„Experiment Kosovo – die Rückkehr des Kolonialismus“ von Hannes HofbauerGELESEN

„Experiment Kosovo – die Rückkehr des Kolonialismus“ von Hannes Hofbauer

Vor gut einem Jahr hat sich der Kosovo für unabhängig erklärt. Ein „gescheiterter Staat“ von Anfang an, wie der Autor des Buches feststellt. Ein Protektorat der USA, eine Kolonie der EU. Nicht lebensfähig, aber benutzbar.

Von Johann von Arnsberg

„Experiment Kosovo – die Rückkehr des Kolonialismus“ von Hannes Hofbauer  
„Experiment Kosovo – die Rückkehr des Kolonialismus“ von Hannes Hofbauer  

W en interessiert eigentlich der Kosovo – jene 60 Kilometer lange Ebene rund um die Stadt Pristina, die zu Deutsch Amselfeld heißt und auf Albanisch Kosova genannt wird.  Hier gibt es keine Arbeit. Außer einigen Mafiabossen und deren Clans hat kaum jemand Geld. Hauptexportschlager ist Schrott, Metallschrott, vorwiegend kaputte Panzer und Geschütze. Aber diese „Ressourcen“ werden ja irgendwann einmal zu Ende gehen.

In der Einleitung seines Buches beschreibt Hannes Hofbauer den Zustand des Landes recht drastisch. „Kosovo“, so der Autor, „startet als ‚gescheiterter Staat’ in eine neue Epoche“, nachdem  am 17. Februar 2008, also vor ziemlich genau einem Jahr, das Parlament in Pristina die Unabhängigkeit des Kosovo ausgerufen hat. Hofbauer: „Die Kernelemente seiner Wirtschaft funktionieren nicht, sozialer Aufstieg findet zwischen Schwarzmarkt und Massenemigration statt und seine politische Elite steht unter äußerem Druck.“

Was heiß das? „Militärisch herrscht die von den USA geführte KFOR-Truppe, zivil wird das Land mittels allerlei Kürzeln unter der Schirmherrschaft der UNO von der Europäischen Union verwaltet“. Und weiter: „Der Übergang vom UN-Protektorat zur EU-Kolonie passiert schleichend. Eine ‚Koalition der Willigen’ abseits der UNO bestimmt über das Schicksal des kleinen, knapp zwei Millionen Einwohnern zählenden Landes. Von der Rechtssprechung über die politische Verwaltung bis zur polizeilichen und militärischen Exekutive öffnet sich ein weites Experimentierfeld für hauptsächlich westeuropäische und nordamerikanische Institutionen.“

Protektorat Kosovo

Der Begriff des Protektorates hat seit dem Dritten Reich immer den Beigeschmack „Böhmen und Mähren“. Dennoch scheut sich Hofbauer nicht diesen Terminus auch für das UN-Protektorat Kosovo zu verwenden. Ein entmündigtes Territorium, das selbst wenig zu bestimmen hat.

Er schildert den Werdegang des Kosovo „Von der Wiege des Serbentums bis zur albanischen Wiedergeburt“ – 600 Jahre wechselvolle Geschichte unter Osmanen, Serben, auch einmal Deutschen und Italienern. Im Prinzip immer bevormundet, aufgeteilt oder besetzt. Zuletzt im Zweiten Weltkrieg von der Wehrmacht. Und danach in den Vielvölkerstaat Jugoslawien aufgenommen mit weitgehender Autonomie.

Nach dem Tod Titos beginnt jene Geschichte, die den meisten noch in eigener Erinnerung haften dürfte. Sie ist mit Namen und Begriffen verbunden wie Slobodan Milosevic, Radovan Karadzic, Rambouillet, Rcak, UCK, NATO-Angriffskrieg, „Entdeckung“ eines Hufeisenplans durch Rudolf Scharping, der später als Radfahrerpräsident und prominenter Poolplanscher noch einmal aufgefallen ist.

Widerstand von George Soros finanziert

„Gotov je!“ –„Er ist fertig!" So stand es tausend- und abertausendfach auf Plakaten zu lesen, die im Spätsommer des Jahres 2000 jeden freien Flecken Hauswand in Belgrad bedeckten. Es floss Geld für Widerstandsorganisationen, dessen Herkunft im Dunkeln blieb. Aktivisten  wurden in der Ukraine geschult. „In Serbien traten einander nach dem Ende des NATO-Krieges die ausländischen Geldgeber regelrecht auf die Beine, um regierungsfeindliche Aktivisten und politische Oppositionelle zu finden und zu finanzieren.“ – Und hinter der Geldquelle, die am reichsten sprudelte, „stand (und steht) – wieder einmal – George Soros, US-amerikanischer Spekulant.“

Hofbauer nimmt kein Blatt vor den Mund: „Dreh- und Angelpunkt für den ausländischen Einfluss in Jugoslawien war, neben dem deutschen ‚Balkan-Koordinator’ Bodo Hombach, das eigens für diesen Zweck errichtete ‚US-Office for Yugoslawia’ in Budapest, de facto eine ausgelagerte Botschaft Washingtons, die sich nach dem Bombardement in Belgrad nicht blicken lassen konnte.“

Wen also interessiert eigentlich der Kosovo?

Und wen interessiert nun der Kosovo? Außer der Drogen-Mafia? Zunächst natürlich eine Art kosovarischer Elite, die von den amerikanischen Geheimdiensten beherrscht und finanziert wird. Auch sie ist mit der Organisierten Kriminalität (OK) verwoben. Die OK im Kosovo gilt als „der einzig wachsende und profitable Wirtschaftssektor“.

Die Befürworter der Unabhängigkeit hatten mit von Serbien verletzten Menschenrechten und Völkermord gegen die kosovarische Mehrheitsbevölkerung argumentiert (Scharpings Hufeisenplan). Damit wurden UCK und der NATO-Angriffskrieg gerechtfertigt.

Größte amerikanische Militärbasis außerhalb der USA

Danach haben die USA, nicht die Kosovaren, eine riesige Militärbasis im Land errichtet: Das Camp Bondstell. Es ist zynischerweise nach einem Vietnamkriegsveteranen benannt und stellt die größte Militärbasis der USA im Ausland seit dem Vietnamkrieg dar. Damit wurde ein „Fehler“ des Oberkommandierenden der US-Truppen in Europa, Dwight D. Eisenhower korrigiert, der am Ende des Zweiten Weltkrieges auf die Stationierung von US-Militär auf dem Balkan verzichtet hat.

Auf dieser US-Militärbasis im Kosovo wurden ohne juristische Verfahren Menschen monatelang weggesperrt. Zustände wie in Guantanamo habe er gesehen, berichtet der Menschenrechtsbeauftragte des Europarates, Alvaro Gil Robles. – Kolonialismus der schlimmsten Sorte.

Trauriges Schicksal. Ein Land, eine 60 Kilometer lange Ebene. Ein Protektorat. Eine Kolonie. Der Autor hat das Gebiet seit 1989 mehrfach bereist und einen illusionsfreien Bericht geliefert. Schade, sehr schade, dass im Zeitalter der schnellen Datenverarbeitung, die doch längst auch das Buch erreicht hat, kein Stichwortverzeichnis für nötig befunden wurde. Und das bei einem derart komplexen Thema, zu dem man doch immer wieder einmal nachschlagen können möchte. Das ist leider sehr benutzerunfreundlich.

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Rezension zu: „Experiment Kosovo – die Rückkehr des Kolonialismus“ von Hannes Hofbauer, Promedia Verlag 2008, 261 Seiten, 17,90 Euro, ISBN 978-3853712856.

Balkan Rezension

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