Eurasien-Ticker

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Baltistik immer beliebter – neuer Studiengang in Erlangen-Nürnberg · Streit zwischen den ungleichen NATO-Partnern USA und Island · Afghanistan: NATO erstmals außerhalb Europas im Einsatz · Bierfest in der einstigen deutschen Kolonie Tsingtau · Plan der EU-Kommission: Alle Europäer sollen künftig mehrere Sprachen beherrschen

Von EM Redaktion

EM – An der Universität Greifswald gibt es seit zehn Jahren ein Institut für Baltistik, an der Universität Münster kann man baltische Philologie belegen und jetzt zum Wintersemester 2003/04 wird ein neuer Studiengang Baltistik an der Universität Erlangen-Nürnberg eröffnet. Er umfaßt Sprachen, Landeskunde und Geschichte von Litauen und Lettland.
Die Universität wirbt für ihr neues Angebot mit dem Hinweis, daß Kenntnisse von Sprachen, die nur selten erlernt werden, ihren Besitzern in den betreffenden Ländern Tür und Tor öffneten. Daher ermögliche das Studium der Baltistik einen besonders guten Zugang zu den baltischen Staaten. Dies gelte für Absolventen der Wirtschaftswissenschaften ebenso wie für Philologen, Historiker, Politikwissenschaftler und Juristen.

Baltistik kann an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg als zweites Nebenfach gewählt werden. Das Fach ist am Institut für Vergleichende Indogermanische Sprachwissenschaft angesiedelt und eignet sich gut zur Kombination mit den Fächern Slavistik und Osteuropäische Geschichte. Diese Verbindung kann auch innerhalb des neuen Studiengangs „Osteuropa“ studiert werden. Wer sich für den Vergleich von Sprachen interessiert, für den bietet sich die Kombination mit Indogermanistik an. Die Literatur des Baltikums - sowohl die traditionelle, die auch den Volkskundler interessiert, als auch die moderne - ist vielfältig.

Litauisch und Lettisch gehören der indogermanisch-baltischen Sprachgruppe an, während das Estnische dem nicht-indogermanischen Finnischen eng verwandt ist. Litauen, das bis 1945 an Deutschland grenzte, und auch Lettland sind traditionell stark deutsch geprägt.

Das neue Studienfach der Universität Erlangen-Nürnberg ist zunächst auf einen Erprobungszeitraum von fünf Jahren befristet.

Kontakt: gertraud.pickel@zuv.uni-erlangen.de

Streit zwischen den ungleichen NATO-Partnern USA und Island

EM – Die USA haben angekündigt, vier Kampfflugzeuge und fünf Hubschrauber von ihrem Stützpunkt Keflavik in der unmittelbaren Nähe der isländischen Hauptstadt Reykjavik abzuziehen. Drei der Helikopter wurden bereits nach Sierra Leone verlegt, um die US-Truppen in dem westafrikanischen Land zu unterstützen. US-Präsident George W. Bush hatte in einem Brief an die isländische Regierung den Beschluß Washingtons ohne jegliche Konsultation oder Vorwarnung mitgeteilt. Reykjavik reagierte verbittert und bezeichnete dieses einseitige Vorgehen als „Bruch des Verteidigungsabkommens“ zwischen den beiden NATO-Partnern. Es besteht seit 1951 und wurde 1994 erneuert. Mit dem US-Truppenabzug sei der Vertrag „substanz- und wertlos“. Eine solche Vereinbarung könne schließlich nicht nur einer Seite dienen.

Die isländische Regierung ließ verlauten, mit ihrem Verhalten hätten die USA die bislang schwerste Krise in den Beziehungen beider Länder ausgelöst. Amerika vertrete offenbar die Ansicht, die strategische Bedeutung Islands sei nach dem Ende des Kalten Krieges stark gesunken. Das Land ist bislang das einzige innerhalb der NATO, das nicht über eigene Streitkräfte verfügt. Nun erwäge Island eine eigene Armee aufzubauen. Die Nationalgarde solle 1.000 aktive Soldaten umfassen. Außerdem sei ein Reserveheer von 21 000 Mann vorgesehen. Island prüfe auch, ob es sich der geplanten Europäischen Verteidigungsgemeinschaft anschließen werde. Das wäre ein wichtiger Schritt auf dem Weg in die EU. Bisher ist eine Mitgliedschaft in der Union bei den Isländern heftig umstritten. Ministerpräsident Oddsson ist ein entschiedener Gegner davon. Außenminister Asgrimsson dagegen, der ihn voraussichtlich in einem Jahr als Regierungschef ablösen wird, befürwortet den Beitritt.

Während des Kalten Krieges waren zeitweise 5.000 US-Soldaten und 18 Kampfjets auf Keflavik stationiert. Zur Zeit arbeiten dort noch 1.700 Mann. Nach dem Abzug werden es wenige hundert sein. Damit verliert Island nicht nur seinen militärischen Schutz sondern auch eine wichtige Devisenquelle.

In der isländischen Tageszeitung „Morgunbladid“ war angesichts des selbstherrlichen Vorgehens der Amerikaner kürzlich ein sarkastischer Kommentar zu lesen. Darin hieß es, die Ereignisse in Afghanistan und im Irak hätten gezeigt, daß es sich nicht auszahle, ein Feind Amerikas zu sein. Was jedoch derzeit in Island ablaufe, zeige, daß es sich auch nicht lohne, ein Freund Amerikas zu sein.

Afghanistan: NATO erstmals außerhalb Europas im Einsatz

EM – Am 11. August hat die NATO erstmals seit ihrer Gründung 1949 die Leitung eines militärischen Einsatzes außerhalb Europas übernommen. Das „Nordatlantische Verteidigungsbündnis“ legt somit nicht nur seinen Bestimmungszweck, sondern auch sein Einsatzgebiet immer weiter aus. „Dies ist kein regionaler Ansatz mehr. Dies ist nicht mehr ,out of area‘ im bislang bekannten Sinne. Dies ist global“, sagte James Jones, neuer NATO-Oberbefehlshaber und zugleich Oberkommandierender der amerikanischen Truppen in Europa (Die Welt, 11.8.2003).

Nach dem offiziellen Ende des Afghanistan-Feldzuges der USA oblag die Führung der Internationalen Schutztruppe für Afghanistan (ISAF) zunächst einzelnen Mitgliedsstaaten der Nordatlantischen Allianz. Für jeweils sechs Monate kommandierten Großbritannien, die Türkei und bis Anfang August Deutschland und die Niederlande die ISAF-Truppen.

An der vierten ISAF-Mission sind 32 Staaten beteiligt. Mit Ausnahme Portugals, der Slowakai und Slowenien stellen alle derzeitigen und künftigen Mitgliedsländer der NATO Soldaten für die Schutztruppe zur Verfügung. Außerdem Albanien, Aserbaidschan, Finnland, Irland, Kroatien, Mazedonien, Neuseeland, Schweden und die Schweiz. Die größten Truppenkontingente unterhalten Kanada (1900 Mann), Deutschland (1500) und Frankreich (548). Insgesamt umfaßt die ISAF-Einheit derzeit 5537 Soldaten.

Bierfest in der einstigen deutschen Kolonie Tsingtau

EM - Die chinesische Küstenstadt Qingdao, das frühere Tstingtau, feiert dieser Tage das Jubiläum ihrer von Deutschen gegründeten Brauerei. Hunderttausende Einwohner prosten sich in den Festzelten der Küstenstadt zum hundertjährigen Jubiläum ihres Tsingtau-Biers fröhlich zu. Die dazugehörige Brauerei, die erste in China, war 1903 von Deutschen am „kolonialen Marinestützpunkt Tsingtau“ erbaut worden. Ein Braumeister aus dem bayerischen Weihenstephan braute Bier nach deutschem Reinheitsgebot.

Mit Millionenaufwand hat die heutige „Tsingtao“-Brauerei zum Jubiläum auch ein Biermuseum eröffnet. Dort werden die Dokumente gezeigt von der deutschen Annexion Qingdaos 1897, von dem ein Jahr später erzwungenen Pachtvertrag (571.75 Quadratkilometer Land auf 99 Jahre) bis zur Vertreibung der Deutschen zu Beginn des Ersten Weltkriegs durch die Japaner. Die teils leidvollen Erfahrungen aus der deutschen Kolonialzeit belasten die Beziehungen schon längst nicht mehr. Qingdao hat sich mit seiner Geschichte versöhnt. Das Biermuseum ist der Beleg dafür. Der eigentliche Schatz der Sammlung sind die mit Liebe zum Detail aufbereiteten 100 Jahre alten Braugeräte. „Der Siemens-Motor aus dem Jahre 1896 läuft sogar noch“, schwärmt Tsingtao-Geschäftsführer Jin Zhiguo. Die Deutschen hätten damals eben für eine Ewigkeit geplant.

Die ehemals deutsche Brauerei ist inzwischen die größte Brauerei Asiens. Auch in Deutschland kann man Tsingtao-Bier in China-Restaurants trinken. Es trägt auf den Flaschen-Etiketten die Aufschrift „Tsingtao Beer since 1903.“

Plan der EU-Kommission: Alle Europäer sollen künftig mehrere Sprachen beherrschen

EM – „Jeder europäische Bürger sollte sich außer in seiner Muttersprache in mindestens zwei anderen Sprachen gut verständigen können“, so lautet das ehrgeizige Ziel des „Aktionsplans zur Förderung des Sprachenlernens und der Sprachenvielfalt der EU-Kommission für 2004 bis 2006.“ EU-Bildungskomissarin Viviane Reding aus Luxemburg begündete bei der Vorstellung in Brüssel die europaweite Aktion mit den Worten: „Nur wenn die EU-Bürger verstärkt Sprachen lernen, können sie endlich besser von der Freizügigkeit im gemeinsamen Markt profitieren.“ Es habe sich schon im „Europäischen Jahr der Sprachen“ 2001 gezeigt, daß sehr viele Menschen in Europa Sprachen lernen wollten und auf Angebote geradezu warten.

Zu den geplanten Maßnahmen gehören laut Bildungskommissariat die Förderung von sogenannten Sprachassistenten , vor allem an Grundschulen; die Förderung grenzüberschreitender Projekte zur Entwicklung von Materialien für den Fremdsprachenunterricht bereits im Vor- und Grundschulalter; die Einrichtung eines Portals für Sprachenfachleute und die Öffentlichkeit auf der Europa-Netzseite und die Erarbeitung eines europäischen Indikators für Sprachenkompetenz.

Dazu gibt es ausführliche Informationen der Kommission in der folgenden PDF-Datei:
http://europa.eu.int/comm/education/doc/official/keydoc/actlang/act_lang_de.pdf

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