„Europa - ein gemeinsames Haus“WELTKONGREß DER OSTEUROPAFORSCHER

„Europa - ein gemeinsames Haus“

Ende Juli stand Berlin im Blickpunkt der Osteuropa- und Eurasieninteressierten. Der ICCEES lud zum Weltkongreß der Osteuropaforscher. In interdisziplinären Gesprächsrunden wurde über die Zukunft des gemeinsamen Kontinents diskutiert.

Von Gunter Deuber & Falk Kunadt

Berlin liegt nicht nur annähernd in der geographischen Mitte zwischen dem Westen und Osten Europas. Berlin symbolisiert in besonderem Maße die vergangene Teilung sowie das heutige Zusammenwachsen des Kontinents. In Wissenschaft und Kultur ist Berlin die deutsche Ost-West- Metropole. Ende Juli konnte sie diese Stellung neuerlich unter Beweis stellen.

Aus der ganzen Welt waren Interessierte an Mittel- und Osteuropa in die Spreemetropole gereist, um an dem alle fünf Jahre abgehaltenen Weltkongreß der internationalen Osteuropaforschung teilzunehmen. Der zum siebten Mal stattfindende Kongreß stand dieses Jahr unter dem Motto: „Europa – ein gemeinsames Haus“. Die offiziellen Sprachen der Veranstaltungen vom 25. bis 30. Juli in der Humboldt-Universität, sowie im Haus der Kulturen der Welt waren Deutsch, Englisch, Französisch und Russisch.

Der Kongreß wurde von der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde (DGO) organisiert im Auftrag des International Council for Eastern European Studies (ICCEES). Er war ein Forum für Wissenschaftler und Experten aus Wirtschaft, Politik, Kultur und Medien, die sich mit Mittel- und Osteuropa, Rußland und Zentralasien beschäftigen. Diskutiert wurde über Stärken und Schwächen Europas und die Frage einer europäischen Identität – über die Grenzen des alten Europas hinaus.

In der Kritik: die Budget-Einsparungen in der Osteuropaforschung

Die Eröffnungszeremonie bestimmten die Redebeiträge hochrangiger Prominenz. Rita Süssmuth, die Präsidentin der DGO, der FDP-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Gerhardt und der polnische Staatspräsident Alexander Kwasniewski sorgten im Haus der Kulturen der Welt für einen gelungenen Einstieg der Veranstaltung. Bundesaußenminister Joschka Fischer, als Schirmherr des Weltkongresses, war verhindert und konnte an der Eröffnung nicht teilnehmen.

Die ehemalige Bundestagspräsidentin Süssmuth sprach über den letzten ICCEES-Kongreß auf deutschem Boden, der im Jahre 1980 in Garmisch-Partenkirchen stattfand. Damals konnten politisch bedingt nur 18 osteuropäische Wissenschaftler teilnehmen. Dieses Jahr waren von 1.629 Teilnehmern rund 400 aus Osteuropa und dem gesamten ehemaligen Einflußbereich der Sowjetunion, von Ungarn bis Usbekistan. Rußland stellte mit 169 Teilnehmern die größte Delegation.

Frau Süssmuth kritisierte, daß die Mittel- und Osteuropaforschung in Deutschland zu leiden habe. Nicht unter mangelndem Interesse der Öffentlichkeit oder fehlenden relevanten Fragestellungen, sondern aufgrund extremer Sparzwänge. Würde sich dieser Prozeß fortsetzen, dann werde Deutschland in Zukunft nicht die Osteuropaexperten haben, die es brauche. Der Osteuropakongreß in Berlin solle auch ein Meilenstein für eine positive Entwicklung in die richtige Richtung sein, so Süssmuth.

Kwasniewski unterstrich in seiner Rede die bisherigen Erfolge Europas. Kaum ein anderer als der polnische Staatspräsident hätte dies zum 25jährigen Jubiläum der Solidarnosc-Bewegung glaubwürdiger tun können. Kwasniewski selbst war Reformpolitiker im Polen der 1980er Jahre, engagierter Gestalter der polnischen Wendejahre und zudem Mittler bei der Orangenen Revolution in Kiew. Trotz allem Optimismus mahnte das Staatsoberhaupt, nicht zu vergessen, daß die Welt nicht auf Europa warten werde. Europa müsse sich permanent reformieren und modernisieren und an die raschen Erfolge und Erfahrungen der letzten Jahre anknüpfen.

Mehr als 1600 Wissenschaftler aus 60 Ländern

An den sechs Kongreßtagen diskutierten die mehr als 1600 Wissenschaftler aus 60 Ländern gemeinsam mit prominenten Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Medien über die Zukunft Europas. Dies geschah breit und interdisziplinär. In den Bereichen Politik, Philosophie, Geschichte oder Ökonomie wurde über Gemeinsamkeiten und Trennlinien in Europa und Eurasien gesprochen. In bis zu dreißig parallel stattfindenden Tischrunden tauschte man sich aber auch über andere Themenfelder aus wie Recht, Soziologie, Geographie und Geschichte oder Pädagogik und Linguistik.

Die Debatten machten nicht an der derzeitigen EU-Ostgrenze halt, sondern befaßten sich nach 15 Jahren postkommunistischen Systemwechsels auch mit historischen und aktuellen Entwicklungen in Rußland, im Kaukasus und in Zentralasien. Trotz gewisser Kommunikationshürden, obgleich die Großzahl der Konferenzteilnehmer mehrsprachig war, bestand an allen Diskussionsrunden großes Interesse. Experten aus den unterschiedlichsten Disziplinen ergriffen gerne die Chance, über den eigenen wissenschaftlichen Tellerrand hinauszuschauen.

Die lebhaften Fachdiskussionen oder die Gespräche in lockerer Atmosphäre zwischen den Tischrunden verdeutlichten: Die Einigung Europas ist ein Prozeß. Ein Prozeß, bei dem Zielsetzung und Realität nicht immer kongruent sind, der keine schon heute feststehende Zielsetzung verfolgen kann. Vielmehr ist Flexibilität gefragt, ohne sich jedoch in der Diskussion über die Grenzen Europas zu verlieren und schon heute die finale Gestalt des gemeinsamen Hauses festlegen zu wollen. Die Ukraine ist hierfür schillerndes Beispiel.

Je mehr die Europäer über sich wissen, um so besser kann ein solcher offener Prozeß funktionieren. Ob nun in der Auseinandersetzung mit der Geschichte oder in der Diskussion über gemeinsame Zukunftsperspektiven. Dafür war der Berliner ICCEES-Kongreß eine ausgezeichnete Möglichkeit.

Reichtumsgefälle im Haus Europa

Ein Wermutstropfen der Veranstaltung war die knappe Budgetsituation. Trotz Fördergeldern des Auswärtigen Amts, sowie zahlreicher Botschaften, Kultureinrichtungen und Stiftungen waren Teilnehmer aus Osteuropa und den GUS-Staaten unterrepräsentiert. Reisekostenzuschüsse konnten auch mit der Unterstützung von Privatfirmen nicht allen zugesagt werden. Vielen Wissenschaftlern und Interessierten aus dem Osten des Kontinents wurden Anreise und Teilnahme erst durch private finanzielle Patenschaften ermöglicht. Leider war das Angebot an solcher europäischer Nachbarschaftshilfe weit geringer als die Nachfrage.

Es bleibt zu hoffen, daß derartige Probleme, die Ausdruck der sozialen Diskrepanzen innerhalb Europas sind, den kommenden Weltkongreß der Osteuropaforscher in Stockholm weniger beeinflussen werden. Im Jahre 2010 wird es dort heißen „Eurasia – Prospects for a Wider Cooperation“. Mit den in Berlin gesammelten Anregungen, Fragestellungen und Kontakten können sich die Osteuropaexperten bis dahin weiter fruchtbar eurasischen Fragen widmen.

Forschung Osteuropa

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