Eurasien im HotelMENTALITÄT AUF REISEN

Eurasien im Hotel

Welch unterschiedliche Ansprüche und Eigenheiten Europäer und Asiaten auf Reisen haben, worauf sie beim Aufenthalt in Hotels und Restaurants Wert legen und wie man dadurch viel von ihren Kulturen kennenlernen kann.

Von Hans Wagner

Zu Hause darfst du arm, doch auf Reisen sollst du reich sein“, lautet ein altes chinesisches Sprichwort. Es hat für Menschen aus dem „Reich der Mitte“ auch heute eine große Bedeutung. Das zeigt sich zum Beispiel daran, welche Ansprüche sie an eine Urlaubsreise ins ferne Europa stellen: Sie kommen nicht als Rucksacktouristen, Strandurlauber oder Radwanderer, sondern mit hohen und entsprechend teuren Erwartungen.

75 Prozent der chinesischen Auslandsurlauber machen nach den Statistiken der Touristikunternehmen Besichtigungstouren, früher auch Bildungsreisen genannt. „Europa in zehn Tagen“ ist besonders beliebt. Autobegeisterte Chinesen buchen außerdem gern einwöchige Rundreisen am Steuer teurer Wagen und bezahlen dafür mindestens 3.000 Euro pro Kopf. Im geliehenen Mercedes oder Porsche brettern sie vornehmlich über deutsche Autobahnen. Für Einkäufe in den besuchten Städten gehen gerne noch mal 10.000 Euro über den Tresen. (Siehe EM 09-04 Die Chinesen kommen).

Von Sitten, Marotten und kulturell tief verwurzelten Metalitäten

Doch was sind das für Menschen, die da auf die Schnelle durch Europa düsen und seine Sehenswürdigkeiten abklappern oder im kommenden Jahr zur Fußballweltmeisterschaft in Deutschland erwartet werden? Was möchten sie in ihrem Gastland vorfinden, wie wünschen sie untergebracht zu werden, wie neugierig sind sie auf europäische Küche und auf welche Gewohnheiten müssen ihre Gastgeber besonders Rücksicht nehmen?

„Wer zahlt, schafft an“, heißt ein deutsches Sprichwort. Das ist auch etwa das Motto, unter dem der Bayerische Hotel- und Gaststättenverband (BHG) einen Ratgeber mit dem Titel „Andere Länder, andere Sitten – Interkulturelle Kommunikation für Hoteliers, Gastronomen und Touristiker“ herausgegeben hat. Eigentlich ist dieses Kompendium für Hoteliers und Restaurantpersonal gedacht. Seine Lektüre kann jedoch jedem Reiselustigen wärmstens empfohlen werden. Wer zum Beispiel in eines der behandelten Herkunftsländer reisen möchte, nach China etwa oder an den Persischen Golf, kann davon nur profitieren. Mehr als die meisten Reiseführer erzählt das 115 Seiten starke Nachschlagewerk im DIN-A-Vier-Format von Sitten, Marotten und kulturell tief verwurzelten Mentalitäten. Nur zufriedene Gäste kommen wieder. Die BHG-Broschüre wurde deshalb verfaßt, um den Deutschland- Aufenthalt der Reisenden so angenehm wie möglich zu machen.

Warum ein Zimmer mit der Nummer 444 der reine Horror ist

Gäste aus China dürfen niemals in ein Zimmer mit der Nummer vier einquartiert werden, erfährt der Leser zu seinem Erstaunen. Die Zahl vier gelte in weiten Teilen Chinas als gefürchtete Unglückszahl. Denn ausgesprochen klinge sie sehr ähnlich wie das chinesische Wort für Tod. Ein Zimmer mit der Nummer 444 wäre demnach blanker Horror, käme einer Katastrophe gleich und „sollte generell an chinesische Gäste nicht vergeben werden“, heißt es auf Seite 45. Auch Japaner würden aus der Vier den Tod heraushören und sollten ebenfalls nicht in Räumen mit dieser Ziffer untergebracht werden. Dagegen gelte die Zahl acht als Glückszahl. Sie werde mit Reichtum in Verbindung gebracht. Auch die Ziffer neun sei positiv belegt. Chinesen sprächen davon, sich im neunten Himmel zu befinden – ähnlich Europäern, wenn sie sich „im siebten Himmel“ wähnen.

Und was interessiert den Gast aus Peking, Kanton oder Schanghai außer schnellen Autos auf seinen Rundreisen ganz besonders? Ihr meist „dicht gedrängtes Programm“ beschränke sich in der Regel „auf bekannte Sehenswürdigkeiten und berühmte Städte“, hat Maike Nadrowski ermittelt, auf deren Recherchen der Ratgeber beruht. Neues werde nur selten ausprobiert, die Provinz habe kaum eine Chance. Die BHG-Autorin hat ausführliche Interviews mit gebürtigen Chinesen geführt, die heute in Deutschland und Europa im Hotelfach arbeiten. Ihre Recherchen sind Teil einer Diplomarbeit, die sie an der Fachhochschule München abgeliefert hat.

„Für viele Chinesen ist ein absolutes Muß jeder Reise der Besuch des Karl-Marx-Geburtshauses in Trier, eines Casinos und Musikprogramms am Abend sowie eines Rotlichtbezirks“, hat Maike Nadrowski herausgefunden. Politik, Kultur, Erotik – dafür ist kein Weg zu weit.

Die Autorin hat erforscht, wie die „Grundregeln der Kommunikation“ im Umgang mit Chinesen lauten. Sie sind demnach beispielsweise durch ständigen Blickkontakt im Gespräch irritiert. Das Wegschauen, das man in Deutschland als Desinteresse auslegen könnte, gelte Chinesen dagegen „als höfliche Wahrung der Etikette“.

Wer sich an der Hotelbar oder im Restaurant schon mal gewundert hat, daß Chinesen ständig mit mehreren Gästen im Rund gleichzeitig sprechen, erfährt in dem Kompendium, daß dies normal sei. So hielten sie es auch zu Hause. Dabei komme es zwar „nicht selten zu einem Anstieg des Geräuschpegels innerhalb der Gruppe“, aber dies störe allenfalls Europäer.

Warum Zhang Wengqian Daumen und Zeigefinger hebt, wenn er acht Bier ordert

Weil das Werk für Profis im Hotel- und Gaststättengewerbe geschrieben ist, erfährt man als Leser sehr viel Handfestes und Ungeschminktes aus der Praxis für die Praxis. Etwa daß Chinesen beleidigt sind, wenn man sie mit Japanern verwechselt. Daß man mit ihnen niemals über negative Dinge reden sollte – nicht einmal über schlechtes Wetter. Daß der Nachname eines Chinesen üblicherweise zuerst genannt wird. Es ist also so, wie es früher hierzulande auch üblich war, vor allem bei Behörden, und wie es auf dem Land teilweise noch immer praktiziert wird: man heißt Maier Joseph oder Sommerauer Nicki oder Loibl Petra. Dem entspricht der chinesische Zhang Wengqian – Zhang ist der Nachname.

Bitte und Danke höre man von Chinesen selten. Das sei ihrer Mentalität eher fremd. Wenn ein Chinese Daumen und Zeigefinger hebe, um die Anzahl der Biere anzuzeigen, die in der Runde gebraucht würden, dann meine er damit acht. Wenn er hingegen dem Ober die Zahl zwei signalisieren möchte, strecke er Zeigefinger und Mittelfinger aus. Gut zu wissen, vor allem für Kellnerinnen im Getümmel. Sie können durch solche Kenntnisse davor bewahrt werden, unnötige Mengen an Maßkrügen zu schleppen.

Daß viele Chinesen ständig und überall ausspucken, wie hierzulande nur noch Fußballspieler, daß sie Warteschlangen einfach ignorieren und sich sehr laut unterhalten, sei eine ihrer weniger schönen Eigenarten, schreibt die Autorin. Dieses „ungehobelte Benehmen“ des chinesischen Menschen versuche ihm der Staat zwar seit langem durch entsprechende Aufklärungskampagnen abzugewöhnen, allerdings noch nicht mit durchschlagendem Erfolg.

Wie sich Chinesen und Japaner in ihren Ansprüchen an Küche und Keller unterscheiden

Essen spiele für Chinesen eine ganz wichtige Rolle, heißt es im BHG-Ratgeber. Das zeige sich schon an gebräuchlichen Begrüßungsformeln. Statt einfach „Guten Tag“ zu sagen gehe man zum Beispiel aufeinander zu mit den Worten „Chi fan le man?“ – „Haben Sie schon gegessen?“

Chinesen bleiben auch im Ausland am liebsten bei ihrer heimischen Küche – verhalten sich nicht viel anders als Europäer, die in asiatischen Metropolen nach Bier, Schnitzel oder Leberkäs verlangen. „Lokale deutsche Spezialitäten werden von Reisenden aus China eher selten ausprobiert“, weiß Maike Nadrowski zu berichten.

Weniger anspruchsvoll seien da die Gäste aus Japan: „Japanische Touristen erwarten auf ihren Deutschlandreisen kein Gourmetessen, sondern deutsche Wurst und deutsches Bier auf ihrem Speiseplan.“ Aber: Absolut hygienisch muß es zugehen: „Keine Mahlzeit kann so gut sein, daß über den leisesten Verdacht auf mangelnde Sauberkeit hinweggesehen wird.“

Es ist die Badausstattung, auf die Japanern eminent viel Wert legen. „Ohne Badewanne wird kein japanischer Gast glücklich“, schreibt die Autorin. Und: „Japaner baden aus Gründen der Entspannung jeden Tag“. Anders als die Europäer hielten Japaner Duschen „für völlig unzureichend, da beim Duschen nie der ganze Körper vollständig von innen aufgewärmt werden kann.“ Eine häufige Beschwerde japanischer Gäste sei die über „Mangel an heißem Wasser“. Seine Temperatur sollte mindestens 24 Grad Celsius betragen.

Was sich ein Chinese zum Frühstück wünscht

Sehr ungewöhnlich sind chinesische Frühstückszeiten. Nach den Erfahrungen europäischer Hoteliers wollen viele Reisegruppen bereits ab 5.30 Uhr damit beginnen. Es werde „auf jeden Fall ein Büffet erwartet. Jeder Gast will sich von allem unbegrenzt bedienen können“, steht im Ratgeber des BHG. Das deutsche Frühstück würden Chinesen problemlos akzeptieren. Dabei sollten Joghurt, Müsli, Obst, Kuchen und Brot nicht fehlen, wobei weiches Weißbrot im allgemeinen dem Vollkornbrot vorgezogen werde. Unbedingt aber müsse das Angebot auch warme Speisen enthalten. „Dabei sollten zumindest Suppen, Eier, Würstchen, Speck und heiße Getränke angeboten werden.“ Bei Suppen sei vor allem heiße Hühnerbrühe beliebt, mit Gemüseeinlage, Eierstich oder Glasnudeln. Sie sei ein Muß. Überhaupt würden klare Suppen mit Einlage in China zu jedem Essen gereicht und man erwarte das auch im Gastland. Deutsche Suppen, vor allem gebundene, fänden unter Chinesen wenig Freunde.

Daß die Etikette während der Mahlzeiten bei Chinesen eine andere ist als bei Europäern, weiß jeder, der schon einmal im Reich der Mitte mit Einheimischen am Tisch gesessen hat. Auch auf Reisen ändert sich daran, den Recherchen von Maike Nadrowski zufolge, kaum etwas. Sie schreibt: „Chinesen wird im Hinblick auf Essen große Experimentierfreude nachgesagt, was für das deutsche Auge bisweilen gewöhnungsbedürftig erscheint. Ein Teller dient als Ablage für alles. Da liegen schon mal der Fisch neben dem Joghurt und der Käse auf der Marmelade. Der Teller ist meist üppig beladen. Vielfach sind chinesischen Gästen europäische Eßgewohnheiten schlicht unbekannt.“ Hier gelte es, so die Autorin, „Toleranz aufzubringen.“

Wie zwanglos sich Menschen aus dem fernen Reich der Mitte bei Tisch verhalten

In den Zeiten enger werdender eurasischer Beziehungen wird es immer öfter vorkommen, daß Menschen in London, Paris, Mailand, Warschau oder München mit Chinesen in einem Speisesaal zusammentreffen. Früher sah man in Westeuropa staunend auf italienische Gäste, die mit den Händen redeten und dabei noch Spaghetti um die Gabel wickeln und zum Mund führen konnten Das ist längst Alltag und viele andere Europäer tun es ihnen inzwischen gleich.

Vielleicht wird man sich auch bald an chinesische Tischsitten gewöhnt haben. Sie in Europa zu übernehmen, dürfte indes einer längeren Anpassungsphase bedürfen. Maike Nadrowski gibt eine lebhafte Schilderung davon: „Es gilt in China nicht als unhöflich, beim Essen zu schmatzen, zu schlürfen, aufzustoßen, sich laut zu unterhalten, zu rauchen oder sich am Tisch die Zähne zu säubern. Es darf auch mit vollem Mund geredet, große Bissen mit Tee hinuntergespült oder gegurgelt werden. Auch ist es durchaus üblich, den Tisch als Ablage für unverdauliche Speisereste zu nutzen. Geflügel beispielsweise wird zusammen mit den Knochen zerkleinert, die dann beim Essen ausgespuckt werden.“

Nach europäischen Maßstäben sei dieses Eßverhalten „sicherlich nicht vorbildlich“, schreibt die Autorin. Aber die von ihr interviewten Experten rieten dringend davon ab, deshalb chinesischen Gästen einen eigenen Speiseraum zuzuweisen – sie würden sich hierdurch oft diskriminiert fühlen. – Also scheinen solche Separierungen wohl tatsächlich vorzukommen.

Kellnerinnen und Kellner dürften auf die Gäste aus dem Reich der Mitte wegen der Hinterlassenschaften am Tisch vielleicht nicht so gut zu sprechen sein. Es könnte auch sein, daß ihnen auch die lautstarken Rufe nach dem Herrn Ober auf den Keks gehen. Wie Maike Nadrowski berichtet, geben Chinesen zu allem Überfluß auch kein Trinkgeld, dies sei in China nicht üblich. Da hilft am ehesten ein Lächeln. Einfach lächeln. Und vielleicht einen Augenblick daran denken, wie spießig die zwanglosen Chinesen europäische Etikette bei Tisch empfinden mögen.

Ironie und Sarkasmus, ernste Blicke und die linke Hand sind für Araber tabu

„Da insbesondere Gäste aus China, Japan und arabischen Ländern einen Wachstumsmarkt darstellen“, widmet sich der BHG-Ratgeber „schwerpunktmäßig Erwartungen dieser Kulturkreise“, heißt es im Vorwort der hier vorgestellten Schrift.

Über den „arabischen Gästekreis“ erfährt man zum Beispiel, daß es gern gesehen wird, wenn ein Gastgeber sich regelmäßig nach Gesundheit und Zufriedenheit der Beherbergten erkundige. Außerdem, daß im Umgang mit Menschen aus dem arabischen Kulturkreis „Ironie und Sarkasmus tabu“ seien. „Ernste Blicke“ würden als „arrogant gedeutet“. Es sollte tunlichst „kein direkter Augenkontakt von männlichen Mitarbeitern zu weiblichen Gästen“ stattfinden. Unter Männern hingegen sei Augenkontakt erwünscht und werde als aufmerksam empfunden. Man müsse beim Kontakt mit den Orientalen einen „geringeren Körperabstand bei Gesprächen akzeptieren“. Es sei dabei unumgänglich, daß man „den Atem spürt“. (Auf die geringere Körperdistanz im Umgang mit Gästen wird man auch im Kapitel über die Chinesen vorbereitet. Auch dort sei dies landesüblich).

Araber, die Europa besuchen, würden oft mit der gesamten Großfamilie anreisen, die locker 60 Personen und mehr umfassen könne. Zu ihrer Begrüßung müsse man sich viel Zeit nehmen, schreibt Maike Nadrowski. Manche würden die Hand reichen, andere nicht. Die meisten fänden einen festen deutschen Händedruck „eher befremdlich“. Wenn man eine arabische Hand schütteln wolle, dann immer nur mit rechts. Die Linke gelte „als unrein, da Araber sich mit dieser nach dem Toilettengang reinigen“.

Die allermeisten Araber würden großen Wert darauf legen, zu erfahren, wo vom Hotel aus gesehen Mekka liege. Dies sei für die Verrichtung der Gebete eine unerläßliche Information. Die meisten Gäste kämen aus den Vereinigten Emiraten, Katar, Bahrein, Oman und Kuwait. Sie hätten es – im Gegensatz zu den Chinesen – überhaupt nicht eilig, zum Frühstück zu kommen. Zwischen zehn und zwölf Uhr sei die übliche Zeit. Ihnen genüge ein herkömmliches international übliches Frühstück – allerdings müsse klar gekennzeichnet sein, welche Wurst Schweinefleisch enthalte. Bekanntlich ist Muslimen der Genuß dieses Fleisches untersagt.

In Europa essen arabische Gäste mit Messer und Gabel, zu Hause eher mit den Fingern. Dabei kommen natürlich auch nur die der rechten Hand in Betracht. Wichtig sei es, große Tische auf den Zimmern für arabische Gäste bereitzustellen. Sie würden dann gerne auch zum Essen benutzt. „Nur wenn der Tisch mit Prospekten oder ähnlichem Material bestückt oder zu klein“ sei, werde „auf die Möglichkeit zurückgegriffen, sich auf dem Fußboden auszubreiten“.

Übersichtliches Kompendium mit Informationen über sieben Kulturen

Insgesamt bietet der BHG-Ratgeber Informationen über sieben verschiedene „Gästekreise“: neben dem chinesischen, dem japanischen und dem arabischen auch solche über italienische, russische, amerikanische und jüdische Gäste. Zu jedem Kapitel gehört ein ausführliches Inhaltsverzeichnis und eigenes Stichwortregister.

Bayerischer Hotel- und Gaststättenverband (Hrsg.), „Andere Länder, andere Sitten – interkulturelle Kommunikation für Hoteliers, Gastronomen und Touristiker“, München 2004, Euro 7,35. E-Post: info@bhg-online.de.

Asien Deutschland Reise

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