Eurowaisen - Kindheit ohne ElternKINDER IN OSTEUROPA

Eurowaisen - Kindheit ohne Eltern

Die Familien Berindea in Rumänien und Malarski in Polen teilen das gleiche Schicksal: Wenn die Eltern in einem westlichen EU-Land Geld verdienen, bleiben ihre Kinder zu Hause zurück. Diese „Eurowaisen“ sind eine der Negativseiten eines geeinten Europas.

Von Laura Capatana Juller (Bukarest) und Markus Nowak (Warschau)

Die Berindeas scheinen eine perfekte rumänische Familie zu sein. Die Schwestern Alexandra und Ani klammern sich regelrecht an ihre Eltern: Sie umarmen sie oft, küssen sie, schlafen manchmal sogar mit ihnen im selben Bett. Beinah keine Sekunde verbringen sie getrennt und sie alle genießen die gemeinsame Zeit. Sei es beim Einkaufen, vor dem Fernseher oder auf der Baustelle ihres schönen Hauses, an dem die Familie baut.

Ani ist 20 Jahre alt und ihre jüngere Schwester Alexandra bereits 16. „Sie hängen als Jugendliche genauso sehr an ihren Eltern wie damals, als sie vier Jahre alt waren“, beobachtet Großmutter Ioana. „Mama Ioana“ wird sie von Ani und Alexandra liebevoll genannt. Sie hat die beiden großgezogen, denn seit 13 Jahren arbeiten die Eltern Irina und Liviu im Westen. Die vierköpfige Familie ist nur in den Sommerferien „perfekt“, die restlichen Monate sind die beiden Teenager sogenannte „Eurowaisen“. So nennt man Kinder, die alleine oder bei Verwandten aufwachsen, weil ihre Eltern in einem westlichen EU-Land Geld verdienen.

„Wir lieben sie so sehr wie unsere Augen im Kopf“

Irina und Liviu Berindea haben ihre Töchter Ani und Alexandra im Kindergartenalter im nordrumänischen Maramuresch bei den Großeltern gelassen und sind nach Spanien gefahren. Dort wollten sie das Geld verdienen, um ihren Traum zu verwirklichen: Ein eigenes Haus mit Einzelzimmern für jedes der Mädchen, gleich neben dem alten Haus der Großeltern.
Doch auch nach 13 Jahren ist das langerträumte Heim nicht fertig und Irina und Liviu leben weiterhin in Madrid. Liviu arbeitet auf der Baustelle und baut Häuser für spanische Familien, seine Frau putzt spanische Wohnungen. Die Schwestern aber sind in ihrer Abwesenheit erwachsen geworden: Am ersten Schultag oder beim ersten Liebeskummer waren „Mama Ioana“ und „Tata Gheorghe“, wie die Großeltern genannt werden, dabei. „Wir lieben sie so sehr wie unsere Augen im Kopf“, sagt Großmutter Ioana. „Aber wir können die Eltern nicht ersetzen. Wir sind alt und haben nicht so viel Geduld und Kraft wie sie. Und wir kennen uns mit Jugendproblemen nicht so aus.“

Ani hat im vergangenen Jahr das Abitur abgelegt. Sie spielt mit dem Gedanken, mit ihrem Freund, einem Jungen aus der Gegend, zusammenzuziehen. Er selbst arbeitet in Italien und die beiden sehen sich ohnehin nur selten. Ihre vier Jahre jüngere Schwester interessiert sich für modische Kleider und den passenden Schmuck dazu, den sie regelmäßig in Paketen aus Spanien erhält. Die Zeiten, als sie sich über Plüschtiere und Spielsachen aus Madrid freute, sind vorbei.

Sieben Prozent aller Minderjährigen sind betroffen

Das Problem der Kinder, die ohne ihre Eltern aufwachsen, weil diese im Ausland arbeiten, hat in Rumänien schon mit dem Ende des Kommunismus 1990 begonnen. Die Visafreiheit innerhalb der EU 2002 und der EU-Beitritt fünf Jahre später haben die Migration dann weiter befördert.

Neueste offizielle Statistiken sprechen von rund 83.000 rumänischen Kindern, deren Vater, Mutter oder deren beide Elternteile im Ausland arbeiten. Rumänische Nichtregierungsorganisationen dagegen haben 350.000 „Eurowaisen“ gezählt. Damit sind rund sieben Prozent aller Minderjährigen betroffen.

Rund 700 Kilometer Luftlinie trennen die beiden Schwestern Ani und Alexander in Rumänien vom zehnjährigen Szymon in Polen. Was die drei Kinder dennoch verbindet: Auch wenn Szymons Vater nur zeitweise im Westen arbeitet und seine Mutter ihn großzieht – er und sein Bruder gelten als „Eurowaisen“.

Eurowaisen in Polen seit dem EU-Beitritt des Landes

In Szymons Kinderzimmerregalen stapeln sich Spielautos und Figuren aus Actionfilmen. Das Zimmer teilt er mit seinem zweijährigen Bruder Xsavery. Das meiste Spielzeug stammt aus Deutschland. Oder es wurde für die Euros, die Vater Adam nach Hause bringt, in Nysa, einer Kleinstadt in Schlesien, gekauft.

Zwischen Oder und Bug ist das Phänomen der „Eurowaisen“ erst vier Jahre nach dem Beitritt Polens zur EU in den Schlagzeilen aufgetaucht. Wissenschaftler haben in einer Studie 2008 festgestellt, dass jedes neunte Kind in Polen ein Elternteil zur Erwerbsarbeit im Ausland hat. Und: überwiegend sind es die Väter.

„Ein beschämendes gesellschaftliches Problem“

„Es ist ein beschämendes gesellschaftliches Problem“, konstatiert die Soziologin Wioleta Briniewicz. In manchen Regionen, wie um das nordpolnische Stettin, haben gar 40 Prozent der Kinder Elternteile, die westlich der Oder leben und arbeiten. In Szymons Klasse ist fast jeder zweite Mitschüler ohne ein Elternteil, zumindest zeitweise, berichtet Szymonas Mutter Zofia. „Viele fahren ja nur für ein paar Monate zum Erdbeerpflücken nach Deutschland.“
In Polen ist das Phänomen der „Eurowaisen“ etwas jünger als in Rumänien und begann mit dem EU-Beitritt 2004: Damals verließen rund zwei Millionen Polen auf der Suche nach einem Job oder besserer Bezahlung das Land. Die meisten von ihnen gingen nach Großbritannien oder Irland. Das Durchschnittsgehalt 2005 betrug in Polen rund netto 2.300 Zloty (etwa 550 Euro), heute ist es auf 3.400 Zloty (850 Euro) gestiegen.

Im Kreis Nysa allerdings, wo die Malarskis wohnen, ist mehr als jeder Fünfte arbeitslos und die Bezahlung liegt weit unter dem Durchschnittslohn. 2.000 Zloty, rund 500 Euro, bringt Adam nach Hause, wenn er in Opole, der Hauptstadt der Wojewodschaft, als Wachmann arbeitet. Etwa 6.000 Zloty verdient er dagegen als 24-Stunden-Altenpfleger bei einer fränkischen Familie. Ganz legal.

„Es ist eher selten, wenn diese Kinder nicht negativ auffällig sind“

„Wir wollen den Kindern einen guten Start ins Leben ermöglichen“, sagt Szymons Mutter Zofia. Und: „Ich muss mir keine Sorgen machen um die Miete für das Haus“. Auch nicht über die Bezahlung von Szymons Karatekurs oder die Englischnachhilfe. Der Zehnjährige bringt in vielen Fächern eine Sechs nach Hause, in Polen die Bestnote. Damit fällt Szymon als „Eurowaise“ aus dem Rahmen.

„Es ist eher selten, wenn diese Kinder nicht negativ auffällig sind“, sagt Soziologin Briniewicz. Die Arbeit der Eltern im Ausland, ihre lange Abwesenheit – meist geht sie auf Kosten der Kinder. Egal, ob der Vater oder die Mutter fehlen, die Persönlichkeitsentwicklung werde geschädigt, weiß die Wissenschaftlerin. Jedoch in geringerem Maße, wenn die Eltern im regelmäßigen Kontakt mit ihren Kindern stehen.

Telefon, Skype und Homevideos.: Auch Ani, Alexandra und ihre Eltern tauschen sich – dank Internet – fast täglich aus. Doch während die 400 Kilometer Distanz zwischen Schlesien und Franken es zulassen, dass Szymons Vater Adam alle paar Wochen zu Hause ist, sind die fast 3.000 Kilometer zwischen Madrid und Maramuresch eine Distanz, die die Berindeas nur einmal im Jahr überbrücken.

Etwa ein Drittel der statistisch erfassten 83.000 rumänischen „Eurowaisen“ hat beide Elternteile im Ausland, wobei jedes dritte Kind noch im Kindergartenalter ist. Ani und Alexandra hatten Glück, dass sich die Großeltern um sie kümmern konnten. Denn in vielen Fällen werden die Minderjährigen nicht bei Verwandten zurück gelassen, sondern bei Bekannten, in Heimen, oder sogar sich selbst überlassen.

Auch in Polen sind es laut der letzten Statistik von 2008 mehr als 1.300 Kinder, die ganz in staatlicher Obhut sind und in Heimen leben. Insgesamt wurden 2008 rund 100.000 „Eurowaisen“ gezählt. Denn offiziell werden die Kinder nur dann als „Eurowaisen“ betrachtet, wenn beide Eltern im Ausland arbeiten. Die Soziologin Wioleta Briniewicz glaubt dagegen, dass mehr als fünf Mal so viele Kinder einen Elternteil haben, der im Ausland lebt.
Eine einheitliche Strategie zum Schutz der zurückgelassenen Mädchen und Jungen gibt es in beiden Ländern nicht. Die rund 900 staatlichen Tages- und Beratungszentren in Rumänien, wo Kindern etwa bei den Hausaufgaben geholfen wird und sie psychologische Unterstützung erhalten, nehmen nur wenige in Anspruch. Oftmals sind die Einrichtungen sogar kaum bekannt.

Kinder träumen von der „perfekten Familie“

Auch in Polen bietet das grobmaschige soziale Netz für „Eurowaisen“ nur wenig Hilfe. Der Staat konzentrierte sich vor allem auf die statistische Erfassung des Phänomens, bemängeln Kritiker. Dringende Maßnahmen, wie eine leichtere Übertragung der Fürsorgepflicht über die zurückgelassenen Kinder an Verwandte, sind bislang nicht durchgesetzt.

Polen ist erstaunlich gut durch die Wirtschaftskrise gekommen. Die Massenmigration ist abgeflacht. „Doch die Eurowaisen bleiben“, ist die Soziologin Briniewicz überzeugt. Denn die Arbeitslosigkeit liegt trotz leichten Aufschwungs noch immer bei mehr als 13 Prozent. Viele, die ihres besseren Lebensstandards wegen im Ausland arbeiten, werden es noch eine Weile tun.

Gleiches gilt für Rumänien: Die Krise, die derzeit in den Gastländern wie Spanien und Italien besteht, motiviert die rund drei Millionen Rumänen im Ausland nicht, in ihre Heimat zurückzukehren. Zumal auch in Rumänien die Arbeitslosenrate bei 7,5 Prozent liegt und gleichzeitig Lebensmittelpreise und Mehrwertsteuer steigen. Der mickrige Mindestlohn von 700 RON (ca. 160 Euro) reicht nicht zum Überleben.

Im rumänischen Maramuresch bleibt es Alexandras größter Traum: „Mami und Tati sollen nach Hause ziehen.“ Dann wären sie endlich dauerhaft eine „perfekte Familie“. Die Berindeas denken seit Jahren darüber nach, zurückzukehren. Doch sie wollen den erreichten Lebensstandard nicht verlieren. Sollte das Haus je fertig werden, sind die Mädchen erwachsen und schon ausgezogen. Alexandra weiß das. Aber solche Sorgen bespricht sie mit den Eltern nicht. Sie möchte sie nicht belasten.

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Die Autoren sind Korrespondenten von n-ost. Das Netzwerk besteht aus über 50 Journalisten in ganz Osteuropa und berichtet regelmäßig für deutschsprachige Medien aus erster Hand zu allen Themenbereichen. Ziel von n-ost ist es, die Wahrnehmung der Länder Mittel- und Osteuropas in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu verbessern. Weitere Informationen unter www.n-ost.de.

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