Europäischer Nachrichtenkanal France 24 als Konkurrenz zu CNNEURASISCHE MEDIEN

Europäischer Nachrichtenkanal France 24 als Konkurrenz zu CNN

Europäischer Nachrichtenkanal France 24 als Konkurrenz zu CNN

Europa bekommt eine international vernehmbare Stimme. Ein französischer Nachrichtensender soll ab 6. Dezember das Monopol von BBC und CNN brechen. Weltweit werden immer mehr global ausstrahlende Nachrichtenkanäle eingerichtet. Den meisten Neugründungen geht es weniger um Profit, als vielmehr um die Verbreitung des „richtigen“ Weltbildes im geostrategischen Kampf um Macht, Einfluss und Ressourcen.

Von Eberhart Wagenknecht

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Das Logo des neuen TV-Senders France 24  

A ls im Irakkrieg von 1991 die ersten amerikanischen Bomben auf den Irak fielen, kam der US-Nachrichtensender CNN groß heraus. Er berichtete so hautnah, dass er während des Krieges zum meistbeachteten Medium unter den international agierenden Nachrichtensendern aufstieg. Noch im zweiten Irakkrieg von 2003 war CNN nahezu konkurrenzlos, obwohl es seit 1996 auch den arabischen Nachrichtensender Al-Dschasira gibt. 15 Jahre hat es gedauert, bis  CNN mit dem Start eines neuen französischen Senders nun erstmals eine echte Konkurrenz erwachsen könnte.  

In wenigen Tagen nimmt der auf Initiative des französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac gegründete Nachrichtensender France 24 seine weltweiten Sendungen auf. Die neue Sendeanstalt sieht sich nach eigener Einschätzung als direkte Konkurrenz zu den angloamerikanischen Sendern CNN und BBC. France 24 wird mit Steuergeldern finanziert und startet mit einem Jahresbudget von 80 Millionen Euro. Das Programm enthält zunächst französisch- und englischsprachige Beiträge, später sollen auch noch Sendungen in arabischer Sprache hinzukommen. Die Betreiber von France 24 rechnen einem Bericht der französischen Tageszeitung Le Figaro mit einer potenziellen Reichweite von 250 Millionen Zuschauern.

380 Mitarbeiter sollen den britisch-amerikanischen Eisberg bezwingen

Im Pariser Vorort Issy-les-Moulineaux befindet sich das Hauptquartier von France 24. Die gläserne Front ziert ein gewaltiger Eisberg, der aus dem Meer aufragt. Dieses Bild steht für die programmatische Ausrichtung des Senders. Denn unter der Wasseroberfläche ist das wahre Ausmaß des Eises erkennbar, von dem nur die Spitze in den blauen Himmel ragt. Und auf Englisch steht daneben: „Was Sie eigentlich nicht wissen sollten“. Das ist eine deutliche Anspielung auf bisher bestehende Nachrichtenmonopole, die es für France 24 zu brechen gilt, damit die Welt erfährt, was es jenseits angloamerikanisch gefilterter Nachrichten noch zu wissen gilt.

Für diese Aufgabe sind fürs erste 380 Mitarbeiter engagiert, davon 170 Journalisten. Vorbild ist vor allem die britische BBC, die den ältesten und erfolgreichsten international agierenden Nachrichtensender betreibt. Sie und das amerikanische Nachahmerprodukt CNN sollen den frischen Wind aus Paris zu spüren bekommen. Wie präsent France 24 sein wird, zeigt sich auch daran, dass dessen Programm auch am Sitz der Vereinten Nationen in New York und am Sitz des Internationalen Währungsfonds in Washington zu empfangen sein wird.

Die alteingesessenen Sender äußern sich gelassen

Der Sender wird vom ersten Tag an ein 24-Stundenprogramm liefern, das in Zentralasien, Afrika, Europa sowie in New York und Washington unverschlüsselt zu empfangen ist. Geplant ist bereits, die Ausstrahlung in Asien und Amerika nach und nach noch auszuweiten.

Die Platzhirsche geben sich unbeeindruckt: „Wir fühlen uns in keiner Weise bedroht, schließlich können wir auf eine 26-jährige Erfahrung zurückblicken,“ erklärte Désirée Grebel, Chefin des Berliner CNN-Büros, gegenüber einem Branchendienst. Auch das Fernsehen der  Deutschen Welle, das bereits ein arabisch-sprachiges Programm anbietet, fürchte die zwei neuen Sender nicht, ließ ein Sprecher wissen. Außer der Deutschen Welle ist Deutschland mit keinem internationalen Nachrichtensender vertreten und in Zukunft wird sich hier wohl wenig ändern. So hat auch n-tv, der erste deutsche private Nachrichtensender, nach eigenem Bekunden bislang keine Überlegungen angestellt, auf internationaler Ebene zu expandieren.

In einem Interview mit der Tageszeitung DIE WELT meinte Chris Cramer, Chef von CNN International, mit Blick auf den neuen Mitbewerber: „Nur wenige verdienen mit Nachrichten Geld im Fernsehen. 24-Stunden-Sender sind teuer und verharren meist in den roten Zahlen. Viele unserer Wettbewerber arbeiten seit langem vergeblich daran, Gewinne zu erzielen. Wir tun das schon lange. Weil wir das globale Leitmedium sind, das seriöses und gutes Programm liefert. Dorthin kommen auch die Werbungstreibenden.“

F-24 will Nachrichten aus europäischem Blickwinkel liefern.

F-24-Geschäftsführer Gérard Saint-Paul, verantwortlich für die Nachrichten und die Programme beim neuen Sender, sagt ungeschminkt, worum es der französischen Sender-Initiative geht: „Die internationale Fernsehwelt wird von den angelsächsischen Sendern dominiert“, erklärt er. Das führe zu einer einseitigen Berichterstattung. „Es gibt ein steigendes Bedürfnis für eine andere Sichtweise“, so Saint-Paul .

Dass es nicht um rein französische Interessen geht, lässt der F-24-Geschäftsführer auch wissen. Es stecke mehr dahinter: „Wir wollen die Nachrichten unter einem anderen Blickwinkel präsentieren, nicht unbedingt aus rein französischer Sicht, sondern aus der europäisch-französischen.“ Als Beispiel nennt Saint-Paul den Irak-Krieg: „Die einzigen zwei Länder, die sich von Anfang an dagegen gestellt haben, waren Frankreich und Deutschland. Aber diese Position wurde international nicht genügend gewürdigt, weil die angelsächsischen Nachrichtensender ein Monopol haben.“ France 24 wolle deshalb solche Positionen besser erklären und damit zu einer größeren Informationsvielfalt beitragen.

Eine Kooperation mit der Deutschen Welle ist geplant

Saint-Paul war früher Chefredakteur bei Arte und Deutschland-Korrespondent mehrerer französischer TV-Sender. Gesche Wüpper zitiert ihn in der WELT mit weiteren Überlegungen, die sich auf eine deutsche Beteiligung beziehen: „Es wäre ein Traum, wenn es France 24 auch in deutscher Sprache geben würde“. Der neue französische Nachrichtensender möchte dazu eine Partnerschaft mit der Deutschen Welle eingehen. Saint-Paul, der mit einer Deutschen verheiratet ist, erklärt dazu: „Ich habe die Verantwortlichen der Deutschen Welle schon besucht“. -  Ein Erfolg scheint seiner Initiative  allerdings bislang nicht beschieden zu sein.

Indes gründen immer mehr Länder internationale Nachrichtensender und versuchen Fernsehprogramme weltweit auszustrahlen. Wie bei France 24 stehen dabei meist nicht die  wirtschaftlichen, sondern die politischen Motive im Vordergrund. So ging diese Woche beispielsweise auch eine englische Ausgabe von Al-Dschasira auf Sendung. 2003 wurden bereits vor dem Hintergrund des jüngsten Irak-Kriegs in Dubai Al-Arabia und in Iran Al-Alam gegründet. Durch diese zwei Sender soll die Sicht der arabischen Länder weltweit eine Stimme bekommen. Die USA gingen im Gegenzug Anfang 2004 mit Al-Hurra auf Sendung, einer im Bundesstaat Virginia ansässigen arabischsprachigen Anstalt. 2005 haben sich die Regierungen von Venezuela, Argentinien, Kuba und Uruguay zusammengetan, um die lateinamerikanische TeleSur zu gründen, die von Caracas aus das Monopol von CNN für Lateinamerika aushebeln möchte. Ebenfalls im vergangenen Jahr startete Russland den Sender Russia Today, ein englischsprachiges 24-Stunden-Programm aus Moskau.

Kampf um das richtige Weltbild

Die Sender erreichen eine beachtliche Zahl von Haushalten weltweit. BBC World, der englischsprachige Auslandsdienst der BBC, ist in 200 Ländern der Erde von rund 280 Millionen Haushalten zu empfangen. Der deutsche Auslandsender Deutsche Welle TV gibt 210 Millionen Haushalte weltweit an. Al-Hurra sendet in 22 Ländern und wird - nach eigenen Angaben - wöchentlich von etwa 21 Millionen Zuschauern eingeschaltet. Al- Dschasira gibt seine Zuschauerzahlen allein für den Nahen Osten mit täglich 40 Millionen Zuschauern an.

Die neuen Sender sind vor allem von „Sendungsbewusstsein“ erfüllt. Dies wird auch offen zugegeben. Es geht um geopolitischen Einfluss, nicht um Werbeeinnahmen. „Die mediale Außenrepräsentanz ist mittlerweile so wichtig wie die politische Diplomatie“, sagt zum Beispiel Ulysse Gosset, der Generaldirektor des neuen französischen Auslandssenders France 24. Er sieht demnach in der Arbeit der Sendeanstalt vor allem eine politische Mission. Der Chefredakteur von Al-Dschasira, Ahmad ash-Sheikh, geht noch darüber hinaus. Er erklärte in einem Interview: „Information ist inzwischen wichtiger als Diplomatie. Die Diplomaten vermasseln die Dinge schon einmal. Wenn man Berichte über den richtigen Fernsehkanal spielt, kann man viel mehr erreichen.“

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