewerbsfähigen Land hervor.

Die deutsch-kasachischen Beziehungen werden von beiden Seiten als harmonisch und fruchtbar beschrieben. Bereits in der Vergangenheit, während des deutschen EU-Vorsitzes war die Regierung bestrebt das Verhältnis zwischen Kasachstan und Deutschland auszubauen. Die Bemühungen gipfelten in einem EU-Konzept für Zentralasien.

Ein weiterer wichtiger Pfeiler der deutsch-kasachischen Beziehungen liefert das Zentral-Asien Konzept, das von der deutschen Regierung 2002 beschlossen wurde und wichtige Kooperationen im Wirtschaftsbereich, sowie die Unterstützung Kasachstans auf seinem Weg zu einem sicheren, modernen und demokratischen Staat darstellt.

Auch bei der Ernennung Kasachstans als Vorsitzender der OSZE und bei seinem Weg zum Mitgliedsstaat in der WTO erhielt Kasachstan Beistand der deutschen Regierung.

Die deutsch-kasachischen Beziehungen beruhen auf Gegenseitigkeit. So unterstützt Kasachstan Deutschland im Rahmen der Energiepolitik und befürwortet den Eintritt Deutschland als ständiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat. Deutschland ist einer der wichtigsten Handelspartner Kasachstans. Es liegt auf Platz sechs hinter Russland, China, Italien, der Schweiz und Frankreich.

Eine weitere wichtige Dimension Deutschlands in Kasachstan betrifft die deutsche Minderheit. So leben heute über 222.000 Deutsche in Kasachstan und mehr als eine Million deutsch-stämmige Einwohner Kasachstans kehrten nach Deutschland zurück.

Qumran-Schriftrollen werden online veröffentlicht

EM - Die israelische Behörde für Altertümer - Israel Antiquities Authority http://www.antiquities.org.il - hat ein sehr ambitioniertes Projekt gestartet: In den kommenden fünf Jahren will ein Forscherteam von Dutzenden Spezialisten die rund 2.000 Jahre alten Schriftrollen von Qumran, auch bekannt als die „Texte vom Toten Meer“, zur Gänze digitalisieren und im Internet veröffentlichen. Die Schriftrollen, die zwischen 1947 und 1956 in elf Höhlen an der Nordwestecke des Toten Meeres östlich von Jerusalem gefunden wurden, zählen heute unbestritten zu den wichtigsten archäologischen Funden des vergangenen Jahrhunderts. Sie umfassen tausende Fragmente, die zu insgesamt rund 900 Handschriften gehören. Darunter befinden sich sowohl die frühesten bekannten Kopien der verschiedenen Bücher der Hebräischen Bibel, außerbiblische Schriften, die sogenannte Apokryphen, sowie bis dato gänzlich unbekannte Schriften.

„Die in Qumran gefundenen Schriftrollen stammen aus dem Zeitraum zwischen dem dritten Jahrhundert vor und dem ersten Jahrhundert nach Christus. Diese Zeit ist historisch gesehen enorm wichtig, weil in ihr die Weichen sowohl für das frühe Christentum als auch für das rabbinische Judentum gestellt worden sind“, erklärt Armin Lange, Qumran-Experte des Instituts für Judaistik der Universität Wien (http://www.univie.ac.at). Die Schriften von Qumran würden ein Stück gemeinsames Kulturgut darstellen, das nicht nur für Juden- und Christentum von immenser Bedeutung sei, sondern auch für den Islam. „Durch diese Texte haben wir eine gute Chance zu lernen, wie wir uns aus gemeinsamen Wurzeln heraus entwickelt haben. Ihre Erforschung ermöglicht uns ein besseres gegenseitiges Verständnis und trägt somit auch zu einem friedlichen Miteinander der verschiedenen Weltreligionen bei“, betont Lange.

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