Eurasien in der Diskussion

Eurasien in der Diskussion

Das Eurasische Magazin erscheint nun seit genau einem Jahr. Anläßlich dieses Jubiläums haben wir zahlreiche Wissenschaftler gebeten ihre Einschätzung abzugeben zu den Chancen einer Zusammenarbeit eurasischer Staaten mit dem Ziel die dominante Stellung der USA in der internationalen Politik zu mäßigen und politische Entscheidungsfindungen wieder mehr auf Konsens auszurichten.

Von EM Redaktion

EM – Das Eurasische Magazin erscheint nun seit genau einem Jahr. Anläßlich dieses Jubiläums haben wir zahlreiche Wissenschaftler gebeten ihre Einschätzung abzugeben zu den Chancen einer Zusammenarbeit eurasischer Staaten mit dem Ziel die dominante Stellung der USA in der internationalen Politik zu mäßigen und politische Entscheidungsfindungen wieder mehr auf Konsens auszurichten.

Wir haben unseren Gesprächspartnern folgende Frage gestellt: „Die Tendenz zur unipolaren Ausrichtung der Welt auf ein Zentrum, hat Gegenreaktionen auf dem eurasischen Kontinent hervorgerufen. Es sieht so aus, als würde sich hier ein politisches Umdenken ankündigen. Könnte die Kooperation eurasischer Staaten zu einer Stärkung der politischen und kulturellen Multipolarität in der Welt führen?“

Zu Ihrer Information haben wir am Ende der Stellungnahmen jeweils eine Buchveröffentlichung unserer Gesprächspartner angeführt.

Hier die Antworten:

Dr. Markus Kaiser, Wissenschaftlicher Assistent an der soziologischen Fakultät der Universität Bielefeld:

 
Markus Kaiser 

„Das Potential des eurasischen Wirtschaftsraumes ist sicherlich eine Basis zur Stärkung der politischen und kulturellen Multipolarität in der Welt.

Der Integration der EU steht der Versuch einer zunehmenden Verflechtung des ost- und südostasiatischen Wirtschaftsraumes gegenüber. Bisher noch wenig beachtet bahnen sich zunehmend engere wirtschaftliche - aber auch religiöse, kulturelle und politische Beziehungen zwischen Ost- und Zentralasien an. Auch die EU bemüht sich ja um eine Osterweiterung und die europäische Außen- und Entwicklungspolitik beachtet heute die zentralasiatischen Republiken stärker. Mit anderen Worten: Europa und (Ost- ) Asien rücken einander näher.

Der geographische Raum „Eurasien“ umfaßt die südost- und ostasiatischen, die mittelasiatischen und die europäischen Staaten. Aktuelle Wirtschaftsdaten, wirtschaftliche und politische Prozesse lassen Integrationstendenzen innerhalb dieses geopolitischen Raumes erkennen, dem das ‚Imagenary’ der Seidenstraße entspricht. Die historische Seidenstraße verband damals die Wachstumsräume Europa und Ostasien (China). Der Zerfall der Sowjetunion ermöglicht über die unabhängigen Republiken Zentralasiens erneut die Verbindung zweier dynamischer Wachstumspole, die Etablierung einer Achse von EU-Europa über Osteuropa, die Türkei und den Mittleren Osten nach Ost- und insbesondere Südostasien. Transkulturalität, Vielfalt und politische und kulturelle Multipolarität werden vor diesem Hintergrund gestärkt werden.“

Markus Kaiser/Hans Jürgen Fröhlich (Hgg.): „Auf der Suche nach Eurasien - Politik, Religion und Alltagskultur zwischen Rußland und Europa“, Bielefeld 2003.

Dr. Michael Kalman, Politikwissenschaftler und Leiter eines Consulting-Büros:

 
Michael Kalman 

„Die USA neigt angesichts ihrer Bedrohungsperzeption (Terrorismus) und angesichts ihres ökonomischen, militärischen und kulturellen Potentials zu hegemonialer Machtentfaltung. Zu diesen unipolaren Tendenzen formieren sich Gegenkräfte: das „Nein“ Deutschlands, Frankreichs und Rußlands zum Irakkrieg verdeutlicht dies. Ohne Zweifel manifestieren sich hier Perspektiven für eine eurasische Zusammenarbeit. Dennoch bleiben alle Kooperationen ambivalent. Niemand will das Tischtuch zum „Großen Bruder“ jenseits des Atlantiks wirklich zerreißen. Man laviert und versucht die USA als „kooperativen Hegemon“ (wenn es denn gelingt) einzuhegen.
Eine politische Multipolarität kann trotz bestehender Machtasymmetrien durchaus entstehen: Dies hat Kanzler Schröder mit seiner Aufkündigung eines Politikstils der Unterwürfigkeit gegenüber den USA eindrucksvoll vorgeführt. So wird die USA evtl. veranlaßt, die transatlantische und internationale Zusammenarbeit gleichberechtigter zu gestalten. Denn auch die Vereinigten Staaten wollen den Eindruck völliger Alleingänge vermeiden. Hieraus wächst den Staaten auf dem eurasischen Kontinent „Macht“ zu, die Unipolarität abmildert.“

Michael Kalman u.a. (Hgg.): „Das Kosovo-Dilemma: Schwache Staaten und Neue Kriege als Herausforderung des 21. Jahrhunderts“, Münster 2002.

Alexander Rahr, Programmdirektor der Körber-Arbeitsstelle Rußland/GUS und Koordinationator des EU-Rußland Forums (in Zusammenarbeit mit der EU-Kommission):

 
Alexander Rahr 

„Auf der nördlichen Erdhalbkugel erleben wir zu Beginn des 21. Jahrhunderts die Festigung einer monopolaren Weltordnung. In wenigen Jahren könnten sich Europa und Asien zusammen mit Nord- und Südamerika zu einer noch festeren transatlantischen, US-orientierten Einheit oder Block verschmelzen. Die Globalisierung wäre dann nichts anderes als eine Pax Americana. Vielen Völkern der Nordhalbkugel wäre eine solche Weltordnung sogar genehm, denn sie böte Sicherheit und wirtschaftlichen Komfort. Andererseits würde eine solche weltpolitische Entwicklung mit der Zeit eine Gegenreaktion auslösen – in der islamischen Welt, in Teilen des „alten“ Europas und in Teilen des postsowjetischen Raums. Die Idee einer Alternative zum Transatlantismus in Form einer euro-asiatisch transkontinentalen Partnerschaft könnte sich herausbilden, wenn auch frühestens in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts. Nicht unbedingt in Gegnerschaft zu Amerika, sondern als Folge eines Rückzugs der USA in eine isolationistische Politik. Ob die Idee des modernen Eurasismus positiv zum Tragen kommt, hängt nicht zuletzt von der weiteren Entwicklung Rußlands und Chinas zur Demokratie, von der endgültigen Überwindung des Ost-Westkonflikts und vom politischen Wille der EU ab, eine eigene Außen- und Verteidigungspolitik zu entwickeln. Dafür müßte sich die EU aber heute schon strategisch stärker in Rußland, dem Kaspischen Raum, im Iran und in China engagieren. Von Asien nach Europa kann die eurasische Idee nicht importiert werden – der Anstoß zu einer eurasischen Kooperation müßte von den Europäern kommen.“

Alexander Rahr: „Wladimir Putin. Der Deutsche im Kreml“, München 2000.

Dr. Peter Pilz, Abgeordneter (Grüne) im österreichischen Nationalrat und Mitglied im Auswärtigen Ausschuß:

 
Peter Pilz 

„Die Antwort lautet ja. Der Prozeß ist bereits im Gange. Wir werden die Auseinandersetzung führen müssen, die mit der Grundfrage beginnt: Globales Faustrecht oder Rechtsstaatlichkeit – was soll die Welt regieren? Das europäische Projekt arbeitet ganz eindeutig auf die Schaffung von Rechtsstaatlichkeit und deren institutionelle Garantie hin. Zum Beispiel mit dem Internationalen Strafgerichtshof.

Hier ist der Konflikt mit den Vereinigten Staaten nicht ausgestanden, sondern gerade eröffnet. Wir stehen am Beginn der Abkoppelung. Die europäischen Satelliten verlassen die Umlaufbahn um die USA. Europa hat bislang noch keinen gemeinsamen Weg gefunden. Das ist die Aufgabe der nächsten Jahre.

Natürlich müssen wir auch immer stärker mit den Ländern im nahöstlichen und im asiatischen Raum kooperieren. Das wird ebenfalls ein schwieriger aber absolut notwendiger Prozeß, der jedoch letztlich allen zugute kommt.“

Peter Pilz: „Mit Gott gegen alle – Amerikas Kampf um die Weltherrschaft“, München 2003.

Dr. Helmut Böttiger, Verleger und Herausgeber der Zeitschrift „Neue Solidarität“:

 
Helmut Böttiger 

„Aus machtpolitischer Sicht ist die Unipolarität der Welt eine Tatsache: Keine Macht kann den USA militärisch Einhalt gebieten. Die UNO ist angesichts der Ohnmacht, die sie vor und nach dem völkerrechtswidrigen Angriff auf den Irak gezeigt hat, kaum mehr, als ein wenig überzeugendes Propagandamittel.

Die Welt durchlebt aufgrund der Wirtschaftsweise der letzten 30 Jahre eine Wirtschaftskrise. Die Krisensymptome sind wachsende Not trotz stark wachsender Produktionspotentiale. In der aktuellen Konzentration der Weltwirtschaft handeln Großunternehmen auf längere Sicht nur dann ‚wirtschaftlich‘, wenn sie das Güterangebot verknappen, um die Preise entsprechend steigen zu lassen. Staatliche Maßnahmen - oft als Umweltschutz getarnt -stützen diese Vorgehensweise zum Beispiel durch die Verteuerung der verfügbaren Energie. Diese und andere Maßnahmen von Staaten führen zu einer Überschuldung der gesamten Wirtschaft, zu sinkendem Verbrauch und zum Rückgang von Investitionen. In dieser Krise greifen die USA zum Mittel des Krieges. Einen wirklichen Ausweg bietet dagegen die Kooperation der eurasischen Staaten. Sie kann dazu beitragen die politische und kulturelle Multipolarität auf der Welt zu fördern.

Die dringend erforderlichen neuen Investitionen werden beispielsweise durch den Ausbau innereurasischer Verkehrsverbindungen (Straßen, Eisenbahnen, Wasser- und Energieversorgung) möglich, finanziert durch eine nicht inflationäre Form staatlicher, produktionsorientierter Kreditschöpfung (nach dem Lautenbachplan der 30er Jahre). Im südostasiatischen Raum hat China mit dem Projekt der „Neuen Seidenstraße“ erste Schritte in dieser Richtung unternommen. Die USA aber haben auch dagegen bereits ihre Militärmacht aufgeboten: Wichtiges Ziel in ihrem Afghanistan-Krieg war es, zu verhindern, daß Rußland, Indien und schließlich Europa sich dem Prozeß der „eurasischen Landbrücken“ anschließen. Hier sieht man, daß die gegenwärtige US-Regierung das Interesses ihres Landes mißversteht. Ihre Abwahl und die Einbindung der US-Wirtschaft in das Konzept der eurasischen Landbrücken wäre der Ausweg aus der unipolaristischen Weltordnung.“

Helmut Böttiger (Hg.): „Die Neue Seidenstraße. Die eurasische Landbrücke schafft produktive Arbeitsplätze.“, 1998 Wiesbaden.

Prof. Dr. Michael Wolffsohn, lehrt Geschichte der internationalen Beziehungen an der Universität der Bundeswehr in München und ist Vorsitzender der Forschungsstelle für Deutsch-Jüdische Zeitgeschichte:

 
Michael Wolffsohn 

„Der kulturellen Multipolarität muß keineswegs eine politische entsprechen. Jedenfalls ist die politische Führung durch die demokratische USA mir erheblich lieber als die aktive Mitgestaltung durch Staaten wie, sagen wir, Syrien, Nord-Korea, Turkmenistan und vergleichbare Diktaturen.“

Michael Wolffsohn: „Wem gehört das Heilige Land? Die Wurzeln des Streits zwischen Juden und Arabern.“, München 2002.

Dr. Marc Faber, Wirtschaftswissenschaftler und Journalist, Hongkong (Interview):

 
Marc Faber 

„Ich denke, das Thema ist weniger daß der Unilateralismus der USA zu einer engeren Zusammenarbeit in Eurasien führt, sondern vielmehr, daß er mehrere starke Wirtschaftsblöcke entstehen läßt. Im Westen wird Europa sehr viel näher an Osteuropa, Rußland und Teile des Mittleren Osten (Iran) heranwachsen; und in Asien werden wir eine schrittweise Entwicklung zu einer chinesischen Vorherrschaft erleben, während der wirtschaftliche und auch der politische Einfluß der USA schwinden wird. In der ganzen Welt fragen sich die Nationen und die Menschen immer öfter, inwieweit man den USA trauen kann. Daher ist es ganz natürlich, daß die Gegenwart geprägt ist von der Entstehung neuer Allianzen und neuer wirtschaftlicher und politischer Blöcke. Ich denke, daß die Interessen von Westeuropa viel stärker mit denen der ehemaligen Sowjetunion konform sind, als mit denen Asiens. Dagegen ist es sehr unwahrscheinlich, daß die derzeitige Freundschaft zwischen China und Rußland lange anhalten wird, denn China wird immer mehr zum Hauptkunden anderer asiatischer Länder, was natürlich unweigerlich zu einer engeren wirtschaftlichen und politischen Verbundenheit und zu einer stärkeren gegenseitigen Abhängigkeit führt. In dieser neuen Weltordnung des amerikanischen, euro-russischen und asiatischen Blocks, werden die USA und der US-Dollar die großen Verlierer sein.“

Marc Faber: „Tomorrow's Gold. Asia's Age of Discovery“, Hong Kong 2002.

Kai Ehlers, Transformationsforscher, spezialisiert auf das Gebiet der ehemaligen UdSSR:

 
Kai Ehlers 

„Die Multipolarität der Welt ist eine Tatsache. Genau betrachtet ist Multipolarität der natürliche Grundzustand, in dem sich unsere Welt befindet. Multipolarität ist die Regel, Unipolarität ist die Ausnahme. Wir Kinder des bipolaren Jahrhunderts hatten uns nur daran gewöhnt, die Welt in zwei Polen zu denken. Gut ein Jahrhundert lang ist dieses Modell der Welt gepflegt worden, hat sich bis zur Stagnation verfestigt, bis es an seiner Starrheit zerbrach. Was daraus hervorgeht, ist aber weder eine unipolare Welt, noch eine multipolare, sondern die natürliche Vielfalt, die immer bestanden hat - und immer bestehen wird, unter welchem Modell auch immer. Von früheren Situationen unterscheidet sich die jetzige Welt lediglich durch ihre globalen Ausmaße, das heißt, durch ihre globale Entgrenzung, die zugleich neue Grenzen setzt, nämlich die Endlichkeit unseres Planeten. Die Zeiten der Expansion der Menschheit sind beendet, die Verlängerung der Expansion ins Weltall ist nicht mehr als eine liebenswerte Illusion. Die Frage ist nicht, ob die Welt unipolar oder multipolar sein wird, sondern ob und wie die gleichzeitig existierenden vielfältigen und unterschiedlichen Kräfte, die heute herangewachsen sind, zu einer gemeinsamen Entwicklung innerhalb dieser Grenzen zusammenfinden können. Kooperation und Integration mit dem Ziel intensiver, statt expansiver Entwicklung des gesamten Planeten ist angesagt. Eine Kooperation eurasischer Staaten gehört dazu, allerdings nur, wenn sie sich nicht als territoriale Einheit, sondern als Impuls für eine plurale Integration des gesamten Planeten versteht.“

Kai Ehlers: „Jenseits von Moskau - 186 und eine Geschichte von der inneren Entkolonisierung. Eine dokumentarische Erzählung, Porträts und Analysen in drei Teilen“, Stuttgart, 1994.

Dr. Jens Fischer, Lehrbeauftragter für Internationale Politik an der Universität Dortmund (Interview):

 
Jens Fischer 

„Multipolarität in der Weltpolitik kann ein Gegeneinander oder ein Miteinander (Nebeneinander) der Pole bedeuten. Ein eurasischer Pol, der schwerpunktmäßig von der Ablehnung amerikanischer Hegemonie inspiriert ist, wäre erstens politisch instabil und zweitens ökonomisch ineffizient. Diskussionen über ein geeintes Eurasien sind nur dann produktiv und erfolgversprechend, wenn erkannt wird, daß es in Eurasien mehr Verbindendes gibt als den rein zufälligen geographisch-kontinentalen Zusammenhang. Nicht Gegenmachtbildung, oder allein die Ablehnung der US-amerikanischen Hegemonie in Teilen Eurasiens sollten die Politik leiten, sondern eine langfristig politisch stabile und ökonomisch prosperierende Zusammenarbeit zwischen EU-Europa und den eurasischen Staaten Rußland und Türkei. Beschäftigt sich Eurasien endlich damit, wofür und nicht wogegen es steht, kann ein positiver Anstoß für die politische und kulturelle Entwicklung der Völker in Eurasien gelingen.“

Jens Fischer: „Eurasismus: Eine Option russischer Außenpolitik?“, Berlin 1998.

Gustav Kempf, Diplomat des deutschen Auswärtigen Amtes und Asienkenner:

 
Gustav Kempf 

„Wir müssen die Interessenlage der Staaten Eurasiens beachten. Angesichts einer „Hyper-“ oder „Megamacht“ auf der Welt profitiert jedes Land oder auch jede Gruppe von Ländern in hohem Maße von der Zusammenarbeit mit dieser Macht - natürlich den USA -, jedenfalls im politischen und im sicherheitspolitischen Bereich. Diese Vorteile lassen sich kaum durch Kooperation innerhalb anderer Staatengruppen aufwiegen. Damit hat die Entwicklung größerer Multipolarität bis auf Weiteres kaum Attraktivität und Chancen. Anders sieht die Sache im wirtschaftlichen und kulturellen Bereich aus. Wirtschaftlich haben wir, wenn wir die Handelszahlen betrachten, längst drei Pole auf der Welt, zwei davon in Eurasien. Kulturell gibt es, trotz des überwältigenden Einflusses der amerikanischen Kultur noch immer eine große Vielfalt, fruchtbaren Austausch und Zusammenarbeit, also eine multipolare Welt. Von dieser wirtschaftlichen und kulturellen Multipolarität profitieren wir alle - nicht zuletzt die Bürger der USA.“

Gustav Kempf: „Chinas Außenpolitik – Wege einer widerwilligen Weltmacht“, München/Wien 2002. (Siehe „Gelesen“ in dieser Ausgabe).

Dr. Peter Zhenhai Qiu, außenpolitischer Kolumnist südostasiatischer Zeitungen und Zeitschriften, sowie der Deutschen Welle, Hongkong:

 
Peter Zhenhai Qiu 

„Der Krieg im Irak stellt offensichtlich einen wichtigen Wendepunkt im Denken der Eliten auf dem eurasischen Kontinent dar, was die Kooperation der eurasischen Staaten anbelangt. Im Osten und Westen des Kontinents liegt die klare Einsicht vor, daß die sogenannte neue Weltordnung schließlich auf Kosten der Interessen eurasisicher Staaten zustandekommt. Insbesondere im Irak-Krieg war ja die sich immer deutlicher abzeichnende unipolare Ausrichtung der Welt auf nur ein Zentrum, d.h. die USA, erkennbar.

Wenn man aber den Blick auf das Wirtschaftspotential verschiedener Regionen in den nächsten Jahrzehnten richtet, so läßt sich feststellen, daß die erweiterte EU und Südostasien zwei Pole neben den USA bilden. Insofern kann man sich leicht eine tripolare Weltordnung vorstellen: die USA, die EU und Südostasien. Wobei Rußland und Indien der EU bzw. Südostasien zuzuordnen wären. Angesichts ihrer wirtschaftlichen wie politisch-strategischen Relevanz würden Berlin und Paris selbstverständlich weiterhin die führende Rolle in der EU übernehmen. Dasgleiche gilt auch für Peking als Wachstumsmotor in der ostasiatischen Region.

Eine tripolare Weltordnung ist nicht automatisch eine Bedrohung für die USA. Als die gegenwärtig einzige hegemoniale Supermacht könnten die Vereinigten Staaten Gefahr laufen, keine konkreten Gesprächspartner mehr zu finden. Eine tripolare Weltordnung böte hier Vorteile.

Realistischerweise könnte diese tripolare Weltordnung im Zeitraum zwischen 2030 und 2050 entstehen. Allerdings setzt das ein selbstbewußtes Engagement eurasisischer Staaten voraus. Die Beziehungen in Eurasien, insbesondere die Beziehung zwischen den EU-Staaten und Südostasien müßten zukünftig über den wirtschaftlichen Bereich hinausgehen und mehr politisch-strategischen Charakter aufweisen.“

Prof. Dr. Wolfgang Seiffert lehrt Russisches und Europäisches Recht an der Akademischen Universität Moskau:

 
Wolfgang Seiffert 

„Selbstverständlich kann die Kooperation eurasischer Staaten viel zur Stärkung der politischen und kulturellen Multipolarität in der Welt beitragen. Gegenwärtig scheint die Außenpolitik Rußlands in diese Richtung zu gehen. Dies zeigt die verstärkte Zusammenarbeit Rußlands mit Tadschikistan, die Stationierung russischer Truppen in diesem Staat, die verstärkte Kooperation Rußlands mit Turkmenistan und überhaupt viele Aktivitäten des russischen Präsidenten Wladimir Putin.

Allerdings ist die Entwicklung noch im Fluß und viel wird davon abhängen, wie die Parlamentswahlen (DUMA) Ende diesen Jahres und die Präsidentenwahlen im März kommenden Jahres in Rußland ausgehen.“

Wolfgang Seifert: „Wladimir W. Putin – Wiedergeburt einer Weltmacht?“, München 2000

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