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„Galileo“, das Navigations- und Satellitenprogramm Europas wächst in eurasischen Dimensionen

Von Johann von Arnsberg

EM – Ein wenig erinnert der Vorgang an ein Beispiel aus der Frühzeit der Industriegeschichte: 1887 hatten die Angelsachsen versucht, deutsche Produkte durch den zwangsweisen Aufdruck „made in Germany“ von den Märkten zu verdrängen. Nach kurzer Zeit entwickelte sich aus dem Schriftzug jedoch ein Gütezeichen.

Vor rund vierzig Jahren startete Amerika ein Programm zur Verdrängung der Europäer aus der Weltraumtechnologie. Die USA weigerten sich zu Beginn der 60er Jahre plötzlich europäische Nachrichtensatelliten in den Orbit zu transportieren. Europa entwickelte daraufhin eine eigene Trägerrakete, die „Ariane“. Sie hat sich inzwischen zur weltweit am häufigsten gebuchten Rakete für den Transport von schweren Nachrichtensatelliten entwickelt.

Jetzt hat der französische Hersteller Alcatel für die Asia-Pacific Telecom of Hongkong den ersten Satelliten ohne US-Bauteile fertiggestellt. Notgedrungen, denn die USA haben seit 1999 den Export von Satellitentechnik streng reglementiert. Die Ausfuhr wird von einer Genehmigung des US-Außenministeriums abhängig gemacht, die so gut wie nie erteilt wird.

Beim Bau des „Apstar-6“ für das Hongkonger Telekommunikationsunternehmen haben sich Europäer erstmals gezwungen gesehen, kostspielige Eigenentwicklungen vorzunehmen, statt arbeitsteilig auf bereits vorhandene amerikanische Komponenten zurückgreifen zu können. Auch das größte je in Europa gestartete Satellitenprogramm, das Navigationsnetz „Galileo“, wird nun ohne US-Bauteile durchgeführt.

Der zuständige Direktor bei der Europäischen Weltraumorganisation Esa, Claudio Mastracci, erklärte gegenüber der Presse, es sei zwar problematisch, auf „Produkte von der Stange“ verzichten zu müssen. Aber die Europäer seien nicht gewillt, sich auf Beschränkungen durch Washington einzulassen. Mastracci: „Es kommt für uns überhaupt nicht in Frage ein Satellitennetz aufzubauen und dann von der US-Gesetzgebung abhängig zu sein, die uns vorschreibt, wo die Satteliten starten dürfen, wer sie anpeilen darf und wo wir sie im All positionieren dürfen.“

Eurasien bekommt das weltweit modernste Navigationssystem

Nach Auskunft der Esa-Fachleute ist heute schon klar, daß „Galileo“ dem amerikanischen GPS (Global Positioning System) deutlich überlegen sein wird. GPS hat derzeit zusammen mit dem russischen Glonass-System weltweit noch ein Monopol für die Positionsbestimmung per Satellit. Das US-System ist aber eigentlich eine militärische Einrichtung der US-Navy, das in Krisenzeiten auch jederzeit abgeschaltet oder für zivile Nutzer in seiner Leistungsfähigkeit beschränkt werden kann. Die europäische Entwicklung dagegen soll permanent verfügbar sein. Außerdem erlaubt sie nach Auskunft der Esa sehr viel genauere Ortsbestimmungen. GPS ortet auf zehn Meter genau, Galileo wird zehnmal präziser sein und auf einen Meter genau messen.

Das bedeutet, daß vollautomatische Blindlandungen von Verkehrsflugzeugen durchführbar sein werden. Auch der Seeverkehr, Spediteure, Eisenbahnbetreiber, Autofahrer, Hobbysegler etc. können von dieser metergenauen Navigation profitieren.

Allein für die Ausstattung von Zügen, Autos und Verkehrsflugzeugen in Europa wird ein Geschäftsvolumen von über 200 Milliarden Euro vorhergesagt. Inzwischen sind aber auch China und Rußland an einer Beteiligung an Galileo interessiert. Damit könnte bald ein einheitliches Navigationsniveau auf dem gesamten Kontinent zustande kommen. Der Luftraum würde wesentlich sicherer. Auch Straßen- und Schienenverkehr könnte von einem einheitlichen Navigationssystem an Eurasiens Himmel nur profitieren. Außerdem ließen sich die Kosten bei einer derart gigantischen Ausdehnung des Systems auf mehr Schultern verteilen.

Mike Healy von der Weltraumfirma Astrium (http://www.jobsbeiastrium.de/home.htm) in Ottobrunn bei München sagt voraus: „Galileo wird in zehn Jahren einen genau so großen Einfluß auf unser tägliches Leben haben wie heute das Mobiltelefon. Jedes Auto und jedes Handy wird mit einem Chip ausgerüstet sein, der das Galileo-Signal empfängt und metergenaue Ortsbestimmungen ermöglicht.“

2006 muß der erste Galileo-Satellit im All positioniert sein

Die beteiligten Länder an dem Galileo-Projekt haben lange über die Zuständigkeiten gestritten. Zwischen Deutschland und Italien gab es über 13 Monate ein Tauziehen um die industrielle Führung. Schließlich hat die EU eine Einigung regelrecht erzwungen, um das Projekt nicht zu gefährden. Der gefundene Kompromiß sieht vor, daß der Sitz von „Galileo Industries“ nach Deutschland kommt. Außerdem auch die Federführung beim Raumfahrtteil. In Italien werden die Satelliten montiert. Die Bodenstation bekommt Frankreich. Großbritannien liefert die Antennensysteme.

Bis Februar 2006 muß der erste von 30 jeweils 700 Kilo schweren Galileo-Satelliten auf seiner 24 000 Kilometer hohen Umlaufbahn angekommen sein. Bis dahin hat die International Telecommunication Union die erforderlichen Frequenzen reserviert, auf denen Galileo seine Daten übertragen soll. Bis 2008 wird dann das gesamte System fertiggestellt sein. Danach könnte es einen Konkurrenten geben: das Pentagon plant ab 2009 mit der Errichtung eines verbesserten US-Systems GPS zu beginnen.

EU Forschung USA

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