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„Europa ist auch von einem nuklear bewaffneten Iran nicht bedroht“

Falls der Iran wirklich nach Nuklearwaffen strebt, dann deshalb, um mit dem Westen auf gleicher Augenhöhe verhandeln zu können. Teheran geht es immer darum, vor dem Hindergrund eines enormen Selbstwertgefühls, das aus der iranischen Geschichte resultiert, endlich von den führenden Mächten im internationalen System respektiert zu werden. So der Präsident des Deutschen Orientinstituts, Prof. Udo Steinbach, im Gespräch mit dem EURASISCHEN MAGAZIN. Vor einer Atommacht Iran müssten sich allenfalls einige Nachbarn fürchten, wie die säkulare Türkei und Israel.

30.04.2007 Drucken Senden Kommentieren
Prof. Dr. Udo Steinbach.  
Prof. Dr. Udo Steinbach  

E urasisches Magazin: Der Iran ist neben dem Wüstenstaat Saudi-Arabien flächenmäßig das größte Land des Nahen Ostens und mit über 70 Millionen Einwohnern außerdem das bevölkerungsreichste in dieser Region. Wird man dem Iran gerecht, wenn man ihm das Etikett Schurkenstaat aufklebt?

Prof. Udo Steinbach: Ganz gewiss nicht. Der Iran ist kein Schurkenstaat, das ist eine grobe Vereinfachung, die natürlich eine Belastung für die Politik darstellt. Das Land wird in keiner Weise angemessen gesehen. Seine geopolitische Lage wird weitgehend ignoriert. Der Iran hat zwischen dem Vorderen Orient, der arabischen Welt am Persischen Golf und Zentralasien eine starke Brückenposition. Er ist ein Brückenstaat von außerordentlicher geopolitischer Bedeutung.

„Der Iran ist kein Schurkenstaat“

EM: Und wie ist seine innere Situation?

Steinbach: Wir haben es im Falle des Irans mit einer äußerst komplexen und dynamischen Gesellschaft zu tun, die sich nach der Revolution von 1979 entwickelt hat. Die Bevölkerung ist seither fast flächendeckend ausgebildet worden. Unter dem Präsidenten Mohammad Chatami wurde viel experimentiert in konzeptionellen Fragen von Islam und Modernität. Man muss mit dem Iran seiner Bedeutung gemäß umgehen und darf ihm nicht einfach ein stigmatisierendes Etikett aufkleben.

EM:  In vier oder sechs Jahren könnte der Iran eine Atombombe bauen, sagen Experten. Wie schätzen Sie die Bedrohung ein, die davon ausgeht?

Steinbach: Falls der Iran in absehbarer Zeit über eine nukleare Bewaffnung verfügen sollte, ist er deswegen nicht ipso facto eine Bedrohung. Die Nuklearbewaffnung, falls sie denn verwirklich wird, verleiht zunächst einmal einen neuen Status. Und wie jede andere Atommacht auch würde der Iran ein atomares Bewusstsein entwickeln. Das heißt, man würde sich darüber klar werden, dass auf einen möglichen militärischen Erstschlag, den man führen würde, eine nukleare Antwort käme, von einer Macht, die weitaus besser gerüstet ist. Als Atommacht würde der Iran nicht automatisch zur Bedrohung, sondern das Land bekäme international einen neuen Status. Damit müsste dann die Staatengemeinschaft leben.

EM: Muss sich Europa vor einem atomar bewaffneten Iran fürchten?

Steinbach: Europa wäre sicher das letzte Ziel, das dem Iran einfallen würde, falls er wirklich aggressive Absichten verfolgen sollte. Wenn eine Atommacht Iran entstünde und für irgendjemanden zur Bedrohung würde, dann eher für seine Nachbarn. Zum Beispiel für eine säkulare Türkei und natürlich für Israel. Ich glaube, dass Europa sich vom Iran in keiner Weise bedroht fühlen müsste.

„Europa ist auch für den Iran noch immer die Messlatte für Modernität“

EM: Was macht Sie da so sicher?

Steinbach: Die Geschichte der islamischen Republik Iran in den letzten 27 Jahren hat gezeigt, dass der Iran seine Außenpolitik in einer ganz besonderen Weise auf Europa ausrichtet. Europa ist auch für den Iran noch immer die Messlatte für Modernität. Und Europa ist der Kontinent, der eine lange Tradition freundschaftlicher Beziehungen zum Iran aufweist.

EM: Von den USA wird der Iran schon deshalb als gefährlich eingestuft, weil er nach Überzeugung Washingtons den weltweiten Terrorismus und die Aufständischen im Irak unterstützt. Ist das eine Spezialität Teherans?

Steinbach: Nein, sicher nicht. Wir erleben ja immer wieder, dass Gewalthaftigkeit, islamistischer Extremismus, Terrorismus auch von anderen unterstützt wird. Ganz gewiss sind die Iraner einschlägig aktiv, das darf man nicht übersehen oder klein reden. Das gilt auch für die gegenwärtige Situation im Irak. Aber wenn wir die Geschichte der letzten 30 oder 40 Jahre Revue passieren lassen, dann fallen einem natürlich auch Länder und Regime ein, wie das des Obristen Gaddafi in Libyen, das mittlerweile domestiziert ist. Man darf keine Sekunde übersehen, dass ohne die massiven finanziellen Zuwendungen von Persönlichkeiten, Gruppen, Stiftungen und sogar von Regimen aus dem Mittleren Osten, insbesondere von der arabischen Halbinsel, der islamistische Extremismus nicht zu dem hätte werden können, was er heute ist.

„Ohne das Geld der Saudis wäre der islamische Extremismus niemals so stark“

EM: Um die angesprochenen Förderer beim Namen zu nennen: Sie meinen vor allem Saudi-Arabien?

Steinbach:  Ja natürlich. Saudi-Arabien hat sich ja in der allerjüngsten Zeit ganz deutlich erklärt. Wenn die Amerikaner sich aus dem Irak zurückziehen würden, hieß es in Riad, dann würde Saudi-Arabien die militanten, sunnitisch-arabischen Gruppen im Irak unterstützen. 

EM: Der Iran ist das Zentrum der schiitischen Minderheitskonfession. Seine arabischen Nachbarn sind zwar auch Muslime, aber eben mehrheitlich Sunniten. Liegt darin ein unüberbrückbarer Konflikt für den gesamten Nahen Osten?

Steinbach: Die Verwerfung oder der Konflikt zwischen Sunna und Schiha ist real. Das hat die Geschichte immer wieder gezeigt. Dieser Konflikt ist zugespitzt worden durch den iranisch-irakischen Krieg von 1980 bis 1988. Er wurde in der arabischen Welt und weit darüber hinaus auch wahrgenommen als iranisch-schiitischer Expansionskrieg. Vor allem natürlich von den arabischen Sunniten. In allerjüngster Zeit haben die USA durch ihre simplistische Klassifizierung des Iraks in Sunniten und Schiiten dazu beigetragen, diese Verwerfung weiter aufbrechen zu lassen.

EM: Ist die von Ihnen so genannte Verwerfung unüberbrückbar?

Steinbach: Nein, diese Verwerfung ist keineswegs ein Hindernis dafür, dass pragmatische Realpolitik gemacht wird. Das hat sich immer wieder gezeigt, zwischen dem Iran und seinem Nachbarland Türkei. Die Türkei ist nicht nur ein sunnitisch geprägtes Land, sondern auch ein säkular geprägtes Land, ein laizistischer Staat. Mit ihr haben der Iran, und auch die islamische Republik Iran, über die Jahrzehnte einen sehr nüchternen, einen pragmatisch geprägten Modus vivendi gefunden. Das gleiche gilt mit gewissen Schwankungen auch im Verhältnis mit Saudi-Arabien. Und insbesondere im Umgang mit den Emiraten, die ja geradezu den Hinterhof Irans darstellen, was die Ökonomie betrifft.

„Durch den israelischen Sommerkrieg wurde Hisbollah-Führer Hassan Nasrallah zur charismatischen Figur“

EM: Aber hat sich nicht in jüngerer Zeit doch der religiöse Konflikt wieder zugespitzt, wenn man zum Beispiel an die Hisbollah im Libanon denkt?

Steinbach:  Durch die Allianz des Irans mit der schiitischen Hisbollah im Libanon ist in der Tat der Konflikt der Glaubensrichtungen wieder verschärft worden. Aber auch hier muss man feststellen, dass die schiitsche Schiene nur die eine Seite ist. Durch den jüngsten israelischen Krieg, den so genannten Sommerkrieg im Libanon, hat sich auch einiges verändert. Der schiitische Führer der Hisbollah, Hassan Nasrallah, ist durch diesen Krieg zu einer charismatischen Führungsfigur aufgestiegen, weithin auch unter den arabischen Sunniten.

EM: Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad redet davon, Israel von der Landkarte ausradieren zu wollen. Westliche Medien wie die BILD-Zeitung nennen ihn den Irren von Teheran. Wird der gesamte Iran durch solche Schlagzeilen, die einmal der iranische Präsident selbst hervorruft und die man ihm dann im Westen widmet, hierzulande vor allem als Zerrbild gesehen?

Steinbach: Das ist ohne Zweifel so. Dieses Bild vom Irren von Teheran ist ein Zerrbild, das ausblendet, dass Herr Ahmadinedschad sehr erfolgreich populistisch zu agieren vermag, in dem er Themen anspricht, die nicht nur im Iran großen Widerhall finden, sondern weithin im gesamten arabischen Raum. Was ihn in westlichen Medien zum Irren macht, erweist sich im Nahen und Mittleren Osten als ein äußerst gelungener populistischer Zug. Die andere Seite ist die, dass Ahmadinedschad möglicherweise ein erratischer Politiker ist, aber daran kann man nicht das Bild des politischen Irans nach innen und nach außen festmachen. Der Irre von Teheran ist eine unzulässige simplistische Reduktion, so wie auch der Begriff des Schurkenstaates. Diese Zerrbilder werden der äußerst komplexen Situation des Irans, die positive und negative Seiten hat, nicht gerecht.

„Eine wirkliche Vormacht in der Region wird der Iran nicht werden“

EM: Welche strategische Bedeutung hat der Iran auf dem geopolitischen Schachbrett der großen Mächte?

Steinbach: Der Iran ist eine Macht, die große Erdölvorräte besitzt und nach Russland und Katar die drittgrößten Erdgasvorräte. Das gibt diesem Land ein gewaltiges Gewicht. Außerdem ragt es von seiner Größe her tief in den Persischen Golf hinein. Vom Iran ist es unter anderem abhängig, inwieweit die Gewässer dort zugänglich sind. Das Land hat eine bedeutende Stellung, die weit in die arabische Welt ausstrahlt. Auch ideologisch, religiös, wenn man an die Schiiten im Libanon denkt, im Irak, in Saudi-Arabien oder in Bahrain. Und natürlich ist das Land, wie schon erwähnt, von immenser Bedeutung als strategische Brücke zwischen Westasien, Südasien und Zentralasien.

EM: Washington liegt daran, den Einfluss des Irans in der Region zurückzudrängen und die Regierung Ahmadinedschads zu stürzen. Der Iran selbst strebt unverkennbar nach einer Vormachtstellung im Nahen Osten. Kann er damit Erfolg haben?

Steinbach: Eine wirkliche Vormacht in der Region wird der Iran nicht werden. Die Gründe sind vielschichtig. Das beginnt bei seiner volkswirtschaftlichen Schwäche. Das Land fördert zwar Erdöl, ist aber immer noch weitgehend von der Ausbeutung dieser Quellen abhängig. Die Volkswirtschaften in den arabischen Erdöl produzierenden Ländern dagegen vermögen sich zu entfalten und aufzublühen. Der Iran dagegen bleibt noch immer zurück.

EM: Und welche Rolle spielt dabei sein Präsident Ahmadinedschad?

Steinbach: Er mag zwar populistisch mit Erfolg gewisse Töne ansprechen, die bei den Menschen weithin auch in der arabischen Welt auf ein positives Echo zielen, aber damit ruft er auch die politischen Eliten reihum auf den Plan. Und diese sind allesamt geradezu alarmiert. Ein Anspruch des Irans auf eine Vormachtstellung würde auf erbitterten Widerstand stoßen, 360 Grad im Umfeld, beginnend bei den Türken, über den arabischen Raum, bis hin nach Zentralasien und Russland. Hier spielt auch die schiitische Komponente noch herein. Man braucht sie nicht überzubewerten, aber der Iran ist schiitisch ausgerichtet und damit ist er in einer Minderheitenposition innerhalb einer sunnitisch geprägten arabischen Welt. Die Vormacht in der Region kann er aus all den genannten Gründen nicht werden.

„Eine klar erkennbare Nahoststrategie der USA gibt es nicht mehr“

EM: Gesetzt den Fall, Ahmadinedschad würde in absehbarer Zeit gestürzt und der Iran besetzt – was käme danach? Die CIA hat auch den Schah-Gegner Mossadeq gestürzt, der beim Volk beliebt war, hat den ungeliebten Schah Reza Pahlevi installiert und mit ihm sogar die atomare Bewaffnung des Irans vereinbart. Amerika hat einst Saddam Hussein und seiner Baath-Partei zur Macht verholfen und die US-Armee hat den Diktator schließlich durch ihren Einmarsch in den Irak wieder gestürzt. Es ist jedes Mal viel Blut geflossen. Sind die Ergebnisse der US-Politik überzeugend, gibt es überhaupt eine klar erkennbare Nahost-Strategie der USA?

Steinbach: Nein, eine klar erkennbare Nahoststrategie der USA gibt es nicht mehr. Das war einmal der Fall. Die USA konnten in den siebziger Jahren, vielleicht auch noch in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Rolle einer Art von Ordnungsmacht spielen. Aber diese Rolle als Ordnungsmacht im Nahen und Mittleren Osten hat Amerika längst verspielt. Insbesondere durch seine Irakpolitik. Es hat den Staat Irak dadurch an den Rand des Scheiterns und des Bürgerkriegs gebracht. Die destabilisierenden Auswirkungen betreffen die gesamte Region. Die USA haben kein Konzept entwickelt, das die Lösung des zentralen Konflikts der gesamten Region betrifft, nämlich des palästinensisch-israelischen. Die USA haben stattdessen einseitig auf Israel gesetzt mit den Ergebnissen, die wir in den letzten Jahren gesehen haben. Sie sind aber letztlich schon in den siebziger Jahren damit gescheitert, westliche Politikmodelle und Politiksysteme im Nahen Osten zu installieren. Im Irak ist dies gegenwärtig wieder der Fall. Und wenn es zu einem gewalthaft herbeigeführten Systemwechsel in Teheran käme, dann wäre dies der Einstieg in eine weitere Radikalisierung, nicht nur des Irans sondern weit darüber hinaus.

„Warum sollte Teheran sich mit den Amerikanern über den Irak verständigen? Warum sollte es den USA ihren Abzug aus dem Irak erleichtern, wenn diese daran festhielten, in der Nuklearfrage über den Sicherheitsrat Druck auf Teheran auszuüben?“

EM: Anfang Mai wollen sich in Ägypten Minister der Nachbarstaaten des Iraks mit den ständigen Mitgliedern des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen, sowie den G-8-Staaten treffen, um über den Irak zu beraten. Was könnte dabei denn im günstigsten Fall herauskommen - welche Rolle kann dabei der Iran spielen?

Steinbach: Wenn der Iran an dieser geplanten Konferenz teilnähme, und es würde dabei nur über den Irak gesprochen, dann bliebe das Ergebnis sicher mager. Es ist überhaupt kein Zweifel, dass die Iraner im Irak tief involviert sind. Teheran spielt die irakische Karte ganz bewusst, um in der Nuklearfrage ein Druckmittel zu haben. Warum also sollte die Regierung in Teheran sich mit den Amerikanern über den Irak verständigen? Warum sollte es den USA ihren Abzug aus dem Irak erleichtern, wenn diese daran festhielten, in der Nuklearfrage über den Sicherheitsrat Druck auf Teheran auszuüben? Wenn dieses Treffen zustande käme und wenn es denn Sinn machen sollte, dann nur, indem man einen Link schaffen würde. Also eine Art Arrangement zwischen der Situation im Irak, den Perspektiven des Abzugs der US-Truppen und der Nuklearfrage. Beide Seiten müssten geben und nehmen.

„Der Iran schöpft aus einem tiefen Nationalgefühl“

EM: Im Streit um die Nutzung der Nukleartechnik unterstützen selbst solche Iraner, die den Präsidenten, vielleicht auch das klerikale Regime und seinen Kurs überhaupt ablehnen, die iranischen Atompläne. Soll damit erreicht werden, das Land wieder auf Augenhöhe mit dem Westen zu hieven?

Steinbach:  Ja, das ist genau das, was ich mit dem Begriff des Status gemeint hatte, den der Iran erreichen möchte. Die Nuklearfrage sollte man nicht isoliert sehen, sondern im Kontext der jüngeren iranischen Geschichte etwa vom Beginn des 20. Jahrhunderts an. Die Iraner hatten schon 1906/1907 den Versuch einer Revolution gegen das Schahregime gemacht, hatten versucht eine Verfassung einzuführen und die damalige Dominanz des Westens, vor allem der Briten und der Russen abzuschütteln. Und die ganze weitere Geschichte bis hin zum Golfkrieg mit dem Irak von 1980 bis 1988 ist ebenfalls ein Ringen um Status. Es ging immer darum, vor dem Hindergrund eines enormen Selbstwertgefühls, das aus der iranischen Geschichte resultiert, endlich auf die gleiche Augenhöhe mit den führenden Mächten im internationalen System zu gelangen. Die heutige nukleare Entwicklung ist die Fortsetzung dieses Bestrebens.

EM: Schon vor dem Islam gehörte der Iran zu den schöpferischsten Kulturen der Geschichte. Die indoeuropäischen Stämme, die das iranische Hochland besiedelten, gründeten Jahrhunderte vor Beginn der Zeitrechnung das erste Weltreich der Antike. Es reichte unter Kyros dem Großen und seinen Nachkommen von der Ägäis bis nach Zentralasien, und von Indien bis nach Ägypten. Speist sich daraus noch immer dieser unübersehbare iranische Nationalismus?

Steinbach: Ganz gewiss. Das ist auf Schritt und Tritt zu fühlen, besonders in der alten Hauptstadt Persepolis, die beim heutigen Schiraz zu besuchen ist. Wer dort hinkommt, wird jeden Tag Tausende von jungen Iranerinnen und Iranern treffen, die an diesen Ort fahren, um mit der Besichtigung der Ruinen aus einem tiefen Nationalgefühl zu schöpfen. Dies ist ein Symbol für das Fortwirken der großen Kultur dieses Landes aus der vorislamischen Zeit.

„Iranischer Dünkel und iranische Arroganz ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Landes“

EM: Was ist denn heute stärker im Iran, der Islamismus oder der Nationalismus?

Steinbach: Der Islamismus ist ein ganz neues Phänomen. Aber der Nationalismus ist ein großer Bestimmungsfaktor des iranischen Selbstbewusstseins und der iranischen Kultur. Verbunden durchaus mit einem gewissen Dünkel, einer gewissen Arroganz gegenüber den Arabern drunten in ihrem Zweistromland, während die Iraner voll Stolz im Hochland sitzen. Dieser Dünkel zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte. Er zeigt sich auch gegenüber den Turkvölkern in Zentralasien. Die Iraner fühlen sich aufgrund ihrer Kultur und ihrer Geschichte als etwas ganz Besonderes. Es gibt ja auch den Versuch, die Einführung der schiitischen Richtung des Islams seit dem 16. Jahrhundert dahingehend zu deuten, dass dies Ausdruck sei einer Sonderstellung des iranischen Volkes in der Welt überhaupt.

EM: Wie sollte man also umgehen mit dem Iran?

Steinbach: Man sollte sich geflissentlich solcher abträglichen und simplistischen Äußerungen wie der vom Schurkenstaat und vom Irren von Teheran enthalten. Das ist keine Basis, auf der man mit dem stolzen Land umgehen kann. Es ist nötig, stets das Ganze zu sehen, die iranische Geschichte und die gegenwärtige iranische Gesellschaft. Sie hat ganz gewiss ihre negativen Seiten, was den religiösen Fanatismus angeht. Aber lasst uns nicht die positiven Seiten einer ungeheuren geistigen und kulturellen Dynamik übersehen. Sie trachtet danach, die Moderne und das islamische Erbe zu verbinden. Das ist immens spannend und oft äußerst fruchtbar. Eine westliche Politik darf nicht ständig auf Konfrontation aus sein, darf nicht wieder den Versuch machen, den Iran zu dominieren. Das ist genau die falsche Strategie. Dagegen bäumt sich das iranische Selbstbewusstsein auf. Man muss den Iran in die großen Fragen der Region, in die Fragen der Konfliktlösung und in die Fragen der Sicherheitsarchitektur eines stabilen künftigen Nahen Ostens einbinden. Das ist der Weg.

EM: Herr Professor Steinbach, haben Sie herzlichen Dank für dieses Gespräch.

Das Interview führte Hans Wagner
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