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Feuer, Öl und Winde

Die aserbaidschanische Hauptstadt Baku wartet auf die Neuauflage des großen Ölbooms

Von Andrea Jeska
24.01.2003 Drucken Senden Kommentieren

EM – 1991, als die Sowjetunion auseinanderbrach, sagte sich Aserbaidschan, die südlichste und orientalischte Sowjetrepublik quasi über Nacht von Russland los und propagierte mit Jubel die langunterdrückte Freiheit. In den folgenden zehn turbulenten Jahren sah es zunächst so aus, als sei das Land zum Untergang verdammt. Baku war ein Ort apokalyptischer Bilder. Doch langsam entwickelt sich die Stadt inzwischen wieder zu einem Abglanz der Prachtmetropole, die sie vor gut einhundert Jahren einmal war. Die neuen Hoffnungen sind an jeder Ecke spürbar, Geld und Luxus, Eleganz und Flair haben wieder Einzug gehalten.

Erster aserbaidschanischer Umweltminister

Dass von der Halbinsel Apscheron schwarze Rauchsäulen aufsteigen, die Wellen des Kaspischen Meeres gräulich-schaumig an das Ufer schwappen und korrosierende Schiffe und Bohranlagen für depressive Stimmungen sorgen, passt nicht recht in das neue Bild. Erstmals schuf die Regierung des Landes daher den Posten eines Umweltministers. Gussein Bagirov sitzt nun seit einem halben Jahr im Regierungsgebäude in Baku. Der studierte Philosoph und ehemalige Dekan einer Privatuniversität gesteht, mühsam zu lernen, dass ökologische Probleme angepackt, nicht dialektisch durchdacht werden wollen. Auf seinem Schreibtisch, unter dem Bild des Staatspräsidenten Gajdar Alijew, türmen sich die Papiere. Die Adler sterben im Kaukasus, jede Woche verschwindet eine weitere Vogel- und alle paar Monate auch eine Baumart, den Bauern rutschen mit den Böden die Ernten weg, die Wasserqualität des Kaspischen Meeres ist ein Trauerspiel. Und jetzt auch noch neue Euphorie um das kaspische Öl. „Solange es keine Entscheidungen gibt, müssen alle Fragen zu diesem Thema warten“, sagt Bagirov. Kategorisch klingt das. Irgendwie nach philosophischem Imperativ.

Baku ist die „Stadt der Winde“. Unaufhörlich wehen diese den ganzen lieben Tag, wehen über den schicken „Fountain Square“ und über die beiden Hauptstraßen, die nach den wichtigsten Dichtern des Landes benannt sind: Nizami- und Fuzuli-Prospekt. Manchmal fahren sie vorwitzig unter die schweren Teppiche, die von Händlern in der Altstadt an die Häusermauern gehängt wurden. Ungehindert pusten sie durch den Hafen, in dem die Kriegsflotte korrodierend dümpelt, pusten über die Fähre, die - man weiß nie genau wann - den langen Weg über das Kaspische Meer fährt, an dessen anderem Ufer, weit hinter dem gräulichen Horizont wie ein geheimnisvolles Versprechen Turkmenistan liegt. Nur am Abend kommen die Winde zur Ruhe, wird das Meer zu einem dunklen Stoff mit Kräuselfalten. Meist blinken darüber die Sterne und fern des Gestades die Flutlichter der Bohrtürme.

Seit Amerika mit Hilfe seiner Verbündeten Afghanistan von den Taliban befreite, scheinen diese Lichter nicht nur der aserbaidschanischen Regierung, sondern auch den multinationalen Ölkonzernen wieder wie ein Leuchten am Horizont. Seit über zehn Jahren träumt man in Baku von einer neuen Variante des „Great Game“, des Pokerspiels um Schwarzes Gold, um Geld und Macht. Bei einer Probebohrung Anfang der 90er Jahre wurden draußen im Meer neue Öl- und auch Gasvorkommen entdeckt. Wie viel Öl in der Meerestiefe lagert, weiß zwar niemand zu sagen, die einen sprechen von 25 Milliarden, die anderen von nur drei Milliarden Tonnen. Letzteres wären zwei Prozent der Weltreserven und entspräche den Nordseevorkommen. Doch selbst vorsichtige Schätzungen versetzen seitdem die Anrainerstaaten Kasachstan, Russland, Iran, Turkmenistan und Aserbaidschan in fiebrige Aufbruchstimmung. Öl, das heißt vor allem: Milliardenprofite und Schluss mit der weltpolitischen Bedeutungslosigkeit.

Baku im Ölrausch

Schon einmal, von Mitte des vorletzten bis in die 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, befand sich Baku im Ölrausch. Damals kamen die Brüder Nobel und die Rothschilds in die Stadt. Es wurden prächtige Bürgerhäuser gebaut, breite Allen angelegt. Baku war „hip“ und bald chic dazu, eine multinationale, vielsprachige Stadt, in der europäische Kultur, persische Mystik und der Ruch des Geldes eine Mischung eingingen, die geheimnisvoll und prickelnd war. Innerhalb weniger Jahre war vergessen, dass einst Karawanenzüge am Meeresufer entlang zogen, waren die Gerüche von Curry und Myrrhe, das Geräusch knisternder Seide verdrängt.

In Baku zogen um 1870 kapitalistische Produktionsverhältnisse ein. Schon bald sah es rund um die Stadt so apokalyptisch düster aus, wie später in den Fritz Lang-Filmen der 1920er Jahre. Die Grundstückspreise auf Apscheron kletterten ins Unermessliche und die armen Leute in den Siedlungen, die bis dahin kärglich von den Erträgen des dürftigen Bodens gelebt hatten, wurden über Nacht reich. Wo immer man bohrte, schossen riesige Fontänen in die Luft, und bei jeder neuen Fontäne knallten auch die Champagnerkorken.

Immer schneller, immer fieberhafter wurde gefördert, bis die Lager schließlich überliefen. Kerosinwagen für die transkaukasische Eisenbahn und Tanker für den Transport über das Schwarze Meer wurden gebaut, bald liefen von Baku und vom Schwarzmeerhafen Batumi große Flotten aus. Russische Zaren, kanadische Holzfäller, ostindische Kolonialherren, amerikanische Industrielle, galizische Traktorfahrer, ostpreußische Großgrundbesitzer, sie alle wollten das „crude oil“, das Bakuöl, das „süßer“, also motorschonender war als das der Konkurrenz. Baku und Öl, Öl und Baku, das waren von nun an untrennbare Begriffe. Selbst als Aserbaidschan seine Stellung als größter Erdöllieferant jenseits von Saudi-Arabien an die russische Uralregion abtreten musste, blieb es doch die Kaderschmiede für alle, die es in diesem Geschäft weit bringen wollten. In Baku saßen die Spezialisten, die sich mit Tiefenbohrung und Veredelung auskannten, trieben sich die Hasardeure und Glückssucher herum, die jedes Abenteuer wagten.

Zankapfel Berg-Karabach

Den Traum von einer Zweitauflage der Goldenen Ära hat Aserbaidschan nie begraben. Seit sich das Land 1991 von der Sowjetunion lossagte und Staatspräsident Gajdar Alijew mehr diktatorisch als demokratisch regiert, seit vermutlich jeder zweite arbeitslos ist und mit Berg-Karabach de facto ein Drittel des Landesterritoriums an die Armenier verloren ging, sind den Aserbaidschanern wenig Träume geblieben. Wieder die „Ölkapitale“ zu werden, würde nicht nur die desolate Wirtschaftslage sanieren, es könnte auch die Wunden von Karabach heilen, vielleicht sogar über die langen Reihen der Gräber an der „Allee der Märtyrer“ hinwegtrösten. Viele von denen, deren Photo dort auf schwarzen Granitsteinen prangt, Opfer des Massakers, dass die Rote Armee an der aserischen Bevölkerung 1990 verübte und Opfer des Krieges um Berg Karabach waren nicht einmal zwanzig Jahre alt. Dass Armenien ihnen nicht nur, wie die Aserbaidschaner behaupten, Land, sondern auch noch das Leben ihrer Kinder gestohlen hat, ist eine Wunde, die schmerzt und wohl auch nicht verheilen wird, solange in den Außenbezirken der Stadt noch immer Zehntausende von Karabach-Flüchtlingen in elendsten Verhältnissen leben.

„Vertrag des Jahrhunderts“

Der zweite Anlauf zum Boom indes gleicht eher einem Hindernislauf, dessen Erfolg an drei Fragen hängt: 1. Wer holt das Öl aus dem Meer? 2. Wem gehört es? 3. Wie bringt man es zu den Abnehmern? Grundlage aller Verhandlungen ist der am 10. September 1994 in Houston, Texas, abgeschlossene „Vertrag des Jahrhunderts“ zwischen Aserbaidschan und der „Azerbaijan International Operating Company“ (AIOC), einem Konsortium westlicher, vornehmlich amerikanischer und englischer Mineralölkonzerne. Damals erhielt die AIOC das Recht, die Vorkommen rings um Baku dreißig Jahre lang explorieren zu dürfen. Seitdem ist viel Wasser durch das Kaspische Meer und wenig Öl durch die Pipelines geflossen. Dafür gibt es endlose Streitereien zwischen den Beteiligten. Zunächst fühlten sich die Russen durch den Jahrhundertvertrag aus dem Spiel geworfen. Nach erheblichem Druck teilte schließlich die „State Oil Company of Azerbaijan“ (SOCOM) ihre Anteile mit der russischen halbstaatlichen Ölförderungsgesellschaft Lukoil. Die Teilnahme am Great Game aber bedeutete für die Russen von Anfang einen Interessenkonflikt. Einerseits wollen sie das Öl, andererseits fürchten sie die Konkurrenz für ihre eigenen Ressourcen. Ihre bisherige Taktik bestand folglich darin, die anderen Spielteilnehmer strategisch geschickt am Erreichen des Ziels hindern.

Frage 2, wem das Öl gehört, kann nur geklärt werden, wenn vorher feststeht, in wessen Hoheitsgebiet das Kaspische Meer fällt. Anders gesagt: Ist es ein Binnensee, wie zu sowjetischen Zeiten (dann gehört es allen), oder ist es ein internationales Gewässer, dann darf jedes Land gemäß völkerrechtlicher Regelung nur in der Zwölf-Meilen-Zone vor seiner Küste nach dem schwarzen Gold fischen. Folglich ist dann auch der Jahrhundertvertrag beinahe null und nichtig. Eine nicht unerhebliche Rolle spielt die Umweltfrage. Zu Sowjetzeiten wurden Millionen Tonnen von Ölnebenprodukten einfach ins Kaspische Meer gekippt, solange, bis die Fische, vor allem aber der kaviarliefernde Stör, in ihrem Bestand gefährdet waren. Umweltorganisationen und Forscher wie zum Beispiel Experten am Institut für den Schutz des Kaspischen Meeres in Astrachan verlangen daher eine Förderung, bei der die Rückstände direkt in die Tiefen zurückgeleitet oder mit speziellen Techniken an Land gebracht werden. Um diese Techniken anzuschaffen, sollen die beteiligten Mineralölgesellschaften 20 Prozent ihres Gewinns investieren. Solche Forderungen allerdings sind bisher nur bei den Russen, die ihre Wolga retten wollen, und bei British Petroleum auf Gehör gestoßen.

Frage 3 schließlich scheiterte bislang an Krisen, Kriegen und Diktaturen. Infolgedessen gab es keine wirklich sicheren Transportwege, ergo auch keine Garantie, dass der kostbare Stoff dort landet, wo er hin soll, nämlich in die Lager Amerikas und Westeuropas. Drei Monate nach dem Jahrhundertvertrag marschierten die Russen zum erstenmal in die tschetschenische Hauptstadt Grosny ein. Dumm gelaufen, denn die Nordtransportroute von Baku über Grosny bis zum russischen Schwarzmeerhafen Noworossijsk war danach praktisch unbrauchbar. Die Pläne Moskaus, das aserbaidschanische Öl durch Süd-Russland zu leiten, waren somit fürs erste nicht mehr zu verwirklichen. Um die Alternativen war es nicht besser bestellt. Die Amerikaner und die Türkei favorisierten zunächst die bereits während des ersten Ölbooms gelegte Route von Baku über das georgische Tiflis zum Schwarzmeerhafen Batumi. Das aber wollen die Russen nicht, weil es ihr Territorium ausschließt. Außerdem hat Georgien heftige Probleme mit separatistischen Bewegungen in Abchasien und Südossetien. Dann sollte der Kaukasus durch eine Route von Baku über Armenien und Nachitschewan in die Türkei (NATO-Mitglied) umgangen werden. Dass der Feind Armenien am Öl mitverdient, wollen jedoch die Aserbaidschaner nicht. Doch eine Nordumgehung Armeniens würde die Transportroute so lang werden lassen, dass die entstehenden Kosten zu hoch wären. Die günstigste, weil bereits bestehende Route von Baku über den Iran war bisher für die Amerikaner inakzeptabel.

Baku, die Stadt der Winde. Mag sein, dass alle Hoffnungen schon morgen fortgeweht sind. Beim kaspischen Forschungsinstitut in Astrachan und inzwischen auch bei etlichen Mineralölgesellschaften sieht man die kaspische „Öl-Mania“ mit Skepsis. Zum einen reichen selbst die optimistischen Schätzungen nicht aus, um in der Riege der erdölfördernden Länder nach vorn zu kommen. Zum anderen haben die bisherigen Bohrungen keinen zuverlässigen Beweis dafür geliefert, dass sich in den Tiefen des Kaspischen Meeres tatsächlich große Ölmengen befinden. Und so raunen weiterhin nur die Winde von einer goldenen Zukunft. Bakus neuer Umweltminister jedenfalls kümmert sich erst mal lieber um Erosionsschäden und Baumerhalt, um Adlerbestand und Bodenschutz.

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