Filmfest im „osteuropäischen Mekka“GOEAST

Filmfest im „osteuropäischen Mekka“

Filmfest im „osteuropäischen Mekka“

Bereits zum fünften Mal lud das goEast-Festival nach Wiesbaden, um Kino und Kultur aus Osteuropa und Zentralasien zu präsentieren. Filme aus bekannter Regiehand erhielten ebenso eine Bühne wie unbeschwerte Produktionen junger Nachwuchskünstler. Das Filmfestival bot eine einzigartige Möglichkeit, Stimmungen aus Ost und West einzufangen und just ein Jahr nach der EU-Osterweiterung über den Tellerrand der aktuellen Berichterstattung zu schauen.

Von Gunter Deuber

„Der Klavierstimmer“ von der russischen Regisseurin Kira Muratova. © goEast  
„Der Klavierstimmer“ von der russischen Regisseurin Kira Muratova. © goEast  

Mit ihren fünf goldenen Kuppeln prägt sie seit genau 150 Jahren die Silhouette Wiesbadens: Die russisch-orthodoxe Grabkirche auf dem Neroberg symbolisiert die Verbundenheit der Stadt mit Rußland respektive Osteuropa. Seit fünf Jahren werden diese historischen Bande von neuem mit Leben erfüllt. Das vom Deutschen Filminstitut in Wiesbaden veranstaltete goEast-Festival des mittel- und osteuropäischen Kinos hat sich mittlerweile etabliert und genießt internationales Renommee als Kulturereignis mit der besonderen Note. Pressestimmen sprechen gar von der hessischen Landeshauptstadt als das Mekka des osteuropäischen und eurasischen Kinos.

Dieses Jahr standen die baltischen EU-Neulinge und Polen im Mittelpunkt des einwöchigen Festivals (6. bis 12. April). Freilich liefen auch andere osteuropäische Produktionen über die Leinwand, außerdem Werke aus künftigen EU-Staaten und Ländern, die weit hinter den derzeitigen Grenzen des vereinten Europas liegen. Die 118 Filmbeiträge stammten aus insgesamt 23 osteuropäischen und zentralasiatischen Ländern – angefangen von Bulgarien, Kroatien und Albanien, die Ukraine und Rußland bis nach Usbekistan oder Kasachstan. Im Vordergrund der Filmwettbewerbe standen 16 große Spiel- und Dokumentarfilme, allesamt osteuropäische Produktionen oder Ost-West-Koproduktionen.

Kira Muratova erhält die „Goldene Lilie“

Die „Goldene Lilie“, den mit 10.000 Euro dotierten Hauptpreis des Filmfests, gewann die russisch-ukrainische Koproduktion „Nastrojschik“ („Der Klavierstimmer“). Die Regisseurin Kira Muratova erzählt in ihrem 154 Minuten langen Epos die Geschichte des armen Klavierstimmers Andrej, der seine anspruchsvolle Freundin auszuhalten hat. Alles dreht sich um die ewig bürgerlichen Themen: das Geld, die Liebe zu alten und jungen Frauen und die Einsamkeit. Der Streifen mutet gelegentlich an wie ein altbewährtes Familiendrama, ist jedoch gekonnt in die zeitgenössischen Lebensumstände in Rußland eingebettet. „Der Film besticht durch seine große schauspielerische Präsenz und Atmosphäre, die uns in eine Welt voller Charme und Humor entführt“, begründeten die Preisrichter ihre Entscheidung. Die Jury setzte sich, dem regionalen Schwerpunkt des Festivals entsprechend, aus osteuropäischen und zentralasiatischen Regisseuren und Schauspielern zusammen: Robert Glinski (Polen), Aleksandra Balmazovic (Slowenien), Aleksej Popogrebskij (Rußland) und Jusup Razykou ( Usbekistan). Einziges deutsches Jury-Mitglied war der Geschäftsführer des Progress Filmverleihs Jürgen Haase.

Malgorzata Szumowska erhielt den Preis für die beste Regiearbeit in dem deutsch-polnischen Film „Ono“ („Stranger“). Die Polin zeichnet in leisen Bildern den Reifeprozeß einer werdenden Mutter nach und erzählt nebenbei, wie ihr Heimatland in der Gegenwart angekommen ist. Die schwangere Ewa ist allein, hat einen miesen Job und will ihr Kind nicht. Doch das Geld für die Abtreibung wird ihr gestohlen. Nach prägenden Eindrücken und reiflicher Überlegung nimmt die junge Frau ihr Schicksal an und beginnt ihrem Ungeborenen die Welt zu erklären. Ewas Bauch wächst und wächst und mit ihm nehmen Zuversicht und Selbstvertrauen der Mutter zu.

Auszeichnungen für „Stranger“, „Pretty Dyana“ und „Die Insel der Wiedergeburt“

  Szene aus dem kasachischen Film „Die Insel der Wiedergeburt“. © goEast
  Szene aus dem kasachischen Film „Die Insel der Wiedergeburt“. © goEast

Mit dem Dokumentarfilmpreis wurde Boris Mitić für seinen 45minütigen Streifen „Lijep Dyana“ („Pretty Dyana“, Serbien-Montenegro 2003) ausgezeichnet. Mitić erzählt die kuriose und doch reale Überlebensstrategie einer Roma-Gruppe am Rande Belgrads, die sich darauf spezialisiert hat, schrottreife Citroën „Dyane“ umzubauen. Ihre kuriosen Gefährte nutzen die Tüftler dann, um im Recycling-Geschäft ihren Lebensunterhalt zu erwirtschaften. Von Ausgrenzung und Bürokratie lassen sich die Roma nicht beirren. Sie machen weiter. Der Film zeigt den Überlebenswillen der Roma, die wegen der Aggressionen in Ex-Jugoslawien ihre kosovarische Heimat verlassen mußten. Die Roma geben sich trotz Kamera unbefangen und gradheraus. So entsteht eine seltene Nähe, die tiefe Einblicke in das Denken und die Gefühle gesellschaftlich geächteter Menschen vermittelt.

Zum vierten Mal vergab die Internationale Organisation der Filmkritiker Fipresci einen Sonderpreis. Dieses Jahr bekam ihn der romantische und zugleich tiefgründige Film „Kaladan Kelgen Kyz“ („Die Insel der Wiedergeburt“, Kasachstan 2004) von Rustem Abdraschow. Er spielt während der 1950/60er Jahre in einem kleinen Ort am Aralsee und handelt von einem Jungen, der sich in die Tochter eines Funktionärs verliebt. Im kommunistischen Vielvölkerreich gibt es jedoch keinen Platz für Gefühle, Gedichte und Privatsphäre. Die Liaison des ungleichen Paares bringt die multiethnische Dorfgesellschaft in Aufruhr. Vor das Tribunal des Schuldirektors gestellt, verrät der Junge sodann seine Gefühle. In einer Art Gegenbewegung zu diesem Opportunismus spielt die Kunst eine nonkonformistische Rolle. Der Film lebt von den eingespielten Texten von Abdraschows Vater, des in Kasachstan berühmten aber verfolgten Dichters Zaraskan Abdraschow. Der junge Regisseur versteht sein Werk als geistige Aussprache mit seinem Vater und dessen Zeitumständen. Neben seiner großen Geschichte erzählt der 80 Minuten kurze Kinostreifen en passant von der Modernisierung in einem abgelegenen Landstrich, von Fotografie, Radio und dem ersten Menschen im Kosmos. Tief und stilvoll taucht er ein in die Weiten Kasachstans, den glitzernden Aralsee und das einfache Landleben.

Aber goEast wäre ein anderes Filmfestival, wenn es neben zeitgenössischen Filmen nicht auch zeitlose Klassiker präsentierte. Gezeigt wurde Sergej Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“ (Sowjetunion 1925), aber auch Werke aus den 70er und 80ern der sowjetischen (Exil-)Filmemacher Andrej Tarkovskij und Elem Klimov erfreuten das Publikum. Für die jüngsten Besucher liefen bekannte tschechische Kinderfilme, wie „Prinz Bajaja“ von Jiřĭ Trnka. Auf dem goEast-Symposium diskutierten Künstler und Gäste über Identitäten nach dem Ende des Ostblocks und Tendenzen des polnischen und baltischen Kinos.

Blicke hinter die Filmfassade gern belächelter Länder

Einen Höhepunkt des Rahmenprogramms bildete der Auftritt des „Russendisko“-Autors Wladimir Kaminer. Als Vorleser und Auflegewitsch auf der großen goEast-Party sorgte er für gute Stimmung. Auf der goEast-Matinée erzählte Hanna Schygulla über ihr Schaffen. Die Schauspielerin und Schriftstellerin wurde im Westen vor allem durch ihre Zusammenarbeit mit Rainer Werner Fassbinder berühmt. Weniger bekannt ist, daß sie auch mit dem bedeutenden polnischen Regisseur Andrzej Wajda gearbeitet hat (dessen Filmkunst eine eigene Ausstellung gewidmet war). Schygulla sprach im Rahmen der Matinée über ihr Buch „Du...Augen wie Sterne“, in dem sie sich an diese große Zusammenarbeit erinnert. Ebenfalls einen literarischen Zugang zu Osteuropa bot die Lesung der in Ex-Jugoslawien geborenen Schriftstellerin Marica Bodroshić, die vor einigen Jahren mit dem Erzählband „Tito ist tot“ beträchtliches Aufsehen erregte. Das Kulturmagazin FRITZ brachte das Außergewöhnliche des goEast-Programms auf den Punkt: „Den Besucher erwartet eine spannende Mischung aus Filmen, Diskussionen und Lesungen, die dazu einladen, hinter die Filmfassade von Ländern zu blicken, die auch heute noch allzu gerne belächelt werden“.

Neben der Intention, dem Kino Osteuropas und Zentralasiens eine würdige Bühne zu bieten, verfolgten die Initiatoren des Filmfestes ein viel weiterreichendes Ziel. Ein Jahr nach der EU-Erweiterung sei die Kultur des Ostens wieder in den Hintergrund des öffentlichen Interesses getreten, so die Direktorin des Deutschen Filminstituts, Claudia Dillmann. Ökonomische und politische Aspekte stünden im Vordergrund und mit jeder Meldung, daß ein deutscher Autokonzern in Osteuropa ein Werk plane, würde Angst geschürt, so die Filmexpertin. Es sei ein Hauptanliegen der Initiatoren von goEast, diese eingeengte Perspektive zu weiten.

Gegen die Regeln des Massenkonsums

In jedem Fall ein Unikat – ein Citroën „Dyane“ aus dem Film „Pretty Dyana“. © goEast  
In jedem Fall ein Unikat – ein Citroën „Dyane“ aus dem Film „Pretty Dyana“. © goEast  

Die künstlerische Leiterin des Festivals, Swetlana Sikora, betonte, daß der Blick des Westens auch auf den mittel- und osteuropäischen Film zu verengt sei. Die Filmkunst hinter dem längst gefallenen Eisernen Vorhang werde größtenteils unterschätzt und gelte noch immer als exotisch, schwermütig und kompliziert. Doch nach einer bewegten Geschichte schaffe es jetzt eine junge Generation von Regietalenten, mit leisen Tönen und glanzvollen Bildern gehaltvolle Geschichten aus ihren Ländern zu erzählen – so Frau Sikora. Wie zuerst der gesamtgesellschaftliche Umbruch, Konflikte und gar Kriege im Zentrum des osteuropäischen Kinos gestanden hätten, so würden nun wieder die Menschen und ihr Inneres geschildert: „Die Umbruchsituation wird als Alltag empfunden und tritt in den Hintergrund, der Blick richtet sich auf das Innere des Menschen“, erklärte Sikora. Ohne ihre Identität aufzugeben sprächen die Filme heute eine Sprache, die auch das westliche Publikum verstehe. Sie böten großes Autorenkino mit kleinem Budget, das sich bewußt gegen die Regeln des Massenkonsums stelle und für ein anspruchsvolles Publikum individuell und kunstvoll gesellschaftliche Themen aufgreife.

Sich im Spannungsfeld zwischen Hoffnung und Lethargie bewegen, den Blick trotz sozialer, wirtschaftlicher und politischer Veränderungen stets nach vorn gerichtet, frisch und lebensbejahend in den kleinen Momenten – so ließe sich die Tendenz der gezeigten Filme aus dem östlichen Europa und der Mitte Asiens wiedergeben. Nachdenklich stimmten die Festivalbeiträge besonders durch die selbstbewußten Frauenbilder, die sie inmitten des patriarchalen Umfeldes ihrer Heimatländer zeichneten. Zwei Regisseurinnen aus Osteuropa erhielten Hauptpreise für ihre Werke.

Das Interesse wächst

Von der künstlerischen Qualität des mittel- und osteuropäischen Kinos zeugen die steigenden Besucherzahlen des goEast-Festivals. Interessierten sich vor fünf Jahren nur rund 3.000 Cineasten für das Ereignis, konnten dieses Jahr weit über 7.000 Besucher gezählt werden. Immer noch ein kleines Publikum für den wichtigen kulturellen Dialog zwischen Ost und West. Zugleich aber ein Zeichen dafür, daß die östlichen Nachbarländer durchaus das Interesse der Deutschen wecken. Das goEast-Festival, das alle seine Filme in untertitelter Originalfassung zeigt, war und ist mehr als ein vergängliches Kinoereignis. Es prägt gehaltvolle Bilderwelten und Stimmungen aus dem Osten, deren visuelle Kraft lange vorhält. „Länder haben Gesichter bekommen und an die Stelle von zuvor vielleicht nur geographisch zu verortenden Flächen sind visuelle Eindrücke, Geschichten und Individuen getreten“, resümierte die Festivalleiterin.

Die Begriffe Annäherung und Begegnung zwischen Ost und West erhielten in Wiesbaden frischen Wind. Und es geht weiter. Auch im kommenden Jahr wird das goEast-Festival – unter den dann 151jährigen Zwiebeltürmen der russischen Kirche – sicherlich wieder eine charmante Plattform für Begegnungen mit dem künstlerisch selbstbewußten Osten Europas bieten.

Film Kultur Osteuropa Zentralasien

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