Europa wächst zusammen

Europa wächst zusammen

Schutzgesetze in Island, Frankreich und Polen – Sprachwirrwarr in Deutschland

Von Olenin Terek

EM – Im Mai 2004 wird die Europäische Union (EU) um zehn neue Staaten erweitert, und alle bringen ihre eigene Sprache mit. Die Zahl der Amtssprachen wird sich von derzeit elf auf 21 erhöhen und damit fast verdoppeln. Eigentlich müßten die Sprachen sämtlicher Mitgliedsländer gleichberechtigt im Parlament und in den Behörden gesprochen und gehört werden können. So jedenfalls sieht es der Artikel 1 der Verordnung Nummer 1 der Europäischen Gemeinschaft (EG) von 1958 vor. Doch in der heutigen EU-Wirklichkeit dominieren Englisch und Französisch. In Fragen der Wissenschaft, des Militärischen und der Luftfahrt wird fast ausschließlich Englisch gesprochen. Bei den EU-Institutionen und vor allem bei der Europäischen Kommission hat Französisch ein deutliches Übergewicht.

Ganz anders sind die Sprachen innerhalb der Gesamtbevölkerung der EU verteilt. 100 Millionen oder gut 24 Prozent haben Deutsch als Muttersprache. Für jeweils 60 Millionen oder 16 Prozent ist die Muttersprache Englisch bzw. Französisch. Mit der Erweiterung wird die Bedeutung des Deutschen noch zunehmen. Denn in vielen Beitrittsländern ist Deutsch erste Fremdsprache.

Unterschiedliche Sprachregelungen für Minister und Beamte

Die Minister der Mitgliedsstaaten, so ist es vorgesehen, können wie bisher in ihren eigenen Sprachen reden. Auf Beamtenebene dagegen sollen Verhandlungen künftig entweder in Englisch, Französisch oder auch Deutsch geführt werden. Dafür stehen Dolmetscher zur Verfügung. Setzen sie sich nur auf Englisch oder Französisch auseinander, dann wird kein Übersetzer dabei sein. Wenn Beamte, die nicht aus Deutschland, Frankreich oder England kommen bei Verhandlungen darauf bestehen, in ihren eigenen Sprachen zu sprechen, müssen sie für die Dolmetscherdienste selbst aufkommen.

Viele Vertreter der neu beigetretenen Länder, die sich in Deutsch verständigen können, werden nach Ansicht von Experten die Dominanz des Englischen und des Französischen künftig etwas relativieren. Zur Popularisierung der Sprache Goethes und Nietzsches tragen bei den neuen EU-Bürgern schon bisher die vielen kleinen Grenzverkehre mit Deutschland bei.

So arbeiten beispielsweise allein aus dem Raum Stettin, polnisch Szczecin, mehr als 100 000 Polen im benachbarten Deutschland. Manche legal, die meisten illegal, aber alle sprechen Deutsch. In den polnischen Schulen der ehemaligen Provinz Pommern, ist deshalb Deutsch längst zum Pflichtfach aufgestiegen.

Wer in jüngerer Zeit eines der baltischen Länder besucht hat, wird sich möglicherweise gewundert haben, wie oft im Sprachengewirr der Städte Deutsch zu hören ist, neben der jeweiligen Landessprache und neben Russisch.

Im EU-Beitrittsland Ungarn wurde am 02. September 2002 die deutschsprachige Andrássy-Universität eröffnet. Gründungsdirektor György Hazai bedauerte in seiner Rede, daß die deutschen Sprachkentnisse der Ungarn im Laufe der vergangenen Jahrzehnte zurückgegangen seien und im Gegenzug die englische Sprache immer dominanter werde. Dieser Entwicklung wolle man mit der Gründung der deutschsprachigen Universität entgegentreten. (Vgl. EM 05/2002).

Ähnlich äußerte sich damals in seinem Redebeitrag der Vertreter der österreichischen Regierung, Werner Fasslabend. Der nahezu ausschließliche Gebrauch des Englischen in Wissenschaft und Wirtschaft und die damit einhergehende Vernachlässigung der anderen europäischen Sprachen bezeichnete er als „Tragödie im europäischen Sinne“.

Sogar im fernen China erlebt die europaweit am meisten gesprochene Sprache in letzter Zeit eine deutliche Aufwertung. Allein 2002 haben vier weitere Universitäten das Fach Deutsch als Fremdsprache eingerichtet. Es wird damit an 28 Universitäten als Hauptfach angeboten und an mehr als 100 Hochschulen als Nebenfach. Germanistik mit Promotionsmöglichkeit Literaturwissenschaft gibt es an vier Universitäten.

Yin Tongsheng vom Chinesischen Germanistenverband, langjähriges Mitglied des staatlichen „Anleitungskomitees für die Vermittlung von Fremdsprachenkenntnissen in China“, nennt als Motiv, warum Chinesen heute deutsch lernen: um in Deutschland zu studieren oder ein Praktikum zu absolvieren. Bei einer Pressekonferenz im November 2002 in Peking erläuterte er, beides seien erstklassige Sprungbretter für die Karriere. Zwar hätten deutsche Universitäten weniger Prestige als angelsächsische, verlangten dafür aber keine Studiengebühren, und die praktische Ausbildung in deutschen Betrieben werde hoch geschätzt. Die Zahl der in Deutschland studierenden Chinesen habe sich in den letzten Jahren vervierfacht, auf inzwischen rund 20 000.

In Deutschland selbst nimmt hingegen die Wertschätzung der eigenen Sprache ganz offenkundig immer mehr ab. Wenn Yin Tongsheng aus Peking oder der Pendler aus Polen eine deutsche Großstadt in der Vorweihnachtszeit besucht hätten, müßten sie zweifeln, ob sie wirklich die richtige Sprache erlernt haben. Dort wurde zu „X-Mas-Shopping“ aufgefordert. Als cool galt dieses Jahr bei den deutschen Werbetreibern und Geschäftsleuten die „Power-Christmas“. Auf Tonträgern in den Warenhäusern und Musikgeschäften wurden die gleichen Songs zum Kauf angeboten, die auch ununterbrochen aus den Lautsprechern rieselten. „Jingle Bells“ war der Hauptschlager. „Stille Nacht“ hatte keine Chance mehr.

Vor dem EU-Beitritt erließ Polen ein Gesetz zum Schutz der eigenen Sprache

Das künftige EU-Mitglied Polen hat im Frühjahr 2000, ein Gesetz zum Schutze seiner Sprache in Kraft gesetzt. In der Präambel heißt es: „Das polnische Parlament beschließt:
-in Anbetracht dessen, daß die polnische Sprache ein Grundelement der nationalen Identität und ein Kulturgut ist,
- in Anbetracht der geschichtlichen Erfahrungen, daß die Bekämpfung der Sprache durch Eroberer und Okkupanten ein Werkzeug der Entnationalisierung war,
- in Anerkennung der Notwendigkeit eines Schutzes der nationalen Identität im Globalisierungsprozeß,
- in Anerkennung, daß die polnische Kultur ein Bestandteil beim Bau des gemeinsamen kulturvielfältigen Europas ist und die Bewahrung dieser Kultur nur durch den Schutz der polnischen Sprache möglich ist,
- in Anerkennung dieses Schutzes als Pflicht für alle Organe und öffentliche Institutionen der Republik Polen und Schuldigkeit ihrer Bürger dieses Gesetz.“

Es bestimmt, daß alle Verträge mit polnischen Kontrahenten und Partnern in polnischer Sprache abgefaßt sein müssen. Die Verwendung von fremdsprachigen Bezeichnungen und Beschreibungen ohne eine zusätzliche polnische Fassung wird demnach mit einer Geldbuße geahndet, zu der zusätzlich eine Entschädigungszahlung zugunsten der „Stiftung für die Förderung der Schöpferischen Tätigkeit“ bis zu einer Höhe von 100 000 Zloty, (etwa 25 000 Euro) verhängt werden kann. Alle Dokumente, Rechnungen, Produktbeschreibungen und Gebrauchsanweisungen müssen in polnischer Sprache abgefaßt sein.

Mit dem Gesetz zum Schutz der polnischen Sprache soll eine „Vulgarisierung“ des Polnischen verhindert werden, heißt es im Text. Eine Art „Penglisch“, analog dem deutschen „Denglisch“, soll es offenkundig für Polen auch nach seinem EU-Beitritt nicht geben. Außerdem wird als Zweck des Gesetzes „die Förderung der polnischen Sprache auf der Welt“ genannt. Dem Schutz der polnischen Sprache werden „alle Staatsorgane, Institutionen und am öffentlichen Leben teilnehmende Organisationen verpflichtet.“ Schließlich müssen nach dem neuen Sprachschutzgesetz Polens „Internationale Verträge der Republik Polen eine polnische Sprachversion haben, die auch die
Auslegungsgrundlage ist.“

Plötzlich wird in der Türkei kurdisch gesungen

Um in die Europäische Union aufgenommen zu werden hat das türkische Parlament im Herbst 2002 eine Reihe von demokratischen Reformen beschlossen. Neben der Todesstrafe werden zum Beispiel auch diskriminierende Bestimmungen gegen die Kultur der kurdischen Minderheit im Land abgeschafft. Lange Zeit war vor allem der Gebrauch der kurdischen Sprache im öffentlichen Leben kriminalisiert.

Die neue Anerkennung des Kurdischen macht sich bereits bemerkbar. Anfang November 2002 trat die in der Türkei regelrecht vergötterte Sängerin Sezen Aksu mit kurdischen Liedern im Ephesus-Theater auf. Sie sang neben Liedern in ihrer türkischen Muttersprache auch solche in Kurdisch, Griechisch und Armenisch. Auf dieses Signal scheinen die Medien in der Türkei gewartet zu haben. Denn nun ziehen auch die privaten Fernsehkanäle nach. Immer häufiger werden dort Lieder in kurdischer Sprache gesungen, und es regt sich nirgends im Land deswegen Protest.

Sprachliche Quotenregelung in Frankreich

Entschlossen versucht die einstige Grande Nation ihre Identität, vor allem ihre Sprache, vor der Veränderung durch die angloamerikanische Kultur und die englische Sprache zu erhalten. 1994 trat ein Gesetz über die Verwendung der französischen Sprache in Kraft, dessen Überwachung dem Kultur- und Kommunikationsministerium obliegt. Jedes Jahr im September muß es dem französischen Parlament einen umfangreichen Bericht über die Umsetzung des Gesetzes vorlegen.

Dieses schreibt vor, daß die französischen Sprache für Werbung, Beschriftung und Bedienungsanleitungen aller in Frankreich angebotenen Produkte und Dienstleistungen Pflicht ist. Die Verwendung anderer Sprachen ist nicht verboten, aber der französische Text muß zumindest "ebenso lesbar, hörbar und verstehbar" sein.

In Frankreich gibt es eine offizielle Liste mit fast 120 000 englischen Worten, für die französische Begriffe angeboten werden. Unworte sind beispielsweise solche wie Fax, was auf gut französisch télécopie heißt. Im Fernsehen müssen, auch zur Hauptsendezeit, 40 Prozent der Filme aus Frankreich und 20 Prozent aus anderen europäischen Ländern stammen. Auch 40 Prozent der Musiktitel im Radio dürfen nur in französischer Sprache abgefaßt sein. Für Verstöße gegen Bestimmungen des Sprachschutzgesetzes sind empfindliche Geldstrafen vorgesehen.

Selbstbewußte Isländer behaupten ihre Sprache

Die alte germanische Sprache Islands kam mit den Norwegern ins Land, als diese im späten 9. Jahrhundert die Insel zu besiedeln begannen. Seither hat das Isländische nahezu unverändert die Zeit überdauert. Immer noch gilt der alte Kernwortschatz, so daß die Isländer sogar die alten literarischen Werke weiterhin lesen können, so, wie sie ihre Dichter ab dem 12. Jahrhundert geschrieben haben.

Dabei soll es nach dem Willen der 300 000 Isländer und ihrer Regierung auch bleiben. Selbstbewußt läßt das Kultusministerium in der Hauptstadt Reykjavik in einer Werbeschrift wissen. „Viele Sprachgemeinschaften in Europa und der ganzen Welt sehen sich dem wachsenden Einfluß der englischen Sprache ausgesetzt, auch die isländische. Doch beständige Erneuerung des isländischen Wortschatzes und intensive Kulturarbeit machen die Isländer fähig, ihre Sprache zu behaupten und unter allen Umständen so wie bisher isländisch zu sprechen.“

Sprache ist viel mehr als Mode

Nach der „Wendezeit“ in Europa und der Auflösung des Warschauer Paktes kehrten viele amerikanische GIs in die Vereinigten Staaten zurück. Mit Ihnen gelangten auch einige Brocken der Sprachen ins Land, die sie in ihren Standorten in Übersee aufgeschnappt hatten. In einigen europäischen Medien wurde gleich von einem „Trend“ gesprochen, der sich in den USA abzeichne. Das deutsche Magazin FOCUS etwa berichtete (47/1996) von einem Über-Hip: deutsche Ausdrücke gälten in den Staaten als „definitely wunderbar“. Die deutsche Sprache liefere „den Rohstoff für den amerikanischen Modewortschatz“.

Da wurde ein New Yorker Postbote zitiert mit dem Satz: „Shit, I have a lot to schlepp.“ Und ein Computerfreak mit „that’s kaputt“. In Schulen würden Lehrer ihre Schüler mit den Worten zur Ordnung rufen „that’s verboten“. Schadenfreude, Fingerspitzengefühl und kinderfreundlich seien in den USA gegenwärtig ebenso modisch in, wie Hinterland, Fahrvergnügen, Fest und Autobahn.

Das hat jedoch nichts damit zu tun, was Tag für Tag in umgekehrter Richtung geschieht. Die europäischen Sprachen sind nicht modisch aufgepeppt mit ein paar Anglizismen, sondern zum Teil, wie etwa in der Wissenschaft, durch die Weltsprache Englisch vollkommen verdrängt. In der Alltagssprache schreitet die Anglisierung unaufhaltsam voran. Da muß man nicht nach ein paar modischen Wendungen suchen. Das Inhaltsverzeichnis einer deutschen Zeitschrift für junge Frauen ist z.B. in folgende Rubriken gegliedert: Workshop, Let’s talk about, Fashion, Beauty, Loove & Sex, Service (mit Body & Soul, Working Woman, On Tour, Fit Food), Trends, Characters, Forum.

Schwerer wiegt, daß im Bereich des Militärs, der Finanzen und der Wirtschaft, die Verständigung inzwischen fast ausschließlich auf Englisch erfolgt. Englishmen unter sich. Es gibt nur noch wenige Geister, die überhaupt die Tragweite dieser Entwicklung erkennen. Einer davon ist Claus Koch (Journalist der Süddeutschen Zeitung), der im Merkur-Sonderheft „Europa oder Amerika“ (Ausg. 617/618) das Problem beim Namen nannte. In seinem programmatischen Beitrag mit dem Titel „Europa – nur gegen das amerikanische Imperium“ schrieb er: „Der globalisierte Kapitalismus trägt ein neutrales oder nachnationales Gewand einer zivilisatorischen Naturmacht, aber es wird amerikanisch gesprochen, es wird mit amerikanischen Manieren verhandelt und Amerikaner können sich dabei immer ihre Gewinne verschaffen.“

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